• Jonas - Interview mit Christian Ulmen


    Christian Ulmen
    © Delphi Filmverleih

    IMDb | Trailer
    Komödie | D 2011 | 110 min | FSK 6

    Jonas ist 18 Jahre alt und mehrfacher Sitzenbleiber. Die Brandenburger Gesamtschule Paul Dessau bietet ihm eine allerletzte Chance auf einen Schulabschluss. Gedreht wurde sechs Wochen an einer echten Schule mit echten Lehrern und echten Schülern…und Christian Ulmen als Jonas!

    Grimme-Preisträger, Entertainer, Schriftsteller und Schauspieler Christian Ulmen hat sich nach dem Kultformat Mein neuer Freund mit Jonas auf ein echtes Abenteuer in Spielfilmlänge eingelassen – und damit etwas ganz Neues geschaffen: eine subversiv-unterhaltsame, hochamüsante und erfrischend entlarvende Realitätskomödie über ein authentisches Gesamtschuleprojekt multipliziert mit der Feuerzangenbowle.

    Aber nicht nur das: Jonas gibt auch seltene Einblicke in den ganz normalen Schulalltag und liefert dadurch ein aktuelles Abbild von den Freuden und Nöten der Schüler und Lehrer, ein tiefgründiges Psychogramm eines ganz besonderen Universums. Produziert wurde der Film von Boje Buck in Kooperation mit ARD Degeto und DCM Productions. Regie führte Robert Wilde, der schon für die TV-Reihe Mein neuer Freund verantwortlich zeichnete.

    Wie kamst du auf die Idee zu diesem Projekt?

    Die Idee hatten Elena Gruschka, die Produzentin dieses Projekts, und ich während eines langen Fluges. Wir hatten gerade ulmen.tv beendet und haben uns gefragt: Was haben wir eigentlich schon alles zusammen gemacht, und was können wir noch machen? Irgendwann dachten wir über unsere Träume nach und entdeckten, dass wir beide den gleichen Albtraum haben, nämlich nachts schweißgebadet aufzuwachen und zu glauben, dass wir das Abitur noch einmal machen müssten.

    Mich suchen solche Horrorträume aus meiner Schulzeit jedenfalls noch regelmäßig heim. Als wir dann später auch mit anderen über unsere schulzeitlichen Urängste sprachen, stellte sich heraus, dass viele diese Albträume haben. Ich kenne jedenfalls keinen, der nicht ab und zu in seinen Träumen davon geplagt wird, in der Schule zu scheitern. So entstand die Idee, wie es denn wäre, noch einmal in die Schule zu gehen – quasi als Traumatherapie. Und plötzlich hatten wir alle Lust, darüber einen Film zu machen.

    War die Traumatherapie erfolgreich?

    Wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich nach den Dreharbeiten zu Jonas nie mehr von der Schule geträumt. Ich habe meine Traumata also dadurch erfolgreich verarbeitet. Ich empfehle allen, die diese Albträume immer noch haben, sich diesen Film anzusehen und noch einmal mit uns in die Schule zu gehen. Man kommt aus dem Film heraus und ist geheilt. Dieser Film ist auch Psychotherapie.

    Wie ist die Figur Jonas entstanden?

    Es ging zunächst einmal darum, eine Figur zu erschaffen, die nicht aneckt. Sie steht also im Gegensatz zu allen anderen Figuren, die ich jemals bei ulmen.tv und Mein neuer Freund gespielt habe. Jonas sollte eine Figur sein, die gemocht wird und die man als einigermaßen normal erlebt. Sie sollte auch nicht zu sehr im Vordergrund stehen, damit wir den Schulalltag authentisch beobachten konnten. Der Film sollte durchaus auch eine dokumentarische Qualität haben.

    Wie viel Christian Ulmen steckt denn in Jonas?

    Ich habe als Jonas meine ganz persönlichen Ängste als Schüler wieder erlebt: Wie es ist, eine wichtige Klassenarbeit zu verkacken; die Peinlichkeit und Scham, an der Tafel etwas vorzurechnen.

    Und wie wurde aus Christian Ulmen schließlich ein 18-jähriger Schüler?

    Da ich nun ja schon ein paar Tage älter bin als der Jonas im Film, habe ich täglich drei Stunden in der Maske verbracht, um mich als 18-jähriger Schüler herrichten zu lassen. Und das ab halb vier Uhr in der Früh, als alle anderen noch geschlafen haben. Ich bin dann meist auch selber eingenickt, weil ich noch so müde war, und als ich aufwachte, schaute ich zehn Jahre jünger aus. Ich weiß auch nicht genau, wie die Maskenbildnerin das gemacht hat. Außer dass ich immer sehr gut rasiert war und weißer Puder auf meinem Gesicht verteilt wurde. Eine entscheidende Rolle spielten natürlich auch diese Ice-Pads, die man mir auf die Augen legte…

    Du schlüpfst seit Jahren in die unterschiedlichsten Rollen. Wie groß war denn die Angst, beim Drehen durch deine große Popularität in Film und Fernsehen enttarnt zu werden?

    Die Angst hatte ich eigentlich gar nicht. Denn selbst wenn mich jemand erkannt hätte – es wäre völlig irrelevant gewesen. Bereits bei den Dreharbeiten zu Mein neuer Freund habe ich festgestellt, dass es fürs menschliche Gehirn schlichtweg unmöglich ist, dauerhaft zwischen zwei Persönlichkeiten, nämlich dem Schauspieler auf der einen und dem dargestellten Charakter auf der anderen Seite, zu differenzieren.

    Diese intellektuelle Leistung kann der Mensch nur ein paar Minuten vollbringen, danach nimmt er die Person wahr, die ich darstelle. Ich war also sechs Wochen lang schlicht Jonas. Ich bin niemals als Christian Ulmen aufgetreten, sondern komplett mit meiner Rolle verschmolzen. Von Schülern wie Lehrern wurde ich von Anfang an als Jonas akzeptiert.

    Und in der Drehpause bist du dann ab in deinen Trailer und hast dir das Feinkost-Catering bringen lassen?

    Natürlich nicht. Ich habe mit meinen Klassenkameraden in der Schulkantine gegessen. Im Schulalltag war ich wie jeder andere in der Klasse den verschiedenen Prüfungssituationen ausgesetzt und musste zum Beispiel an der Tafel den Logarithmus erklären. Und wie jeder im Film sehen kann, habe ich mich in dieser Situation keinen Deut besser gefühlt als während meiner echten Schulzeit. Ich habe heute noch immer keinen blassen Schimmer, was ein Logarithmus ist.

    Wurde der Film vor Drehbeginn durchgeplant?

    Nein, es gab keine Dramaturgie, keine Planung – wenigstens nicht im klassischen Sinne. Natürlich war klar, dass ich kein Mathe kann. Da war der Konflikt mit dem Mathelehrer logischerweise vorprogrammiert. Natürlich gab es eine Art roten Faden, aber das war alles ganz lose, damit die Spontanität dabei nicht verlorenging. Ich habe mich von dem Schulalltag wirklich aufsaugen lassen und dann geguckt, was passiert.

    Erzähl uns doch noch etwas zu dem Schüler-Band-Projekt, das du als Jonas startest.

    Jonas verknallt sich im Film ja in die Musiklehrerin Frau Maschke. Und um ihr zu imponieren, und weil er selbst ganz gut Schlagzeug spielen kann, gründet er eine Band-AG. Außerdem hofft er, dass ihm dieses Musikprojekt auch hilft, bei den anderen Lehrern zu punkten und so doch noch die Mittlere Reife zu schaffen.

    Inwieweit unterscheidet sich dein neuer Film von ulmen.tv oder Mein neuer Freund?

    In diesen beiden Formaten ging es eigentlich in erster Linie um Provokation. Da habe ich immer versucht Unheil zu stiften, um die Leute aus der Reserve zu locken, um sie aus dem Alltag herauszureißen und Albträume entstehen zu lassen. Bei Jonas gab es den Albtraum schon – nämlich die Schule. Und die Idee war, in diesen Albtraum hineinzugehen, um zu beobachten.

    Nicht, um dort etwas auffliegen zu lassen oder zu provozieren. Ich wollte als Jonas ernst genommen und im Schülerkreis integriert werden. Ich habe mich vom System einfach mitreißen lassen und nicht versucht, es zu kontrollieren oder zu manipulieren. Das ist der wesentliche Unterschied zu all den Sachen, die ich davor gemacht habe.

    Wenn du dich an deine eigene Schulzeit erinnerst, welche Rolle hast du in deiner Klasse damals eingenommen?

    Ich war an der Grenze zur multiplen Schizophrenie. In Mathe war ich ein stiller, zurückhaltender, nachdenklicher junger Mann. In Chemie war ich einfach nur faul. In Religion war ich total extrovertiert und mutig. Dann war ich auch als Klassenkasper unterwegs. Es schwankte immer extrem von Fach zu Fach. Ich habe immer chamäleonartig versucht, mich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, um das Beste für mich dabei herauszuschlagen. Kurz: Ich war in meiner Schulzeit der totale Hochstapler!

    Hat sich seit deiner Schulzeit viel verändert?

    Eigentlich nicht. Es gibt immer noch dieselben Ängste, dieselben Machtstrukturen, dieselben Sprüche… Es war eben wie eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Was sich allerdings verändert hat, ist, dass heute viel mehr Schüler schon in der neunten, zehnten Klasse ganz genau wissen, was sie später einmal werden wollen. Das war zu meiner Zeit anders.

    Heutzutage haben sie schon in der Schule Existenzängste, so nach dem Motto: „Wenn ich das hier nicht bringe, kriege ich später mal Hartz IV!“ Wir hatten früher in der zehnten Klasse nur Träume. Und ich war damals in der Schule tatsächlich so naiv zu glauben, dass ich später einmal Fernsehen machen würde. Und nur dieser Naivität habe ich es zu verdanken, dass ich dann später auch Fernsehen gemacht habe. Ich habe wirklich den Eindruck, dass wir früher noch träumen durften.

    Und worauf kann sich der Zuschauer freuen, wenn er zu Jonas ins Kino geht?

    Auf eine ganz einzigartige Zeitreise. Und den Horror Mathe. mz | Quelle: Delphi

  • 2. Januar 2012
    #Magazin  
    #Jonas  


    ▲ nach oben