Sleeper Cell - Was sagt der Fachmann?
21.7.2008

Dr. Michael Lüders
Nahostberater

Dr. Michael Lüders wurde 1959 in Bremen geboren. Er studierte arabische Literatur in Damaskus und Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik in Berlin. Dr. Michael Lüders promovierte über das ägyptische Kino. Er lebt als Politik- und Wirtschaftsberater, Publizist und Autor in Berlin und ist u.a. Kommentator bei deutschsprachigen Medien in Sachen Nahost, arabische Welt, Islam, Autor der Frankfurter Rundschau und war langjähriger Nahostkorrespondent der Wochenzeitung Die Zeit. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Orientstiftung und Berater des Auswärtigen Amtes. Er hält Vorträge über das Spannungsverhältnis zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt in den USA, Europa, Asien und Afrika und ist Roman- und Sachbuchautor u.a. von „Allahs langer Schatten. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben müssen“ (erschienen 2007 im Herder Verlag).

Innenansichten aus einer Schläferzelle islamistischer Terroristen in den USA: Darum geht es in Sleeper Cell, einer harten, temporeichen Serie, die das Innenleben und den Werdegang islamistischer Terroristen zeigt. Obwohl selbstredend kein Dokumentarfilm, entwickelt die Serie überzeugend die Psychologie der Attentäter, lässt uns teilhaben an ihren seelischen Verletzungen, politischen Irrtümern und ihrer kriminellen Energie. Diese Schläfer sind keine Monster, sie sind Menschen wie du und ich, könnten unsere Nachbarn oder Freunde sein. Gewöhnliche Menschen, die aus der Bahn geraten sind, weil sie fanatischen Ideen erlagen oder vom Schicksal besonders hart getroffen wurden. Insbesondere aber zeigt die Serie ein differenziertes Bild vom Islam. Ob Terror, Ehrenmord oder archaische Moral - stets wird deutlich, dass es auch eine andere Seite gibt, sich der Islam nicht auf Gewalt reduzieren lässt. „Diese Soziopathen haben nichts mit meiner Religion zu tun“, sagt Darwyn, den dieser religiöse Wahn ebenso schmerzt wie die Ignoranz seines Vorgesetzten, der dem Islam, wie die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in den USA, mit Misstrauen und Ablehnung begegnet.

Auch ein gemäßigter muslimischer Prediger aus dem Jemen hat in Los Angeles seinen Auftritt und wird von Fariks Truppe ermordet. Die Terroristen hassen den Westen ebenso wie ihre gemäßigten islamischen Glaubensbrüder: Eine Botschaft, die überzeugend vermittelt wird. Gewiss wird manches in Sleeper Cell auch mit grobem Strich gezeichnet. Doch die Serie verdeutlicht, dass es im Islam nicht nur „bad guys“ wie Farik gibt, sondern auch glaubensstarke, pro-westliche Muslime. Hätte sich die Regierung Bush einen Berater vom Schlage Darwyns geleistet, wäre die Terrorbekämpfung der letzten Jahre sicher erfolgreicher ausgefallen.

Mehrere Islamexperten haben beim Verfassen des Drehbuches mitgewirkt und waren auch bei den Dreharbeiten dabei. Das ist der Serie anzumerken, wenn beispielsweise Darwyn in Mexiko die Dienste einer jugendlichen Prostituierten ablehnt. Ein Drogenboss hatte sie ihm aufs Hotelzimmer geschickt. Darwyn ist schockiert über diesen Missbrauch von Kindern und stellt Farik zur Rede. Denn dieser finanziert seinen Glaubenskampf mit Drogengeldern und Prostitution. Er verhalte sich nicht anders als die schlimmsten „Ungläubigen“, für die er solchen Hass empfinde. Solche Dialoge gibt es immer wieder im Laufe der Serie, und sie unterstreichen, dass der Koran, wenn man ihn ernst nimmt, dieselbe Friedensbotschaft enthält wie die Thora oder die Bibel. Wenn allerdings Leute wie Farik in der Heiligen Schrift lesen, verstehen sie nur, was in ihr Weltbild passt.

Islamexperten haben mit Sicherheit auch Pate bei der folgenden Szene gestanden: In einem arabischen Gefängnis fragt ein Polizist den Insassen, was Dschihad bedeute. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Kampf gegen Ungläubige, Amerikaner, Zionisten... Der Polizist widerspricht ihm. Dschihad sei der Kampf gegen das Schlechte, das jedem Menschen innewohne. Diesen Kampf zu führen sei die größte Herausforderung für einen gläubigen Muslim. Wer nur einen Unschuldigen töte, vergehe sich an der gesamten Menschheit. Das alles belegt mit Koranzitaten, nicht belehrend, sondern eingebettet in die filmische Erzählung. Umso größer die damit erzielte Wirkung: Vor allem, weil Darwyn glaubwürdig gezeichnet ist. Kein Prediger großer Worte, sondern ein Kämpfer, der auf der „richtigen“ Seite steht. Auch deswegen sympathisch, weil er sich seiner Freundin gegenüber stets aufmerksam und korrekt verhält, selbst in schwierigsten Alltagssituationen.

Sleeper Cell ist Unterhaltung, doch authentisch und realistisch, hautnah, ohne Schwarzweißmalerei. Es gibt eine islamistische Terrorgefahr, aber nicht jeder Muslim ist ein Terrorist. Wenn diese Botschaft auch in Deutschland ankommt, hat die Serie, abgesehen von aller spannenden Unterhaltung, ihren Zweck mehr als erfüllt.

rtlII

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