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Nichts zu verzollen - Hintergründe zum Film


© Prokino/Pathé
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Nichts zu verzollen | Trailer | Galerie | Filmseite

Interview mit Dany Boon | Interview mit Benoît Poelvoorde


Europa wächst zusammen
Der Drehort an der belgisch-französischen Grenze
Die mobilen Zollkontrollen
Fließende Sprachgrenzen
Die Grenze im Kopf

Dany Boon über...
...Toleranz
...die belgischen Zollbeamten
...die französischen Zollbeamten
...die Restaurantbesitzer Irène und Jacques Janus
...die Schmuggler
...die Familie Vandevoor

Europa wächst zusammen

Als im Februar 1992 zwölf europäische Länder in Maastricht den „Vertrag über die Europäische Union“ unterschrieben, bedeutete dies einen vorläufigen Höhepunkt der seit Beendigung des Zweiten Weltkriegs von politischer Seite konsequent vorangetriebenen europäischen Integration. Ziel dieser Integration war es von Beginn an, zukünftige kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern, zunächst durch die zunehmende wirtschaftliche Verflechtung der europäischen Länder, der später auch die Abstimmung in außen- und sicherheits- sowie in justiz- und innenpolitischen Fragen folgen sollte.

Belgien und Frankreich gehörten, ebenso wie Deutschland, die Niederlande, Luxemburg und Italien, von Anfang an zu den Ländern, die diese Einigung maßgeblich vorantrieben. Andere kamen erst später hinzu: Irland, Dänemark und Großbritannien im Jahr 1973, Griechenland 1981, Portugal und Spanien im Jahr 1986. Diese 12 Länder gehörten 1992 zu den Unterzeichnern des „Maastricht-Vertrags“, in dem neben einigen anderen Dingen festgelegt wurde, dass am 1. Januar 1993 ein europäischer Binnenmarkt in Kraft treten sollte. So entstand ein europäischer Wirtschaftsraum ohne stationäre Grenzkontrollen, das heißt mit einem freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital.

1995 traten Schweden, Finnland und Österreich der EU bei, und 2004 kam es, nach dem Mauerfall, der Einführung des Euro und den weiteren politischen Umwälzungen in Osteuropa, mit dem Beitritt von 10 neuen Mitgliedsländern aus dieser Region noch einmal zu einer erheblichen Erweiterung der Europäischen Union, die 2007 mit dem Beitritt von Bulgarien und Rumänien ihren vorläufigen Abschluss fand.

Die Einführung des europäischen Binnenmarktes hat das Leben der EU-Bürger entscheidend verändert und das Zusammenwachsen Europas vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht stark gefördert. Neben der Ankurbelung des Wachstums und den damit verbundenen Vorteilen genießen die EU-Bürger heute vor allem auch die Freizügigkeit innerhalb Europas. So können sie nicht nur jederzeit für unbegrenzte Dauer in andere Mitgliedstaaten einreisen und sich dort niederlassen, sie können dort auch problemlos Beschäftigungsverhältnisse eingehen, ohne dafür eine Arbeitserlaubnis beantragen zu müssen.

Auch die bilateralen Beziehungen zwischen den Nachbarländern Frankreich und Belgien erfuhren durch die fortschreitende europäische Einigung eine Aufwertung. Mehr als 1.500 französische Unternehmen sind in Belgien niedergelassen und beschäftigen dort rund 200.000 Mitarbeiter. Hinzu kommt, dass ca. 25.000 Franzosen täglich zum Arbeiten nach Belgien fahren.

Während viele westeuropäische Erwachsene sich noch gut an die Kontrollen an innereuropäischen Grenzen und die damit verbundenen Staus, vor allem zu Ferienzeiten, erinnern können, ist für deren Kinder das Passieren ohne Grenzkontrolle längst selbstverständlich geworden. Kein Wunder, da es nun 18 Jahre her ist, dass die innereuropäischen Grenzkontrollen abgeschafft wurden. ■ Quelle: Prokino



Der Drehort an der belgisch-französischen Grenze

Entsprechend schwierig gestaltete sich für Dany Boon die Suche nach einem geeigneten Drehort für Nichts zu verzollen, denn die alten Grenzposten sind, wenn sie überhaupt noch existieren, seit fast zwei Jahrzehnten außer Funktion und ihre Umgebung hat sich in dieser Zeit stark verändert. Auch der Ort an der belgisch-französischen Grenze, auf den Boons Wahl schließlich fiel, befand sich seit 1993 in einer Art Dornröschenschlaf und musste für die Dreharbeiten, die dort im Februar und März 2010 stattfanden, sozusagen wiederbelebt und über eine Strecke von vierzig Metern mit zusätzlichen Bauten versehen werden.

Courquain/Koorkin, wie die beiden Ortshälften in Boons Film heißen, gibt es in der Realität so gar nicht. Diese Namen entstammen der Phantasie des Regisseurs. Die Szenen des Films, die in den Läden und Restaurants spielen, wurden in den sich an der Grenze gegenüberliegenden Orten Hirson-Forêt (Frankreich) und Macquenoise (Belgien) gedreht, wobei die Lokalitäten durch Umdekoration bzw. die Errichtung künstlicher Fassaden eigens erschaffen wurden.

Auch die Schranken an den Kontrollhäuschen mussten neu angebracht werden. Die Bewohner von Macquenoise, die sich längst mit der Bedeutungslosigkeit ihres Örtchens abgefunden hatten, konnten die Dreharbeiten nicht nur hautnah miterleben, sie begriffen auch schnell, dass sie nun allen Anlass hatten, sich der schönen Hoffnung auf zukünftige Touristenströme hinzugeben.

So wie die Kinozuschauer nach dem unglaublichen Erfolg von Willkommen bei den Sch'tis die Region Nord-Pas-de-Calais und das kleine Örtchen Bergues für sich als Reiseziel entdeckten, durften die Bewohner von Hirson-Forêt und Macquenoise hoffen, künftig die neuen „Wallfahrtsorte“ der zahlreichen Fans von Dany Boon und seinen Filmen zu werden – und sie wappneten sich entsprechend:

Seit dem Filmstart gibt es vor Ort einstündige Führungen zu den wichtigsten Schauplätzen des Geschehens – veranstaltet von französischen und belgischen Führern, die Anekdoten von den Dreharbeiten erzählen und die Besucherströme zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wie z.B. dem alten weißen R4, führen und sie natürlich auch in die umliegenden Geschäfte, Hotels und Restaurants lenken. Und so mancher Anwohner wird sich durch den Trubel vielleicht ein bisschen an alte Zeiten erinnert fühlen... ■ Quelle: Prokino



Die mobilen Zollkontrollen

Apropos alter R4: Die mobilen Zollkontrollen, die in Nichts zu verzollen aufgrund der ärmlichen Ausstattung der Beamten zunächst nur schleppend ins Rollen kommen, sind natürlich keine reine Erfindung des Filmemachers.

Der Wegfall der europäischen Binnengrenzen bedeutet mitnichten, dass der grenzüberschreitenden Kriminalität seit 1993 Tür und Tor geöffnet sind. Vielmehr wurde die Zusammenarbeit der Behörden zur Bekämpfung dieser Art von Verbrechen auf internationaler Ebene massiv ausgebaut und ist heute vor allem wegen der zunehmenden datentechnischen Vernetzung der Behörden wesentlich effektiver als noch zu Beginn der 1990er Jahre.

Zudem gibt es seit 1993 tatsächlich verstärkt mobile Einsatzgruppen, die Stichprobenkontrollen durchführen. Dabei dürfen die zuständigen Beamten bis zu dreißig Kilometer hinter der Landesgrenze Personen anhalten und auf Schmuggelware kontrollieren. Die französischen und belgischen Polizei- und Zollbehörden pflegen heute eine enge Kooperation, die durch immer wieder neue Abkommen geregelt wird. Eins davon betrifft die Verkehrssicherheit und soll das Eintreiben von Bußgeldern erleichtern, die auf von Radarfallen aufgezeichnete Verkehrsdelikte im jeweils anderen Land zurückgehen. ■ Quelle: Prokino



Fließende Sprachgrenzen

Vierzig Prozent der Belgier sind frankophon, d.h. sie haben Französisch als Muttersprache. Das belgische Französisch, neben Niederländisch und Deutsch offizielle Amtssprache in Belgien, unterscheidet sich nur wenig vom französischen Französisch, vor allem jedoch durch den Akzent. Darüber hinaus gibt es noch andere besondere Merkmale des belgischen Französisch, die sogenannten „Belgizismen“. Dies sind etwa die Bezeichnungen für bestimmte Zahlen. Die Zahl Siebzig heißt beispielweise im Standardfranzösischen „soixante-dix“, im belgischen Französisch jedoch „septante“.

Auch haben Belgier und Franzosen unterschiedliche französische Wörter für ganz alltägliche Begriffe wie den Regen, für das Telefonieren oder etwa für Mineralwasser mit Kohlensäure und vieles mehr. Ferner gibt es einige Unterschiede im Satzbau, bei Redensarten und sonstigen sprachlichen Traditionen. Außerdem haben sich im belgischen Französisch Wörter erhalten, die im französischen Französisch inzwischen durch andere Begriffe verdrängt oder ersetzt wurden. Solche „Archaismen“ sind typisch für Sprachgebiete in Randlage, Gebiete also, die eine große geographische Nähe zu anderen Sprachen aufweisen.

Aber das ist noch nicht alles. Ebenso wie die nordfranzösische Picardie eine eigene Regionalsprache entwickelt hat, das Picardische, auch „chti“ genannt, das Dany Boon in seinem letzten Film so liebevoll vorgeführt hat, existieren natürlich auch jenseits der Landesgrenze, in Belgien, Regionalsprachen. Im Unterschied zu Willkommen bei den Sch'tis setzt Boon bei Nichts zu verzollen weniger auf den Dialekt zur Erzielung komischer Effekte, obwohl auch das vorkommt, als vielmehr auf alte Rivalitäten und Ressentiments zwischen Belgiern und Franzosen und typische Klischees, wie die Bezeichnungen „Camemberts“ und „Franzacken“ für die Franzosen und „Frittenfresser“ für die Belgier anschaulich zeigen. ■ Quelle: Prokino



Die Grenze im Kopf

Käsköppe, Piefkes, Sauerkraut-, Spaghetti-, Döner-, Fritten-, Froschfresser: Welches Land hat sie nicht, die wenig liebevoll gemeinten Namen für die Mitmenschen im angrenzenden Nachbarland? Sie alle stammen noch aus der Zeit, in der es europäische Binnengrenzkontrollen gab. Aber die Abschaffung derselben hat wohl kaum dazu geführt, dass sich jetzt alle Europäer nur noch lieb haben und die Vorzüge des jeweiligen Nachbarlandes preisen.

Vorurteile sind so alt wie die Menschheit selbst, ebenso wie das Bedürfnis, Bestätigung und ein Gefühl der persönlichen Aufwertung daraus zu ziehen, dass man den Nachbarn kräftig durch den Kakao zieht – wenn er gerade nicht hinhört. Besonders häufig dürften wenig charmante Sprüche über europäische Nachbarn auf deutschen Autobahnen fallen. Schließlich wird Deutschland aufgrund seiner geografischen Lage besonders häufig von ausländischen Autofahrern durchquert, und wohl nirgends sind Ausländer so leicht zu identifizieren wie, anhand ihrer Nummernschilder, im Straßenverkehr. Gleichzeitig besitzen diese ausländischen Nachbarn die „Dreistigkeit“, „unsere“ Straßen zu „verstopfen“.

Während der brave deutsche Steuerzahler sich bei angespannter Verkehrs- und Nervenlage schon sicher ist, den Schuldigen für den letzten und auch den nächsten Stau gefunden zu haben, denkt er sich hinter dem Lenkrad kleine Gemeinheiten aus – zum Beispiel Holländerwitze wie diesen: „Was passiert mit Holländern, die zum zweiten Mal durch die Führerscheinprüfung gefallen sind? Sie bekommen ein gelbes Nummernschild!“

Auch wer sich für liberal, tolerant und weltoffen hält, dem kann es durchaus passieren, dass er seinem Ärger durch kleine Schmähreden oder Spitzen gegen andere Luft macht. Diese sind je nach Temperament und Frustlevel mal ernster und mal weniger ernst gemeint und führen nur in den seltensten Fällen auch zu Tätlichkeiten. Aber seien wir ehrlich: Wir alle kennen das.

Aus dem Wissen um diese menschliche Schwäche schlägt Dany Boon in Nichts zu verzollen auf seine unnachahmliche Art komisches Kapital. Sein Ruben Vandevoorde ist ein furchterregender Typ, ein Scheusal, ein brutaler und skrupelloser Verfolger all dessen, was ihm persönlich verdächtig erscheint. Und doch ist er zugleich eine durch und durch lächerliche Gestalt, die sich mit jedem fremdenfeindlichen Spruch bis auf die Knochen blamiert und sich in ihrem Geifern gegen alles Französische ständig Blößen gibt – denn in der Übertreibung, in die Poelvoorde und Boon diese Figur treiben, wird umso deutlicher, dass dieses cholerische Rumpelstilzchen in tausend Ängsten schwebt.

Je cholerischer Ruben seine Wut offenbart, desto deutlicher entblößt er seine abgrundtiefe Unsicherheit, seine nackte Angst davor, dass er im Grunde tatsächlich das unbedeutende kleine Licht ist, das zu sein er im Kopf nicht aushält. Der Gemütsmensch Mathias Ducatel, ein Alter Ego seines Erfinders, hat eine deutlich entspanntere Sicht auf die Dinge. Er nimmt sich selbst und andere nicht so ernst. Und weil das so ist, hat er etwas, was Ruben hundertprozentig abgeht: Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie.

Mathias hat erkannt, dass hinter Rubens wütendem Gebaren vor allem eine verborgene Unsicherheit steckt, und nutzt diese Erkenntnis zu einer glänzenden Volte: Indem er Ruben erklärt, dass das naserümpfende arrogante Gehabe der Franzosen doch im Grunde nur Ausdruck einer geschickt kaschierten Bewunderung für die Belgier allgemein und ihn im Besonderen sei, nimmt er Ruben im Handstreich die Angst davor, kritischen Blicken nicht standzuhalten, und gibt ihm ein solches Übermaß an Bestätigung, dass er eigentlich fast daran ersticken müsste. Ruben saugt die (falsche) Bestätigung auf wie ein Schwamm – und macht sich einmal mehr lächerlich, indem er den zuvor angeblich größten Feind spontan zu seinem Freund erklärt.

Auch wenn es hier vordergründig um einen für die Welt völlig belanglosen Konflikt in einem unbedeutenden französisch-belgischen Grenzort geht, gelingt es Dany Boon in Nichts zu verzollen, wie auch bereits im Vorgängerfilm Willkommen bei den Sch'tis, ein universelles Thema anzuschneiden. Wir alle erkennen uns wieder in den Figuren dieses Films, weil wir die gleiche Schwäche teilen, egal ob wir Deutsche, Holländer, Franzosen, Österreicher, Italiener, Belgier oder welcher Nationalität auch immer sind. Wir erkennen uns und freuen uns darüber, herzhaft über uns lachen zu dürfen. Und vielleicht erleichtert es uns auch ein wenig, dass es anderen Nationen genauso geht wie uns, sodass wir uns bei aller Fremdheit und allen Vorurteilen doch auch wieder ein kleines bisschen mehr mit ihnen verbunden fühlen.

Und noch etwas: Die beginnenden 1990er Jahre sind zwar nicht das Jahr 50 v. Chr. und Courquain/Koorkin ist auch kein „von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf“, aber ein wenig erinnern dieser kleine Weltausschnitt aus Nichts zu verzollen und insbesondere die kleine Schar von Zollbeamten, die sich gegen das Unvermeidliche, nämlich die Öffnung der Grenzen, stemmt, doch an die beliebten Gallier, die nicht aufhören „dem Eindring Widerstand“ zu leisten. Und gerade unser Wissen darüber, dass ihr Protest ebenso unsinnig wie vergeblich ist, lässt sie uns auch rührend erscheinen, egal wie verblendet, unbeholfen und dumm sie sich anstellen.

Dany Boon führt uns zurück in eine Zeit, die noch nicht lange vergangen ist und doch bereits ungeheuer weit weg erscheint. Wir wünschen sie uns zwar nicht unbedingt zurück, aber es stimmt uns doch ein wenig melancholisch, wenn wir beim Anschauen von Nichts zu verzollen an all jene Ferien erinnert werden, in denen wir neben Zahnbürste, Schwimmflossen, Pass und fremder Währung immer auch eine Extrastunde Zeit für den Stau an der Grenze im Gepäck hatten. ■ Quelle: Prokino



© Prokino/Pathé

Dany Boon über Toleranz

Mein Vater war Kabyle, meine Mutter stammt aus Nordfrankreich, und ein Teil der Familie meiner Mutter hat meinen Vater nicht akzeptiert. Dabei gehörte die Kabylei damals noch zu Frankreich! Meine Mutter war 17 Jahre alt, als sie schwanger wurde.

Kurz und gut: Die Liebesgeschichte, die meine Eltern gelebt haben, war ziemlich kompliziert. Und davon erzähle ich. Im Übrigen habe ich mich in dem Film Ducatel genannt, das ist der Name meiner Mutter. Und in den Scht'is hieß ich Bailleul, das ist der Name meiner Urgroßeltern. Weil mein Großvater meine Mutter nicht mehr sehen wollte. Ich habe ihn daher nur ein einziges Mal getroffen, das war alles – und er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen! Das war ein sehr kurzer Kontakt! Und zugleich war er das Opfer seines Schmerzes, seiner Dummheit, seiner Fehlurteile und seiner Vorurteile, seiner Blödheit.

Das ist der Grund, warum ich nichts durchgehen lasse. Wenn ich rassistische Bemerkungen höre, dann gehe ich auf die Leute los. Aber solche Geschichten gibt es in allen Familien. Ich erzähle diese Geschichte nicht umsonst zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere und meines Lebens.

Weil ich selbst auch diesen Schritt gemacht habe, gegenüber der Familie meiner Frau: Ich bin katholisch aufgewachsen, meine Frau jüdisch, und ich bin zum Judentum übergetreten, weil sie in der Synagoge heiraten wollte. Das war ihr wichtig; und ich habe es aus Liebe getan. Ich erziehe meine Kinder in einer Art Pluralismus. Es ist mir wichtig, ihnen zu sagen: »Ihr seid eine Mischung aus vielen verschiedenen Dingen.« Das stellt einen Reichtum dar und es lehrt sie Toleranz. ■ Quelle: Face aux lecteurs: Dany Boon. Studio Ciné Live



Dany Boon über die belgischen Zollbeamten

Da der von Benoît Poelvoorde dargestellte Zollbeamte Ruben Vandevoorde zur Gewalttätigkeit neigt, musste ich einen Gegenpol setzen und ihn mit anderen Figuren umgeben, damit nicht der Eindruck entsteht, alle Belgier seien wie er! So gibt es beispielsweise seinen Vorgesetzten Willems, gespielt von Eric Godon. Er ist der Einzige, der Ruben Vandevoorde in die Schranken verweisen kann, und er soll für die große Mehrheit der Belgier stehen.

Außerdem und vor allem habe ich deswegen die Rolle eines naiven Zollbeamten mit eher kindlichem Gemüt entwickelt: Bruno Vanuxem. Er ist überhaupt nicht aufbrausend und teilt ganz und gar nicht die fremdenfeindlichen Theorien des Mannes, den er trotz allem seinen Freund nennt. Er trägt eine Uniform und eine Kappe, die zu groß für ihn ist. Er ist immer ein bisschen tollpatschig, wie ein verkleidetes Kind, das keinen besonders ausgeprägten Realitätssinn hat.

Für diese Rolle habe ich Bouli Lanners ausgewählt, dessen Arbeit ich bewundere, einschließlich seines Films Eldorado, bei dem er selbst Regie geführt hat. Wie der Zufall es wollte, war sein eigener Vater tatsächlich beim Zoll gewesen! Er kannte sich in diesem Milieu also aus. Als er zwölf war, hat sein Vater ihn manchmal ins Wachhäuschen gesetzt, während er ein Nickerchen machte, und ihm aufgetragen, ihn nicht zu wecken – es sei denn, jemand in Uniform würde sich nähern.

Benoît und ich bilden ein Duo. Über diese beiden Figuren wird auch erzählt, wie sich der Beruf des Zollbeamten mit der Zeit verändert hat. Anders als Bruno Vanuxem ist Ruben Vandevoorde, eben weil er ein bisschen verrückt ist, bestens für die anstehenden Aktionen und Abenteuer seines Jobs nach der Schließung der Zollstation gerüstet. Denn von diesem Zeitpunkt an werden aus bürokratischen Zollbeamten, die ihren Dienst am Schreibtisch verrichteten, Super-Cops im Außeneinsatz, die ständig irgendwelchen Drogenschmugglern auf den Fersen sind. ■ Quelle: Prokino



Dany Boon über die französischen Zollbeamten

Sie bilden das Pendant zu den belgischen Zöllnern. Sie sind beispielsweise alle bereit, in einen Streik gegen die Schließung ihrer Zollstation zu treten, nur wissen sie nicht, wie sie dabei vorgehen sollen. Ich habe mir ihren Vorgesetzten Mercier, dargestellt von Philippe Magnan, als eine lustlose Figur vorgestellt.

Mercier ist unmittelbar von einem Zollbeamten inspiriert, den ich getroffen habe. Er erzählte mir von den unvermeidlichen Veränderungen in seinem Beruf, die ihm einige ziemlich schwierige Momente beschert hätten, wie zum Beispiel die Umstellung auf EDV. Er akzeptierte sie zwar, aber allein schon der Gedanke daran erschöpfte ihn.

Der Vorgesetzte in Nichts zu verzollen steht kurz vor seiner Pensionierung und will eigentlich nur noch eins: dass man ihn verdammt noch mal in Ruhe lässt! Die, die ihm unterstellt sind, gespielt von Nadège Beausson-Diagne, Zinedine Soualem und Guy Lecluyse, haben die kleinsten Rollen, aber sie sind trotzdem wichtig.Wie ihre belgischen Pendants gehören sie zu den Letzten einer aussterbenden Spezies. Man spürt, dass sie eine zusammengeschweißte Truppe sind, aber es werden immer weniger. ■ Quelle: Prokino



© Prokino/Pathé

Dany Boon über die Restaurantbesitzer Irène und Jacques Janus

Mit dem französisch-belgischen Ehepaar, das das Restaurant „No Man's Land“ führt, wollte ich zeigen, was mit denen passierte, deren Betriebe durch die Schließung der Grenzstationen auf der Strecke blieben. Plötzlich hält dort niemand mehr an! Sie stehen sinnbildlich für ein ökonomisches Modell, das im Verschwinden begriffen ist.

Aber auch ihre Ehe geht den Bach hinunter. Irène, die Wirtin und Jacques‘ Ehefrau, hat dieses Leben mit einem riesigen Ehrgeiz begonnen, doch die Arme hat schlichtweg auf das falsche Pferd gesetzt! [lacht] Sie hat ihren Mann sehr geliebt, aber er hat ihre Erwartungen nie erfüllt, und das wirft sie ihm vor. Jacques selbst begreift jedoch immer weniger, was sie von ihm will, und macht deswegen nur noch mehr Fehler. Es war interessant, diesem Paar dabei zuzusehen, wie es nach und nach verkommt und kriminell wird, um sein wirtschaftliches Überleben zu sichern.

Ich habe zunächst François Damiens angerufen, um ihm zu sagen, dass ich an einem Film über Frankreich und Belgien schreibe und mit ihm zusammenarbeiten wolle. Ich liebe seine Sketche mit der versteckten Kamera! Er hat zwei Jahre vor Beginn der Dreharbeiten zugesagt. Anfangs sah ich ihn eher in der Rolle des Bruno Vanuxem, die schließlich an Bouli ging, als in der des Restaurantbesitzers.

Aber je weiter ich mit dem Schreiben vorankam, desto klarer wurde mir, dass sich Boulis weiche Seite besser für den Zollbeamten eignet. François konnte ich mir hingegen sehr gut als einen Ehemann vorstellen, der unter dem Pantoffel seiner Frau steht. Am Set sind die beiden das exakte Gegenteil ihrer Rollen. Bouli ist ungeheuer präzise und François sehr sensibel.

Für die Rolle seiner Ehefrau fiel mir Karin Viard ein, nachdem ich mit ihr in Danièle Thompsons ►Affären à la Carte gespielt hatte. Wir hatten damals großen Spaß miteinander, und als ich ihr sagte, dass ich gern wieder mit ihr arbeiten würde, versprach sie mir, auf jeden Fall mitzumachen. Also rief ich sie, noch während ich am Drehbuch saß, an und bot ihr die Rolle der Frau des Restaurantbesitzers an, und sie sagte zu. Ich bin sehr froh – dieses Paar ist einerseits sehr realistisch, andererseits absolut komisch. ■ Quelle: Prokino



Dany Boon über die Schmuggler

Die Schmuggler sind ein paar Loser-Typen, die sich im Drogenhandel versuchen. Sie sind dazu da, dem Film eine noch komischere Komponente zu verleihen. Auch hier habe ich mich von echten Geschichten inspirieren lassen, die mir erzählt wurden. Wie zum Beispiel die eines Drogenkuriers, der sich tatsächlich mit Drogen im Körper erwischen ließ und sich aus der Sache herauszuwinden versuchte, indem er behauptete, keine Ahnung zu haben, wie die Drogen dort hingekommen seien! [lacht]

Für die Rolle des Schmugglerbosses Duval habe ich Laurent Gamelon ausgewählt, dessen Arbeit ich sehr mag und der auch in meinem ersten Film La Maison du Bonheur mitgewirkt hat. Er war perfekt für diese Figur, die ich als die Outlawversion von Karin Viards Rolle sehe. Er ist ebenfalls sehr ehrgeizig, aber seine „Mitarbeiter“ sind nicht ganz auf der Höhe.

Bruno Lochet spielt Tiburce, den sehr gutmütigen und einsatzbereiten Trottel in diesem Trio. Er hat so ein Marty-Feldman-Gesicht und strahlt eine unglaubliche Menschlichkeit aus. Dann ist da Laurent Capelluto, der La Balle, das schwache Glied der Gruppe spielt. Ich musste lange suchen, um dieses seltene Kleinod zu finden. Da er nicht viele Szenen hat, muss das Publikum auf Anhieb mitkriegen, dass er ein kompletter Idiot ist.

Ich hatte mir irgendwann mal vorgestellt, er müsste aus Osteuropa kommen, aber dann habe ich entschieden, dass es besser ist, wenn er einfach nur komplett unkultiviert ist. Michel Boujenah hat Laurent vorgeschlagen. Die beiden hatten zusammen 2009 in Emmanuel Salingers La grande Vie gespielt. ■ Quelle: Prokino



© Prokino/Pathé

Dany Boon über die Familie Vandevoorde

Ruben, der Figur von Benoît, habe ich eine Schwester an die Seite gestellt, die heimlich in einen französischen Zöllner verliebt ist. Dann gibt es da noch ihren Vater, der ebenso fremdenfeindlich ist wie Rubens Charakter. Außerdem gibt es Rubens Frau Olivia und seinen kleinen Sohn, dem er seine probelgischen und antifranzösischen Ideen nahezubringen versucht – jedoch vergeblich, was die Figur zusätzlich noch ein wenig abmildert.

Ich habe einen langen Castingprozess durchlaufen, um Benoîts Schwester Louise zu finden. Ich dachte an bekannte Schauspielerinnen für die Rolle, aber dann hat Julie Bernard sich in der letzten Runde durchgesetzt, als nur noch sieben „Finalistinnen“ übrig waren. So unglaublich einem das vorkommen mag, wenn man sie auf der Leinwand sieht: Nichts zu verzollen ist ihr Filmdebüt. Ihre Probeaufnahmen haben mich davon überzeugt, dass sie die perfekte Wahl für diese Rolle ist, aber ich hatte natürlich trotzdem Bedenken, weil sie noch nie einen Film gedreht hatte.

Es besteht ein großer Unterschied zwischen guten Probeaufnahmen und gutem Spiel am Set. Man darf sich nicht von dem umfangreichen Stab einschüchtern lassen und muss starken Persönlichkeiten wie Benoît Poelvoorde und Bouli Lanners die Stirn bieten können. Kurz: Man muss seinen Platz finden. Am ersten Drehtag war Julie noch sehr nervös, aber danach war sie phantastisch. Ihr Spiel hat mich vor allem deshalb beeindruckt, weil sie eine große Bandbreite von Emotionen darstellen musste – von lustigen Momenten über Wut bis hin zu Tränen...

Während der gesamten Dreharbeiten sprudelte Julie nur so vor Ideen, und sie hatte genau die richtige Vorstellung von ihrer Figur. Generell finde ich, dass es für einen Mann sehr schwer ist, eine Frauenrolle zu schreiben. Ich habe jedenfalls immer das Gefühl, zu nah am Klischee zu sein, und höre genau auf Reaktionen und Kommentare. Und Julie hatte den Mut, zu mir zu kommen und mir zu sagen, was für sie nicht funktionierte.

Auch den Schauspieler, der den Vater von Ruben und Louise spielt, Jean-Paul Dermont, habe ich durch Vorsprechen gefunden. Er hat eine Stimme wie Brasseur, nur mit einem belgischen Akzent. Ich konnte mir niemanden außer ihn in dieser Rolle vorstellen. Schließlich gab es noch eine Reihe von Vorsprechproben, bis ich schließlich Benoîts Sohn Leopold, Joachim Ledeganck, gefunden habe. Mit Kindern verfahre ich immer gleich in solchen Situationen – ich suche mir ein paar aus und lasse sie eine Szene vorspielen, die sie gelernt haben.

Ich lasse sie erst einmal vorspielen, dann reden wir und ich gebe ihnen eine Anweisung. Wenn sie diesen Hinweis beherzigen, weiß ich, dass sie spielen können und es auch mögen. Denn es gibt nichts Schlimmeres als einen Kinderdarsteller, der von seinen Eltern in etwas hineingedrängt wird. Schon beim Vorsprechen war Joachims Spiel authentisch. Er kann sich gut konzentrieren und hat sich darüber hinaus alles gemerkt, worum ich ihn gebeten hatte. Da wir die Szene mit Ruben und seinem Sohn unter dem Sternenhimmel in zwei Nachtdrehs einfangen wollten, hatte ich Angst, dass er zu schnell müde werden würde. Für mich ist das eine der wichtigsten Szenen des Films. ■ Quelle: Prokino

Komödie
F 2011
107 min


mit
Benoît Poelvoorde (Ruben Vandevoorde) Frank Röth
Dany Boon (Mathias Ducatel) Olaf Reichmann
Julie Bernard (Louise Vandevoorde) Anna Carlsson
Karin Viard (Irène Janus) Kathrin Zimmermann
François Damiens (Jacques Janus) Dennis Schmidt-Voß
Bouli Lanners (Bruno Vanuxem) Michael Iwannek
Philippe Magnan (Mercier) Peter Reinhardt
Nadège Beausson-Diagne (Nadia Bakari) Karen Schulz-Vobach
Zinedine Soualem (Lucas Pozzi) Viktor Neumann
Éric Godon (Willems) Helmut Gauß
u.a.

drehbuch
Dany Boon
Yaël Boon

musik
Philippe Rombi

kamera
Pierre Aïm

regie
Dany Boon

produktion
Pathé
Les Productions du Ch'timi
TF1 Films Production
Scope Pictures
Canal+
CinéCinéma
CNC
Région Wallone
SCOPE Invest

verleih
Prokino

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