Gedanken von Regisseurin und Drehbuchautorin Robin Swicord
4.2.2008

Als mich John Calley bat, Karen Joy Fowlers Roman „Der Jane Austen Club“ zu lesen, arbeitete ich gerade an einem Originaldrehbuch über eine dysfunktionale Familie von Jane-Austen-Wissenschaftlern, das ich für Sony Pictures inszenieren wollte. Ich war jahrelang in Austen-Literatur versunken, hatte nicht nur mehrfach Austens Romane, sondern auch ihre Briefe und Jugendwerke verschlungen und mir einen Weg durch zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen gebahnt, die Austens Leben und ihre Arbeit aus jedem erdenklichen Blickwinkel unter die Lupe nahmen. Ich scherzte gegenüber meinem Sony-Boss, dass ich auf dem Weg war, die einzige leichte Hollywoodkomödie der Welt zu drehen, die nach den Credits noch bibliographische Hinweise brauchen würde.

Als ich „Der Jane Austen Club“ las, befand ich mich nicht länger in der Gesellschaft kräftemessender Intellektueller. Hier gab es normale Menschen wie mich - Leser, die in Büchern Schutz und Begleiter suchten. Dass diese zeitgenössischen Leser in Jane Austens wohl geordneten Romanenwelten Zuflucht gefunden haben, ist nicht überraschend angesichts dessen, wovor wir Schutz suchen - vor Verkehrsstaus, klingelnden Handys, grellen Sicherheitshinweisen, Wartezimmern mit quäkenden Fernsehern. Unlängst stellte ich fest, dass es vier von sechs Austen-Romane am Zeitungsstand am Flughafen von Seattle zu kaufen gibt. Verbringe mal ein paar Stunden im Terminal eingesperrt und warte auf einen verspäteten Flug und du wirst sehr froh sein, dich in ein halbländliches englisches Dorf vor zwei Jahrhunderten zurückziehen zu dürfen.

Wenn man anfängt Austen zu lieben, erscheint einem ihre Welt gar nicht so antiquiert. Ihre Figuren machen sich Sorgen um Geld, müssen mit peinlichen Familienmitgliedern fertig werden, gesellschaftliche Kränkungen einstecken und verbringen mehr Zeit als sie sollten mit der Hoffnung sich zu verlieben, selbst wenn die Voraussetzungen nicht gerade vielversprechend erscheinen. Kurz gesagt: Ihre Figuren sind wie wir - nur ohne die Pendelzeit und die 12- bis 14-Stunden-Arbeitstage.

Nachdem ich Karen Joy Fowlers Buch gelesen hatte, dachte ich über die aktuelle Tendenz nach, sich an private Zufluchtsorte zurückzuziehen. Die Geschwindigkeit unseres Lebens hat uns alle in introvertierte Extrovertierte verwandelt. Wir stecken in unseren Wohnungen fest (für viele von uns ist das Zuhause mittlerweile auch der Arbeitsplatz), wo wir uns mit Internetchats beschäftigen, dem Tippen und Verschicken von E-Mails, uns auf Networkingseiten und in Onlinebuchläden herumtreiben, online für American Idol (hier: Deutschland sucht den Superstar) abstimmen, selbst wenn dabei unsere Blackberrys auf dem Esstisch neben unserem Teller vibrieren. Im „globalen Dorf“ waren wir nie besser erreichbar für andere und paradoxerweise auch nie isolierter. Machen wir uns nichts vor: In der Ära des „Nischenmarketings“ sind wir alle in unseren Nischen gefangen. Und genau da setzt Karen Joy Fowlers wunderbarer Roman an, in dem sie den mutigen Akt beschreibt, eine echte, nicht virtuelle Gemeinschaft zu schaffen. Während ihre sechs Figuren mitten in einer Scheidung oder der Partnersuche stecken oder sich mit dem schmerzlichen Verlust eines Menschen oder einem Jobwechsel befassen müssen, beschließen sie, sechs Bücher von Jane Austen zu lesen und quer durch die Stadt zu fahren, um sich persönlich zu treffen und darüber zu diskutieren. Eine solche Heldentat und eine so persönliche Geschichte!

Ein Buch zu adaptieren, ist im Wesentlichen eine Aufgabe der Interpretation. Das erste filmische Bild, das ich vor Augen hatte, als ich über Fowlers Buch saß, wurde die Eröffnungsmontage unseres Films. Die Story sollte dort stattfinden, wo viele von uns heute leben - da, wo Vorstädte enden und das Landleben beginnt, wo man seinen nächsten Nachbarn selten kennt. Auf den ersten Blick würden unsere Figuren Fremde sein, von denen wir flüchtig Notiz nehmen - Menschen wie wir selbst, die mitten im geschäftigen Leben stecken - die in Eile sind, am Handy hängen, vielleicht mit zu vielen Dingen belastet sind. Man kennt das: Immer dann, wenn man auf dem Weg zur Arbeit spät dran ist, findet man keinen Parkplatz. Da gibt es diese Person, die Einkäufe und streitende Kinder einlädt, und diese Person, die gerade den Fahrstuhl verpasst. Alle von uns sind von den unzähligen technologischen Elementen um uns herum so gereizt, wie es sich Jane Austen nie hätte vorstellen können.

© Sony Pictures

Der Jane Austen Club
ab 4. Februar 2008 im Kino

Die Story sollte im Umfeld einer auf den ersten Blick erkennbaren Gemeinschaft beginnen - mit der Beerdigung von Jocelyns Hund. Schnell stellen wir fest: Tatsächlich fühlt sich niemand so wahnsinnig eng mit dieser Gemeinschaft verbunden. Daniel macht sich über Jocelyns Trauer lustig und will früher gehen. Allegra nimmt ihm das geringfügig übel. Sylvia verwirft Bernadettes Vorschlag, dass sie alle etwas unternehmen sollten, damit sich Jocelyn besser fühlt. „Wir sollten das wirklich tun“, stimmt Sylvia zu, um danach allen das perfekte Gegenargument zu liefern: „Aber sie lebt so weit weg.“

Jeder Jane-Austen-Roman beschäftigt sich mit der Ordnung in einer Gemeinschaft und besonders mit der Verantwortung eines Individuums für andere. In „Stolz und Vorurteil“ macht sich Mr. Darcy anfangs unbeliebt, weil er der Gemeinde nicht den Dienst zur Verfügung stellen will, auf einem Ball zu tanzen, wo viele junge Frauen ohne Begleiter erscheinen. In „Emma“ ist die junge Heldin beschämt, als sie ungewollt eine Witwe kränkt - in Austens Regelwerk müssen Menschen, mit denen es das Schicksal gut gemeint hat, darauf achten, nicht jene zu demütigen, die einen niederen Status haben. Die Konfrontation von Gemeinschaftsordnung und den eigenen persönlichen Wünschen ist ein Thema, das sich in den tiefgründigen Strukturen von Austens Romanen hinter den Handlungssträngen, die wir alle lieben, immer versteckt hält. Wo sonst könnte eine Jane-Austen-Geschichte spielen als in oder in der Nähe von einer Ortschaft oder in einer stark begrenzten sozialen Welt wie z.B. Bath? Könnte eine Austen-Story überhaupt dort erzählt werden, wo eine Ortschaft fehlt - sagen wir in der anonymen Welt, in der die Vorstädte enden und das Landleben beginnt? Wie würde diese Story aussehen?

Ich wusste, dass in unserem Film die Storys der Figuren parallel zu den Handlungssträngen von Austens Romanen verlaufen würden, vielleicht noch enger als in Karen Joy Fowlers Buch. Und ja, jeder würde den anderen zunächst wie in jedem Austen-Roman falsch verstehen und am Ende natürlich die Liebe entdecken. Aber noch wichtiger war (zumindest für mich) die Tatsache, dass wir den tiefgründigen Subtext von Austens Romanen ebenfalls darstellen würden. Beim Kennenlernen unserer Figuren sollten wir uns mit ihnen identifizieren können und mit der Gemeinschaft, in der wir leben und einander nicht wirklich fremd, aber trotzdem irgendwie entfremdet sind. Wir sollten dabei zusehen, wie sich die Geschichte jeder einzelnen Figur fortsetzt.

Im Laufe des Films sollten wir aber auch erleben, wie sie ihre Differenzen im Buchclub austrägt, ihre eigene Fähigkeit, die Gruppe zusammenhalten zu können, anzweifelt und eigene Fehler entdeckt. Und schließlich sollten wir sehen, wie die Figuren beginnen, mit den Romanen eins zu werden und festzustellen, was dazugehört, um dem gemeinsamen Leben einen tieferen Sinn zu geben.

Nachdem mir Form und Intention unserer Story klar waren, hatte ich das überwältigende Verlangen, dieses Drehbuch so schnell wie möglich zu schreiben. Als ich den Film schrieb und plante, hatte ich stets die Austen’sche Idee vom Erkennen der eigenen Fehler im Kopf. Ich hatte sogar ein Kapuzenshirt mit der Rückenaufschrift „unperfekt“ während der Vorproduktion dabei. Als ich es in der ersten Woche am Set trug, protestierte ein Crew-Mitglied im Scherz: „Das ist so negativ. Willst Du damit sagen, dass wir es für Dich nicht perfekt machen können?“ Unser Ausstatter Rusty Smith griff schnell ein: „Nein, das ist doch gut. Das bedeutet, wir haben Freiheiten.“

sony

© 2008 Angel One Media

magazin