Mittwoch, 18. Juli 2018
© Warner Brothers & MGM/Graham Bartholomew
Welcher Videospiel-Fan kennt nicht die Millionärstochter Lara Croft, die auf ihrer archäologischen Suche nach mysteriösen Artefakten wahnsinnige Abenteuer erlebt? 1996 kam das erste Spiel für DOS, PlayStation und Sega Saturn heraus und begeisterte ein Millionenpublikum weltweit. 2001 wurde dann das Spiel erstmals für die Kinoleinwand adaptiert und ließ Angelina Jolie über Nacht zum Actionstar avancieren. Zwei Jahre später kam auch schon der Nachschub, doch der Hype ebbte bereits nach der ersten Verfilmung ab, da offenbar zuviel Wert auf die 1:1-Actionumsetzung gelegt wurde und Angelina Jolie ihrer Rolle schauspielerisch kaum Tiefe gab. Da half es auch nicht, dass ihr leiblicher Vater Jon Voight in der Rolle von Lord Richard Croft besetzt wurde.
»I'm sorry, I'm just not that kind of Croft.«
Als dann nach zahlreichen Spielefortsetzungen 2013 der japanische Konzern Square Enix die Reihe für PlayStation 3, Xbox 360 und Windows neu startete, erlebte „Tomb Raider“, und vor allem Lara Croft, eine Generalüberholung. Das Spiel beleuchtet die Ursprünge der Hauptfigur und erzählt von ihrer ersten Abenteuerreise, der Entdeckung des japanischen Königreichs Yamatai. Aufgrund der dabei gezeigten gewalttätigen Inhalte wurde die Altersfreigabe auf 18 Jahre festgelegt - ein Novum in der Geschichte der „Tomb Raider“-Spiele.
»Ich war beim Spielen hellauf begeistert, und natürlich von der Figur Lara Croft - ein Wahnsinnsmädchen, das alle Puzzles löst, alle Fallen umgeht und in die Gräber eindringt«, gesteht der norwegische Regisseur Roar Uthaug, der, als Fan der ersten Stunde, nun mit Tomb Raider sein englischsprachiges Filmdebüt gibt. »Aber als ich dann sah, was sie 2013 mit dem Spiel gemacht haben, war ich von der mutigen Neuinterpretation der Figur echt begeistert, und ich dachte, das wäre definitiv etwas, das sich auf die große Leinwand übertragen ließe.«
»You've found my secret calling. I hope you find yours too.«
Da die neue Drehbuchbearbeitung bereits 2015 begann, man sich statt auf eine zweite Fortsetzung dann aber doch auf eine Neuinterpretation konzentrieren wollte, beginnt der Film nach einer kurzen Einführung in die Mythologie der Geschichte um die Königin Himiko und ihr Grab auf einer kleinen unbewohnten Insel irgendwo vor Japan mit der jungen Frau namens Lara, die als Fahrradkurier in London Essen ausfährt, um sich damit ihre Kämpfe im MMA-Ring zu finanzieren.
Als sie dann nach einem Unfall mit einem Polizeiauto von der Unternehmensmanagerin Ana Miller in die Firma gerufen wird, um Laras Vater nach seinem Verschwinden vor 7 Jahren endgültig für tot zu erklären, erhält sie als Nachlass eine japanische Puzzlebox, in der sie einen Hinweis ihres vermissten Vaters findet - ein guter Grund, ihn noch nicht völlig abzuschreiben. Auf ihrem Anwesen entdeckt sie einen versteckten Raum, in dem ihr Vater seinem Hobby frönte - samt einem Video, in dem er sie dazu auffordert, sämtliche Materialien seines letzten Projekts zu vernichten, bevor sie in falsche Hände fallen.
Klar, ein Croft vernichtet nichts, sondern macht sich erneut auf die Suche! Sie muss einfach wissen, was mit ihrem Vater geschehen ist. Da sie nach wie vor unabhängig bleiben will, tauscht sie ihr Amulett, das sie von ihrem Vater bekommen hat, gegen Geld (zur komödiantischen Auflockerung eine nette Szene mit Nick Frost) und macht sich somit auf den Weg über den großen Teich, um den Schiffskapitän zu finden, der ihren Vater vor 7 Jahren auf die Insel gebracht hatte.
»Was für mich an Lara Croft so interessant ist, ist, dass sie, nachdem sie fällt, sich verletzt, sie sich wieder aufrafft und für das, was sie will, weiterkämpft«, beobachtet der Regisseur. »In unserem Film sieht man das, ob sie sich im Boxring befindet, auf dem Fahrrad oder im Rennen um ihr Leben. Alicia ist genauso unnachgiebig, sie gibt nicht auf. Sie bringt in jede Szene Authetizität und in jeden Teil des Prozesses so viel Engagement mit hinein. Alles, was sie tut, wirkt wahrhaftig, sei es eine emotionelle Szene oder ein witziger Moment oder eine große Actionsequenz.«
Alicia Vikander hatte ja bereits in Codename U.N.C.L.E. und Jason Bourne (2016) Actionluft schnuppern können, weshalb sie auch in ihrer ersten Action-Hauptrolle die Gelegenheit begrüßte, sich den mentalen und physischen Herausforderungen, die sich ihrer Figur stellen, anzunehmen, welche sich oft überschneiden, wenn sich Lara durch eine Komplikation nach der anderen kämpft.
»Ich war sehr beeindruckt, dass der Film all die Charakteristiken, die man bei ihr in den Spielen sieht, beinhaltet«, sagt die schwedische Schauspielerin. »Für unsere Zwecke hat sie einfach noch nicht all diese Werkzeuge, und darum geht es auch in dem Film. Auch ist es nett, ein Mädchen zu spielen, das Raum einnimmt, das sich traut, laut zu sein und kein Blatt vor den Mund nimmt, und trotzdem offen ihre Verletzlichkeit zeigt. Das ist alles in ihr drin, und wir bekommen die Möglichkeit, das mit ihr zu entdecken, wenn sie sich in Situationen befindet, die ihre Ängste wie auch ihre Überlebensinstinkte ind die Kriegerin in ihr hervorbringen.«
Immer wieder sehen wir Rückblenden Laras Kindheitserinnerungen an ihren Vater, auch um Dominic West genügend Präsenz zu bieten. »Ihre Mutter starb jung, daher war ihr Vater ihr einziger Elternteil«, erzählt Alicia Vikander. »Daher standen sie sich beide sehr nah. Er erzählte ihr Fantasiegeschichten, lehrte sie, mit Pfeil und Bogen umzugehen, ging mit ihr auf Schatzjagd und löste mit ihr Rätsel und Puzzles. Doch als sie älter wurde, nahm die Außenwelt einen Großteil seiner Zeit ein, und sie sah, wie ihr Vater nach und nach in seiner Arbeit verschwand. So dachte sie es zumindest. Dann, eines Tages, als sie um die 14 war, ging er auf eine dieser Reisen...und kam nie wieder.«
»There is a difference between myth and realism!«
Als Lara und ihr Schiffskapitän Lu Ren auf der Insel stranden, werden sie sogleich von Mathias Vogel und seiner Gruppe Söldnern, die für eine Organisation namens Trinity, die übernatürliche Phänomene kontrollieren wollen, um das Schicksal der Menschheit zu kontrollieren, an das versteckte Grab der Königin Himiko, auch bekannt als „Mutter des Todes“, herankommen wollen, gefangengenommen. Ja, Schachtelsätze sind eine Kunst - genauso wie das Entschlüsseln der Rätsel, um ins 2000 Jahre alte Grab zu gelangen!
Walton Goggins, bekannt aus den Serien The Shield und Justified, spielt den hinterlistigen Anführer der Söldnertruppe. Zuletzt war er im letzten Maze Runner-Abenteuer mit entstelltem Gesicht zu sehen - ebenfalls als Anführer jener Rebellen, die die letzte Stadt einnehmen wollten. »Walton ist einer der leidenschaftlichsten Schauspieler, die mir bislang begegnet sind«, sagt Alicia Vikander über ihren Filmrivalen. »Er kam jeden Tag mit 100%iger Energie, Liebe und Fürsorge für seine Rolle und Jeden ans Set und stellte sicher, dass nicht nur seine Figur funktioniert, sondern auch, dass die Szene für Jeden funktionierte. Er machte Mathias Vogel zu einem angemessenen Bösewicht - die Art, wie er mit deinem Verstand spielt und sich sozusagen an dich heranschleicht, ist wirklich angsteinflößend.«
Lara und Lu Ren finden sich plötzlich inmitten von einem Haufen gestrandeter Schiffsbrüchiger wieder, die tagein-tagaus Felssteine abtragen müssen, um eines Tages das Tor zum Grab zu entdecken. Das ist dann auch der Punkt, an dem die befürchteten Erwartungen den Film übernehmen und die Spezialeffekte mehr und mehr Überhand gewinnen. Während man die erste Hälfte des Films noch mit Lara mitfiebert, wird nach und nach die private, persönliche Seite der Hauptfigur ad acta gelegt, bis sie am Ende schließlich nach London zurückkehrt und zusammen mit dem Filmpublikum einen Überblick bekommt, was eigentlich Phase ist. Okay, als gewiefter Zuschauer bekommt man das schon eher mit, doch man merkt Roar Uthaug an, dass er trotz aller Spiel-Versatzstücke dem Film zu einem runden Ende verhilft, das auf eine Fortsetzung gespannt macht.
»Chin up, Sprout! There are a lot of jobs to do.«
Letztlich steht und fällt der Film mit Alicia Vikander, die hier sämtliche Register zieht und dabei nicht nur eine starke junge Frau aufzeigt, sondern auch irgendwie mit Witz und Verstand Lara zu einer weiblichen Version von Indiana Jones macht. Besonderes Augenmerk kommt dabei ihrem Trainer Magnus Lygdbäck zugute, der Körper und Geist der ehemaligen Ballettänzerin Tag für Tag trainierte. Immerhin hatte sie zahlreiche körperlich anstrengende Arbeiten zu bewältigen - am Drahtseil, im Wasser, Pfeil-und-Bogen-Aktion, Kämpfe, Jagden... Der Film hat alles!
Einziger Knackpunkt an der Geschichte sind die „altbekannten“ Fallen auf dem Weg zur bzw. in der Grabstätte, die viel zu vorhersehbar und viel zu reibungslos vonstatten gehen. Auch diverse Computeranimationen wirken ein wenig altbacken bzw. halbherzig, was die pompöse Filmmusik von Tom Holkenborg alias Junkie XL zu übertünchen versucht. Am Ende liegt es an Alicia Vikander, dass der Film keine Nullnummer wie dessen Vorgänger ist und man einem neuen Abenteuer entgegenfiebert.
Um die Geschichte zu einem runden Abschluss zu bringen, bekommt man kurz vor dem Abspann auch noch eine Szene mit Nick Frost zu sehen, von dem sie ihr Medaillon zurück kauft, bei dessen Gelegenheit sie sich dann auch noch die berühmte Schusswaffe hinzu legt, die zum berühmten Lara-Croft-Outfit gehört.
Alles in Allem ist Tomb Raider ein unterhaltsamer Film, der nicht nur mit hervorragenden Schauspielern aufwartet, sondern auch mit wissenschaftlichen Aspekten der Mystik entgegenwirkt, was wiederum dem Ganzen einen etwas realeren Touch gibt. Allerdings wird dieser wiederum durch wahnsinnig unglaubwürdige Renn-Action geschmälert, was hoffentlich im nächsten Abenteuer weniger computerspielgetreu inszeniert wird... ■ mz
14. März 2018

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Tomb Raider
Codename U.N.C.L.E.
Lara Croft: Tomb Raider (2001)
Lara Croft - Tomb Raider: Die Wiege des Lebens (2003)



Kinostarts 15. März

Maze Runner - Die Auserwählten in der Todeszone
Jason Bourne
Im Rausch der Sterne
The danish Girl



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