Montag, 11. Dezember 2017
Aus dem Nichts
Katja mit ihrem Sohn Rocco
© Warner Brothers
Römisch Eins I - bringt mich auf die Palme

Aus dem Nichts: Von so einem Präpositionsversprechen erwartet sich der Kinobesucher mehr als einhundertsechs Minuten Langeweile. Doch aus dem Nichts kommt nichts - zumindest nichts Sehenswertes. Dass Diane Krüger in Cannes der Prix d'Interprétation féminine für ihre Darstellung der Katja Serkic verliehen wurde, legt die Vermutung nahe, dass die Jury in diesem Jahr die Leinwandtränen aller Schauspielerinnen gegeneinander abgewogen hat, und zwar milliliterwörtlich: Es vergeht kaum eine Szene in Fatih Akins NSU-Drama, in der ihr Gesicht nicht klatschnass ist. Zur pseudopoetischen Abwechslung rinnt einmal da der Regenschatten der Off-Fensterscheibe über das Gesicht, um auch den dümmsten unter uns dummen deutschen Zuschauern daran zu erinnern, dass diese ins Nichts starrende Protagonistin nicht sonderlich gut drauf ist.

Aber schließlich hat die Frau allen Grund dazu: Ihr kurdischer Ehemann und ihr kleiner Sohn mit der Harry-Potter-Brille sind bei einem Nagelbombenattentat ums Leben gekommen. Die blöde Polizei arbeitet sich an der Drogenvergangenheit des toten Ehemanns ab, während Frau Krüger alias Serkic es selbstverständlich besser weiß: „Das waren Nazis.“, konstatiert sie mit Nagelbombentreffsicherheit.

Zu Anfang des Films vermeine ich noch, es müsse mich interessieren, wovon der Film zu erzählen vorgibt (Stichwort NSU). Doch bald schon werde ich von einwandfrei steifen Schauspielern, die das einbandreif sprachuniforme Drehbuch skandieren, eines Besseren belehrt - mit einer einfallsgleich reizarmen Auflösung: mal von hinten, dann ein Close-up, mal von oben, dann ein Close-up, schließlich Godards verhasste „Ping-Pong“-Montage (Aber Jean-Luc, das macht bei einem Polizei-Verhör doch Sinn!) und dann? Close-up. Der NSU-Thematik komme ich dadurch jedoch nicht näher.

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Wenn die ganze Familie tot ist, hilft außer Sarg-Shoppen und Drogenkonsum nur ein Suizidversuch, ansonsten Ablenken im Polizeirevier oder Gerichtssaal. Oder Urlaub in Griechenland – ach nein: Nagelbombenbasteln in Griechenland. Nach griechisch-antiker Manier wird diese Tragödie unterteilt in (römisch) drei Akte, von der „Familie“ geht es zur „Gerechtigkeit“ und schließlich an „Das Meer“. Zur dramaturgischen Auflockerung gibt es einige Rückblenden in das iPhone-Bilderbuch der serkitschigen Bilderbuchfamilie.

Hat man keine spannende Geschichte zu erzählen, wringt man eben dramaturgische Höhepunkte aus den Extremen. So hangelt sich Regisseur und Drehbuchmitautor Fatih Akin über Sümpfe der Einfallslosigkeit zu den trailerverwertbaren Augenblicken: Da die blutbespritzte Wand des Tatorts, dort die Prügelei im Gerichtssaal, hier ein Blutbad - endlich nimmt's einer mal wörtlich!

Wenn ich dieselbe Szene in einem Film der Coen-Brüder sehen würde, wäre mir vielleicht zum Lachen zumute, bei Quentin Tarantino wäre sie mir wohl nicht mal aufgefallen, aber die Slow-Motion in diesem deutschen Film legt den Finger doch zu sehr in die zweifache(!) Pulsader-Wunde. So verkrieche ich mich fremdbeschämt in meinem Kinosessel, während Frau Krüger neben ihrem Anrufbeantworter niedersinkt, der die pulsaderheilenden Worte ausspricht: „Du hattest Recht, das waren Nazis.“

Diese heroische Witwe, die auch bei strömendem Regen ihre Kapuzencoolness bewahrt und den Tätowierer statt den Traumatherapeuten aufsucht, berührt mich den ganzen Film über kein einziges Mal - weder mit ihrer Trauer um ihre ermordete Familie noch mit ihrer Wut auf die Mörder, geschweige denn mit ihrem finalen Rachefeldzug. Schließlich schnappe ich nur in der letzten Filmminute einmal kurz nach Luft, ob aus Empörung über die Schlusssequenz oder aus Erleichterung, dass der Film endlich zuende ist. Jedenfalls werde ich noch pünktlich aus dem Halbschlaf gerissen, bevor das Licht im Kinosaal wieder angeht.

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Wer glaubt, dass Langeweile eine Geschmacksfrage ist, wird wohl auch den Regisseur eines langweiligen Films in Schutz nehmen: „Aber das Thema ist doch so wichtig!“ Doch genau hier liegt das eigentliche Problem von Aus dem Nichts - im Grunde das einzige, das man diesem Film vorwerfen kann und muss: Er ist langweilig trotz seines wichtigen Sujets.

Nur weil sich ein Filmemacher einer bedeutenden Thematik annimmt, heißt dies noch lange nicht, dass seinem Film auch eine Bedeutung innewohnt. Im Gegenteil: Er muss sich um diese Bedeutung mehr als bei jeder „Soul-Kitchen“-Komödie filmisch verdient machen, um damit der Schuld zu entgehen, mit einem bedeutungslosen Kommentar die Bedeutung des Sujets mit in den Dreck zu ziehen. Die Verantwortung, die mit der Wahl des Sujets einhergeht, hätte Fatih Akin keinen langweiligen Film machen lassen dürfen. Hat er aber. ■ ih

6. Dezember 2017

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