Freitag, 22. März 2019

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Kinostarts Februar

Nymphomaniac


B und Joe auf Mnnersuche im Zug
Christian Geisnaes/Concorde
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Der bereits vorab viel diskutierte neue Film von Meisterregisseur Lars von Trier schildert in zwei Teilen wild und poetisch die erotische Lebensreise einer Frau von der Kindheit bis zum Alter von etwa 50 Jahren. An einem kalten Winterabend findet Seligman in einer kleiner Seitenstrae die halb bewusstlose, offensichtlich zusammengeschlagene Joe. Er nimmt sich ihrer an, bringt sie zu sich nach Hause und pflegt die Frau.

Als sie wieder zu sich kommt und Seligman sie fragt, was passiert sei, erzhlt Joe nach einigem Zgern dem fremden Mann ihre Lebensgeschichte. Und dies ist die Geschichte ihrer Sexualitt, ihrer zahllosen erotischen Erlebnisse, mutig und albern, lustvoll und qulend, beilufig und zwanghaft, eine Zumutung und eine Befreiung.

Kapitel 1: Der versierte Angler

Wie wird eine ganz normale Tte Schoko-Pralinen zum Symbol des sexuellen Erfolgs? Joe und ihre erfahrene Freundin B wetten whrend einer Zugfahrt, wer von ihnen die meisten Mnner verfhren kann. Der Wetteinsatz: eine Tte kstlicher Schokopralinen. Schon bald wird Joe klar: Wenn sie gewinnen will, muss sie ihre verlockenden Kder auswerfen, um die Beute ins Netz zu ziehen wie ein versierter Angler.

Kapitel 2: Jerme

Liebe ist nichts weiter als Lust, ergnzt durch Eifersucht. Liebe ist in den Augen der zynischen Nymphomanin zwar nur ein seichtes Gefhl, dennoch wird Joe von Mchten berwltigt, die ihre geharnischten Verteidigungslinien durchbohren. Sein Name ist Jerme. Er ist es, der sie einst (auf eigenen Wunsch) entjungfert hat. Jahre spter wird sie zufllig in der Fabrik seines Onkels als Sekretrin eingestellt, whrend Jerme seinen unpsslichen Onkel vertritt. Hier erfhrt Joe einen Anflug von Liebe, die sich jedoch nicht entfalten kann.

Kapitel 3: Mrs. H

Bei einer dermaen langen Liste von Liebhabern verliert man leicht den berblick. Schon bald muss Joe feststellen, welch unangenehme Folgeerscheinungen sich einstellen, wenn man Nymphomanin ist. Man kann nun mal keine Omelette machen, ohne auch ein paar Eier zu zerschlagen. Als sie eines Abends einen ihrer Liebhaber mit einer Notlge loswerden will, weil ihr nchster Freiertermin ansteht, hat sie nicht damit gerechnet, dass dieser tatschlich sofort seine Frau verlsst und diese samt Kindern auch noch auftaucht.

Kapitel 4: Delirium

Delirium: Verwirrung. Wahnvorstellungen. Sinnestuschungen. Das ist das Kapitel, in dem es um das Ableben ihres Vaters geht, und dass sie bei seinem Tod (direkt nach einem Sexakt mit einem Krankenhausangestellten) keine Gefhle mehr brig hat. Dieses Kapitel ist dementsprechend auch in Schwarz-Wei gedreht.

Kapitel 5: Die kleine Orgelschule

Ein Choral-Vorspiel von Bach: Drei Stimmen mit jeweils ganz eigenem Charakter, aber in vlliger Harmonie. Mit anderen Worten: VIELSTIMMIG. Die Nymphomanin wei gleich, worum es geht...und zeigt es uns. Das ist dann auch der sinfonische, polyphone Orgasmus, mit dem der erste Teil endet.

Der Beginn des Films trgt die typische Handschrift Lars von Triers. Erst ist alles schwarz. Man hrt Gepltschere, Wasserfluss. Dann kommen Bilder dazu: Es schneit. Schnee taut, wird zu Wasser, das von den Dchern tropft. Wer eine schwache Blase hat, dem knnte dieses minutenlange Gepltschere auf selbige schlagen. Eingebettet in Rammsteins Fhre mich beginnt dann die Geschichte - die Rahmenhandlung, in der Joe und Seligman ber Sex und die Welt reden, Glaube und Irrglaube.

Lars von Trier schrieb die Dialoge, die vor Konfrontation nur so strotzen. Es wird diskutiert, Meinungen werden verworfen - das Kammerspiel wird immer mehr zu einer Sitzung beim Psychotherapeuten. Das ist herrlich mit anzusehen, witzig, Mitleid erregend, und man verfolgt Joes Geschichten mit Neugier.

Natrlich ist man gespannt auf die im Vorfeld hei diskutierten Sexszenen, wieviel wovon zu sehen ist. Und tatschlich gibt es so Einiges zu sehen - Penisse, Vaginas, Brste...beim expliziten Sex gibt es dann doch schon eine vorgehaltene Hand, einen verschwommenen Filter, dass man den Film dadurch nicht als Porno bezeichnen kann. Es ist eher eine Art Sextagebuch, das den Akt an sich schon fast klinisch darstellt und ihn fast schon uninteressant werden lsst - was wohl auch der Ansatz ist, Joes Dilemma zu verstehen: Immer nur Sex, pure Lust und keine Liebe, die laut ihrer Freundin B die geheime Zutat sein soll.

Man ist stets mitten im Geschehen, Langeweile kommt selten auf. Von Triers Kameramann Manuel Alberto Claro, mit dem er schon bei Melancholia zusammengearbeitet hat, scheint immer den richtigen, sthetischen Blickwinkel zu finden. Auch die Schauspieler laufen zu Hchstformen auf. Stacy Martin bringt diese Gefhlsleere der jungen Joe hervorragend herber, Uma Thurman spielt die gehrnte Ehefrau besonders exaltiert - eine Rolle, die sie einfach drauf hat. Besonders charismatisch und sympathisch, und gegen seine bisherigen Rollentypen besetzt, spielt Christian Slater Joes Vater. Das macht dessen Sterbeszene noch einen Tick tragischer und authentischer. Shia LaBeouf als Jerme, Joes einziger Ansatz von Liebe in ihrem Leben, spielt seine Rolle zwar ganz gut, doch als Unsympath eine unsympathische Rolle zu spielen, ist eigentlich kein Kunstwerk.

Kapitel 6: Die Ost-Kirche und die West-Kirche (Die stille Ente)

Die Ost-Kirche wird oft als Kirche der Freude beschrieben, die West-Kirche als die Kirche des Leidens. Reist man in Gedanken von Rom aus in Richtung Osten, wird man feststellen, dass man sich dabei immer weiter von Schuld und Schmerz entfernt und sich auf das Licht und die Freude zubewegt. Joe aber erfhrt, dass Schmerz und Lust sich nher sein knnen, als man denkt.

Kapitel 7: Der Spiegel

Das Bild, das man im Spiegel sieht, erscheint auf den ersten Blick wie eine exakte Kopie des Objekts, das man betrachtet. Aber das stimmt nicht, da das Objekt immer nur eine spiegelbildliche und damit fehlerhafte Version des ursprnglichen Objekts sein wird. Joe versucht, sich von ihrer Sexualitt zu befreien.

Kapitel 8: Die Pistole

Manchmal bleiben einem Dinge verborgen, weil man zu sehr an sie gewhnt ist. Aber wenn man seinen Blickwinkel verndert, knnen sie pltzlich eine vllig andere Bedeutung annehmen. Joe beginnt mit zwielichtigen Geschften, und sie merkt schnell, dass sie in ihrem Leben einige wertvolle Fhigkeiten gelernt hat.

Die Kapitel des zweiten Teils sind gefllt mit Szenen und Assoziationen, mit spielerischen Verbindungen und berraschenden Themen. So wartet im Kapitel 6 etwa die wahrscheinlich lustigste Szene, in der Joe im Caf ein Dutzend langstieliger Lffel in sich verschwinden lsst und den Kellner (Udo Kier in einem Kurzauftritt) rtselnd zurcklsst, als ihr beim Verlassen des Etablissements die Lffel herausfallen...

Etwas unglaubwrdig und ins billigste Klischee driftet von Trier in dem Segment Die gefhrlichen Mnner ab, in dem Joe Sex mit einem Afrikaner haben will, der aus irgendeinem Grund den ganzen Tag an der Straenecke gegenber steht. Als dieser dann mit seinem Bruder ein Sandwich mit ihr machen will, kommt es zu einem Streit, in welchem sie sich an den zwei klischeebehafteten groen Schwnzen vorbei aus der Situation verdrckt. Es kommt zwischen Joe und Seligman zu einer Diskussion ber Begriffe wie Neger. Whrend Seligman die politische Korrektheit ernst nimmt, appelliert Joe an die Demokratie der Sprache, die Scheinheiligkeit der heutigen Moralapostel.

Dann geht es ein wenig hrter zu, als Joe von ihrer sadistischen Phase erzhlt, wie sie sich immer wieder von K (Jamie Bell als sexuell gestrter Frauenschlger) in seinen nchtlichen Sprechstunden fesseln und verhauen lie. Ich schtze, das sind wohl die Szenen, bei denen einige (grtenteils weibliche) Zuschauer abschalten bzw. den Kinosaal verlassen, besonders bei der bsen (allerdings auch hchst unglaubwrdigen) Szene, in der ihr kleiner Sohnemann, der sich allein in der Wohnung befindet, aus dem Kinderbett klettert und durch die offene(!) Balkontr nach drauen geht und auf ein Podest klettert, um Schneeflocken einzufangen, whrend Mutti ihrer Begierde nachgeht.

Das war dann das Aus fr ihr Familienleben - Jerme verlsst sie und nimmt den Sohnemann mit. Es folgen Enthaltsamkeit und Selbsthilfegruppe, nur um herauszufinden, dass sie keine psychisch labile Sexschtige ist, sondern eine Nymphomanin, die genau wei was sie will. Ihr Problem ist lediglich der Mangel an Befriedigung. Mit ihrem neu gewonnenen Selbstvertrauen und den neuen Erfahrungen suchte sie sich einen neuen Job und fand diesen als Geldeintreiberin fr L (ein klassischer Willem Dafoe), in dem sie sich so richtig austoben konnte.

Eines Tages lag L ihr nahe, die junge P als sptere Nachfolgerin heranzuziehen, mit der sie eine Liebesbeziehung aufbaute. Als sie dann Geld von Jerme eintreiben soll, lsst sie P den Job bernehmen, was sich schlielich zu Joes Ausgangssituation entwickelt, die dann, wie es sich herausstellt, offensichtlich gerechtfertigt war. Nachdem Joe ihre Geschichte beendet hatte, galt es nur noch, die Rahmenhandlung zu beenden. Doch diese konnte nur ein Ende haben, das auch zu Joes Geschichte passt. Also kommt es zur unausweichlichen Endszene, in der sich der asexuell selbsterklrte Seligman seiner Neugier hingibt und sich die Geschichte mit einem banalen, unbefriedigenden als auch bsen Ende auflst.

Das 4-stndige Werk wurde fr die Kinoauswertung zweigeteilt, whrend auf der Berlinale das Komplettwerk aufgefhrt wurde und hoffentlich auch so als Heimvideo vermarktet wird. Und auch wenn die Freigabe ab 16 Jahre Anderes impliziert, kommt das Werk ungeschnitten in die deutschen Kinos. Mit Nymphomaniac kehrt Lars von Trier nach seinen bernatrlichen Eskapaden in die Realitt zurck. Dabei kommt er uns komisch, tragisch, gewaltttig und philosophisch. Das Werk ist dabei jedoch nichts fr sanfte Gemter. Wer die 4 Stunden durchhlt, wird das Werk vermutlich unbefriedigt beenden, manch einer eventuell jedoch etwas aufgeklrter. Auf jeden Fall htte ein zweiter Drehbuchautor gut getan. ■ mz

2. April 2014
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OT: Nymphomaniac
Drama/Erotik
DK/D/F/S/B/GB 2013
117 min (Teil 1)
123 min (Teil 2)


mit

Charlotte Gainsbourg (Joe) Irina Wanka
Stellan Skarsgrd (Seligman) Detlef Bierstedt
Stacy Martin (junge Joe)
Shia LaBeouf (Jerme) David Turba
Christian Slater (Joes Vater) Sven Hasper
Sophie Kennedy Clark (B)
Uma Thurman (Mrs. H) Petra Barthel
Hugo Speer (Mr. H)
Connie Nielsen (Joes Mutter)
Christian Gade Bjerrum (Der Jaguar) Christian Brckner
Felicity Gilbert (Liz)
Ananya Berg (Joe mit 10)
Maja Arsovic (Joe mit 7)
Nicolas Bro (F)
Clayton Nemrow (Mann in der 1. Klasse)
Saskia Reeves (Krankenschwester)

Jamie Bell (K) Nicols Artajo
Willem Dafoe (L)
Mia Goth (P)
Caroline Goodall (Psychologin)
Jean-Marc Barr (pdophiler Schuldner)
Laura Christensen (Babysitter)

drehbuch
Lars von Trier

kamera
Manuel Alberto Claro

regie
Lars von Trier

produktion
Zentropa Entertainments
Zentropa International Kln
Heimatfilm
Film i Vst
Slot Machine
Caviar Films
Concorde Filmverleih
Artificial Eye
Les Films du Losange

verleih
Concorde

Kinostart:
20. Februar 2014 (Teil 1)
04. April 2014 (Teil 2)