Dienstag, 11. Dezember 2018
Interview mit Interview mit Willem Dafoe
The Florida Project
Willem Dafoe spielt den einfühlsamen Motelmanager Bobby
© Prokino

Willem Dafoe darf man ohne Übertreibung als lebende Schauspiellegende bezeichnen. In knapp 40 Jahren hatte der 1955 geborene Darsteller Auftritte in mittlerweile mehr als 100 Filmen. Er wurde inlusive dieses Films dreimal für einen Oscar® nominiert - für seine Rollen in den Filmen Platoon (1985) und Shadow of the Vampire (2000). Für Letzteren, in dem er den Nosferatu-Darsteller Max Schreck spielte, erhielt er überdies eine Nominierung für einen Golden Globe® und den SAG-Preis. Daneben konnte er sich einen L.A.-Filmkritikerpreis und einen Independent-Spirit-Preis sichern.

Der in Wisconsin geborene William J. Dafoe, dessen Schulspitzname Willem haften geblieben ist, ist Gründungsmitglied der Wooster Group, einem experimentellen Theaterkollektiv, für das er von 1977 bis 2005 in sämtlichen Produktionen involviert war. Der Schauspieler wählt Projekte nach der Verschiedenheit der Rollen aus und versucht stets, mit Regisseuren wie Wes Anderson, Martin Scorsese, Spike Lee, Oliver Stone, Yimou Zhang, David Lynch, Werner Herzog und Kenneth Branagh zu arbeiten, deren Projekte sich durch eine ganz eigene Handschrift auszeichnen.

Waren Sie mit der Parallelwelt der Billigmotels vertraut, bevor Sean Baker Sie für seinen Film zu gewinnen versuchte?
Nein, diese Welt war mir völlig fremd. Ich habe in der Tat Verwandte, die nicht weit entfernt vom Handlungsort unseres Films leben. Ich besuche sie regelmäßig, und trotzdem wusste ich nichts von dem, was sich quasi in ihrer Nachbarschaft abspielt.
Wie haben Sie diese Welt dann entdeckt?
Ich habe sie mir einfach angesehen und mich mit den Menschen dort unterhalten. In The Florida Project sind wir mittendrin in dieser Welt. Wir haben unsere Figuren und die Geschichte erschaffen, während wir von den Menschen umgeben waren, die wirklich dort leben. Wenn ich beispielsweise als Bobby das Zimmer betrete, in dem Halley und Moonee leben, dann ist das keine Kulisse. Es ist ein echtes Zimmer, das bewohnt ist. Und es spricht Bände über die Menschen, die darin wohnen.
Sie sind bisher vor allem für die Verkörperung abgründiger Rollen bekannt. Bobby ist ein ganz anderer Typ.
Das stimmt. Aber ich denke nicht in solchen Parametern. Ich entdecke die Figuren immer erst, wenn ich sie spiele. In der Rückblende wird mir bewusst, was für eine raffinierte Rolle Bobby ist. In der Motel-Welt wird er als Autorität akzeptiert und seine Entscheidungen werden nicht in Frage gestellt. Das ist kurios, weil er sich selbst überhaupt nicht so sieht und er im Grunde auch nicht diese Autorität hat. Er ist ein ganz normaler Typ mit ganz normalen Ängsten und Nöten. Seine Leidenschaft und sein Einfühlungsvermögen rühren daher, dass er im Grunde genommen nicht anders ist als die Menschen, die in dem Motel wohnen. Er will, dass diese Gemeinde funktioniert. Das ist sein Antrieb.
Bobby geht es nicht um Altruismus, er ist einfach ein Pragmatiker. Ich mag es sehr, dass The Florida Project nicht so aufgeblasen daherkommt. Klar, es geschehen auch dramatische Dinge. Aber selbst das tragische Ende passiert einfach. So ist das Leben. Der Film entlässt den Zuschauer nicht aus der Verantwortung. Man wird nicht wie in anderen Filmen emotional manipuliert, weint ein bisschen und das war's. In The Florida Project muss man sich mit dem Gezeigten auseinandersetzen.
Wie sah Ihre Zusammenarbeit mit Sean Baker aus?
Ich kannte ihn persönlich nicht. Aber ich hatte Tangerine gesehen und war sehr beeindruckt. Sean hat das Drehbuch gemeinsam mit Chris Bergoch geschrieben. Er hatte die Idee, er begeisterte Sean dafür und er war auch während der Produktion immer wieder in das Projekt involviert. Sean wiederum war am Drehbuch beteiligt, er inszenierte und war auch für den Schnitt verantwortlich. Das ist eine runde Sache, wenn man weiß, dass die Fäden so zusammenlaufen, wie bei diesen beiden Kreativen.
Wir haben an einem realen Ort gedreht, umgeben von echten Menschen und ganz alltäglichem Leben, was Low-Budget-Produktionen oft mit sich bringen. Weil wir mit Kindern gearbeitet haben, hielten wir uns nicht sklavisch an das Drehbuch, sondern haben auch improvisiert und uns der Umgebung angepasst. Weil ich deutlich mehr Filmerfahrung mitbrachte als alle anderen Beteiligten, hatte ich eine gewisse innere Distanz zu meiner Figur. Gleichzeitig war es wichtig für mich, mich zu integrieren und einer von ihnen zu werden. Wenn ich als Schauspieler manchmal frustriert wegen der Kinder war, dann spiegelte sich das unmittelbar in Bobbys Verhalten, der sich ebenfalls frustriert gezeigt hat. Nichts fühlte sich an diesem Set ausgedacht und künstlich an.
...was ungewöhnlich ist für einen Spielfilm.
Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist bei The Florida Project absolut verschwommen. Wenn wir am Abend mit dem Drehtag fertig waren, habe ich mich in ein nettes kleines Hotel zurückgezogen, um etwas Abstand vom Set zu gewinnen und mich auszuruhen. Aber wenn ich wieder zum Dreh erschienen bin, gab es keine Wohnwägen für die Darsteller oder Absperrungen. Wenn man vom Set aus ein paar Meter die Straße runterlief, konnte man schon die ersten Drogen-Dealer sehen.
Es klingt so, als hätte sie diese Art und Weise, zu drehen, zu einem sehr energiegeladen Menschen gemacht.
Das ist richtig. Ich suche mir immer gezielt Stoffe aus, bei denen ich eine genau solche Erfahrung machen kann. Im Falle von The Florida Project war die Zusammenarbeit extrem schön, weil Sean andere Menschen förmlich zu seiner Arbeit einlädt. Ich glaube, dass das niedrige Budget des Films und die Arbeit mit Laiendarstellern entscheidend dazu beitragen, dass The Florida Project ein so einzigartiger Film geworden ist. Wenn man mit Sean Baker zusammenarbeitet, dreht man nicht nur einen Film: Man lebt das Leben der Menschen, die man verkörpert, und man begibt sich auf eine Abenteuerreise.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie als Mensch über sich hinauswachsen, wenn Sie an einem Projekt wie diesem beteiligt sind?
Das kann ich nur hoffen. Die berühmte Schauspiellehrerin Stella Adler sagte zu einem Freund von mir: „Ich mache keine Schauspieler, sondern Menschen aus Euch!“
Wie gestaltete sich die Arbeit mit den Laiendarstellern, speziell mit den beiden Mädchen?
Bei diesem Film fand ich gerade die Aussicht reizvoll, dass ich mit Menschen arbeiten würde, die tatsächlich aus der Gegend stammen, wo Sean seine Geschichte angesiedelt hat. Laien mögen vielleicht weniger darüber Bescheid wissen, wie eine Kamera funktioniert, sie sind vielleicht nicht immer in der Lage, Szenen zu wiederholen und sie wissen vielleicht auch nicht, wie man eine Rolle über einen längeren Zeitraum ausgestaltet. Doch das lässt sie vor der Kamera oft natürlicher wirken, weil diese Darsteller ihr Spiel im Gegensatz zu manchen Schauspieler nicht rein auf ihre Kamerawirksamkeit abrichten.
Sean hat ein wunderbares Talent darin, seinen Protagonisten verborgene Talente zu entlocken. Da ist eine sehr wertvolle und einzigartige Fähigkeit, von der auch ich als Profi-Schauspieler profitiere. Wissen Sie, wir alle sind Darsteller. Das trifft auch auf die beiden jungen Mädchen zu, mit denen ich im Film zu sehen bin. Gerade Brooklynn Prince ist auch privat immer eine Schauspielerin. Ihr fällt das Spiel vor der Kamera leicht – es ist quasi ein Kinderspiel für sie, wenn Sie so wollen. Generell ist es erfrischend, mit Kindern zu arbeiten, denn sie sind in erster Linie Kinder und erst dann Schauspieler.
Mussten Sie den anderen Schauspielern Nachhilfe geben?
Überhaupt nicht. Was sie vor der Kamera machen, wird durch die Geschichte bedingt, die wir erzählen.
Wie fühlte es sich an, einen Steinwurf entfernt von der Kunstwelt von Disney zu drehen?
Der Film ist ganz gewiss nicht als Kritik an Disney gedacht. Aber natürlich fällt es schwer, nicht die Ironie zu erkennen, dass da ein ausgedachter Ort ist, der sich „the happiest place in the world“ nennt. Und in unmittelbarer Nähe davon leben Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, sofern man in den Vereinigten Staaten von einem sozialen Netz sprechen kann. Disney hat mit der Realität, in der sich diese Menschen befinden, nichts zu tun. Es setzt ihr Leben nur in einen gewissen Kontext. Diese Art von versteckter Obdachlosigkeit gibt es nicht nur in Florida. Man findet sie überall in den Vereinigten Staaten, im Osten ebenso wie im Westen. Und angesichts des gerade herrschenden politischen Klimas sieht es nicht so aus, als würde sich für die Ärmsten der Armen irgendetwas verbessern. Man sollte die Führung dieses Landes nicht Geschäftsmännern überlassen, sondern Menschen mit Moral.
Ziehen Sie die Arbeit an fordernden kleinen Projekten großen Hollywoodproduktionen vor?
Das kann ich nicht pauschal beantworten. Natürlich habe ich eine Vorliebe für das Independent-Kino, weil man sich viel unmittelbarer involviert in die Geschichte fühlt. Ich gehe einfach gerne auf eine Abenteuerreise und möchte mich herausgefordert fühlen – egal ob im Mainstream-Kino oder im Independent-Bereich. ■ mz | Quelle: Prokino
11. März 2018

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