Sonntag, 24. März 2019

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Phoenix


Johnny und Nelly vor dem Club
Christian Schulz/Piffl Medien

Christian Petzolds (Barbara, Jerichow, Yella) neuer Film Phoenix mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld (Der rote Kakadu, Barbara, Weissensee) als gut eingespieltes Liebespaar, feierte seine Premiere auf dem diesjhrigen Internationalen Filmfest in Toronto (tiff).

Ein Identittsdrama im Nachkriegsdeutschland: Nelly kehrt schwer verletzt und gesichtsentstellt als Auschwitz-berlebende im Juni 1945 nach Berlin zurck. Lene, ihre Freundin aus Vorkriegszeiten, begleitet sie und versucht, ihr beizustehen, die Rckkehr zu verkraften. Eine gelungene Gesichts-OP lsst Nellys Aussehen zwar wiederherstellen, beseitigt jedoch nicht die Entmenschlichung der KZ-Erfahrung.

Als sich Nelly auf die Suche nach ihrem Mann Johnny macht, erkennt er sie nicht. Das schweizerische Erbe seiner totgeglaubten Frau wird Johnny vorenthalten. Als er in der fremden Frau die hnlichkeit mit Nelly zu erkennen glaubt, versucht er, die Verwandtschaft zu bluffen, und inszeniert die angebliche Rckkehr seiner Frau aus dem KZ. Nelly glaubt, ber das Doppelgngerinnen-Spiel mit ihrer hnlichkeit, seine Liebe wiederzuerlangen. Johnny jedoch ist nur besessen von seinem Plan, das Erbe antreten zu knnen.

Christian Petzold schreibt ber seinen Film: Ein Text, der uns in der Vorbereitung sehr beeindruckt hat, war Ein Liebesversuch von Alexander Kluge. Ich glaube, das ist der wichtigste Text fr uns gewesen. Ist es mglich, ber den tiefen, nihilistischen Riss, den die Nationalsozialisten und die Deutschen vollzogen haben, ber diesen Riss zurckzuspringen und etwas zu rekonstruieren - die Gefhle, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Mitleid, das Leben?

Phoenix erzhlt die Geschichte einer Frau, die nicht einsehen will, dass keine Erzhlung, kein Gesang, kein Gedicht, dass die Liebe nicht mehr mglich sein soll. Diese Menschen, finde ich, die etwas nicht einsehen wollen und dadurch Sand im Getriebe sind, sind die interessantesten.

Bei Phoenix steht die Story fast in direkter Konkurrenz zur Ausarbeitung des zentralen Themas. Petzold versucht, in seinem Film den Punkt Identittsverlust aufzuarbeiten. Dabei streicht er verwandte Themen wie Entfremdung und Selbstbestimmung, Traumaverarbeitung und Missverstehen, und wenn das noch nicht genug wre, dabei trotz allem neuen Lebensmut zu finden.

Die Story wird reichlich konstruiert in einen prekren Abschnitt der deutschen Geschichte gebettet - eine Zeit, in der die meisten Deutschen, 1945 vom Kriegsschrecken traumatisiert, nicht in der Lage waren, die Kriegsgeschehnisse annehmen, geschweige denn aufarbeiten zu knnen. Die Vergangenheit wurde fr tot erklrt, man baute auf, um irgendwie weiterzumachen.

Petzolds Geschichte wird absurd, als Nelly dann auch noch den Beweis vor Augen gefhrt bekommt, dass ihr eigener, geliebter Mann sie seinerzeit an die Nazis verraten hatte. Nelly hlt stoisch an ihrer Liebe zu ihrem Mann fest, und Petzolds eigentliches Anliegen, das Thema Identittsverlust, verliert den Wettstreit zu Gunsten einer Story, die immer abstrakter und inszenierter wirkt.

Die Regie argumentiert, Nelly knne nur zu sich selbst zurckfinden, durch die Anerkennung der Liebe zu ihrem Mann, die sie schlielich das KZ hat berleben lassen. Dabei wird betont, dass die Nazis Identitten ausradiert und den Menschen das selbst genommen haben. Die Heimkehrer kamen als Geister zurck, ausgelschte Persnlichkeiten, auf die keiner gewartet hatte und von denen keiner wissen wollte, wie es ihnen im KZ ergangen war.

Phoenix - eine Auferstehungsgeschichte? Nach sechs gemeinsamen Filmen mit Nina Hoss wnsche ich mir von der Regie einen Aufbruch in neue Gefilde. Vielleicht knnte Phoenix als Auferstehung ein gutes Ende einer Reihe bedeuten. Christian Petzold, als einer unserer besten Pferde im deutschen Regiestall, traue ich doch noch einiges mehr zu. ■ bh

24. September 2014
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OT: Phoenix
Drama
D 2014
98 min


mit

Nina Hoss (Nelly Lenz)
Ronald Zehrfeld (Johannes Johnny Lenz)
Nina Kunzendorf (Lene Winter)
Michael Maertens (Arzt)
Imogen Kogge (Elisabeth)
Kirsten Block (Wirtin)
Uwe Preuss (Clubbesitzer)
u.a.

drehbuch
Christian Petzold
Harun Farocki
nach dem Roman Le Retour des Cendres von Hubert Monteilhet

musik
Stefan Will

kamera
Hans Fromm

regie
Christian Petzold

produktion
Schramm Film Koerner & Weber
BR
WDR
arte

verleih
Piffl Medien

Kinostart: 25. September 2014