Sonntag, 22. Juli 2018
Den Sternen so nah
The Space between us
Tulsa und Gardner machen sich auf die Suche.
© Tobis/STX Productions/Jack English

Der deutsche Titel klingt recht poetisch und romantisch. Vermutlich wollte der Verleih den Film einem Zielpublikum nahebringen, das auf Romanzen steht. Und es ist auch eine, aber ebend nicht nur! Es ist die Geschichte um einen Jungen namens Gardner, der während der ersten Mars-Expedition als erster Mensch außerhalb des Heimatplaneten geboren wurde. Leider starb seine Mutter nach der Geburt und hinterließ lediglich ein Foto, auf dem sie mit einem Mann zu sehen ist. Da er nichts weiter von seiner Mutter übrig hat, geht er davon aus, dass dies sein Vater ist.

16 Jahre später treffen wir ihn wieder - in der Isolation der Mars-Station West Texas (die genauso öde ist wie der gleichnamige Landstrich auf der Erde), wo sich die Sozialkontakte auf eine Handvoll Wissenschaftler und einen vorwitzigen Robonauten namens Centaur beschränken. Technikfreak Gardner ist aufgeweckt, erfinderisch und immer ehrlich - außer wenn es um Notlügen geht. Seiner Chatroom-Freundschaft Tulsa, eine Rebellin, furchtlos, trotzig und immer auf der Hut, gab er an, wegen einer Krankheit in einem Penthouse in der New Yorker Park Avenue „eingesperrt“ zu sein. Dabei ist „die Entfernung zwischen“ den beiden enorm größer!

Während das Mädchen beim versoffenen Pflegevater in Colorado wohnt, lebt der Junge, nun ja, auf einem anderen Planeten. Und zwar buchstäblich. Ohne den täglichen Chat mit Tulsa wäre er ziemlich aufgeschmissen. Kein Wunder, dass es ihn mit aller Macht zur Erde zieht. Außerdem brennt er darauf, seinen Vater kennenzulernen. Gardner und Tulsa sind liebenswerte Außenseiter, die sich in ihrer jeweiligen Welt fremd fühlen und es gar nicht erwarten können, dass ihr wahres Leben endlich beginnt. Sie brauchen zwar ein Weilchen, um einander Vertrauen zu fassen. Aber sie lassen auch keinen Zweifel daran, dass sie füreinander geschaffen sind – allen interplanetarischen Problemen zum Trotz.

»Don't use all your muscles, only the ones you want to keep!«

Peter Chelsoms Film, der gekonnt zwischen abenteuerlicher Action und bezauberndem Verknalltsein changiert, schickt die zwei Teenager auf einen Roadtrip durch die malerischen Landschaften des amerikanischen Südwestens, der sich zu einer ganz schön komplexen Angelegenheit entwickelt, denn während Gardner und Tulsa auf der Suche nach seinem Vater sind, jagen Weltraum-Unternehmer Nathaniel Shepherd und Gardners Astronauten-Ersatzmutter Kendra dem Pärchen unerbittlich nach - besorgt um die Gesundheit des „Marsianers“, dessen Körper nicht gemacht ist für die irdische Schwerkraft.

»Richard war der wissenschaftliche Part der Geschichte sehr wichtig. Er wollte diese Elemente so realistisch wie möglich gestalten. Mir ging es vor allem um die persönliche Entwicklungsgeschichte dieses jungen Mannes, um seine innere Menschwerdung«, betont Allan Loeb, der sich 2007 an die erste Drehbuchfassung machte. Produzent Richard Barton Lewis ergänzt: »Ich war Yin, er war Yang. Allan konzentrierte sich auf die Figuren und die emotionale Ebene. Für ihn waren die innere Reise des Jungen und die Suche nach seinem Vater der Schlüssel zur Geschichte. Doch ich hatte sieben Staffeln der Serie The Outer Limits produziert. Mir war wichtig, dass die wissenschaftlichen Aspekte glaubwürdig und realitätsnah ausfielen. Insofern haben wir uns perfekt ergänzt.«

Beide konsultierten zahlreiche Wissenschaftler der NASA und medizinische Experten, um die Geschichte, die in der nahen Zukunft spielen sollte, bis ins Detail authentisch zu gestalten. Besonders die physischen und biologischen Konsequenzen, die Gardners Übersiedlung auf die Erde mit der für ihn bis dahin unbekannten Schwerkraft mit sich bringen, standen bei der Recherche im Fokus. Richard Barton Lewis entstammt einer Familie mit vielen Ärzten und Medizinern und wollte sich besonders in diesem Punkt keine Nachlässigkeiten erlauben.

Dass die Hintergründe der haarsträubenden Geschichte ausgefeilt wurden, merkt man dem Film an. Allerdings bleibt das Ganze auch haarsträubend, selbst wenn alle Umstände so plausibel wie nur irgend möglich erklärt werden. Und dank ihrem noch recht jugendlichen Aussehen können die mittlerweile knapp 27-jährige Britt Robertson und der 7 Jahre jüngere Asa Butterfield gerade noch so als Teenager überzeugen.

Die direkte Analogie zu Wim Wenders' Der Himmel über Berlin, wo sich ein auf die Erde gefallener Engel in eine Erdenbewohnerin verliebt (Gardner sieht sich den Film auf der Mars-Station an), die abenteuerliche Verfolgungsjagd nach Kalifornien, wo Gardner seinen Vater vermutet, und das Ende á la E.T., worin der Außerirdische namens Elliot (so hieß der Junge in dem SciFi-Klassiker) zurück „nach hause“ gebracht werden muss, sprechen jedenfalls Mädchen und Jungs gleichzeitig an und bringen diese genauso zusammen wie das Pärchen im Film.

»See you in the funny papers!«

Den Filmemachern war es wichtig, dass die zukünftige Welt sich nicht allzu sehr von der heutigen unterscheidet. »Wir wollten keinen Fantasyfilm wie Star Wars machen oder Science Fiction wie Star Trek. Wir zeigen keine fliegenden Autos«, erläutert Produzent Richard Barton Lewis. »Innerhalb der letzten 18 Jahre hat sich die Welt nicht gravierend verändert. Design und Leistungsfähigkeit der Computer haben sich zwar gewandelt, doch die äußerlich sichtbaren Unterschiede sind nicht sonderlich groß. Das Gleiche gilt für die technische Entwicklung von Autos.« Dementsprechend kommt der Film verhalten futuristisch daher, bis auf eine Reihe elektrischer und selbstfahrender Autos gibt es im menschlichen Alltag keine auffälligen Elemente.

Die Dreharbeiten fanden hauptsächlich in und um Albuquerque in New Mexico statt. Die malerische Stadt liefert die ideale visuelle Kulisse für Gardners Reise durch den amerikanischen Südwesten. Gardners Suche nach seinem Vater beginnt im Kennedy Space Center in Florida und führt ihn via Colorado, New Mexico, Arizona und Nevada zu einem Strandhaus in Summerland, Kalifornien. Während das zweite Filmteam Außenaufnahmen in Arizonas berühmten Grand Canyon machte, wurden die intimeren Szenen zwischen Gardner und Tulsa auf dem Gelände des Indianerreservats der To'hajiilee gedreht. Dem Fernsehpublikum ist das Gelände der Navajos als wiederholt auftauchendes Motiv der Serie Breaking Bad bekannt.

290 Kilometer südlich von Albuquerque in der Wüste von Sierra County befindet sich der erste privat finanzierte Weltraumhafen der Welt, der Spaceport America. Dies ist eine Premiere in der Filmgeschichte, denn bis dahin war auf dem Gelände der 218 Millionen Dollar teuren, hochmodernen, von Stararchitekt Norman Foster designten Raketenabschussbasis noch nie gefilmt worden. Das neben dem White Sands-Testgelände der US-Armee gelegene rund 70 Quadratkilometer große Areal beherbergt zwei renommierte Firmen der kommerziellen Raumfahrt: Virgin Galactic und SpaceX.

Den Gegensatz zwischen Weltall und Erde bildet Kameramann Barry Peterson mittels zweier unterschiedlicher visueller Konzepte ab. Er hat sich stundenlang Archivmaterial mit Aufnahmen von Astronauten im Weltall angeschaut, um sich für die Weltraumsequenzen inspirieren zu lassen. Zusätzlich beriet er sich mit Professor G. Scott Hubbard vom Fachbereich Raum- und Luftfahrt der Universität Stanford und anderen Experten. Er stand als Leiter des Ames Research Centers 20 Jahre in Diensten der NASA und war ihr erster offizieller Marsbeauftragter. »Ich habe das Drehbuch mehrfach gelesen«, erinnert sich der Wissenschaftler. »Die Dinge, die dem jungen Protagonisten in dieser großartigen Geschichte widerfahren, sind absolut glaubwürdig. Die Verhältnisse auf dem Mars wurden authentisch widergegeben.«

Die Szenen, die auf dem Mars spielen, färbte der Kamerachef rot ein, die sprichwörtliche Farbe des von rotem Gestein dominierten Planeten. »Für die Erde haben wir uns überlegt, wie sie durch die Augen von jemandem gesehen wird, der sie zum ersten Mal wahrnimmt. Wir haben ihre Schönheit mit Polarisationsfiltern und gesättigten Farben besonders hervorgehoben«, verrät er.

Regisseur Peter Chelsom bevorzugt CGI-Technik der „unsichtbaren“ Art: »Wenn dem Zuschauer auffällt, wie toll die CGI-Effekte sind, dann habe ich ihn verloren. CGI sollte immer so gut integriert werden, dass man die Nahtstellen nicht wahrnimmt. Sie sollte sich nicht zu sehr von dem abheben, was unsere Kameras technisch hinkriegen. Außerdem sollten die Schauspieler in ihrer Umgebung möglichst viele reale Anspielstationen haben. Das wirkt sich förderlich auf die Realitätswahrnehmung des Zuschauers aus.«

»Chivalry is not dead! At least not in Nantucket.«

So gelang es ihm, ein unterhaltsames Science-Fiction-Abenteuer für die nächste Generation zu schaffen, das nicht einfach nur spannend eine Liebesgeschichte erzählt, sondern mit all der Authentizität der einfließenden wissenschaftlichen Kenntnisse auch ein klein wenig bildet und vor allem auch durch die Naivität Gardners ein wenig Höfllichkeit verbreitet. Die hervorragenden Schauspieler und die leichten Dialoge machen den Film zu einem wundervollen Erlebnis, das auch aus dem Hause Disney hätte stammen können. ■ mz

29. März 2017

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