Once - Interview mit Glen Hansard
17.1.2008
Once
ab 17. Januar 2008 im Kino
Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrem Freund John Carney, dem Regisseur von Once?
John und ich kennen uns seit Jahren, er gehört sozusagen zur Familie. Ich weiß, welche Regisseure und Filme er mag und um was es ihm beim Filmemachen geht. Unsere Zusammenarbeit war deshalb ein sehr natürlicher Prozess, denn wir konnten uns gegenseitig inspirieren.
Hatten Sie Angst, dass Sie seinen Erwartungen nicht entsprechen würden?
Natürlich hatte ich Vorbehalte. Er musste mir versprechen, dass er mich und Markéta rauswirft, wenn wir seinen Ansprüchen nicht genügen würden. [lacht]
Konnten Sie während der Dreharbeiten Ihre eigenen Ideen einbringen? Waren Sie frei zu improvisieren?
Ja, sehr sogar. Als das Drehbuch fertig war, gab es manchmal keinen Anlass, sich an das Geschriebene zu halten. Die Szene, in der Markéta und ich im Bus nach Hause fahren, ist frei erfunden. Ursprünglich waren zwei Seiten Dialog vorgesehen, doch als John merkte, dass unsere schauspielerischen Leistungen zu mager sind, fing ich einfach an, auf meiner Gitarre zu improvisieren. So entstand der Song ‚Broken Hearted Hoover Fixer Sucker Guy‘. Es kam öfter vor, dass Markéta und ich manche Dialoge einfach zu steif sprachen, dann sagte John schon gleich von sich aus, dass es besser wäre, wenn wir es in unseren Worten ausdrücken.
Ist der Charakter an Ihr Leben angelehnt?
Ja, ich war 13 Jahre alt, als ich durch die Straßen Dublins zog. Fünf Jahre lang traf ich viele seltsame Menschen! [lacht]
Wie entwickelten Sie die Songs zum Film?
Das war einfach. Meine Rolle als Straßenmusikant
habe ich schnell begriffen, nicht zuletzt, weil ich selbst fünf Jahre lang einer war. Deshalb konnte ich meinen Stil, Lieder zu komponieren, beibehalten. Ich musste mich nicht verstellen. Außerdem vertraute ich auf die Meinung von John, was bestimmte Hooklines betraf.
Sicherlich konnten Sie ihm auch deshalb vertrauen, weil er damals Mitglied Ihrer Band The Frames war ...
Richtig. Seit ich John kenne, bemängelt er Filme, die nur 40 Sekunden eines Songs spielen und nicht die ganze Version. Seiner Meinung nach muss der ganze Song zu hören sein. [lacht] Das ist natürlich eine extreme Ansichtsweise und oftmals eben nicht möglich. Im Nachhinein finde ich es bewundernswert, dass er keinen unserer Songs kürzte, das war mutig.
Sie sind seit über 15 Jahren Bandleader der irischen Rockband The Frames. War Once eine willkommene künstlerische Abwechslung?
Ja, der Film kam wirklich zur rechten Zeit in mein Leben. Ich bin dankbar für meine bisherigen Erfolge mit The Frames, doch mit Once habe ich es geschafft, ein völlig neues Publikum zu erspielen. Es war naiv von mir zu denken, dass der Film zwar sein Publikum finden, aber dann auch schnell wieder in Vergessenheit geraten würde. Seit Once wissen die Leute, wer The Frames sind, wir verkaufen mehr CDs und Tickets als je zuvor. Danke, John!
Was hat sich durch den unerwarteten Erfolg verändert?
Wir werden jetzt nicht die größten Rockstars oder Filmstars werden. Berühmtsein finde ich so gut wie gar nicht anziehend, das ist eine eher abstoßende Vorstellung. Ich freue mich aber, wenn wir mehr Platten verkaufen und meine Musik von mehr Leuten gehört wird.
Warum, glauben Sie, ist Once mit einem Budget von gerade mal 130.000 Euro so erfolgreich?
Das ist wirklich schwer zu sagen! Vielleicht, weil Once niemandem etwas vormachen will. Der Film ist so, wie wir ihn wollten, ohne Beteiligung eines Studios, das vielleicht lieber ein Happy End gesehen hätte. Ich vergleiche Once mit einem französischen Film, der aber in Dublin spielt und ein bisschen wie ein Film Noir wirkt. Once ist authentisch. Der Plan war eigentlich, dass wir mit dem Film durch die kleinen Kinos Irlands ziehen, anschließend Konzerte geben und möglichst viele DVDs an das Publikum verkaufen können. [lacht] Daran können Sie sehen, wie unglaublich einfach wir den Erfolg von Once einstuften.

Wie reagiert das Publikum, wenn Sie mit Markéta live den Soundtrack von Once vorspielen?
Die Tatsache, dass wir wirklich Musiker und auch ein Paar sind, ist für einige Menschen komisch. Aber was zwischen den beiden Charakteren im Film passiert, ist meiner Begegnung mit Markéta sehr ähnlich. Once ist deshalb vergleichbar mit einer Dokumentation unseres Lebens. Ich glaube, darauf reagieren viele Menschen positiv, denn wir spielen nur uns selbst.
Wie haben Sie Markéta getroffen?
Markétas Vater ist ein relativ bekannter Konzertpromoter in Tschechien. Als er vor sechs Jahren mein Konzert in Prag betreute, lud er mich und die Band in sein Haus ein. Wir saßen im Garten, ich machte Musik und Markéta spielte Klavier. Damals war Markéta 13 Jahre alt. Ihr Vater und ich befreundeten uns, und über die Jahre hinweg besuchte ich ihn immer mal wieder und nutzte die Urlaube vor Ort, um Songs zu komponieren. Markéta half mir beim Komponieren und begleitete mich auf dem Klavier.
Wie hat sich Ihrer Meinung nach seit dem wirtschaftlichen Boom Anfang der 90er das gesellschaftliche Umfeld Irlands verändert?
Irland war jahrhundertelang vom Rest der Welt abgeschnitten. Wir sind eine weiß-katholische, unterdrückte Nation, bereisten die Welt, exportierten Dichterkunst und Liedergut, doch niemand schien Irland als Reiseziel zu sehen. Der ökonomische Aufschwung zog plötzlich viele Auswanderer aus Bosnien, Polen, Tschechien, Rumänien und sogar Nigeria an. Obwohl wir Iren generell Besucher willkommen heißen, stelle ich zu meiner Enttäuschung eine Art Ausländerfeindlichkeit fest.
Der Staat greift in der Einwanderungspolitik hart durch. Es fühlt sich fast amerikanisch an, denn wir erlauben, dass uns der Wirtschaftsaufschwung in ein kleines Imperium verwandelt. Das ist falsch. Ich glaube, wir wissen gar nicht, was wir mit dem vielen Geld anstellen sollen, außer Luxusautos zu kaufen und auf jedem freien Stück Land Häuser zu bauen, selbst wenn dafür Kulturdenkmäler abgerissen werden. Es gibt mehr Häuser als Menschen! Irland ist eine einzige Baustelle.
Selbst vor Kulturdenkmälern, die älter sind als ägyptische Pyramiden, wird kein Halt gemacht. So etwas würde es in Deutschland nie geben. Verglichen mit anderen EU-Ländern ist das Leben in Irland am teuersten. Geldgier hat uns in Schweine verwandelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Land, doch ich glaube, wir sind alle benommen vom vielen Geld.
Was inspiriert Sie am meisten?
Das Leben an sich, Freunde, Familie, Liebende.
Hat Once eine Moral?
Once ist eine gesungene Liebeserklärung an Dublin, und zwar an die Stadt, in der ich aufwuchs, nicht die, wie sie heute ist. Deshalb drehten wir an Orten, die nicht überteuert sind; wir mieden das moderne Dublin. Als der Straßensänger die Immigrantin kennen lernt, fragt er sie nicht nach ihrer Herkunft, es ist ihm egal. Wenn es eine Moral gibt, dann die, dass alle Menschen gleich sind.
Welche Projekte liegen in der Zukunft?
Markéta und ich werden bis Mitte 2008 durch Europa und die USA touren. Danach belege ich einen Filmkurs in New York und gehe auf Tour mit meiner Band The Frames.
ph


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