39,90 - Interview mit Jan Kounen
31.7.2008
Jan Kounen
Regisseur
Wie kamen Sie zu diesem Projekt?
Ich hörte von diesem Projekt, als ich meinen ganz eigenen Mount Everest bestieg mit meinem Film Blueberry und der Fluch derr Dämonen. Und ich sagte mir „das muss Spaß machen, 39,90 zu drehen“. Ich sah das eher abstrakt als einen abgehobenen und schwierigen Film über die Welt der Reklame. Eines Tages rief mich dann Alain Goldman an und bot mir 39,90 (99 Francs) an.
Ich wollte zunächst das Drehbuch lesen und habe wirklich sehr gelacht. Aber es bestand aus 170 Seiten und es musste noch viel daran gearbeitet werden. Dafür gab es viele originelle und außergewöhnliche Momente. Ich las dann erst einmal das Buch und verstand die enorme Arbeit der Drehbuchautoren. Hätte ich mit dem Roman angefangen, so würde ich dieses Buch für unverfilmbar gehalten haben. Dann hätte ich auch das Angebot, Regie zu führen, sofort abgelehnt.
Das Buch war militanter und aggressiver als das Drehbuch, das mehr einer Parodie entsprach. Erst durch die Lektüre des Buchs bekam ich richtig Lust, diesen Film zu machen. Dort geht es um unsere Welt, die Konsumgesellschaft. Der künstlerische Aspekt des Films interessierte mich. Ich bekam die Möglichkeit, im Vergleich zum Stoff richtig kreativ sein zu können. Man bot mir als Filmemacher etwas an, dass ich von alleine nie getan hätte: In ein mentales Universum vorzudringen, während ich mich eher in einem beschaulichen Universum befand und so den Funktionsmodus zu ändern.
Wie haben Sie sich dieses Projekt angeeignet?
Ich schlug Alain Goldman vor, vom Buch und Drehbuch auszugehen und alles zu überarbeiten. Ich traf mich mit Frédéric Beigbeder, Nicolas und Bruno, den Drehbuchautoren. Ich redete mit jedem und zog mich dann in meine Ecke zurück und wollte spielerisch weiter schreiben. Die ganze Kreativität befand sich im Drehbuch. Ich wollte aber aus den 170 Seiten 100 machen, so wie ein Skript-Doktor. Und diesmal war ich es, der alles strukturierte und neu organisierte.
Und doch gelang es Ihnen aus 39,90 einen sehr persönlichen, einen Autorenfilm zu machen...
Das war, was man von mir verlangt hatte und was ich interessant fand. Ich musste einen Film machen, der dem Buch treu bleibt, also die Essenz, die Figuren und die Stimmung respektieren und gleichzeitig einen sehr persönlichen Film drehen. Und so ist 39,90 ein Film, zu dem ich ebenso stehe, wie zu den Filmen bei denen ich jede Zeile schrieb und jedes Bild erträumte. Für mich als Filmemacher war es interessant, eine neue Freiheit durch eine Auftragsproduktion zu finden. Anders als in den USA oder in der Werbebranche, sieht man in Frankreich im Regisseur einen Autoren und keinen Handwerker. Das Verhältnis ist ein anderes. Alain Goldman kam auf mich zu, damit ich einen Film mache und nicht nur ein Drehbuch abdrehe. Ich sah in ihm nie einen Kunden, oder dachte, ich würde den Film für ihn machen. Wir haben 39,90 gemeinsam gemacht und so zusammen ein „kulturelles Produkt“ geschaffen.
Man könnte zwischen Ihnen und dem Weg von Octave auch Parallelen ziehen. Er ist ein überschäumender Werbemann auf der Suche nach der Spiritualität. Sie haben als überreizter Filmemacher Vibroboy oder Doberman gedreht, um dann bei einem Film wie Darshan zu landen, als ein Regisseur, der sich beruhigt hat.
Ich bin ein Kind dieser schnellen, lebendigen Welt. Ein Techno-Freak. Im Film habe ich das reaktiviert. Auch wenn ich mich der Figur des Charlie näher fühle (die Figur des Art Directors, der mit Octave zusammen arbeitet) als mit der des Octave. Vibroboy, den ich mit dem Geld drehte, das ich in der Werbung verdient hatte, und Doberman, das waren für mich zwei Punkfilme, mit denen ich dem System sagen wollte, es kann mich mal. Nach diesen Filmen sagte ich mir, dass ich auch woanders suchen muss, dass das Leben und die Realität sich nicht auf das beschränken konnten, was mir meine Kultur anbot. Und ich fand etwas. Ich drehte dann Filme, die damit zu tun hatten, dass sich in meinem Leben einiges verändert hatte. Und dann kam plötzlich 39,90 und man schlug mir vor, in meine Kultur, zu meinem „Stamm“ zurück zu kehren. Ich bekam die Gelegenheit, dort zu drücken, wo es weh tut, die Blase platzen zu lassen, indem man lacht. Dazu hatte ich Lust.
Kommen wir zu Jean Dujardin. War er für Sie die Idealbesetzung als Octave?
Als ich begann, an dem Film zu arbeiten, sagte mir Alain Goldman, ich hätte die absolute Freiheit bei der Besetzung. Sobald ich das Drehbuch gelesen hatte, dachte ich an Jean Dujardin. Warum? Ich hatte ihn in Cool Waves gesehen und fand, dass er es unglaublich gut verstand, einen arroganten Dummkopf liebenswert darzustellen. Ich brauchte in 39,90 jemanden, den man mochte, der intelligent, sensibel und arrogant war und den man zunächst hasste. So wie Octave sagt: „Ich hoffe Sie hassen mich, um die Epoche noch mehr zu hassen, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin.“ Ohne einen Schauspieler, der einen dazu bringt, Octave zu mögen, können die Zuschauer den Film nicht gut finden und nicht in seine eiskalte und bösartige Welt eindringen.
Man musste erreichen, dass sie bei 39,90 lachen, aber dann mit erhobenem Kopf aus dem Kino kommen und sich sagen, wenn sie wieder eine Werbung sehen: „Mich kriegst du nicht, du Blödmann.“ Jean hat sich also regelrecht aufgedrängt für mich. Er kann Empathie und Lachen erzeugen und sein Universum ist ziemlich extrem. Es ist eine Sache zu sagen „ich hab dich kaputt gemacht“ und eine andere, das auf der Leinwand funktionieren zu lassen. Er war also mit Abstand die Nummer Eins auf meiner Besetzungsliste. Jean zu haben und seine komödiantischen Fähigkeiten zu nutzen, erlaubte es mir, in der zweiten Ebene der Geschichte viel schwärzer werden zu können. Und dann gibt es noch den Aspekt Dujardin gleich „besseres Produkt“. Jean amüsiert das eher und dass wir ihn benutzen, um das System bloßzustellen, amüsiert ihn noch mehr.

Wie verlief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?
Jean arbeitet unglaublich hart. Er überwachte mich sogar etwas. Manchmal war er besorgt, dass ich die Realität des Zuschauers zu stark verlasse und mich in ein Delirium begebe, das eher einem zeitgenössischen Kunstmuseum entspräche. Diesen Eindruck muss ich wohl in meinen letzten Filmen erweckt haben. Jean war also in diesem Punkt sehr wachsam. Von dem Moment jedoch, wo es ihm für den Film glaubhaft erschien, war er voll dabei. Die extremsten Sachen im Film hat er vorgeschlagen.
Zum Beispiel?
Die Einstellung mit dem Abendmahl, bei dem sich Octave total zugedröhnt für Jesus hält. Es war Jean, der mir sagte: „Wir haben da diesen riesengroßen Tisch in den Requisiten. Lass uns doch das Abendmahl nachstellen.“ Ich konnte ihm noch so oft sagen, dafür haben wir keine Zeit, er hat mich solange beackert, bis wir die Szene drehten. Also habe ich das Drehbuch umgeschrieben, mich auf sein Delirium eingelassen und nun ist die Szene im Film.
Jean ist ein Typ, der dir etwas vorschlägt, auf dem du aufbauen kannst. Die Szene mit der Schokoladenwerbung haben wir zusammen ausgearbeitet. Jean griff sogar in das Casting ein und probte mit den Darstellern. Bei den zwei bis drei wirklich abgefahrenen Szenen im Film hat er sich stark eingebracht. Was ich bei Cool Waves vorausgeahnt hatte, erwies sich als richtig: Er ist völlig verrückt. Und das in dem Sinn, dass er keine Angst hat, Neues auszuprobieren und sich zu sagen „Das habe ich noch nie gesehen, dann muss man es machen.“
War es leicht, für Jean Dujardin Partner zu finden, wie Charlie den Partner von Octave, oder Jeff, den Geschäftsführer der Werbeagentur?
Nein. Jocelyn Quivrin (Charlie) und Patrick Mille (Jeff), die ich beide vorher nie getroffen hatte, sind sehr gut und passen in den Film. Mit ihnen kommt das Delirium in ein anderes Stadium. Sie waren die richtige Wahl für den Film.
Man trifft aber auch auf Schauspieler, mit denen Sie bereits zusammen gearbeitet haben, wie Vahina Giocante und Dominique Bettenfeld. Wirkt das beruhigend?
Für mich zählen in erster Linie der Film und die Rolle. Zu dieser muss ein Schauspieler passen. Manchmal wird das von einigen Schauspielern falsch verstanden. Sie sind sehr gut, ich habe auch bereits mit ihnen gedreht, aber sie passen nicht zur Rolle. Um dem Film zu dienen, lasse ich den Gedanken an Freundschaft außen vor. Auch wenn es im Fall von Dominique Bettenfeld ein bisschen besonders ist. Er ist mein persönlicher
Antoine Doinel. Er muss prinzipiell in jedem meiner Filme mit dabei sein. Das ist ein Spiel.
Vahina habe ich bei Blueberry und der Fluch derr Dämonen kennen gelernt. Ihre Rolle in 39,90 ist ein wenig die Spiegelung der Rolle aus dem dem Film davor. Vahina ist im Zentrum der Geschichte, auch wenn man sie nicht immer auf der Leinwand sieht. Ich finde, sie ist eine Schauspielerin, die vom französischen Kino nicht optimal besetzt wird. Ich möchte dann den anderen Regisseuren zurufen: „Wacht auf und reibt euch die Augen!“
Und für die Rolle der Tamara, des Callgirl, wie war es da?
Zu Beginn sah ich sie noch nicht so. Im Roman ist sie feiner, wie eine Skulptur, aber nicht so sinnlich und üppig wie Elisa Toyati. Aber von allen Frauen, die ich traf, passte Elisa am Besten. Sie hat auch dieses spöttische von Tamara. Das brauchte ich, eine Frau, die sich wohl fühlt in ihrer Haut.
Der Film ist eine Kritik an der Werbewelt und doch werden Marken genannt, für die so auch Werbung betrieben wird. Wie sind Sie mit diesem Paradox umgegangen?
Ich habe darauf geachtet, dass wir mit keiner Marke finanzielle Abkommen eingingen. Wie in jedem Film musste sich die Requisiteurin Kleidungsstücke und Schuhe ausleihen, aber in 39,90 findet kein Product Placement statt. Dabei ist im heutigen Kino Product Placement enorm wichtig. Wenn man sich einen neuen James-Bond-Film anschaut, sieht man die Zukunft der Werbung. Alle Werbefachleute sagen sich dann: Wenn wir eine Werbekampagne mit einem Budget von einer Million machen, dann geben wir 500.000 für den Film aus und kaufen dazu vier Werbespots. Da investieren wir lieber die ganze Million in einen Spielfilm, in dem der Held dann in unser Auto steigt. Die Amerikaner haben schon vor langer Zeit verstanden, dass man mit Hilfe des Kinos Produkte verkaufen kann und ein gewisses Gesellschaftsideal.
In 39,90 machen Sie Anspielungen auf Filme wie 2001 - Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick oder Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone.
Es gibt noch andere. Warum diese Anspielungen? Ein Werbefachmann funktioniert nur mit Anspielungen. Befindet man sich im Kopf von Octave ist alles nur eine Referenz. Wenn er sich an das Essen unter Verliebten erinnert, hört er die Musik von In the Mood for Love.
39,90 spielt aber auch auf Fight Club von David Fincher an.
Für mich ist es ein Film am Krankenbett von Octave und ich musste einfach eine Anspielung an Fight Club machen, daher die Szene mit den Preisschildern. Man konnte im Text eines solchen Preisschildes lesen: „Ja, ich weiß, diese Idee stammt aus Fight Club aber ich mache Werbung und glaube an Wiederverwertung!“ Aber ich glaube man kann sagen, dass 39,90 der „Fight Club” des Joghurts ist.
alamode
Der am 2. Mai 1964 im niederländischen Utrecht geborene Jan Kounen begann 1988, erste Kurzfilme auf Super 8 und Super 16, sowie Animationsfilme für das holländische Fernsehen zu drehen. Er war Kameraassistent, Kameramann und Reporter für eine Image Agentur und drehte Kurzfilme, zahlreiche Musikvideos und Werbespots, die er in Frankreich, Deutschland und Großbritannien realisierte. 1997 kam sein erster Spielfilm Doberman mit Vincent Cassel, Tchéky Karyo, Monica Bellucci und Dominique Bettenfeld ins Kino.
Auf der Suche nach geeigneten Locations in Peru und Mexiko für seinen nächsten Film Blueberry und der Fluch derr Dämonen kam er mit den Shipibo Indianern und deren Schamanen in Kontakt. Sein spontanes großes Interesse für diese archaische Kultur ließ ihn mehrere Monate mit dem Stamm verbringen. Er drehte dort seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm Other Worlds. 2005 folgte der Dokumentarfilm Darshan - Die Umarmung. Mit 39,90 legt sich der anarchische Filmemacher mit der Werbebranche an.


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