Sonntag, 22. Juli 2018
Wind River
Agentin Jane Banner und Reservatspolizeichef Ben Shoyo ermitteln.
© Wild Bunch

Taylor Sheridan, der bereits mit Sicario und Hell or High Water, für den er voriges Jahr u.a. für den Golden Globe® und den Oscar® nominiert war, Erfolge feiern konnte, präsentiert nun mit Wind River die Katharsis seiner Geschichten um die modernen Grenzgebiete Amerikas. Nach der Epidemie der Gewalt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko und dem Fokus auf die massive Schere zwischen Reichtum und Armut in West Texas, geht es nun um Amerikas größtes Versagen: die Indianerreservate.

»Auf der persönlichsten Ebene ist es eine Studie, wie ein Mann nach einer Tragödie weitermacht, ohne sie jemals verarbeitet zu haben, ohne einen Abschluss gefunden zu haben«, sagt der Regisseur und Autor. »Auf der allgemeinsten Ebene ist es eine Studie, was man angerichtet hat, Menschen zu zwingen, auf Land zu leben, wo niemals Menschen leben sollten.«

»See what they sent us?« - Ben Shoyo

Cory Lambert arbeitet als Angestellter des U.S. Fish & Wildlife Services als Jäger und Fallensteller für eine lokale Gemeinde im ländlichen Wyoming, ganz in der Nähe des Indianerreservats Wind River. Cory ist der Beste für den Job, kein Mann vieler Worte, dafür umsichtig, erfahren, ruhig, entschlossen. Nach einer Tragödie vor drei Jahren lebt er getrennt von seiner Frau Wilma, eine Angehörige einer der Stämme, die hier leben müssen, in dieser unwegsamen Gegend, die den Menschen kaum eine Gegenwart, aber gewiss keine Zukunft bietet.

Corys ganze Liebe gehört seinem neunjährigen Sohn Casey, den er bei der Mutter abholt und zu seiner Familie im Wind-River-Reservat mitnimmt. Dort soll er eine Puma-Mutter und ihre beiden Jungen jagen, tief in der verschneiten und eisigen Wildnis, die den Lebewesen nichts schenkt. Auf dem Weg ins Reservat fährt er an einer amerikanischen Fahne vorbei. Sie hängt verkehrt, auf den Kopf gestellt.

Allein auf seinem Schneemobil bahnt sich Cory seinen Weg durch die Gegend, die er wie seine Westentasche kennt. Und tatsächlich stößt er auf eine Spur. Nur ist es keine Spur eines Tiers, sondern eines laufenden Menschen. Ein paar hundert Meter weiter, vorbei an Blutflecken, findet er die zugehörige Leiche – ein 18-jähriges Mädchen aus dem Reservat, das bereits im Eis festgefroren ist.

»When subzero air is drawn into the lungs, it can cause the alveoli, the tiny sacs in the lungs, to burst. Fluid builds in the lungs, and if the air is cold enough, the liquid in the lungs will crystallize.« - Dr. Whitehurst

Cory kennt das Mädchen. Natalie Hanson war die beste Freundin seiner Tochter, bis diese vor drei Jahren auf ungeklärte Weise ums Leben kam. Auch ihre Leiche wurde mitten in der lebensfeindlichen Natur, weit weg von jeder Siedlung und Aussicht auf Rettung, gefunden - ein Gewicht, das immer noch um Corys Hals hängt und ihn mit bleierner Schwere nach unten zieht.

Da dies ein Grenzfall ist, muss die Bundespolizei eingeschaltet werden. Und die schickt eine Agentin dorthin, die, in Las Vegas stationiert, den kürzesten Weg zum Tatort hatte. Jane Banner macht auf die Einheimischen zunächst einen eher ahnungslosen, unerfahrenen Eindruck, hat sie doch keine Wintersachen dabei und muss sich zunächst in den Wintersachen von Corys Tochter Emily auf den Weg machen. Als sie sich darin präsentiert, sieht man, wie in Corys Augen die Erinnerung an Emily aufflammt.

Während Jane und Bens Ermittlungen zu den Littlefeather-Brüdern führen, die mit Drogen handeln und zu Gewalt und Vandalismus neigen, verfolgt Cory die offensichtlichen Spuren im Schnee. Von Natalies Bruder Chip, der sich den Brüdern angeschlossen hatte, erfahren sie, dass Natalie einen weißen Freund hatte, der auf der Bohranlage in der Talsenke arbeitet.

Von der Hütte der Jugendlichen aus entdeckt Cory eine Schlittenspur, die den Berg hinauf in den Wald führt, der er mit Jane folgt, und die zu einer weiteren männlichen Leiche führen, die sich im Nachhinein als die von Natalies Freund Matt herausstellt. Während Jane mit Ben und einer Handvoll verfügbarer Polizisten die Bohranlage besuchen, um die lokalen Videoaufzeichnungen und Matts Container zu sichten, folgt Cory einer Löwenspur, die zum Winterquartier der gesuchten Pumafamilie führt. Doch als Cory dort eine Schneemobilspur zur Bohranlage entdeckt, ahnt er nichts Gutes und eilt seinen Kollegen zu Hilfe...

»This isn't the land of backup, Jane. This is the land of you're on your own.« - Ben Shoyo

»Es ist ein brutaler Ort. Die Landschaft selbst ist der Antagonist. Es ist ein Ort, wo mehr Menschen ermordet werden, als dass sie an Krebs sterben. Es ist ein Ort, wo die Rechtsstaatlichkeit den Gesetzen der Natur weichen muss. Kein Ort in Nordamerika hat sich im vergangenen Jahrhundert mehr verändert. Und kein Ort in Amerika musste mehr unter den wenigen Veränderungen, die es gab, leiden«, konstatiert Taylor Sheridan.

Nach Emily Blunt in Sicario hat Taylor Sheridan nun erneut eine starke FBI-Agentin in Szene gesetzt. »Wenn Cory die Seele der Geschichte ist, dann ist die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner ihr Rückgrat«, sagt er. »Jane stammt aus dem Süden Floridas. Diese harsche Welt ist ihr so fremd wie dem Publikum. Durch ihre Augen werden die Zuschauer sie erleben, werden Zeuge der unermesslichen Weite der Gegend, werden Zeuge ihrer Gewalt. Durch Jane forschen wir dem Willen zum Überleben nach. Durch Jane wird das Publikum den Schrecken spüren, der zum Überlebenswillen dazu gehört.«

Mit Jeremy Renner, der Cory mit einer zugehörigen Unterkühltheit spielt, dem die Zeichen des Lebens im Reservat im Gesicht geschrieben stehen, und Elizabeth Olsen, die ihre Jane mit Professionalität, Intelligenz und Stärke versieht und zugleich unerfahren wirkt, hat der Autor und Regisseur zwei wirklich ungleiche, aber dennoch äußerst passende Schauspieler gefunden, die kaum Chemie brauchen, weil deren Figuren lediglich professionell miteinander zu tun haben. Zudem konnte der Regisseur zwei Akteure der beiden Vorgängerfilme engagieren - Gil Birmingham, der in Hell or High Water den Partner von Jeff Bridges gespielt hat sowie Jon Bernthal, der in Sicario ebenfalls einen kurzen Auftritt hatte.

Womit wir dann auch beim Thema sind: Wind River besticht zwar von den tollen Schauspielern und der audiovisuellen Stimula durch Kameramann Ben Richardson und die deprimierende musikalische Untermahlung von Nick Cave und Warren Ellis, kann jedoch seinen beiden Vorgängern in Sachen Spannung nicht das Wasser reichen. Man hat den Eindruck, man sehe einen ZDF-Sonntagabend-Krimi aus Norwegen mit vielen trostlosen Gesichtern. Da es in dieser Filmgegend kaum etwas zum Lachen gibt, ist der Humor, soweit vorhanden, hier zumeist unterschwellig und sehr zurückhaltend platziert, während die Ermittlungen einen großen Bogen ziehen und der Zuschauer eigentlich bereits bei der Erwähnung der Bohranlage sofort dorthin eilen würde.

Spannung kommt kaum auf. Lediglich die genial geschnittene Rückblende auf die Tat lässt ein wenig Nervenkitzel aufkommen. Doch man weiß bereits, was passieren wird, weshalb man dem nicht wirklich beiwohnen will. Man bekommt jedoch die Rachegelüste zu spüren, die Martin und Cory innewohnen und am Ende ihre Genugtuung bekommen. Auch die letztliche Einblendung „Statistiken über vermisste Menschen gibt es für jede andere Demographie, nur nicht für die Frauen der amerikanischen Ureinwohner. Keiner weiß, wie viele von ihnen wirklich vermisst werden.“ wirkt vielmehr als „Fun Fact“, als dass diese Tatsache den Inhalt des Films unterstreicht. Vielleicht hätte Taylor Sheridan auch sein drittes Werk von einem erfahreneren Regisseur inszenieren lassen sollen... ■ mz

24. Februar 2018

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