Montag, 11. Dezember 2017
Dunkirk
Soldat Tommy sucht eine Möglichkeit, rechtzeitig evakuiert zu werden.
© Melinda Sue Gordon/Warner Brothers Entertainment Inc.,
Ratpac-Dune Entertainment LLC & Ratpac Entertainment, LLC

Er ließ uns in der Zeit rückwärts gehen, führte uns an den Rand des Verstandes und des Universums sowie nach Gotham und Central City. Diesmal widmete sich Christopher Nolan einem geschichtlichen Thema und führt uns an einen realen Ort - Dünkirchen, 1940. Die Deutschen haben die alliierten britischen, französischen, belgischen und kanadischen Truppen am Strand von Dünkirchen eingekesselt.

Obwohl England nur etwas über 40km entfernt war, gab es kaum einen Weg, es zu erreichen. Die britischen Kriegsschiffe konnten nicht bis an den flachen Strand heran und waren zudem unter starkem Beschuss von den Deutschen - zu Wasser wie auch in der Luft. Doch ein Aufruf für kleine Boote ging hinaus, die Flotte zu unterstützen und die Soldaten heim zu bringen. So schipperten die „nicht militärischen“ Boote eifrig an die französische Küste, um die traumatisierten und verwundeten Landsmänner nach hause zu bringen - Codename: Operation Dynamo.

»You can practically see it from here.«

Christopher Nolan war der erste, der IMAX®-Kameras in einem großen Hollywoodfilm verwendete, drehte seinen „dunklen Ritter“ damit und benutzte IMAX®-Kameras fortan in jedem seiner Filme. Bei Dunkirk erweiterte er jedoch den Gebrauch des Formats, drehte den kompletten Film mit IMAX®- und 65mm-Film, etwas, das, wie er bestätigt, »nie zuvor gemacht hat. Aber Dunkirk ist eine große Geschichte, die eine enorme Leinwand forderte. Der Grund, warum wir auf IMAX®-Film gedreht hatten, ist, dass die Bildqualität unübertroffen ist«, erklärt der Regisseur.

»Wenn man im Kino sitzt, verschwindet die Leinwand, und man bekommt einen tastfreudigen Sinn für die bildliche Darstellung, was sich für unglaubliche Panoramen und groß angelegte Aktionen eignet. Wir haben aber auch über die Jahre hinweg erkannt, dass, wenn man es für intimere Situationen verwendet, es eine Unmittelbarkeit schafft, die sehr einnehmend ist. So hatten wir das Gefühl, wenn wir einen Weg finden könnten, es technisch umzusetzen, würde sich der Erfolg voll auszahlen.«

Ein weiteres Markenzeichen in den Filmen von Christopher Nolan ist seine Vorliebe, die Aktionen vor laufender Kamera einzufangen und dabei so viele digitale und CGI-Effekte wie möglich zu vermeiden. »Für mich ist es sehr wichtig, mit echten Dingen und echten Menschen zu arbeiten«, stellt er klar. »Die daraus resultierende Wirkung ist sehr greifbar und umfassend und zieht dich in die Geschichte hinein.«

Zur weitergehenden Plausibilität waren die Filmemacher, Schauspieler und Stab geehrt, die Gelegenheit zu bekommen, einen Teil von Dunkirk an dem Originalstrand und zu derselben Jahreszeit drehen zu können, in der die wundersame Evakuierung von statten ging. Es gab einige logistische Herausforderungen, wie unfreundliches Wetter, raue See und die Konstruktion der Mole - ein enger, kilometerlanger, holzbrettiger Hafendamm, der unsicher in den kalten Gewässern des Kanals stocherte.

Nichtdestotrotz war dies die bestmögliche Lösung, wie Produzentin Emma Thomas gesteht: »Der Strand von Dünkirchen ist ein einzigartiger Ort. Wir haben uns nach anderen Optionen umgesehen, doch es wurde uns klar, dass es schwierig werden würde, das exakte Aussehen, das wir brauchten, irgendwo anders zu replizieren. Wir fühlten uns äußerst glücklich, an dem Ort drehen zu können, an dem das Ereignis stattfand.«

»He is not himself. He might never be himself again.«

Christopher Nolans Herangehensweise an die Erzählung der Geschichte differenziert sich von allen bisher dagewesenen Kriegsfilmen, denn er teilt die Hauptschauplätze in drei Zeitspannen: 1. Die Mole - eine Woche, 2. Die See - ein Tag und 3. Die Luft - eine Stunde. An der Mole treffen wir gleich zu Beginn auf den jungen Soldaten Tommy, der als einziger Überlebender seines Regiments den deutschen Truppen entkommen kann und sich plötzlich am Strand unter hunderttausenden Soldaten wiederfindet, die bereits mit ihrem Schicksal hadern und auf Evakuierung hoffen.

Fionn Whitehead, der hier sein Debüt gibt, beschreibt seine Rolle des Tommy als einen »klassischen Jedermann-Soldaten. Er ist einfach nur sehr jung und unerfahren und wusste vermutlich nicht einmal, wofür er sich da verpflichtet hatte. Aber er ist einfallsreich und entschlossen, zu tun, was immer er kann, um zu überleben.« Kurz nachdem er am Strand angekommen ist, entdeckt er einen jungen Mann, der sich gerade die Uniform eines toten Soldaten namens Gibson überstreift.

Aneurin Barnard, der diesen Jungen spielt, erklärt ihre Situation, aus der es nur noch einen Ausweg zu geben scheint: »Der einzige Weg, der sie von diesem Strand wegkommen lässt, ist, zusammen einen verwundeten Soldaten auf einer Trage zum Lazarettschiff am Ende der Mole zu bringen. Also schließen wir sehr schnell Freundschaft, und dieses Vertrauen musste sofort angenommen werden. Wir beide halten das Leben des anderen in unseren Händen.«

Als sie es letztlich doch noch (wenn auch nicht offiziell) auf ein Schiff geschafft haben, treffen sie auf Alex, mit dem sie sich schnell anfreunden. Ebenfalls an der Mole befinden sich die hochrangigen Offiziere Commander Bolton und Colonel Winnant, respektive Kenneth Branagh und James d'Arcy, die vor Ort die einzigen sind, die wissen, was vor sich geht, und versuchen, der Situation Herr zu werden. Sie sind eine der Wenigen, die über „Operation Dynamo“ Bescheid wissen.

»The tide is turning.«
»How can you tell?«
»The bodies are coming back.«

Eines der tapferen Kleinvehikel, die die gefährliche Reise unternehmen, ist die „Moonstone“, eine kleine Holzyacht, die von dessen Eigentümer Mr. Dawson gesteuert wird, der mit seinen Sohn Peter und dessen Freund George an Bord das Abenteuer ihres Lebens unternimmt. Als sie dann auf halbem Weg einen von Cillian Murphy eindrucksvoll gespielten, traumatisierten Soldaten aus den Trümmern eines torpedierten Schiffs retten, gerät ihre Mission in Gefahr, denn dieser Soldat hat nicht die geringste Absicht, in die Hölle zurückzukehren, aus der er sich mit Mühe und Not hatte retten können.

Und schließlich liefern sich die RAF-Spitfire-Piloten Farrier und Collins ein erbittertes Duell mit der Luftwaffe. Tom Hardy, der Farrier spielt und erst am Ende des Films wirklich zu sehen ist, weil er im Flugzeug stets eine Maske trägt, hat vermutlich als einziger eine direkte Verbindung zum Gefecht, denn sein Opa überlebte die Hölle von Dünkirchen, wie er verriet. Farriers Tankmeter wurde im Gefecht getroffen, daher muss er ständig den Spritverbrauch nachberechnen und mit seinem Verbündeten Collins vergleichen. All diese drei Handlungs- und Zeitstränge werden letztlich zusammengeführt, wobei jedoch nicht alle Helden des Films ein glückliches Ende finden.

Christopher Nolan schuf mit Dunkirk ein Kriegsepos, das in seiner Beklommenheit besticht und selbst Veteranen, die damals dabei gewesen waren, in die Zeit zurückversetzt und grausige Erinnerungen hochkommen lässt. Es sind aber auch die Feinheiten, die Details, wie was gemacht wurde, wie Kriegsgerät bedient wurde, die den Film so mitreißend authentisch machen. Auch wenn die Figuren im Film fiktiv sind, so war alles andere jedoch so wahrheitsgetreu wie nur irgend möglich inszeniert.

Die Zuschauenden fühlen sich mittendrin statt nur dabei, was nicht nur an den Kameraeinstellungen und Toneffekten liegt, auch an der Filmmusik von Hans Zimmer, dessen Töne und Rhythmen den jeweiligen Szenarien angepasst sind - so das Staccato der Salven der Kampfflugzeuge oder die Maschinen der Schiffe: Die Musik unterstützt die Toneffekte total, dramatisiert zusätzlich, was aber auch mit der Zeit nervt. Manchmal wünscht man sich eine stille Phase, denn die Soldaten hatten schließlich auch keine stichelige Filmmusik auf dem Wasser. Da wäre eine Bombardierung in der Stille wahrscheinlich effektvoller gewesen.

Man bekommt auch den Eindruck, dass Herr Zimmer Filmmusik für einen 3-Stunden-Film komponiert hat, der letzlich auf eine unüblich moderate Länge von unter 2 Stunden geschrumpft wurde. Da kann es schon vorkommen, dass der Eine oder Andere mit Kopfschmerzen aus dem Kino kommt. Auch hätte man hier und da ein paar Szenarien besser erklären können, warum die Soldaten jetzt dies oder jenes machen oder nicht machen. Doch im Großen und Ganzen ist Christopher Nolan ein grandioser Kriegsfilm gelungen, der ein weiters Kapitel des II. Weltkriegs aufarbeitet und das Heldentum der tapferen Soldaten, und hier auch Zivilisten, porträtiert. ■ mz

2. August 2017

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