Der Mongole - Interview mit Sergej Bodrow
7.8.2008

Sergej Bodrow
Regisseur

Regisseur Sergej Bodrow hörte zum ersten Mal als Schulkind in der damaligen Sowjetunion von Dschingis Khan. Russland gehörte zu den vielen Ländern, die von den Mongolen erobert wurden - die erste Invasion begann 1222 unter Dschingis Khans Enkel Batu. In den 90er Jahren las Bodrow „Die Legende des schwarzen Pfeils“, ein Buch des renommierten russischen Historikers Lew Gumilew über die Geschichte der Mongolen und Türken. In Gumilews Werk fand Bodrow eine viel differenziertere Darstellung Dschingis Khans, was für ihn der Anlass war, mehr über den Mann zu erfahren, der 1162 unter dem Namen Temudgin geboren worden war. Seit dem Jahr 2000 stand auf Bodrows Wunschliste, das Leben Dschingis Khans zu verfilmen.

Sie hörten zuerst von Dschingis Khan im Geschichtsunterricht. Was faszinierte Sie an dieser historischen Figur?
Es interessierte mich, weil Dschingis Khan in den damaligen russischen Schulbüchern, und wahrscheinlich auch im Rest von Europa, als Bösewicht dargestellt wurde, als Monster. Und das, obwohl Dschingis Khan selber niemals nach Russland kam! Es waren zwar seine Armeen, aber die Eroberung Russlands geschah erst nach seinem Tod. Das habe ich aber erst sehr viel später gelesen.

Und was ich auch nicht wusste: Seine Truppen waren den russischen zahlenmäßig weit unterlegen. Die Russen hatten vier Mal so viele Leute, und trotzdem haben die Mongolen alle Schlachten gewonnen! Das wurde in unseren Schulbüchern nicht erwähnt. Erst sein Enkel schuf das Reich, unter dessen Herrschaft die Russen für mehr als 200 Jahre lebten. Ich fand es auch interessant, wie groß der Einfluss dieser Fremdherrschaft auf Russland war; die beiden Völker haben sich durch Heiraten vermischt. Es waren nicht nur Schlachten, nicht nur Mord und Totschlag, die beiden Völker haben vor allem einfach zusammengelebt. Es ist eben nicht so simpel, wie es in den Schulbüchern klang, und so kamen mir auch Zweifel, was die Figur Dschingis Khan selbst betraf.

Weshalb fiel die Wahl auf ihn als Held eines Historienepos anstatt auf andere wichtige Persönlichkeiten der russischen Geschichte?
In Russland haben mich Zuschauer auch darauf angesprochen und gefragt, wie ich dazu käme, ihm meinen Film zu widmen und was die Mongolen überhaupt jemals Gutes für uns getan hätten. Meine Antwort war: Ob einem das nun gefällt oder nicht, die Mongolen sind ein sehr wichtiger Bestandteil der russischen Geschichte. Und ich finde, es lohnt sich, der Wahrheit über ihren größten Helden nachzuspüren. Er muss ein herausragender Militärstratege gewesen sein; aber darüber hinaus wissen wir kaum, wer dieser Mann war, der einen so großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der russischen Geschichte hatte.

Ich liebe es, Stereotypen zu durchbrechen. Und Dschingis Khan gilt nun einmal als das Böse schlechthin. Er konnte gar keine positiven Eigenschaften haben. Und genau das hat mich veranlasst, anzufangen zu graben. Und dann kommt man schnell zum Schluss, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Katharina die Große beispielsweise ist viel besser weggekommen; über sie und viele andere brauchte ich keinen Film zu machen, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Temudgin wirkt im Film mit seinen Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit kaum wie ein Clanführer des 12. Jahrhunderts, sondern wie eine sehr moderne Figur. War das Ihre erzählerische Absicht?
Ich habe mich da nur an die überlieferten Fakten gehalten. Er war sehr offen für andere Überzeugungen und praktizierte Toleranz: In seinem Reich durften russische Kirchen und buddhistische Klöster weiter bestehen und mussten noch nicht einmal Steuern zahlen. In seiner Armee gab es Soldaten, die allen möglichen Religionen angehörten. Ich sehe das deshalb so: Er ist nicht modern, er ist eher eine Gestalt aus der Zukunft!

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Was würden Sie sich wünschen, dass das europäische Publikum über die Mongolen und Dschingis Khan dazulernt?
Zur Zeit, in der der Film spielt, waren die Völker Europas vielfach noch im Zustand der Barbarei, aber aus ihrer Sicht waren die Horden aus dem Osten die eigentlichen Barbaren, und als sie angriffen, war das aus Sicht der Europäer ein totaler Krieg. Der Einfall der Mongolen wurde als Strafe Gottes gesehen, der sie geschickt hatte, um die Leute für ihre Sünden zu bestrafen.

Für mich ist es interessant zu beobachten, dass unsere Gesellschaft in mancher Hinsicht immer noch nicht weiter ist als damals: Wir lehnen das Fremde ab, wir sehen es als Bedrohung, wir wollen gar nicht wissen, wer diese Leute wirklich sind und wie ihre Kultur aussieht. Das ist in Russland so, und in Europa und den USA nicht minder! Und es geht bei diesem Problem nicht nur darum, dass Leute von Geographie keine Ahnung haben, sondern dass immer wieder ein Gefühl der Selbstgerechtigkeit vorherrscht.

Hat die Arbeit am Film Ihren Blick auf die Kultur Asiens verändert?
Ich habe jetzt erst wirklich verstanden, wie alt diese Kultur tatsächlich ist - die chinesische Zivilisation war schon Tausende von Jahren alt, bevor Griechen und Römer auf der Bildfläche auftraten. Das ist vielen gar nicht klar. In Russland gibt es Vorurteile gegenüber Asiaten, sicher wegen der illegalen Einwanderung aus asiatischen Ländern. Ich kann da immer nur sagen: Schaut auf diese Menschen nicht so, als ob sie minderwertig und weniger intelligent wären, denn das ist nun einmal nicht der Fall! Gerade in Russland waren viele Zuschauer völlig erstaunt, dass Temudgin im Film kein Monstrum ist, sondern dass er Frau und Familie hat und dass sich mit ihm eine so große Liebesgeschichte verbindet.

Wie wurde es in der Mongolei aufgenommen, dass Sie als Russe das Leben des größten mongolischen Nationalhelden verfilmen?
In der Mongolei hat Dschingis Khan den Status eines Gottes. Dass wir sein Leben verfilmen wollten, fanden manche zunächst einmal befremdlich. Und es gab auch Einwände dagegen, dass wir ihn als Gefangenen im Käfig zeigen. Aber das waren nur anfängliche Schwierigkeiten; wir konnten schließlich alle davon überzeugen, dass wir mit den besten Absichten gekommen waren und niemanden beleidigen wollten.

Wie viel existiert überhaupt noch von der traditionellen mongolischen Hirtenkultur?
Es existiert noch eine ganze Menge. Die Nomaden pflegen nach wie vor ihren althergebrachten Lebensstil. Man muss sich klarmachen, dass die Mongolei einfach ein sehr, sehr großes und extrem dünn besiedeltes Land ist. Wenn es dort etwas gibt, dann ist das Raum. Die mongolische Republik, also die Äußere Mongolei - die Innere Mongolei gehört zu China - hat zweieinhalb Millionen Einwohner, aber es gibt dort 32 Millionen Schafe, Pferde und Kühe...!

Wie sehr haben die spektakulären Landschaften den fertigen Film geprägt?
Sehr stark. Als wir das Drehbuch schrieben, haben wir gar nicht so sehr über die Szenerie nachgedacht. Aber als es dann an die konkrete Suche nach den Drehorten ging und wir diese unglaublichen Landschaften mit eigenen Augen sahen, war uns klar, dass sie eine viel größere Rolle spielen müssten als ursprünglich gedacht. Ich bin wirklich vom Glück gesegnet, dass wir diesen Film vor einer solchen Kulisse, vor wahrhaft unberührter Natur drehen konnten.

Was bedeutete es für die Produktion, an solch abgeschiedenen Orten zu drehen?
Einen erheblichen Mehraufwand! In manchen Fällen mussten wir sogar Straßen bauen, um mit unserer Ausrüstung an den Drehort zu kommen. Vor allem aber hatten wir völlig unterschätzt, wie viele Statisten wir für die Schlachtenszenen brauchen würden. Wir hatten etwa 300 Leute eingeplant, aber sie sahen in dieser riesigen Weite wie ein völlig verlorenes Häuflein aus. Wir brauchten am Ende über eintausend Statisten. Die Produktion war ein täglicher Kampf; sie wurde schließlich nicht von einem großen Hollywood-Studio finanziert, sondern war eine Independent-Produktion mit einem begrenzten Budget. Wenn ich den Film heute in einer Vorführung sehe, kann ich jedes Mal von neuem kaum glauben, dass wir den Film tatsächlich wahr gemacht haben!

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