39,90 - Interview mit Jean Dujardin
31.7.2008

Jean Dujardin
Frankreichs neuer Shootingstar

Frédéric Beigbeder sagte, es sei sehr mutig von Ihnen nach Rollen wie in Cool Waves oder OSS 117 nun in die Rolle des Octave in 39,90 zu schlüpfen. Ist das auch Ihre Meinung?
Nein, das hat nichts mit Mut zu tun, das ist nur sehr schlüssig, wenn man sich meine kleine Karriere mit ihren 15 Filmen so anschaut. Diesen Druck gibt es bei mir schon lange. Als ich von Un gars, Une fille zum Film Cash Truck kam, gab es schon dieses Gerangel. Das war dann auch so, als ich Cool Waves drehte und dann von Cool Waves zu OSS 117 kam. Bei OSS sagten mir viele: „Pass auf, dieses Drehbuch ist kompliziert, der vierte Grad der Überhöhung läuft in Frankreich nur sehr mittelmäßig. Lass dich da bloß nicht darauf ein.“

Aber meine Art der Rollenauswahl ist sehr verspielt und ich glaube, das sieht man auch. Ich hatte das Glück, nicht Kino machen zu dürfen, sondern mein Kino. So konnte ich Figuren nehmen, wie in diesem Fall Octave, von denen man mir sagte: „Der ist ein Mistkerl, total versaut, ein willenloser Feigling. Nun ist es an dir, aus ihm einen sympathischen Typ zu machen.“ Darin besteht für mich die Herausforderung. Das Amüsante hier war die Progression: Wie kann man diese Figur so verbiegen, dass man am Ende des Films sogar Mitgefühl mit ihm empfindet? Außerdem lese ich nicht gerade wenig Drehbücher und wenn dann eines mit dieser Qualität mit dabei ist, dann ist das fantastisch.

Was war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dann Jan Kounen Sie treffen wollte, um Ihnen die Rolle des Octave anzubieten?
Ich war überrascht und habe gelacht. Ich musste da an Nicolas Boukrieff denken, als er mich sehen wollte für den Film Cash Truck. Also traf ich mich mit Jan. Das ist jemand, der sehr diskret ist. Er gab mir das Drehbuch und ich glaube, er erwartete, dass ich ablehne. Von dem Moment an, wo ich „Ja“ gesagt habe, begannen wir gemeinsam zu klotzen. Aber es brauchte seine Zeit. Wir mussten uns erst einmal beschnuppern. Da wir nicht aus der gleichen Welt kommen, sehen wir die Dinge einfach unterschiedlich. Außerdem versteht sich Jan nicht wirklich auf Komödien, ich schon. Meiner Meinung nach brauchte man in dem Film rein komödiantische Momente, um gewisse Dinge sagen zu können. Je lockerer man ist, um so mehr befindet man sich auf einer Ebene zweiten Grades und kann richtig stark zuschlagen. Das funktioniert über den Kontrast.

Es ging um diese Übereinkunft, die wir finden mussten. Und „Beig“ kontrollierte dann alles. Beigbeder war sehr elegant. Er sagte zu uns: „Legt los, eignet euch das Buch an und dann sehen wir weiter.“ Mir gefiel es, für 39,90 sehr offen zu sein. Diese Baustelle gefiel mir. Ich wusste, dass wir uns da auf eine ganz schön heftige Sache einließen. 54 Drehtage, das würde schwer werden, man müsste Nasenbluten bekommen, toben, schreien. Es würde nicht so amüsant werden, diesen Film zu machen. Es ist ein sehr seltenes Projekt. Zum Beispiel gab es vorsichtige Referenzen zu Fight Club oder Trainspotting. Dafür lohnt es, sich 54 Tage lang zu verausgaben.

Jan sagte, Sie hätten bei den Dreharbeiten immer darauf geachtet, dass man nicht die Zuschauer vergisst. Stimmt das?
Absolut. Die Gefahr bei dieser Art Film besteht darin, zu selbstgefällig zu werden, sich in eine Art Wahnzustand zu begeben und sich nach zwei Wochen zu sagen: „Wir sind Genies“. Man durfte nie vergessen, dass dies ein Film für Leute ist, die ihn sehen sollen. Die Idee des Films war einfach zu gut, das Drehbuch zu gut, der Roman einfach genial, kurz gesagt das Ganze war zu schön, um es einfach in den Sand zu setzen. Man musste die Leute bei der Stange halten mit der Handschrift von Kounen. Also sagte ich zu ihm: „Mich ziehst du nicht in deine blödsinnigen Trips rein.“ Und er hat es niemals versucht. Er war immer sehr respektvoll, gutwillig und sehr sanft. Das unglaubliche ist, dass es nun gleichermaßen ein Film von Frédéric ist, wie von Jan. Sogar ich kann mich darin wiederfinden mit meinen Launen.

Jan Kounen hat genau mit Ihrem Kapital gespielt, um aus Octave am Ende eine liebenswerte Figur zu machen...
Es stimmt, dass ich das Image eines beliebten Schauspielers habe. Ich sage nicht, dass ich die Herzen in den Augen der Menschen sehe, wenn sie mich ansehen, aber es ist wahr, es ist eine schöne Geschichte mit mir und dem Publikum. Und das Dank des Fernsehens. Ich bin nur da wegen Un gars, Une fille. Ohne diese Serie wäre es sehr langwierig und anstrengend geworden und ich hätte mich nicht so schnell durchgesetzt und dabei gesund bleiben können.

Hatten Sie einen Einfluß auf das Casting?
Ich habe nachgefragt, ob ich da ein Mitspracherecht habe und man sagte mir „Ja“. Bei Jocelyn Quivrin beispielsweise, ich kannte ihn. Der redet wie ein Blöder, das ist der richtige Charlie. Übrigens sind wir seitdem echt super Kumpel geworden. Ich hatte mit Nicolas Marié in Cash Truck gespielt und habe ihn auch in allen Filmen von Dupontel gesehen und finde ihn wunderbar. Um jemanden zu spielen wie den Boss von „Madone“, der ein echter Schurke ist, brauchten wir kein Arschloch oder einen Idioten, sondern einen Kerl wie Nicolas der laufend lächelt und dabei abstoßende Dinge sagt. Da ich nun schon einmal das Recht hatte, ein bisschen die Schauspieler auszusuchen, habe ich mir gesagt, dann werde ich mit ihnen an den reinen Comedyelementen des Films arbeiten.

Jan mag das. Er ist sehr umgänglich und außerdem ist es angenehm, einen Regisseur zu haben, der auch hinter der Kamera als Schwenker steht und dich filmt. So ist er einem sehr nah, sieht alles und jeden. Und ich habe Vertrauen in seinen Blick. Er liebt es, kleine Details zu filmen und sich überraschen zu lassen. Er will, dass man ihm Dinge anbietet. Also sagte ich manchmal zu Jan: „Das Visuelle, die schlechten Trips, der Fötus im Weltall, das bist du. Da lasse ich dich machen, das wird richtig gut.“ Bei der Arbeit mit den Schauspielern dagegen verließ sich Jan manchmal auf mich. Und ich liebe das.

© SIPA

Jan Kounen zitiert zwei Beispiele Ihres Einflusses auf den Film. Das erste ist die Szene, in der Octave zu der Werbung für Schokolade aufkreuzt...
Beim Lesen musste ich lachen bei dieser Idee, diese ideale Familie aus der „Kinderschokolade“ zu zerstören. Die sah man ja immer in den 80erJahren, als die Lippensynchronisation nie hinhaute. Jan wollte diese Szene wie einen Sketch inszenieren und mit Schauspielern, die mir geantwortet hätten auf das, was ich sage. Mir erschien es besser, dass sie nichts verstehen von dem was ich sage, weil sie so sehr auf ihre eigene Welt fixiert sind. Also schlug ich vor, ihren Text zu kürzen. So sagten sie wie in einer Schlaufe immer das Gleiche: „Eric hat das Spiel gewonnen! Eric hat das Spiel gewonnen! Eric hat das Spiel gewonnen!“ Sie sind wie eine Maschine. Bis zu dem Moment, wo alles im Eimer ist.

Ihre andere Idee, von der Jan erzählte, war die mit dem Abendmahl.
Ja. Das wollte ich. Octave ist ja so auf sich selbst fixiert, dass er sich für Jesus hält. Er hat lange Haare, ein weißes Hemd und außerdem sagt er: „Man musste sich opfern.“ Das ist sehr christlich. Als ich dann diesen riesigen Tisch im Dekor entdeckte, im Konferenzraum bei „Madone“, und dazu die riesige Anzahl der anwesenden Schauspieler, dachte ich mir: ,Wir sollten das Abendmahl nachdrehen.’ Am Ende des Tages sagte ich zu Jan: „Ich flehe dich an, ich will sie drehen, gib sie mir.“ Und dann haben wir sie gedreht. Mir scheint, so muss man den Film machen, in Ausreißversuchen. Sonst hätten wir nur eine nette Satire über die Werbung gemacht.

Das ist amüsant. Man hat das Gefühl, dass Sie und Jan Kounen ähnlich funktioniert haben wie Octave und Charlie.
In vielem ja. Ich glaube an diese Schizophrenie, die dir das Drehen anbietet. Das ist unbewusst, weil ich mich der Figur entledigen möchte, wenn ich zu mir nach Hause gehe. Aber zwischen der Auswirkung der Figur auf mich und dem Umstand, dass ich diese Rolle von Octave für mich zusammensetzte, weil sie so weit von mir entfernt ist, konnte ich mich dann auch gehen lassen. Mit Jan Kounen passierte es mehrere Male, dass wir beide einen Trip hatten, ohne etwas genommen zu haben. In Venezuela stellten wir uns beide eine Verfolgungssequenz vor zwischen einem bärtigen Octave und dem Octave aus Paris, der zu ihm sagte: „Komm zurück und nimm Koks!“ Wir hatten aber keine Zeit, diese Szene zu drehen.

Wenn Sie eine Rolle verkörpern, so wie hier bei Octave, dann spielt der physische Aspekt eine große Rolle. Warum?
Vielleicht weil ich ein sehr körperbetonter Schauspieler bin. Ich bin ziemlich expressiv, glaube aber nicht, dass ich eine große Dichte habe. Also habe ich mich durch den Körper ausgefüllt. Und nun versuche ich das mit dem Körper ein wenig ruhiger angehen zu lassen und mich auf ein Gefühl zu konzentrieren. Ich arbeite daran. Aber mit dem Körper drückt man sich auf die intimste Art und Weise aus und dabei fühle ich mich wohl. Das ist Teil meiner Art eine Figur zu spielen. Das habe ich schon in den Zeiten des „Café-théatre“ so gemacht. Für Octave habe ich mir auf der linken Wange einen Leberfleck zugelegt, um aus ihm einen Libertin der Werbung zu machen, einen Valmont unter Koks.

Und sein Look?
Das kam nur davon, Frédéric zu beobachten. Das weiße Hemd, der schwarze Pulli mit dem V-Ausschnitt. Das erste, was Fred sagte war: „Achte auf die Perücke, die Brille und die Selbstgefälligkeit. Das müsste funktionieren!“ Aber ich spiele hier nicht ein Double von Beigbeider, sondern Octave Parango. Und Octave Parango im Film ist eine Mischung aus Frédéric, Jan und mir. Zu Beginn von 39,90 beschreibt sich Octave als ein „oberflächliches, arrogantes Stück Scheiße.“

Ist es einfach, sich zu sagen, dass man so eine Figur spielt?
Oh ja. Die Blöden, die habe ich gespielt. Ich liebe es und es ist sehr, sehr einfach.

Aber der hier ist zu Beginn ja bösartig?
Das musste sein! Octave sagt diesen Satz: „Es wäre wünschenswert, wenn sie mich hassten, bevor sie die Epoche hassen, die mich geschaffen hat.“ Ich musste also zunächst böse sein am Anfang, um es später wieder gut machen zu können. Und außerdem habe ich da keine Gewissensbisse, ich habe nicht das Gefühl, verdorben zu sein, und so ist es einfach angenehm, das zu spielen. Und da steckt nicht die Absicht dahinter, mit meinem Image zu brechen oder die bösen Jungs zu spielen.

Noch einmal, es ist nur, weil mir das Projekt gefiel. Ich denke zuerst immer an den Film, sehr selten an die Figur. Am Ende des Films, genau wie in der Werbung, sieht man einen Packshot, der 39,90 verkauft, den Film mit Jean Dujardin. Und man sieht Puppen von Octave, genau wie damals bei Cool Waves.

Müssen Sie darüber lachen, dass Sie als sichere Bank des französischen Kinos gelten?
Das ist natürlich sehr witzig. Ich will nicht in die Suppe des Systems spucken, ich will darüber lachen. Mein Leben ist nicht das Kino. Es ist meine Leidenschaft, total bombig, aber es ist eben nicht mein Leben. Das ist alles nur ein Spiel mit dem Image. Ich weiß sehr wohl, dass ich in zwei Jahren vielleicht nur noch ein kleines Stück Scheiße bin. In drei Jahren dann wieder „genial“. Ich weiß das alles, darauf bin ich vorbereitet. Aus diesem Grund versuche ich, die Dinge einfach nur gut zu machen, echte Begegnungen zu haben und mich nicht auf den Arsch zu setzen.

alamode

Eigentlich wollte der am 19. Juni 1972 in Rueil-Malmaison (Hauts-de-Seine) geborene Jean Dujardin Maler werden, doch beim Wehrdienst entdeckte er sein komödiantisches Element und begann, erste Sketche zu schreiben. Am Theater lernte er Bruno Salomone, Eric Collado, Eric Massot und Emmanuel Joucla kennen, mit denen er die Kabarett-Truppe „Nous C Nous“ gründete. Durch die Rolle des Loulou in der TV-Serie Un gars, Une fille (1999-2003) wird er an der Seite von Alexandra Lamy schlagartig berühmt. Seine verrückte Performance im Kinofilm If I were a rich man (2002), machte ihm ein breiteres Spektrum an Rollen zugänglich, z.B. die Rolle in Cash Truck (2003) von Nicolas Boukhrief. Darüber hinaus feierte er mit Marriages! von Valérie Guignabodet und Cool Waves, den vier

Millionen Kinobesucher sahen, große Erfolge und wurde zum neuen Megastar Frankreichs. 2005 spielte er an der Seite von Gérard Jugnot in Never say never von Eric Civanyan. Im Jahr 2006 schlüpfte er in die Rolle des „französischen James Bond“ in der Parodie OSS 117 und übernahm 2007 die Rolle des Octave in 39,90. Jean wurde 2007 für den César in Frankreich als „Bester Darsteller“ für seine Rolle in OSS 117 nominiert und erhielt 2007 den Étoile d’Or als „Bester Hauptdarsteller“ für OSS 117. Zu seinen neuesten Projekten gehört die Komödie CA$H, in der er an der Seite von Jean Reno spielt sowie das Drama Un homme et son chien mit Jean Paul Belmondo, Max von Sydow und Tchéky Karyo. Außerdem ist eine Fortsetzung von OSS 117 in Planung.

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