Samstag, 23. März 2019

LINKS


Bildergalerie
Kinofinder
Filmseite
Beitrag teilen
Kinostarts November


VIDEOS

Trailer

Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis


Lou Bloom ist bei der Jagd nach guten Bildern nicht zimperlich.
Concorde

Dan Gilroy, bekannt fr seine Drehbcher zu The Fall, Real Steel oder Das Bourne Vermchtnis, zeigt uns in seiner ersten Regiearbeit Jake Gyllenhaal in der Titelrolle als Nightcrawler - das sind diejenigen, die nachts durch die Stadt streifen, damit wir am Morgen Bilder zu den Nachrichten sehen knnen.

Bewaffnet mit teuren Kameras jagen diese freiberuflichen Reporter allem hinterher, was sich den lokalen TV-Sendern verkaufen lsst: Autounflle, Wohnhausbrnde, Mord, Krperverletzung, Chaos, also alles, was menschliches Leid zeigt. Sie wissen, whrend sie von Polizeieinsatz zu Polizeieinsatz hetzen, dass jedes Verbrechen und jedes Opfer bares Geld bedeutet.

Jake Gyllenhaal spielt Lou Bloom, einen verschrobenen Typen (was sonst), dem Konsequenzen quasi egal sind, Hauptsache er macht das schnelle Geld. Sein Sinn fr Gerechtigkeit und Anstand ordnet sich seiner Gier nach Mehr unter. Lou verkrpert am Anfang der Geschichte die entfremdete, junge Generation mit dsteren Zukunftsaussichten. Statt Karriere und Vollzeitarbeit haben sie nur noch Praktika und Mindestlohn zu erwarten, sagt Regisseur und Drehbuchautor Dan Gilroy.

Gilroy fragt sich also: Welche Mglichkeiten und Aussichten auf Beschftigung und Frderung bleiben ihnen in Zeiten globalisierter Niedriglhne noch? Und genau aus diesem Gedanken ist Lou entstanden. Er lebt in einer Welt wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit. Verschlossene Tren berall. Praktikanten, die als Vertragsknechte ausgenutzt werden so sieht es fr Lou und Millionen anderer auf dem Arbeitsmarkt aus.

Louis Bloom ist ein ruhiger, aber eloquenter Einzelgnger, der sich mit kleinen Diebsthlen mehr schlecht als recht ber Wasser hlt und sich vergeblich um anstndige Jobs bemht. Lou ist jemand, der sich nicht verndert, sondern sich seine Umgebung so zurechtbiegt wie es ihm passt, sagt der Filmemacher. Mit ihm halte ich der Gesellschaft den Spiegel vor.

Lous Aufstieg ins Reich der TV-Nachrichten ist eigentlich eine klassisch-amerikanische Erfolgsstory allerdings mit einem dsteren Twist. Er sucht nach einem Job und endet als Eigentmer eines wachsenden Unternehmens. Aber sein Happy End ist der Beginn des Alptraums fr unsere Gesellschaft. Gilroy sagt weiter, er will die schreckliche Wahrheit aufzeigen, dass nicht Lou das eigentliche Grauen ist, sondern die Welt, die ihn geschaffen hat und fr sein Handeln belohnt.

Damit sich das Publikum trotzdem mit Lou identifizieren kann, musste Gilroy den menschlichen Kern der Figur finden eine Gratwanderung, wie geschaffen fr einen Charakterschauspieler wie Gyllenhaal, der den Film brigens mitproduzierte. Lous Bibel ist der Leitfaden fr multinationale Unternehmen, den er sich heruntergeladen hat, und an den er fest glaubt, erklrt Gilroy.

Lou ist sehr aufmerksam, lernt permanent dazu und saugt alles fr ihn Wichtige wie ein Schwamm auf. Das sind sehr menschliche Eigenschaften, genauso wie das grundlegende Bemhen, in der Welt voranzukommen und aufzusteigen. Seine Suche nach einem Job und einer Beziehung weckt unser Mitgefhl. Gerade weil er sehr einsam ist, macht ihn das menschlich.

Eines Nachts beobachtet er zufllig, wie ein Kameramann namens Joe Loder kurz nach einem Verkehrsunfall die dramatische Rettung der Fahrerin filmt. Lou ist sofort fasziniert von dem Geschehen. Das ist seine Berufung! Von dem Erls eines geklauten Rennrads kauft er sich einen Camcorder, einen Receiver, mit dem er den Polizeifunk abhren kann, und ist bereit fr seinen ersten Einsatz als Nightcrawler.

Anfangs noch recht unbeholfen, lernt Lou schnell, wie er vor Ort an die besten Bilder kommt. Je drastischer die Aufnahmen sind, umso mehr Geld lsst sich damit verdienen. Als er einem lokalen TV-Sender die dramatischen Szenen einer Supermarktschieerei anbietet, lernt er die skrupellose Nachrichtenchefin Nina kennen, die von dem jungen Kameramann fasziniert ist und schnell merkt, dass Lou bereit ist, weiter zu gehen als seine Konkurrenten. Der kontaktarme, emotionslose Lou wiederum fhlt sich zu der doppelt so alten Frau nicht nur beruflich hingezogen.

Nina mischt seit dreiig Jahren im blutigen Gewerbe der TV-Nachrichten mit, ist also ein alter Hase, sagt Gilroy. Sie ist jenseits der 50, eine aufgetakelte, abgebrhte Schnheit, die ihre Karriere seinerzeit vor der Kamera begann und nun, aus purem berlebenswillen, so etwas wie die Puffmutter der Nachrichtenshows geworden ist.

Gilroy zieht eine Parallele zwischen Nina und Lou: Beide sind charakterlich komplett ausgeformt. Das Einzige, was sich bei Nina im Verlauf des Films ndert, ist, dass ihr Job am Ende wieder sicherer ist als am Anfang. Journalistisch wird Nina gemeinsam mit Lou zwar immer extremer und berschreitet immer fragwrdigere Grenzen, aber vorher war sie auch nicht gerade zimperlich. Am Ende des Films wird sie fr ihre Skrupellosigkeit belohnt, genau wie Lou.

Gilroy schrieb seiner Ehefrau Rene Russo die Rolle auf den Leib. Ich wusste, sie ist die Richtige dafr, sagt er. Sie hat die unglaubliche Fhigkeit, gleichzeitig uere Hrte und innere Sensibilitt zeigen zu knnen. Genau das zeichnet Nina aus. Russo, die in den letzten Jahren entweder groe Rollen in schlechten Filmen spielte oder umgekehrt, hatte in den 90er Jahren ein gutes Hndchen fr ihre Rollen, ob in In the Line of Fire mit Clint Eastwood oder in den letzten beiden Lethal-Weapon-Filmen mit Mel Gibson und Danny Glover oder auch in Schnappt Shorty mit John Travolta. Gilroy und Russo lernten sich bei dem SciFi-Thriller Freejack kennen, wo er das Drehbuch schrieb und Russo die weibliche Hauptrolle neben Mick Jagger und Emilio Estevez spielte.

Hinter Ninas glamourser Fassade steckt jedoch eine Frau, die krampfhaft versucht, mit den Herausforderungen einer vernetzten Welt Schritt zu halten - eine Welt, in der man ber das Smartphone rund um die Uhr mit Infotainment versorgt wird. Und weil sie von Internet und iPhone nicht viel versteht, gehrt Nina lngst zu einer bedrohten Spezies, sie ist drauf und dran, ein alter Medien-Dinosaurier zu werden.

Um trotzdem konkurrenzfhig zu bleiben, fordert sie gnadenlos immer hrtere Aufnahmen von Lou und verschiebt ethische Bedenken bis zur Schmerzgrenze. Ninas Verzweiflung spiegelt sich in der Charakterisierung ihrer Nachrichtensendung wider: Stell dir eine schreiende Frau vor, die eine Strae entlang rennt mit durchschnittener Kehle.

Bald laufen Lous Geschfte so gut, dass er einen Mitarbeiter braucht. Seine Wahl fllt auf den wohnungs- und arbeitslosen Rick, gespielt von dem britischen Schauspieler mit pakistanischen Wurzeln Riz Ahmed. Lous Businessplan sieht jedoch nicht vor, Rick zu bezahlen. Er bietet dem verzweifelten jungen Mann ein Praktikum mit einer geringfgigen Aufwandsentschdigung an. Rick willigt ein und muss Lou fortan nachts auf dem schnellsten Weg zu den Tatorten in ganz Los Angeles dirigieren, bevor die Konkurrenz auftaucht.

Lou verzeiht keine Fehler und setzt Rick, der sich einen letzten Rest Anstand bewahrt hat, gnadenlos unter Druck. Auf der Jagd nach den spektakulrsten Aufnahmen ist Lou jedes Mittel recht. Moralische Bedenken kennt er nicht. Er dringt ohne Erlaubnis in Tatorte ein oder rckt Unfallopfer im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht, damit er sie mglichst spektakulr abfilmen kann.

Je schonungsloser die Bilder, desto besser das Honorar. Bereits nach kurzer Zeit ist Lou aufnahmetechnisch auf dem neuesten Stand und fhrt einen knallroten Luxussportwagen. Das Angebot seines grten Konkurrenten Joe Loder, mit ihm ein Team zu bilden, lehnt Lou kaltschnuzig ab. Seine Karriereplanung gert jedoch ins Wanken, als Lou und Rick wegen eines Fehlers nicht rechtzeitig am Tatort eines Kleinflugzeugabsturzes mit mehreren Toten sind. Loder covert die Story, und Nina ist auer sich, dass Lou das Topthema des Tages nicht liefern kann. Daraufhin manipuliert Lou heimlich Loders Van und macht ihn, nachdem er verunglckt ist, so selbst zum abgefilmten, schwer verletzten Opfer...

Jake Gyllenhaal beschreibt Lou Bloom als Kojoten: Er ist immer auf der Suche nach irgendwas. Er ist permanent hungrig nach mehr, und alles, was ihm dabei im Weg steht, wird gnadenlos zerstrt. Er will Erfolg um jeden Preis. Lou spricht unaufhrlich von der Macht der lokalen Fernsehnachrichten und ihr Verlangen nach schrecklichen Krimistories voller Mord und Totschlag. Laut Gilroy sind die Fakten eindeutig:

Trotz sinkender Kriminalittsraten erzeugen die lokalen Fernsehsender mit ihrer reierischen Berichterstattung den Mythos, das Verbrechen wrde unaufhrlich in die Vororte der Grostdte schwappen. Lokale TV-Stories stecken voller Warnungen. Verbrechen werden flschlich miteinander in Beziehung gesetzt, um ein Horrorszenario einer stndig wachsenden, gefhrlichen Bedrohung zu suggerieren. Alles nur, um aus Nachrichten ein Produkt zu machen, mit dem sich Werbung verkaufen lsst.

Lou treibt dieses Vorgehen auf die Spitze, whrend er sich eifrig auf seinen neuen Job strzt. Wie auch sonst im Leben bereitet er sich auf seine neue Aufgabe akribisch und penibel vor. Seine Gesprche sind gespickt mit Fakten, Selbsthilfetipps und Geschftsratschlgen, die er aus dem Internet hat.

Lou ist eine seltsame Kombination aus ursprnglichem und modernem gesellschaftlichen Verhalten, sagt Gyllenhaal. Er recherchiert stundenlang im Internet, um zu erfahren, wie es in der Welt zugeht, und bernimmt alles wortwrtlich. Die Informationen, die er dadurch bekommt, sind fr ihn wie in Stein gemeielt. Dabei legt er sie in seinem Sinne aus, so dass alles, was er sagt, einen wahren Kern enthlt.

Grtenteils wurde Nightcrawler zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens auf den Straen von Los Angeles gedreht. Die Arbeitszeit war fr alle Beteiligten zwar sehr anstrengend, aber der strapazise Drehplan inspirierte Jake Gyllenhaal auch.

Ich glaube, das Unterbewusstsein wird aktiviert, wenn man nachts dreht, sagt er. Ich habe einfach weniger nachgedacht und meinen Gefhlen freien Lauf gelassen. Ich bin berzeugt, dass sich alle Gefhle, die man dabei hat, und alles, was sich sonst noch whrend einer Produktion ereignet, tief in jedes einzelne Bild auf der Leinwand einschreibt.

Die echten Nightcrawler Austin und Howard Raishbrook besttigen, dass Lou Bloom auf sie wie ein soziopathischer Nachrichtenjger wirkt, der eine extreme Version ihrer eigenen Arbeitsweise verkrpert. Anders als Lou bertreten sie dabei fast nie Gesetze. Wir missachten sicher auch mal Geschwindigkeitsbegrenzungen, um zu einem Tatort zu gelangen, aber das meiste, was Lou im Film sonst noch so treibt, wrden wir niemals tun, sagt Austin.

Aber was etwa die Arbeitsteilung zwischen Rick und Lou betrifft, sei Nightcrawler sehr dicht an der Realitt. Wir gehen genauso vor, wie die beiden: einer navigiert und achtet auf den Funk, der andere konzentriert sich aufs Fahren. Und ebenso wie Lou und Rick streiten wir uns dabei stndig.

Aber im Gegensatz zu dem unheimlichen und abgebrht gefhlskalten Lou, werden die Brder immer wieder aufgewhlt von den Dingen, die sie erleben, beispielsweise als sie hilflos mit ansehen mussten, wie eine Frau in ihrem Wagen lebendig verbrannte. Wir haben immer Feuerlscher und Verbandskasten im Wagen fr den Fall, dass wir noch helfen knnen, sagt Austin. Die Bilder werden zweitrangig, falls wir Erste Hilfe leisten knnen.

Trotz der brisanten Darstellung erliegt Nightcrawler nicht der Versuchung, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir waren immer um Neutralitt bemht, sagt Dan Gilroy. Moralische Urteile gibt es bei uns nicht. Der Film wird hoffentlich unterschiedlich auf verschiedene Menschen wirken. Unser Ziel ist es, dass sich der Zuschauer teilweise auch in Lou und seiner Welt wiederfindet.

Als Produzenten verpflichtete er seinen Bruder Tony Gilroy, der sich als Drehbuchautor und Regisseur des Oscar®-nominierten Thrillers Michael Clayton einen Namen gemacht hat. Es war fr mich natrlich sehr vorteilhaft, dass Tony den Film produziert hat, sagt Dan Gilroy. Er ist sehr erfahren und in einer Position, die es ihm erlaubt, sich in viele entscheidende Aspekte der Produktion einzumischen, bei allem, was wir taten oder wofr wir eine Erlaubnis brauchten.

Weitere entscheidende Mitarbeiter waren fr den Regisseur sein anderer Bruder, Cutter John Gilroy, und Kameramann Robert Elswit. Ich hatte wirklich groes Glck, mit ihnen zusammenarbeiten zu knnen, mit Robert whrend der Produktion und mit John whrend der Postproduktion, sagt der Regisseur.

Dan und John sind Zwillingsbrder, die auch sehr eng zusammenarbeiten. Im Schnittraum saen nur John und ich, so Dan Gilroy. John hat ein ausgezeichnetes Auge und das Material jederzeit im Griff. Ich berlie ihm eine komplexe Sequenz und so wie er sie bearbeitete sieht man sie blicherweise auch im fertigen Film.

Durch diese familire Zusammenarbeit entstand schlielich ein atmosphrisch dichtes Kriminaldrama, das beim diesjhrigen Filmfestival in Toronto (tiff) vielfach Beachtung fand und Kritikerlob einheimste - nicht zuletzt durch die intensive Darstellung durch Jake Gyllenhaal, der brigens fr seine Rolle extra 15 kg abnahm, um dementsprechend ausgehungert auszusehen.

Mit Nightcrawler hat sich Gyllenhaal mittlerweile nach Filmen wie End of Watch, Prisoners und Enemy als besonderer Charakterschauspieler etabliert und berlsst Hollywood-Flops anderen. Ob der Film bei der kommenden Oscar®-Verleihung bercksichtigt wird, wird sich zeigen - das notwendige Potenzial besitzt er jedenfalls.

Demnchst ist Gyllenhaal in David O. Russells Beziehungskomdie Nailed neben Jessica Biel und James Marsden zu sehen, sowie in Antoine Fuquas Drama Southpaw neben Rachel McAdams und Forest Whitaker und in Baltasar Kormkurs Bergsteigerabenteuer Everest neben Keira Knightley und Josh Brolin. ■ mz

15. November 2014
Ohne Cookies macht das Leben Internet keinen Sinn. Daher verarbeiten auch wir zumeist anonyme Daten und schenken Ihrem Browser ein paar Kekse. Welche Sorte wir hinterlegen, können Sie in unseren Datenschutzbestimmungen lesen. Sollten Sie damit einverstanden sein, klicken Sie bitte auf das Krümelmonster...
OT: Nightcrawler
Drama/Thriller
USA 2013
117 min


mit

Jake Gyllenhaal (Louis Bloom) Marius Clarn
Rene Russo (Nina Romina) Traudel Haas
Riz Ahmed (Rick)
Bill Paxton (Joe Loder)
Eric Lange (Ace Kameramann)
Kevin Rahm (Frank Kruse)
Ann Cusack (Linda)
Carolyn Gilroy (Jenny)
u.a.

drehbuch
Dan Gilroy

musik
James Newton Howard

kamera
Robert Elswit

regie
Dan Gilroy

produktion
Bold Films

verleih
Concorde

Kinostart: 13. November 2014