Montag, 11. Dezember 2017
Das Belko Experiment
The Belko Experiment
Mike beschützt seine Kollegin Leandra vor den Flammen.
© Kinostar/Hector Alvarez Amaya

Als die Büroangestellten zur Arbeit des isolierten Belko Industries Bürokomplexes ausserhalb Bogotás kommen, beginnt der Tag wie jeder andere. Mike Pelk raucht Gras auf dem Klo und flirtet mit seiner wunderschönen Kollegin Leandra, während die neue Mitarbeiterin Dany Wilkins ihren ersten Tag im neuen Job beginnt. Alles ändert sich, als eine anonyme Stimme durch die firmeninterne Sprechanlage den Angestellten anordnet, drei von ihren Kollegen innerhalb von 30 Minuten zu töten. Viele der 80 Angestellten halten das nur für einen schlimmen Scherz, selbst als alle Fenster und Ausgänge mit Stahlplatten verriegelt werden.

Nachdem sie die Aufgabe nach einer halben Stunde nicht vollendet haben, explodieren die Köpfe von sechs willkürlich ausgesuchten Mitarbeitern. Panik kommt auf, als die geisterhafte Stimme ihren nächsten Befehl gibt: 30 Menschen müssen in den nächsten zwei Minuten getötet werden oder 60 Menschen werden sterben. Der Belko-Chef vor Ort, Barry Norris, ein ehemaliger Angehöriger der Spezialeinheit, beschlagnahmt die Waffenkammer, versammelt eine Todesschwadron um sich herum und beginnt, ältere und kinderlose Mitarbeiter hinzurichten. Im folgenden Handgemenge offenbaren unbedeutende Büroangestellte wie Kiffer Marty, Nerd Keith, der gruselige Wendell und der Wartungsarbeiter Bud ihr wahres Gesicht...

»Bringing the world together«

Eines Nachts anno 2007 erwachte Filmemacher James Gunn von einem Traum mit der klaren Vision des Belko-Experiments und dessen verstörenden zentralen Prämisse. »In meinem Traum sah ich ein Bild von dem Gebäude und Menschen, die drinnen einer Stimme zuhörten, die sie über Lautsprecher anwies, zu töten oder getötet zu werden«, erinnert sich James Gunn. »Ich fand das Konzept überzeugend, weil ich immer Angst vor sozialen Experimenten hatte, die nicht der Moral unterlagen. Also habe ich mich mit den Figuren auseinandergesetzt und sie bis an ihre Limits gebracht.«

Es ist der Stoff, der die Genüter aufheizt: Eine gewisse Anzahl von Menschen verschiedenster Couleur sieht sich einer außergewöhnlichen Situation ausgesetzt und muss sich bis zum Ende bzw. den Nachwirkungen dieser behaupten. Fast jede Serie hat diese Geschichte in einer Episode, wo Leute in Fahrstühlen oder Schächten usw. eingesperrt sind, bis sie gerettet werden oder sich selbst retten können. Genauso funktionieren Katastrofenfilme. Mischt man diese Geschichte mit dem Horrorelement, kommen Filme wie Cube, The Purge oder Battle Royale zustande, aber auch Filme wie Die Tribute von Panem, Das Experiment oder Die Welle tragen sich in die Artverwandheitsliste ein.

Das Belko Experiment erzählt zwar nichts Neues und zeigt bei weitem keine skurrileren Ableben als in Saw oder Scream, doch er weiß, sein Zielpublikum mit bös-bissigem Humor bei der Stange zu halten. Hinzu kommt, dass James Gunn es sogar schafft, ähnlich wie bei seinen eigenen Filmprojekten, die einzelnen Figuren so tief zu zeichnen, dass man im Laufe des Films laut „Och nöö!“ sagt, wenn eine sympathische Figur das Zeitliche segnet. Anders herum funktioniert es genauso, wenn man sich freut, dass einer der „falschen“ Leithammel draufgeht, ähnlich wie beim Klassiker Poseidon Inferno, wo der Prediger seine Schäfchen ans falsche Ende des umgekippten Kreuzfahrtschiffs führt.

»Jeder Angestellte repräsentiert einen anderen Aspekt von Moral«, erklärt der Autor. »Mike glaubt, dass wir nicht das Recht haben, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, egal was passiert. Norris stuft sein eigenes Leben wertvoller, als das der anderen ein. Leandra ist Realistin mit utilitaristischen Neigungen. Wendell ist ein unmoralischer Sadist, und Marty ist solch eine zarte Seele, dass er die Situation komplett verweigert.«

Weil sein Zeitplan mit anderen Regieprojekten gefüllt war, den zu jender Zeit anstehenden Guardians of the Galaxy Vol. 2 eingeschlossen, entschied James Gunn, zusammen mit Peter Safran zu produzieren, und einen gleichgesinnten Regisseur für den Film zu finden. Nach Treffen mit verschiedenen talentierten Filmemachern haben die beiden den australischen Horrorautor Greg McLean ausgesucht, der die erste Aufmerksamkeit 2005 für seinen Kultklassiker Wolf Creek bekam.

»Ich erinnere mich, in einer E-Mail an meinen Agenten geschrieben zu haben: „Niemand wird jemals den Film drehen, weil er so brutal und wahnsinnig ist!“ Aber sobald sie mich überzeugten, dass sie wirklich diesen Film machen werden, wollte ich sofort dieses wilde Werk drehen. Es ist lustig und brutal und schockierend, und James hat tolle Charaktere erschaffen«, erzählt der Regisseur.

Was würdest du in dieser Situation tun? »Jeder möchte denken, dass er sich genauso heroisch verhält wie Mike«, beobachtet Mitproduzent Dan Clifton. »Aber wenn die Wände runtergehen und Menschen in eine extreme Situation gebracht werden, kommt jedermanns Fehler ans Licht. Das ist der Zeitpunkt, wenn der Bösewicht menschliche Gestalt annimmt.«

»We need to discuss all our options.«

Gedreht wurde tatsächlich in der kolumbianischen Hauptstadt und Umgebung! Grund hierfür war natürlich das großzügige Steuernachlass-Programm des Landes, weshalb sich James Gunn für sein Horrorschmankerl auch eine Menge namhafter (oder zumindest gesichtsbekannter) Stars hatte leisten können. Neben seinen Guardians-Akteuren und zur Stammbesetzung gehörenden Michael Rooker, Bruder Sean Gunn und Gregg Henry, der am Ende übrigens noch zu sehen ist, so viel sei verraten, ist in der Hauptrolle John Gallagher jr. zu sehen, der für seine gewinnende Darstellung eines verliebten Reporters in Aaron Sorkins Golden Globe® nominierter HBO-Serie The Newsroom bekannt ist.

»Ich mag Mike, weil er einen ethischen Kodex hat«, sagt der Schauspieler über seine Rolle. »Ungeachtet all des Wahnsinns um ihn herum glaubt er, dass wir uns nicht dem Niveau der Barbaren beugen und uns gegenseitig zu attackieren anfangen sollten.« Zunächst nur mit den besten Absichten ausgerüstet sieht sich Mike jedoch gezwungen, sich anzupassen, als das tödliche Spiel voranschreitet. »Stück für Stück wird Mike gebrochen und sein Überlebensinstinkt setzt sein. Er kommt zu dem Punkt, an dem du festlegen musst, ob du stirbst oder kämpfst.«

Mikes größter Gegner im chaotischen Büro ist Unternehmenschef Barry Norris, porträtiert vom erfahrenen Schauspieler Tony Goldwyn, der sich seine Rollen gut auswählt, vor allem, weil er auch nebenbei auf diversen Regiestühlen sitzt. »Als sie mir das Drehbuch sendeten, fand ich, dass es originell, einzigartig und sehr brutal war«, sagt Tony Goldwyn, der aktuell in der Hauptrolle des Präsidenten Fitzgerald Grant III. in der ABC-Serie Scandal zu sehen ist. »Es war ein Wandel zu all der ganzen Arbeit, die ich zuvor gemacht habe. Ich war bereits ein Fan von James Gunn, und als ich mich mit Greg McLean traf, dessen Arbeit ich gesehen habe und brillant fand, wusste ich, dass ich diese Rolle wollte.«

Hinzu kommen Serienstars wie John C. McGinley, Owain Yeoman sowie der gutmütige Hüne aus der Notaufnahme - Abraham Benrubi. In einem Team mit Mike, gegen Norris und seinen Todesschwadron, ist Mikes willensstarke Freundin Leandra, gespielt von Adria Arjona. Geboren in Puerto Rico und aufgewachsen in Mexiko-Stadt, nahm sie die Rolle zum Teil aus Enthusiasmus für James Gunns Fähigkeit, die düstere Prämisse mit seinem kennzeichnenden Witz zu durchziehen, an.

Genauso versucht die neue einfallsreiche Mitarbeiterin Dany, dargestellt von der gebürtigen New-Yorkerin Melonie Diaz, ihr Bestes zu geben, um hinter der Feuerlinie zu bleiben. »Dany hat ihre eigene Reise«, sagt die Schauspielerin, die viel Beifall für ihren Durchbruch in Fruitvale Station erntete. »Sie ist verschreckt, aber auch mutig. Dany rennt und versteckt sich, weil sie leben will. Sie will überleben und möchte dort unbedingt heraus.«

Regisseur Greg McLean baute auf die Talente dieses hochkalibrigen Ensembles, um emotional berührende Darstellungen in einem knappen Zeitplan abzuliefern. »Ich versuchte, die Wahrheit in jeder Szene zu finden. Also war es unbedingt erforderlich, dass wir Schauspieler haben, die das Publikum zu dieser Wahrheit führen könnten«, sagt er. »James und ich arbeiteten hart, um eine tolle Besetzung zusammenzustellen, und ich kann ohne Frage sagen, dass diese Schauspieler wirklich das Niveau des Films gehoben haben.«

Für gewöhnlich landet solch ein Film eigentlich direkt im Heimvideoregal, doch durch den Namen James Gunn und der Tatsache, dass dieser Das Belko Experiment mit in die Werbetrommel zu Guardians of the Galaxy Vol. 2 gepackt hat, gekoppelt mit der grandiosen Geschichte und Besetzung und einer wahnwitzigen Splatterorgie vom Feinsten, hat sich dann doch ein kleiner Verleih gefunden, diesen Film kurzfristig ins Kino zu bringen. Einen kleinen Schönheitsfehler hat der Film jedoch: Die Forderung aus den Lautsprechern kommt derart überraschend, dass man die Ansage kaum versteht. Und dass diese nicht einmal ob der Wichtigkeit wiederholt wird, ist einfach mal etwas schwach, genauso wie die mangelnde Originalität der Geschichte. Da hätte der Film auch ruhig noch die 90 Minuten ausfüllen können... ■ mz

14. Juni 2017

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