Mittwoch, 18. Juli 2018
Born to be blue
Chet Baker versucht, seine Leidenschaft wiederaufzunehmen.
© New Real Films

Der Film erzählt von einem Wendepunkt im Leben des legendären Jazz-Trompeters Chet Baker. Nach einem kometenhaften Aufstieg in den 50er Jahren, gefeiert als der „James Dean of Jazz“ und „King of Cool“, war der Musiker schon zehn Jahre später am Ende. Zerrissen von seinen inneren Dämonen und den Exzessen des Musikerlebens, begegnete er einer Frau, mit der wieder alles möglich schien. Angefeuert von seiner neuen Leidenschaft und ihrem bedingungslosen Glauben an ihn, kämpfte er sich wieder zurück und erschuf so einige der unvergesslichsten Musikaufnahmen seiner Karriere.

»Hello fear! Hello death! Fuck you!«

Der Film beginnt in Schwarzweiß (samt altem Universal®-Logo). Chet Baker bekommt von einem One-Night-Stand einen Schuss Heroin verpasst. Die Leidenschaft des Musikers verlangt von ihm einiges ab. Er sucht in gleichen Maßen Bestätigung, will sich in irgendeine Ecke verdrücken und sehnt sich nach Sex und Liebe. Als die eifersüchtige Freundin Jane ins Appartement hinein platzt, ist sie nicht nur wütend, auch bestürzt...

Plötzlich bekommt der Film Farbe, als der Dialog ausbricht und die Kamera das Filmset einfängt. Wir befinden uns im Jahre 1966 in Hollywood, wo man einen Film über sein bewegtes Leben drehen will. 12 Jahre ist es her, dass er, der Erfinder des West Coast Swings, erstmals im legendären New Yorker Jazzclub Birdland auftrat. Draußen standen kreischende Fans, drinnen saß der berühmte Kollege Miles Davis, der seinen weißen Konkurrenten deutlich spüren ließ, wie wenig er von dessen Musik hielt - kein Wunder, dass sich Chet zu jener Zeit (zwischen Welterfolg und Selbstzweifel) wieder dem Heroin zuwandt, das ihm bald zum Verhängnis werden sollte.

»Come back when you're living it!«

Nach einem Bowling-Date mit seiner Filmpartnerin Jane kommt es zu einem Zwischenfall mit seinem früheren Dealer, wobei er nicht nur krankenhausreif geschlagen wird, sondern auch all seine Vorderzähne verliert. Nicht nur das, auch das Filmprojekt ist dadurch gestorben und sein ehemaliger Produzent und Plattenfirmenboss Dick Bock will ihm außer dem Ratschlag, endgültig die Sucht in den Griff zu bekommen, keine weitere Hilfe angedeihen lassen.

Immerhin macht Jane keine Anstalten, von seiner Seite zu weichen. Auch sie kann allerdings kaum über die schlimmste Nachricht hinwegtrösten: nach dem Überfall muss ihm eine Zahnprothese eingesetzt werden – und dass er mit der je wieder Trompete spielen kann, scheint nahezu ausgeschlossen. Gemeinsam mit Jane bemüht sich Chet dennoch, aller Verzweiflung und Schmerzen zum Trotz Stück für Stück zurück ins Leben zu finden. Außerdem gilt es, die Auflagen des Bewährungshelfers zu erfüllen: keine Schmerzmittel, Methadon gegen die Heroinsucht und ein regelmäßiger Job, der möglichst den Kontakt zu Drogen verhindern soll.

Die Musik allerdings lässt ihn nicht los. Immer wieder greift er zur Trompete und versucht ganz langsam, seinen Kiefer wieder an das Instrument zu gewöhnen und die Schmerzen zu überwinden. Nach der Rückkehr nach Los Angeles wagt sich Chet in einer Pizzeria mit sonntäglichen Jazz-Konzerten irgendwann sogar wieder auf eine Bühne. Aber der Weg zurück zur alten musikalischen Form ist weit, und der Bewährungshelfer sitzt ihm immer im Nacken. Erst als es Jane gelingt, seinen alten Freund Dick dazu zu überreden, Chet als Studiomusiker und Hilfsarbeiter zu engagieren, geht es endgültig wieder aufwärts.

Beruflich wie privat könnte Chet optimistisch in die Zukunft blicken: Jane ist schwanger und nimmt seinen Heiratsantrag an, und bei einem von Dick veranstalteten Konzert zollt ihm sogar der berühmte Kollege Dizzy Gillespie Respekt. Chet allerdings träumt von nichts so sehr wie von einer Rückkehr ins Birdland, wo er sich endlich vor Miles Davis beweisen will. Doch genau dort lauern auch die Dämonen der Vergangenheit...

»Hello Dizzie! Hello Miles! There's a little white guy on the east coast who's gonna eat you up.«

Der kanadische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Robert Budreau zeichnet in seiner zweiten Spielfilmarbeit ein beeindruckendes Porträt des Jazzmusikers während dessen schwerster Zeit und ist zugleich eine ergreifende Comeback-Geschichte, die sich dank Ethan Hawke über den Durchschnitt hebt. Callum Keith Rennie, der Bakers Produzenten und Freund Dick Bock spielt, war dabei besonders beeindruckt von seinem Kollegen: »Rob war wirklich toll darin, uns immer die Chance zu geben, den Szenen auch eine neue Richtung geben zu können. Und wir nutzten jede Möglichkeit, die sich bot. Mit Ethan auf diese Weise zu arbeiten, ist etwas Besonderes, denn er ist ein unglaublich präsenter und instinktiver Schauspieler.«

Um den Schwarzweißszenen einen dokumentarischen Stil zu verpassen, entschieden sich Robert Budreau und sein Kameramann Steve Cosens für den Einsatz von handgeführten Kameras, wie der Regisseur erklärt: »Mir ging es um ein Gefühl von Spontanität und Naturalismus. Die Schauspieler sollten sich möglichst frei fühlen und das Ganze an Filme der Nouvelle Vague wie Außer Atem erinnern.«

Ethan Hawke war die erste Wahl des Regisseurs und befand sich zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme passenderweise gerade in Toronto, wo Herr Budreau lebt. Von der Aussicht, Chet Baker zu spielen, war er auf Anhieb begeistert, nicht zuletzt weil er Jahre vorher bereits mit Richard Linklater versucht hatte, einen Film über den legendären Jazzmusiker auf die Beine zu stellen. Mit Robert Budreaus Entscheidung, in dem Film eine gewisse Distanz zur Realität zu wahren, konnte er sofort etwas anfangen: »Es ist schwer zu beschreiben, aber ich fand immer, dass dies der Film ist, den man im Kopf hätte, wenn man sich hinlegen und eine Platte von Chet Baker auflegen würde. Er fängt Chets Geist ziemlich gut ein.«

Mindestens so viel Aufmerksamkeit wie den Schauspielern widmete Robert Budreau der Musik in seinem Film: »Es handelt sich bei Born to be blue nicht um einen herkömmlichen Musikfilm mit lauter perfekt produzierten Nummern. Bei uns war es das wichtigste, Chets Entwicklung zu zeigen. Er musste zum Teil ja richtig schlecht spielen, was eine besondere Herausforderung darstellte.«

»Unser Trompeter Kevin Turcotte sollte für die Art und Weise, wie er spielte, die gleichzeitig fehlerhaft, aber eben auch wunderschön war, einen Oscar gewinnen. Das so glaubwürdig zu transportieren, dass es im Kino sowohl Musiker als auch Laien nachvollziehen können, war alles andere als ein Kinderspiel«, sagt Arrangeur David Braid. Kevin Turcotte spielt im Film allerdings nicht nur die Trompeten-Parts von Chet Baker, sondern auch jene von seinen Kollegen Miles Davis und Dizzy Gillespie. »Dass hinter diesen unterschiedlichen Stilen in unserem Film ein und dieselbe Person steckt, ist wirklich bemerkenswert!«

Zu den bekanntesten Songs, die für den Film ausgewählt wurden, gehören „Let’s get lost“, „Summertime“, „Over the Rainbow“, „There’s a small Hotel“ und natürlich „My funny Valentine“, von Ethan Hawke selbst gesungen! »Ich fand es einfach fantastisch, bei der Arbeit an Born to be blue ständig von Musik umgeben zu sein«, lacht Carmen Ejogo. »Nicht nur lief in unseren Wohnwagen ständig toller Jazz, sondern Ethan sang eigentlich auch die ganze Zeit. Diese Freude, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, ist ja genau das, worum es in unserem Film geht – und es hat viel Spaß gemacht, mitzuerleben, wie Ethan genau darin aufgegangen ist.«

Wenn also alle Beteiligten mit so viel Herzblut und Leidenschaft an einem Projekt mitmachen, kommt auch schon mal ein Werk zustande, dem man das auch ansieht. Filmtechnisch und dramaturgisch gesehen bietet der Film zwar kaum Neues, doch durch die großartigen Schauspieler und die Liebe zu dieser Musik ist Born to be blue einer der besseren, vor allem bewegenderen und mitfühlsameren Filmporträts. ■ mz

31. Mai 2017

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Born to be blue
Außer Atem



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