Mein liebster Alptraum - Interview mit Isabelle Huppert
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Die am 16. März 1953 in Paris geborene Isabelle Anne Huppert, Tochter eines Sicherheitsingenieurs und einer Englischlehrerin, nahm mit 14 Jahren am Conservatoire de Versailles Schauspielunterricht, dem Kurse bei Schauspieler und Regisseur Jean-Laurent Cochet folgten und der Beginn einer Theaterkarriere.
1971 gab sie ihr Filmdebüt in Faustine et le bel été. Zu den frühen Höhepunkten ihrer Filmkarriere zählen Die Ausgebufften, Der Richter und der Mörder und Die Spitzenklöpplerin. Spätere Filme verfestigten ihren Ruf als Darstellerin tiefgründiger Charaktere, deren zerbrechliche Erscheinung mit ihrer Willensstärke kontrastiert, so z.B. Die Kameliendame. Wiederholt drehte sie unter der Regie von Claude Chabrol, mehrfach spielte sie auch unter der Regie von Michael Haneke, wofür sie zuletzt für die Rolle der Erika Kohut in Die Klavierspielerin bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.
1980 versuchte sie den Sprung nach Hollywood. Michael Ciminos Spätwestern Heaven’s Gate geriet jedoch zu einem der größten Flops der Filmgeschichte. Amerikanische Filme blieben die Ausnahme. So drehte sie 1987 Das Schlafzimmerfenster, im Jahr 1994 Amateur von Regisseur Hal Hartley und im Jahr 2004 I ♥ Huckabees. Im Mai 2009 übernahm Huppert bei den 62. Internationalen Filmfestspielen von Cannes das Amt der Jurypräsidentin. Bereits 1984 war sie neben Michel Deville und Stanley Donen unter der Leitung des britischen Schauspielers Dirk Bogarde Mitglied der Wettbewerbsjury in Cannes gewesen.
Parallel zu ihrer Filmarbeit trat Huppert auch immer wieder als erfolgreiche Theaterschauspielerin in Erscheinung. Auf französischen und europäischen Bühnen übernahm sie sowohl Hauptrollen in klassischen Stücken wie Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ und Schillers „Maria Stuart“, als auch in zeitgenössischen Stoffen wie Sarah Kanes „4.48 Psychose“, Heiner Müllers „Quartett“, Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ oder Krzysztof Warlikowskis „Un Tramway“.
Für die Titelrollen in „Un mois à la campagne“, Virginia Woolfs „Orlando“, „Medea“ und Ibsens „Hedda Gabler“ wurde sie insgesamt fünfmal für den Molière als Beste Hauptdarstellerin nominiert, konnte den wichtigsten französischen Theaterpreis bisher aber nicht gewinnen. Als Sängerin zeichnete Huppert gemeinsam mit Jean-Louis Murat für den Liederzyklus „Madame Deshoulières“ verantwortlich, sie übernahm ein Jahr später auch einen Gesangspart in dem Film 8 Frauen.
Isabelle Huppert gewann zahlreiche Preise, darunter 1996 den César für die beste Darstellerin für ihre Rolle der Jeanne im Film Biester von Claude Chabrol. Sie wurde bisher zwölfmal und damit häufiger als jede andere Schauspielerin für den César nominiert. 2002 erhielt sie zusammen mit ihren sieben Partnerinnen einen Silbernen Bären bei der Berlinale für den Kassenschlager 8 Frauen und wurde 2006 erneut für den Goldenen Bären in ihrem Film Geheime Staatsaffären nominiert.
Wie würden Sie Ihre Figur Agathe beschreiben?
Agathe ist dem Anschein nach fest in ihrer sozialen Stellung verwurzelt. Sie arbeitet in der Kunstszene und wirkt selbstsicher in jeder Situation. Sie ist gut organisiert und hyperaktiv. Sie erzieht ihren Sohn distanziert und hat sich mit einer langjährigen Beziehung abgefunden, in der die Partner einander nicht mehr viel zu sagen haben. In allem was sie tut, steckt eine bestimmte Logik, aber sie bleibt uns doch ein Rätsel. Ihre wohlgeordnete Existenz scheint auf den ersten Blick vollkommen gefühlsleer.
Aber nur auf den ersten Blick, denn allmählich öffnet Agathe sich.
Sie hat eine Fassade aufgebaut, die nur darauf wartet zusammenzubrechen. Als sie Patrick trifft, weist sie ihn zurück, weil er aus einer ganz anderen Welt zu kommen scheint und sie es nicht gewohnt ist, ihrer Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken. Doch bald schon ziehen die Frivolität und der Eskapismus dieses Eindringlings sie an. Ihre Begegnungen wirken wie ein Katalysator, der ihr die Trostlosigkeit ihrer eigenen Existenz noch deutlicher aufzeigt.
Zu Beginn freilich leben Patrick und Agathe in getrennten Welten. Seine Ausdrucksweise, sein sehr schmutziges Sprechen über Sex wirken wie Gewalt auf Agathe. Der Zusammenprall von Gegensätzen ist eine der Grundstrukturen der Komödie, doch Anne Fontaine nutzt diese, um den Film in ganz andere Bereiche zu tragen.
Mein liebster Alptraum spielt gerne mit Klischees. Ist es das, was Sie an dem Film mochten?
Anfangs denkt man vielleicht, dass die Figuren sich auf ihr Erscheinungsbild reduzieren lassen, aber man merkt schnell, dass die Dinge komplexer liegen. Sogar Klischees, egal ob offene oder verborgene, geraten ins Wanken. Nichts ist von vorneherein festgelegt in Mein liebster Alptraum.
In den ersten Szenen wirkt Ihr Charakter sehr unsympathisch.
Das ist noch gelinde ausgedrückt. Aber mit dem Fortschreiten der Handlung ändert sich alles. Die Figuren bekommen mehr Tiefe, mehr Subtilität, mehr Wahrheit. Der effektive Humor in Mein liebster Alptraum ist kein Selbstzweck, sondern er hilft, Gemeinplätze und Grenzen zu überwinden. Auf eine bestimmte Art und Weise bringt der Film die Welten des Intellekts und der Sinne zueinander, ohne dies je ausdrücklich zu machen. Diese Konzepte an sich sind ja schon Riesenklischees.
Die Fotoaufnahme fungiert als Medium der Annäherung von Patrick und Agathe. Oberflächlich gesehen, symbolisiert die Kunst alles, was sie voneinander trennt, kulturell, sozial, finanziell. Aber dank der Kunst finden die beiden zusammen. Die Kunst steht nicht länger für eine Spaltung oder einen Klassengegensatz, sondern für eine emotionale Annäherung. Die Zerstörung elitären Denkens ist ein wunderbar utopisches Ziel für eine Komödie.
Wollten Sie schon lange einmal mit Anne Fontaine zusammenarbeiten?
Wir wollten schon eine ganze Weile lang einen gemeinsamen Film machen. Mir gefällt, wie frei sie von einem Genre zum anderen wechselt, das ist eine beinahe britische oder amerikanische Herangehensweise. Mir ist als erste ihrer Arbeiten Eine saubere Affäre aufgefallen, ein sehr verstörender, undurchdringlicher Film. In In seinen Händen ließ sie Benoît Poelvoorde andere Facetten seines schauspielerischen Könnens aufzeigen. Sie befasst sich auch gerne mit leichteren Stoffen, wandelt dabei aber nie auf ausgetreten Pfaden. Sie spielt mit den Konventionen der jeweiligen Genres, in ihrem Universum gibt es immer Seltsamkeiten.
Agathe verkörpert perfekt die Attitüde der „bürgerlichen Bohemiens“. Wurden Sie dabei von bestimmten Situationen oder Menschen inspiriert?
Eigentlich nicht. Man muss sich nur in jeden Kreis oder in jede Szene hineinbegeben, dann merkt man schnell, dass sich hinter den Posen und Attitüden ganz normale Menschen verbergen mit all ihren Schwächen, ihren Zweifeln und ihrer Individualität. Der Film beginnt mit dem Klischee einer bestimmten sozialen Gruppe als Grundlage für das Komödiantische, aber diese Schemata brechen schnell auf. So funktioniert der ganze Film bis zum Ende, das Anne mit ihrer Inszenierung und der Auswahl des Sets herrlich seltsam und unfassbar macht.
Sie haben jede Minute von Mein liebster Alptraum sichtlich genossen. Dabei ist Komödie nicht gerade das Genre, dem ihre Karriere am stärksten verbunden scheint.
Das sagen die Leute mir immer, wenn ich eine Komödie gedreht habe – was gar nicht so selten ist. Die Gegenüberstellung von Drama und Komödie ist aber eigentlich bedeutungslos. Man nimmt fälschlicherweise an, das Drama sei nuancierter und facettenreicher. Mein liebster Alptraum ist weder eine Burleske noch eine reine Komödie. Im Amerikanischen würde man es eine „romantic comedy“ nennen, mit allem, was das an Gefühl und Zerbrechlichkeit der Charaktere impliziert.
Es gibt eine große Bandbreite des Komödiantischen, auch in den Filmen, in denen ich selbst mitgespielt habe. Was haben etwa Sac de Nœuds von Josiane Balasko, Die Frau meines Kumpels von Bertrand Blier, Zwei ungleiche Schwestern von Alexandra Leclère, Copacabana von Marc Fitoussi und Mein liebster Alptraum gemeinsam? Gar nichts.
Sie haben zum ersten Mal mit Benoît Poelvoorde vor der Kamera gestanden.
Und es war definitiv eine angenehme Erfahrung, ich sage es ganz direkt: Wir hatten jede Menge Spaß bei der Arbeit. Neben seinen anderen Qualitäten hat Benoît einen großen Vorzug – sein Lachen ist selbstlos, es schließt den Anderen nie aus. Ich habe es genossen, mit ihm zu arbeiten und zu lachen und ich hoffe, er denkt genauso. Wenn’s nach mir ginge, könnten wir gleich wieder loslegen!
Auch mit André Dussollier haben Sie nie zuvor gearbeitet.
Richtig, obwohl wir einander schon eine Ewigkeit kennen. Wir sind beinahe wie eine Familie füreinander, auf jeden Fall stehen wir uns sehr nahe. Komischerweise waren wir noch nie gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Jetzt ist diese Scharte ausgewetzt, und wir spielen auch noch ein Paar, das schon lange zusammenlebt. André hat etwas sehr Subtiles, Zartes und gleichzeitig eine leise Traurigkeit, was alles in seinen Schauspielstil mit einfließt. Es war sehr schön, endlich einmal mit ihm drehen zu können. ■ mz | Quelle: Concorde
Mein liebster Alptraum - Interview mit Benoît Poelvoorde
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► Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Der 1964 im franko-belgischen Namur geborene Sohn einer Krämerin und eines Fernfahrers studierte bis zu seinem 17. Lebensjahr bei den Jesuiten und verließ dann das heimatliche Domizil, um seiner künstlerischen Ader zu folgen. An der ICT Félicien Rops in Namur begegnete er dem Filmemacher Rémy Belvaux, mit dem er später den Film Man bites Dog drehte. Er verfiel leidenschaftlich dem Theater und machte mit seinen untypischen Interpretationen auf sich aufmerksam. Trotz seiner Bestimmung als Zeichner übte er sich nebenbei in einer zweiten Aktivität - dem Fotografieren. Während seines Studiums visueller Kommunikation an der ERG (Ecole de Recherches Graphiques, Brüssel) drehte er mit Belvaux und André Bonzel, beide Studenten an der INSAS (L’Institut national supérieur des arts du spectacle et des techniques de diffusion), den Kurzfilm Pas de C4 pour Daniel Daniel (Kein C4 für Daniel Daniel).
Während ihrer Studienzeit drehten alle drei zusammen den Spielfilm Man bites Dog, der 1992 in die Kinos kam. Aus einem Testfilm wurde ein Meisterwerk, das schon bald zum Kultfilm avancierte. Danach trat Poelvoorde in Café-Theatern auf und spielte dann in der Sketchserie Jamais au grand jamais und der Comedyserie Les Carnets de monsieur Manatane. Ab 1997 drehte er eine Reihe von Filmen, u.a. Singles unterwegs, Ball & Chain - Zwei Nieten und sechs Richtige, Die wunderbare Welt des Gustave Klopp sowie 2008 Asterix bei den Olympischen Spielen und Louise hires a Contract Killer.
2002 erhielt er den Jean-Gabin-Preis, der an die besten Nachwuchsschauspieler verliehen wird. 2004 war er Mitglied der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes, wo er auf Quentin Tarantino stieß, der sich als Fan von Man bites Dog erklärte. Benoît Poelvoorde ist außerdem mit Jean-Claude van Damme befreundet, mit dem er in Die wunderbare Welt des Gustave Klopp agieren konnte. Die Bewerbung seiner Filme fokussierte er mehr aufs Internet, da er das Fernsehen „mit seinen Wiederholungen für überholt“ ansieht. Der Schauspieler, der sich nie zurückhält, ließ sich im November 2008 kurzzeitig wegen Depressionen in einem psychaitrischen Krankenhaus in Namur behandeln, um kurze Zeit später in Anne Fontaines Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft wieder vor der Kamera zu stehen. Zuletzt war er in der Komödie ►Nichts zu verzollen zu sehen.
Wie würden Sie Ihre Figur Patrick beschreiben?
Er handelt nach seinem Instinkt, alles hat bei ihm eine gewisse Dringlichkeit. Es geht immer um das Hier und Jetzt. Er holt sich seine Genugtuung da, wo er sie gerade bekommt, wann immer möglich. Dies ist auch der Grund für sein Alkoholproblem. Über die Konsequenzen seiner Handlungen macht er sich offenbar keinerlei Gedanken. Doch später im Film wird deutlich, dass er eine sehr viel komplexere, nuancierte Figur ist, die hinter diesem Leben für den Moment eine sorgenvolle Seite verbirgt. So verhält sich das wohl immer mit impulsiven Charakteren.
Identifizieren Sie sich mit ihm?
Überhaupt nicht, und schon gar nicht mit seinem Umgang mit Frauen! Als Darsteller handle auch ich instinktiv, aber nicht im echten Leben. Patrick ist eher so wie mein Bruder. Davon habe ich Anne erzählt, und ein wenig ist dies auch ins Drehbuch eingeflossen.
Dies ist, nach In seinen Händen und Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft, Ihre dritte Zusammenarbeit mit Anne Fontaine. Sie verstehen sich offensichtlich außerordentlich gut.
Sie kennt mich sehr gut und Sie zeigt eine große Nachsicht und Güte mir gegenüber – ob als Mensch oder als Schauspieler. So kann sie mich an Orte mitnehmen, an die ich nicht mit jedem gehen würde. Unser Verhältnis ist eigenartig, es hat gleichzeitig Züge von Mutter- und Geschwisterliebe, von Freundschaft und Leidenschaft. Sie holt, wie aus vielen anderen Schauspielern, so auch aus mir das Beste heraus. Darum ist sie bei den Darstellern so beliebt.
Eigentlich ist das keine große Überraschung, Schauspieler handeln häufig aus dem Bauch heraus. Ich weiß, dass sie unsere Zusammenarbeit an Mein liebster Alptraum besonders schätzte, weil ein wenig von ihr und von mir in die Geschichte eingeflossen ist. Ein wenig des Humors verdankt sich meiner Welt, aber die Behutsamkeit und der Respekt vor den Figuren zeigt, dass es sich um einen Film von Anne Fontaine und von niemand anderem handelt.
Sie vertrauen einander anscheinend sehr.
Sie ist die einzige Person, für die ich eine Szene auch noch zum 40. Mal wiederholen würde. Sie lässt nicht zu, dass ich untergehe, sie verhindert, dass ich Durchschnitt abliefere. Sie sieht in mein Innerstes und weiß, wie sie Ungewöhnliches aus mir herauskitzeln kann, wie man in In seinen Händen und Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft sehen kann. Mein liebster Alptraum schien schon eher bekanntes Territorium für mich zu sein, aber das machte es nicht unbedingt einfacher.
Anne ist ganz anders als ich, aber wir mögen einander sehr, und daher arbeiten wir auch gut zusammen. Wir machen auf jeden Fall noch einen vierten gemeinsamen Film, und danach vielleicht noch mehr. Das Angebot, in einem Film von Anne mitzuspielen, würde ich niemals ablehnen, und wenn ich nur eine Kerze im Hintergrund eine Szene zu halten hätte. Wir sind wahre Freunde. Das ist erwähnenswert, weil es so etwas selten genug gibt.
Haben Sie vor den Dreharbeiten viel geprobt?
Wir haben viele Drehbuchlesungen gehalten, um an meiner Figur zu feilen. Ich habe einige kleine Verbesserungsvorschläge angebracht, da ich mich zufällig mit Partys und Belgien ganz gut auskenne! [lacht] Ich habe bislang immer so mit Anne gearbeitet, es hilft mir sehr dabei, mich auf den Dreh vorzubereiten. Manche Filme, und dazu gehören die von Anne, verlangen mehr Einsatz als andere.
Mein liebster Alptraum lebt nicht von der schieren Menge an Gags und Schauspielern, die die Sau rauslassen. Im Film geht es um Dosierung und Balance. Und ich wusste, dass ich mit Isabelle Huppert und André Dussollier, mit zwei großartigen Darstellern, zusammenarbeiten würde. Da durfte ich nichts vermasseln, und die Proben haben mir sehr geholfen.
Hat es Sie eingeschüchtert, in den meisten Szenen gemeinsam mit der großen Isabelle Huppert spielen zu müssen?
Als mir Anne am Anfang erzählte, sie wolle tatsächlich einen Film mit Isabelle und mir machen, konnte ich es kaum glauben. Es war furchteinflößend, also redete ich mir ein, es würde sicher gar nicht erst dazu kommen. Anne erzählte mir sehr früh von dem Projekt, eine Woche vor dem Start von Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft. Ich dachte mir, sie wird sich einer anderen Aufgabe zuwenden und basta. Doch dann hatte ich irgendwann ein Exposé in der Hand, dann eine Szenenabfolge, damit wurde es langsam Ernst. Ich traf Isabelle zum ersten Mal bei einem Abendessen, das mein Agent vereinbart hatte.
Einen Monat zuvor hatte ich Die Klavierspielerin gesehen, wo sie eine Atem beraubende Leistung ablieferte, die für mich Maßstäbe gesetzt hat, den Höhepunkt ihrer Schauspielkunst. Wir saßen beim Abendessen nebeneinander, aber niemand von uns sprach. Sie ist sehr schüchtern, ich eigentlich weniger. Dann wurden die ersten Drehtermine bekanntgegeben. Eine Woche vor Drehstart gab es keine Zweifel mehr, wir mussten die Sache durchziehen!
Ich muss zugeben, ich war förmlich gelähmt vor Angst. Aber dann war alles unglaublich einfach, aus einem Grund: Isabelle liebt das Schauspielen. Sie kann eine Szene 20 oder 30 Mal spielen und ist jedes Mal hervorragend. Damit verbessert sie auch deine eigene Leistung. Sobald man diese Professionalität und Hingabe versteht, muss man nur noch mit einsteigen und sich von ihr tragen lassen.
Isabelle Huppert sagt, sie würde sehr gerne wieder mit Ihnen drehen.
Ich auch mit Ihr! Isabelle ist wie eine Stradivari. Wenn ein Filmemacher weiß, wie man Geige spielt, kommt kein einziger falscher Ton dabei heraus. Es ist eine Ehre, mit ihr zu arbeiten. ■ mz | Quelle: Concorde
Mein liebster Alptraum - Interview mit Anne Fontaine
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► Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
1959 als Fontaine Sibertin-Blanc in Luxemburg geboren, wuchs sie bei ihrem Vater in Lissabon auf, der dort Musikprofessor und Orgelspieler in einer Kathedrale war. Als Jugendliche zog sie nach Paris, um Tanzunterricht bei Joseph Russillo zu nehmen, während sie ihre akademische Bildung fortsetzte, wozu auch Philosophie gehörte. 1980 wurde sie von Robert Hossein entdeckt und spielte die Esmeralda in einer Bühnenversion von „Der Glöckner von Notre-Dame“. Um mit einem gängigen Namen mehr Aufträge zu bekommen nannte sie sich in Anne Fontaine um und spielte kleinere Rollen in Filmen wie Zärtliche Cousinen und P.R.O.F.S… und die Penne steht Kopf. Erste Regieerfahrungen sammelte sie 1986 bei der Bühnenfassung von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ am Renaud-Barrault Theater.
Ihr erster Film in Alleinregie, Liebesgeschichten enden im Allgemeinen böse, gewann 1993 den Jean-Vigo-Preis. 1995 drehte sie mit ihrem Bruder Jean-Chrétien Sibertin-Blanc in der Titelrolle die Komödie Augustin, der 1999 in Augustin, Kung-Fu-König und 2006 in Nouvelle Chance erneut in die Rolle schlüpfte. 1997 erhielt ihr Film Eine saubere Affäre bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis für das beste Drehbuch und wird allgemein als Meilenstein auf Fontaines Weg gesehen, „eine bedeutende Figur im zeitgenössischen französischen Kino“ zu werden. Ihre Filme lassen sich nicht so einfach Kategorisieren. Oft wird von „psychologischem Drama“ gesprochen. Zu ihren weiteren Werken gehören Nathalie - Wen liebst Du heute Nacht? und Das Mädchen aus Monaco.
Mein liebster Alptraum ist nach In seinen Händen und Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft die mittlerweil dritte Zusammenarbeit Fontaines mit dem belgischstämmigen Schauspieler Benoît Poelvoorde (►Nichts zu verzollen).
Wie entstand Mein liebster Alptraum?
Ich wollte schon seit einigen Jahren einen Film über ein Paar machen, das nicht zusammenpasst. Mit Benoît Poelvoorde, mit dem ich schon In seinen Händen und Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft gedreht habe, pflege ich eine langjährige Bekanntschaft – und ich wollte unbedingt einmal mit Isabelle Huppert arbeiten. Mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten und den Bildern, die damit verbunden sind, schienen sie perfekt, um zwei so gegensätzliche Charaktere wie Patrick und Agathe zu spielen, die sich einander dann jedoch ganz bedächtig öffnen.
Die Auswahl der Darsteller war also ein Schlüsselelement.
Ich wollte die beiden – und niemanden sonst. Sie würden dem Film die nötige Authentizität verleihen, wobei an der Beziehung ihrer Figuren natürlich nichts „gewöhnlich“ oder „normal“ ist. Und es gab noch ein entscheidendes Element, das mit einer persönlichen Erfahrung verbunden ist.
Welche Erfahrung war das?
Vor einigen Jahren brachte mein Sohn einen Freund mit nach Hause, der auf mich wirkte, als sei er von einem fremden Planeten. Mein Sohn erklärte ihn zu seinem besten Freund, und ich fragte mich: Warum nur wirkt dieses Kind derart einsam? Alles an ihm schien geheimnisvoll. Dann traf ich seinen Vater, eine exzentrische Figur, der in sehr prekären Verhältnissen lebte, sich aber keineswegs als Opfer begriff. Ich begann darüber nachzudenken, wie sich wohl eine Beziehung zwischen zwei derart unterschiedlichen Familien entwickeln würde, die mehr oder weniger zufällig durch ihre Kinder zusammengebracht worden waren. Die Kindheit ändert die sozialen Codes, sie stellt unsere Vorurteile infrage und unsere Wahrnehmung von Status und Klasse. Wobei ich dem jetzt in diesem Fall nicht weiter nachgegangen bin.
Aber Sie nutzten es als Grundlage für den Film?
Was ich im echten Leben nicht genau analysiert habe, beschwor ich für die Fiktion herauf – all die Vorstellungen von sozialen Beziehungen, von kulturellen Einstellungen, von Schuld. Ein guter Stoff für eine Komödie! In diesem Genre habe ich bisher nur vorsichtige Gehversuche gemacht, etwa in Das Mädchen aus Monaco, dessen letzte 15 Minuten ihn dann doch zu einem psychologischen Drama machten, ganz so, als schrecke ich davor zurück, eine waschechte Komödie zu drehen. Dieses Mal wollte ich das komödiantische Konzept durchziehen und den humoristischen Blick bis zum Ende beibehalten. Das wollte ich gemeinsam mit meinem Co-Autoren Nicolas Mercier erreichen, mit dem ich zum ersten Mal zusammengearbeitet habe.
Diese Komödie erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit.
Eine Liebe, die im echten Leben wahrscheinlich chancenlos wäre, aber in einer Komödie kann man Utopien entstehen lassen. Seit Eine saubere Affäre sind Klassengegensätze immer wieder ein Thema in meinen Filmen, wobei die Figuren aber nie ausschließlich durch ihre Herkunft bestimmt werden. Mein liebster Alptraum beschreibt den sanften Zusammenstoß von Snobismus, Kultiviertheit und Selbstkontrolle (die an sich ja schon ein Zeichen von emotionaler Kälte sein kann) mit Rohheit, schlechten Manieren und einem sehr direkten, harschen Lebensstil. Ohne es zu merken, verstecken sich die beiden Charaktere hinter ihren Schutzwällen und steuern langsam auf einen Abgrund zu. Sie haben ihre Leben so eingerichtet, im Chaos oder in der totalen Kontrolle, dass niemand von außen eingreifen kann. Ihre Begegnung zeigt ihnen, wer sie wirklich sind und schließlich transzendieren sie ihr altes Dasein – was eine der Definitionen von Liebe ist. Agathe sagt sogar zu Patrick: „Ich brauche dich“.
Kinder spielen in Mein liebster Alptraum eine wichtige Rolle.
Da der Film ständig mit unseren Vorstellungen davon spielt, was angeboren sei und was erworben, war es schwierig, das Verhältnis nicht übers Lernen herzustellen. Ich fand es amüsant, dass in Patricks Sohn, der praktisch Analphabet ist und die Schule zweifelsohne mit elf Jahren verlassen hat, ein hochtalentierter Bursche steckt – und umgekehrt, dass der Sohn aus der Mittelschicht mit seiner klassischen Erziehung auf die Hochkultur pfeift und sich nur mit Videospielen beschäftigt.
Wie haben Sie sich den illustren Kreis bürgerlicher „Hipster“ um Patrick und Agathe ausgedacht?
Sie sind eine Mischung aus meiner Alltagserfahrung und den Drehbuchbesprechungen. Die Verlagsbranche kenne ich ganz gut, so entstand Agathes Lebensgefährte François, den André Dussollier spielt. Ich stellte es mir witzig vor, wenn sein Starautor ein sehr durchschnittlicher Schriftsteller wäre. So sieht es ja auch oft in Wirklichkeit aus. Ich habe auch viel Zeit in Galerien verbracht und natürlich in der Fondation Cartier (wo das Management so nett war, uns die Einrichtungen ohne jeden Widerspruch nutzen zu lassen). Das Schwarzweißfoto, das eine so große Rolle im Verhältnis der Hauptfiguren spielt, sollte ein echtes Kunstwerk sein, nicht nur ein Requisit. Es ist eine Arbeit des Fotografen Hiroshi Sugimoto, der in Mein liebster Alptraum einen Cameo-Auftritt hat. Er hat die Aufnahme von Isabelle, die einen Klavierspieler betrachtet, tatsächlich selbst geschossen.
Dieses eindrückliche Bild von einem einsamen Beobachter, diese weiße Leinwand, die nicht wirklich weiß ist – das ist wie eine Metapher für die Beziehung von Agathe und Patrick mit ihrer ursprünglichen Distanz, die Schritt für Schritt überwunden werden muss. Ich dachte mir, wenn Sugimoto einen Sinn für Humor hat, sagt er vielleicht zu. Er bestand sogar darauf, das Foto selbst zu „verwüsten“ und machte das letzte Graffiti darauf. Aber mir ging es nicht um eine Satire über die zeitgenössische Kunst oder die kulturelle Elite von Paris. Ich wollte einen Hintergrund, der soweit als möglich von der „Ästhetik“ (falls man es so nennen will) von Benoîts Charakter entfernt ist.
Reden wir von den Schauspielern. Wie kamen Sie mit Benoît Poelvoorde aus?
Ich kenne seine Fantasiewelt und sein Einfühlungsvermögen, und ich habe einen guten Teil unserer persönlichen Beziehung in den Film einfließen lassen. Wir haben uns vor dem Schreiben des Drehbuchs ein paarmal getroffen, weil ich den Grundton von Mein liebster Alptraum an die Dynamik und die Atmosphäre unserer Begegnungen anpassen wollte. Zu Beginn des Films sollte sich seine Undurchsichtigkeit paradoxerweise gerade aus dem scheinbaren Fehlen jeder Tiefe, jedes Geheimnisses entwickeln – „what you see is what you get“, nichts ist verborgen oder wird zurückgehalten. Und man würde sich ihm gegenüber verhalten wie Agathe, die am liebsten weglaufen würde und heimlich hofft, es möge aufhören.
Aber Patrick wird von Benoît gespielt, und das ändert alles! Ein anderer Schauspieler hätte womöglich nicht andeuten können, dass dieser Mann eine tiefe Verletzung in sich trägt, die nach und nach zum Vorschein kommt und unser Mitgefühl weckt. Es ginge nur noch um die Mechanik der einzelnen Gags, die mich überhaupt nicht interessiert. Ich mag menschliche Komödien, in denen Darsteller mit ihrer Wahrhaftigkeit die Ambiguität ihrer Figuren in den Mittelpunkt stellen. Ohne Benoît hätte ich den Film gar nicht erst geschrieben. Dasselbe gilt für Isabelle Huppert, der es rein gar nichts ausmachte, am Anfang des Films unglaublich unfreundlich zu erscheinen.
Wollten Sie schon lange einmal mit Isabelle Huppert arbeiten?
Sie mochte In seinen Händen und wollte mit mir zusammen arbeiten. Wenn ich in einem Film mit ihr Regie führen würde, dann sollte es kein Drama sein, weil ich ihr auf diesem Gebiet nicht mehr viel zu bieten habe. Aber sie hat bislang noch nicht viele Komödien gedreht, also stellte ich es mir interessant vor, sie in diesem Genre einzusetzen. Sie ist ein Denkmal, eine große Künstlerin, die manchmal wirkt, als lebte sie in einem Elfenbeinturm. Aber ich habe sie auch schon oft lachen sehen wie ein kleines Kind und habe Lust bekommen, ein wenig mit ihrem Image zu spielen. Sie hat sich ganz in den Dienst ihrer Figur gestellt. Es ist fantastisch, jemanden zu treffen, der das Schauspielen so sehr liebt.
Wie war es mit André Dussollier? Und mit Virginie Efira, deren Figur allen Männern den Kopf verdreht?
André hatte noch nie zuvor mit Isabelle gedreht – unglaublich eigentlich, wenn man sich beider Karrieren ansieht. Also habe ich mich entschlossen, sie als Paar zusammen zu bringen. Als ich seinen Part geschrieben habe, dachte ich an seinen sanften Charme, an die natürliche Klasse, die er ausstrahlt – und die vielleicht eine Scheu vor Konflikten und Entscheidungen verbergen mag. Er lachte und sagte mir: „Na gut, aber treib das dann auch bis zum Äußersten.“ André hat großes komisches Potenzial, und der Gegensatz zu Benoît schien ideal. Sogar ihr Sprachgebrauch unterscheidet sich: Patrick nutzt Wörter aggressiv, François zur Verteidigung.
Für den Charakter der Julie suchte ich ein natürliches Mädchen, sexy und vor Gesundheit strotzend. Sie sollte glaubwürdig in der Rolle sein. Virginie ist als Darstellerin sehr sinnlich, spielt aber auch unglaublich präzise. Mit ihrer Frische, ihrer Popularität und ihrer entspannten Toleranz erweckt sie wie selbstverständlich Vertrauen. Und in einigen Szenen macht sie aus der scheinbar idealen Verlobten Julie ein wirklich Furcht einflößendes Weib.
Der ganze Film ist sehr physisch. Patrick geht durch Wände, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Am Anfang verwüstet er Agathes Apartment. Benoît spielt solch physischen Szenen sehr glaubwürdig, und ich wollte das Publikum auf diese direkte, spürbare Art in die Handlung einführen, ohne psychologische Erklärungen. François mit seinem linken Gutmenschentum begrüßt diesen Handwerker, der in seinem Haus einen Auftrag zu erledigen hat, natürlich mit den besten Manieren. Auf seine Art atmet Patrick diesem zu Eis erstarrten, musealen Heim ein wenig Leben ein.
Die Dialoge sind recht harsch.
Manche der Sprüche hat Benoît sich ausgedacht, aber das meiste ist von Nicolas Mercier und mir. Manchmal fragten wir uns, ob wir nicht zu weit gingen. Patrick sagt zu Agathe: „Wie kommst du im Bett klar mit so einem eiskalten Arsch?“ Ich fragte mich, wie Isabelle darauf reagieren würde. Zuerst war sie ein wenig schockiert, aber dann fand sie es witzig. Ich warnte sie, ihre Figur sei eine Mischung aus ihr selbst und mir. Das beruhigte sie. Und Agathe gewinnt im Laufe der Handlung an Menschlichkeit. Isabelle endet als verlorene Frau, als Gefangene in ihrer eigenen narzisstischen Zelle. So wie Patrick hat auch Agathe ihre Gefühle ihrem Selbstbild geopfert, und beide können diese Wunde nicht heilen.
Agathe und Patrick sprechen einander die meiste Zeit im Film mit dem förmlichen „vous“, dem „Sie“, an.
Das musste so sein – „vous“ hat viel mehr Sex und Erotik.
Die Handlung entwickelt sich rasend schnell.
Patrick kann nicht stillhalten – genauso wenig wie Benoît. Er ist ein Wirbelwind, und die Inszenierung musste mithalten mit dieser ständigen Bewegung, die mit den Gefühlen seiner Mitmenschen Ping-Pong spielt. Er ist ein Eindringling, ein Raubtier, der die anderen zwingt, Stellung zu beziehen – sogar François, der mit Julie vielleicht gerade einen ganz anderen Albtraum erlebt! Sobald Patrick auftaucht, nimmt der Film Fahrt auf.
Dieses Raubtier hat ein kompliziertes Bild von sich selbst. „Ich bin Gift für andere Menschen“, sagt Patrick einmal, und: „Ich lasse niemanden auf mich herabsehen – außer mich selbst.“
Patrick versteckt seine Verzweiflung hinter dem Exzess. Er trinkt, er ist ein Partylöwe, aber den Kater am Morgen danach kennt er besser als die meisten. Diese schmerzhafte Seite war unvermeidlich. Je exzessiver die Situationen in einer Komödie geraten, umso mehr Wahrheit ist auch notwendig. Auf ihre je eigene Art halten Benoît und Isabelle dieses Gleichgewicht aufrecht. ■ mz | Quelle: Concorde