Dienstag, 17. Juli 2018
Agent Nathaniel Nash will Dominika als Doppelagentin gewinnen.
© Murray Close/20th Century Fox
Regisseur Francis Lawrence hatte die Arbeit an Die Tribute von Panem - Mockingjay fast beendet, als ihm der Roman des ehemaligen CIA-Agenten Jason Matthews, „Operation: Red Sparrow“, zugeschickt wurde - das erste von drei Büchern. Darin geht es um eine Primaballerina am Bolschoj-Theater, die nach einem bösen Tanzunfall ihre Karriere an den Nagel hängen musste. Um ihre Moskauer Wohnung nicht zu verlieren und die Behandlung ihrer schwerkranken Mutter zu gewährleisten, wird sie von ihrem Onkel Wanja, der für den Geheimdienst arbeitet, für einen Spionageauftrag engagiert, der jedoch, mangels Erfahrung ihrerseits, danebengeht und sie in eine missliche Lage versetzt.
Wanjas Motive sind zwiegespalten - einerseits ist Dominika Familie, andererseits empfindet er eine erotische Anziehung, die ihr zunächst das Leben rettet, denn Wanjas Chef würde die junge Frau lieber aus dem Bild haben. Somit ist Dominika gezwungen, auf die „Stattsschule IV“ zu gehen, wo eine skrupellose Matrone junge Männer und Frauen zu Spionen ausbildet, die nicht nur Schlösser knacken und schießen können, sondern auch ihre Zielobjekte verführen und manipulieren sollen.
»I want to be special again.«
»Im Unterschied zu den anderen Figuren im Buch ist Dominika im Grunde ein Produkt meiner Fantasie«, erläutert Jason Matthews. »Ich wünschte, ich wäre jemandem wie Dominika begegnet. Sie hatte eine große Karriere als Tänzerin vor sich – bis zu ihrem Unfall. Und dann zwang man sie, die Spatzen-Schule zu besuchen.« Der Romanautor mag bei seiner Arbeit für die CIA niemandem wie Dominika begegnet sein, aber der sowjetische Geheimdienst unterhielt tatsächlich Schulen, in denen sogenannte „Honigfallen“ ausgebildet wurden.
»In der Sowjetunion gab es eine Schule, in der junge Frauen in der Kunst der Verführung unterrichtet wurden. Sie lernten dort, wie sie eine Zielperson des Geheimdienstes in die Falle locken und dann erpressen konnten. Es gab eine Spatz-Schule im Südwesten Russlands, in Kasan an der Wolga. Hier lehrte man junge Frauen, Kurtisanen zu werden. Und diese Frauen nannte man „Spatzen“.«
Schon beim Lesen des Romans war sich der Regisseur bewusst, dass wichtige Elemente aus dem Buch übernommen werden mussten. Das war für den Francis Lawrence einer der zentralen Punkte bei der Umsetzung. »Zweifellos gibt es eine sexuelle Komponente in diesem Roman«, geht er ins Detail. »Die Geschichte enthält gewalttätige Sequenzen und es ist eine mutige Geschichte. Ich wollte sicherstellen, dass wir all das auch auf der Leinwand sehen würden, das war mir wichtig.
Justin und ich, wie später auch Jennifer und ich, haben hart daran gearbeitet, sicherzustellen, dass sich die Geschichte natürlich entwickelte, dass nichts grundlos geschah und nichts billig und ausbeuterisch wirkte. Wir wollten keinen erotischen Thriller drehen, nie auf irgendeine Weise erotisch stimulieren. Was auf der Leinwand zu sehen war, sollte sich entsprechend der zu erzählenden Geschichte und dem Dilemma der Protagonistin ganz natürlich entwickeln. Um den richtigen Erzählton zu finden, sind wir mit allem, was mit Sexualität, Gewalt oder nackter Haut zu tun hatte, sehr sorgsam umgegangen und habe lange an diesen Szenen gefeilt.«
»In diesem Film geht es um die Entwicklung einer einzigen Figur, um eine Frau, die von Mächten, die so viel größer als sie selbst sind, manipuliert wird«, führt Drehbuchautor Justin Haythe aus. »Dominika wird schwer verletzt und von ihrem Onkel in diese Spionagewelt hineingezogen. Und in dieser Welt wird ihre Sexualität sozusagen zur mächtigen Waffe gemacht, sie wird als Verführerin ausgebildet. Weil sie aber eine viel zu starke und komplexe Persönlichkeit ist, kann sie sich in dieser Rolle nicht wieder finden. Sie ändert schließlich die Regeln im Umgang mit den Menschen, die sie in diese Welt hinein gezwungen haben.«
»Als wir mit dem letzten Tribute-von-Panem-Film auf Promotiontour gingen, hat mir Francis zum ersten Mal von dieser Geschichte erzählt«, bestätigt Jennifer Lawrence. »Er hatte das Buch gelesen und dachte, dass man daraus einen interessanten Film machen könnte. Ich glaube, der erste Aspekt, über den wir uns für die Rolle der Dominika unterhielten, war, dass sich diese Frau und ihre Persönlichkeit von allem unterschied, was ich selbst aus eigener Erfahrung kannte. Schon in einem sehr jungen Alter ging es bei ihr schlicht ums Überleben. Seit frühester Jugend wurde ihr Körper von der Regierung benutzt – als Balletttänzerin und Athletin, als jemand, der von der Regierung bezahlt und dann gezwungen wurde, am Spatz-Programm teilzunehmen.
Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hatte und wir uns darüber unterhielten, flößten mir die Szenen in der Spatz-Schule wirklich Angst ein. Hier würde ich zum ersten Mal wirklich buchstäblich alle Hüllen fallen lassen. Jetzt aber, nachdem ich das gepackt habe, spüre ich, wie befreiend das Ganze für mich auch war. Ich würde meine Figur nie in eine Situation geraten lassen, in der ich mich selbst nicht wohlfühle. Im Film aber sieht man, dass es genau dieser Moment ist, an dem sie Macht gewinnt, den Spieß umdreht und die Menschen manipuliert, die sie zu kontrollieren versuchen. Diese neue Stärke in ihr habe ich gespürt. Und das fand ich aufregend. Denn Dominika wird zwar trainiert, ihren Körper einzusetzen, aber letztlich triumphiert sie, weil sie ihren Verstand gebraucht. Ich sehe in ihr eine komplexe moderne Heldin. Sie handelt nach ihren eigenen Regeln und ist zäh genug, um auch Erfolg damit zu haben.«
»Something will slay us all.«
Bereits von den ersten Szenen an sehen wir Dominika und Nate in ihren zeitgleichen Handlungsabläufen, bis sie schließlich irgendwann, etwa in der Mitte des Films, aufeinander treffen. Wie auch Dominika lernt der Zuschauer Nate an einem Scheideweg kennen, als ein Treffen mit einem Informanten schiefgeht und er danach von seiner Mission abgezogen wird. »Er ist also schon früh in seiner Karriere in Ungnade gefallen und bekommt dann eine zweite Chance«, beschreibt Joel Edgerton die Ausgangsposition seiner Figur. »Er ist der Einzige, mit dem der wichtige Informant mit dem Decknamen Marble sprechen will. Aus diesem Grund bleibt er für die CIA wertvoll, und er stellt schließlich den Kontakt zu Jennifers Figur her.«
»Die Beziehung zwischen Dominika und Nate ist ausgesprochen interessant«, ergänzt Jennifer Lawrence. »Beide wurden beauftragt, Informationen über den Anderen herauszufinden. Sie manipulieren sich gegenseitig und verlieben sich dabei. Ihre Beziehung verändert sich ständig, denn wie sollte man jemandem vertrauen können, und glauben, dass man nicht von ihm getäuscht wird, wenn man selbst versucht, diese Person zu täuschen? Beide vertrauen sich in gewisser Weise, müssen dieses Gefühl aber mit der Paranoia ausbalancieren, die ein Leben in der Welt der internationalen Spionage zwangsläufig mit sich bringt.«
Jennifer Lawrence spielt ihre Dominika mit ausgesprochener Genialität, wie man sie bei solch jungen Schauspielern selten zu sehen bekommt. Man spürt ihre Verletzlichkeit, will ihr, wie es ihr amerikanischer Gegenspieler auch tut, glauben, dass sie überlaufen will. Doch dann geht der Plan schief und sie wird gefangengenommen und aufs Übelste verhört. Sebastian Hülk spielt Matorin, ein »Vollstrecker und Attentäter der Spitzenklasse. Er wird gerufen, wenn es richtig dreckig wird. Er macht seine Sache gut und liebt seinen Job«, beschreibt der deutsche Schauspieler seine Figur, die es nur zu sehr liebt, seinen Opfern die Haut vom Leibe zu reißen.
Und da sind wir auch schon beim großen Manko des Films. Es wird zu viel Gewalt auch wirklich gezeigt! Ob Hautabziehen, Waterboarding oder sonst welche Foltermethoden vorkommen - man will einfach nicht hinsehen. Man muss es aber, weil diese Folterungen auch Reaktionen bei den Protagonisten auslösen. Red Sparrow ist kein Bond oder Bourne, auch kein le Carré. Er ist vermutlich am dichtesten an der Realität als alle Spionagefilme bisher. Er ist lang, aber nicht -weilig, er ist spannend und doch ermüdend, er ist genial gespielt und besetzt und doch will man eigentlich nur wissen, wie die Geschichte ausgeht.
Und wenn man am Ende aufgeklärt wird, wer wen reingelegt hat oder auch nicht, hat das schon etwas von einem Gaunerkrimi über Hochstapler, die sich gegenseitig austricksen, bis einer am Ende als Triumphant hervorgeht. Und im Prinzip machen Spione auch nichts Anderes. Deren Gründe sind lediglich patriotistisch begründet denn aus Habgier. Mich haben hauptsächlich zwei Dinge am Film gestört - dieses gekünstelte Hin- und Hergezappe zwischen Dominika und Nate, das nicht wirklich zu einem romantischen Funken führt, und die Tatsache, dass Dominika zu ihrem ersten Auftrag in hochhackigen Schuhen geht, obwohl sie Stunden vorher noch mit ihrer Mutter zur Behandlung gehumpelt war.
Man kann sich den Film ansehen, muss es aber nicht. Dem Drehbuch fehlt ein wenig Schmiss, den Hauptdarstellern ein wenig Chemie und dem Film ein wenig mehr Kürze. Er ist sehr atmosphärisch, das muss man ihm lassen, doch mit etwas mehr Kürze und Würze hätte er ein Reißer werden können. Ob die anderen beiden Romane von Jason Matthews ebenso verfilmt werden, wird sich zeigen. Hollywoods Verlangen nach Trilogien scheint spätestens nach dem Debakel um die Fortsetzung von Die Bestimmung - Allegiant zurückgeschraubt worden zu sein. ■ mz
3. März 2018

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Red Sparrow



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