Montag, 11. Dezember 2017
The Dinner
Beau, Michael und Rick entdecken eine Obdachlose vor dem Geldautomaten.
© Tobis

Als Stan Lohman, einflussreicher Abgeordneter mit Ambitionen auf den Posten des Gouverneurs, seinen Bruder Paul und dessen Frau Claire einlädt, den Abend mit ihm und seiner Frau Katelyn im feinsten Nobelrestaurant der Stadt zu verbringen, wissen alle Beteiligten, dass dies kein gemütlicher Abend werden wird. Das Verhältnis von Stan und Paul ist seit eh und je konfliktbeladen, doch nun wird es ernsthaft auf die Probe gestellt.

Ihre beiden 16-jährigen Söhne haben ein schreckliches Verbrechen begangen, sind aber als Täter noch nicht identifiziert worden. Mit etwas Glück könnten sie also ungestraft davonkommen, doch für die Eltern stellt sich jetzt die Frage, ob Vertuschen und Verdrängen hier wirklich die beste Lösung wäre. Der Abend entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Psychoduell, bei dem so manch lang gehütetes Familiengeheimnis und weitere unangenehme Überraschungen ans Licht kommen...

»It's all politics.«

Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2009 hat sich Herman Kochs Roman „The Dinner“, auf Deutsch im KiWi Verlag unter dem Titel „Angerichtet“ erschienen, zu einem internationalen, in über 50 Ländern verlegten Bestseller entwickelt. Wegen seiner meisterhaften Erzähltechnik, der düsteren Vision und den unerwarteten Wendungen wurde er mit Arbeiten wie Gillian Flynns „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ und Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ verglichen und löste leidenschaftliche Diskussionen aus. Das Buch zwingt seine Leser zur Auseinandersetzung mit äußerst schwierigen Gedanken. »Es stellt eine unmögliche Frage«, sagt Drehbuchautor und Regisseur Oren Moverman. »Was würdest du tun, wenn deine Kinder ein schreckliches Verbrechen verüben? Wie weit würdest du gehen, um sie zu beschützen?«

Das Menü besteht aus einer feierlich zelebrierten Gangfolge – Aperitif, Appetizer, Hauptgang, Käse, Dessert und Digestif. Trotzdem ist The Dinner kein Film übers Schlemmen, und es wird im Lauf der Story auch tatsächlich nur sehr wenig gegessen. »Das Essen ist lächerlich, und genau darum geht es«, erklärt der Filmemacher. »Die Welt dieser Leute fällt auseinander, aber sie bekommen feinstes Pumpernickel kredenzt. Die Gänge entsprechen übrigens genau der dramaturgischen Struktur unserer Geschichte.«

Der Film beschränkt sich in räumlicher Hinsicht nicht nur auf das Restaurant und in zeitlicher Hinsicht nicht nur auf den Abend des Essens – er springt permanent zwischen den Ebenen hin und her und führt uns immer weiter zurück in Pauls schmerzhafte Erinnerungen und in die komplizierte Geschichte der vier Menschen am Tisch. »Am Anfang scheint schnell klar zu sein, wer jeder dieser Vier ist«, konstatiert Oren Moverman, »aber im Lauf des Abends stellt sich heraus, dass jeder von ihnen noch eine andere Seite hat. Jeder hat etwas zu verbergen, aber irgendwann kommen wir an den Punkt, wo alles offen daliegt.«

»After this night it will all be over.«

Paul ist besessen von Gettysburg, Pennsylvania, wo eine der blutigsten Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs geschlagen wurde. 50.000 Soldaten starben bei der entscheidenden Niederlage der Südstaaten. »Für ihn ist das ein kompliziertes Thema, ein ikonischer Moment der amerikanischen Geschichte. Der Wahnsinn und die Unmenschlichkeit des Krieges machen ihm schwer zu schaffen«, erklärt Steve Coogan, der hier zur Abwechslung mal eine fast sympathische Rolle spielt. »Gleichzeitig ist er davon fasziniert und versucht, einen Sinn darin zu finden.«

Paul erleidet einen Nervenzusammenbruch, als er Gettysburg zusammen mit seinem ungeliebten älteren Bruder Stan besucht. Davon hat er sich zum Zeitpunkt des Dinners immer noch nicht wieder erholt. »Nach so einem Zusammenbruch hängt noch lange eine Wolke aus Selbsthass über dir«, erklärt Steve Coogan. »Du bist enttäuscht über die anderen Menschen, die offenbar viel besser mit dem Leben klarkommen als du.«

Einer, der bestens im Leben klarkommt, ist Stan. Er ist ein angesehener Kongressabgeordneter, der aktuell für den Posten des Gouverneurs kandidiert. »Stan steht ganz oben«, meint Richard Gere, der sich zwischenzeitlich auf der anderen Seite der Gesellschaft experimentell als Obdachloser ausgegeben hat. »Er hat die DNS eines erfolgreichen Politikers. Er ist freundlich und charmant, kann gut mit Menschen umgehen, weiß, wie die Dinge laufen.« Paul lehnt Stan schon seit der gemeinsamen Kindheit ab, in der er angeblich weniger Liebe und Aufmerksamkeit erhielt als der große Bruder.

Ohne die liebevolle Unterstützung seiner Frau Claire wäre Paul vermutlich verloren. »Claire steht voll und ganz zu ihrem Ehemann«, sagt Laura Linney. »So kompliziert und fehlerhaft sie auch beide sein mögen, so eng sind sie auch miteinander verbunden. Daraus ziehen sie viel Kraft. Und je größer Pauls Probleme wurden, desto mehr Energie hat sie aufgewandt, um ihn zu stabilisieren.«

Um Paul nicht noch mehr zu belasten, erzählt sie ihm nicht alles, was in der Familie vor sich geht. »Sie versucht, ihn zu beschützen. Sie weiß ja nie, ob und wann sich sein mentaler Zustand weiter verschlechtern wird«, ergänzt die Schauspielerin. »Gleichzeitig will sie die Kontrolle behalten. Sie glaubt, die Dinge am besten beurteilen zu können und vertraut auf ihr eigenes Urteil. Sie meint, alles zu wissen, und das ist natürlich ein großer Fehler. Es lässt die anderen nicht zum Zuge kommen, und es bleibt kein Platz für andere Meinungen.«

Paul und sein Sohn Michael sind komplett entfremdet. »Paul ist bedürftig und unausgeglichen. Sein Sohn wünscht sich aber jemanden, der stark und klar ist«, erklärt Steve Coogan. »Michael ist verbittert, weil sein Vater so schwach ist, was seinen Vater paradoxerweise noch schwächer macht. Sie befinden sich in einem zerstörerischen Teufelskreis.«

Katelyn, Stans wesentlich jüngere zweite Frau, hat ihre eigene Karriere hintenangestellt, um Stans politische Ambitionen unterstützen zu können. »Katelyn ist ein typisches Alphatier«, konstatiert Rebecca Hall. Im Film ist Katelyn von Anfang an vor allem eines: genervt von ihrem Ehemann. »Stan hat ihr erst in letzter Sekunde verraten, was er bei diesem Dinner im Schilde führt. Sie fühlt sich verraten, und das verpasst ihr einen Knacks.«

»What will he become, when he gets away with this?«

Bald wird auch den anderen klar, warum Stan sie zusammengetrommelt hat. Der Sohn von Paul und Claire, Michael, hat gemeinsam mit Stans Sohn Rick ein furchtbares Verbrechen begangen, und Stan will darüber sprechen, wie es nun weitergeht. Wenn die Eltern nichts unternehmen, könnten die Kids ungestraft davonkommen – aber wäre das tatsächlich das Beste für sie? Stan hat sich bereits entschieden – und erwartet von den anderen das Gleiche.

Das moralische Dilemma besteht darin, dass hier Eltern über das Wohl und Weh ihrer Kinder entscheiden müssen. »Wir halten uns gern für moralische Wesen«, erklärt Produzent Cotty Chubb. »Wir halten uns für gute Menschen, die die richtigen Entscheidungen treffen, und wenn die Umstände uns ein anständiges Verhalten abverlangen, dann verhalten wir uns auch so. Aber diese Geschichte bringt die Figuren in die schreckliche Situation, all das zu ignorieren, und ihre Kinder zu beschützen. Wenn der moralische Imperativ auf Kriegsfuß mit dem elterlichen Imperativ steht, weiß keiner, wie das ausgeht. Da kann es kein wirklich gutes Ende geben.«

Oren Moverman ergänzt: »Manche Leute sagen ohne groß nachzudenken: „Du darfst dein Kind nicht bloßstellen, du darfst es nie aufgeben, du musst es immer beschützen – ich würde für mein Kind töten!“ Das ist ein höchst emotionales Thema. Das Buch war meines Erachtens so erfolgreich, weil es einen sehr tiefsitzenden Punkt berührt.« Die Tat, um die es in dem Film geht, war gerade erst im letzten Winter in Berlin geschehen - allerdings mit glimpflichem Ausgang. Es geht um das „spaßige“ Anzünden von Obdachlosen - hier im Film mit fatalem Ausgang.

Es geht um das Erkennen von Schuld, Tragweiten von Handlungen, gesellschaftliche Verantwortungen und mit den verschiedenen Figuren eine Art Querschnitt durch die (gehobene) Gesellschaft. Die Geschichte hält den Zuschauenden den Spiegel vor's Gesicht bzw. legt den aktuellen Gesellschaftsstatus offen aus. Wie weit sind wir gekommen, dass wir Menschen anzünden? Wie kommt es, dass Jugendliche Odachlose als Müll betrachten? Es geht um die Verrohung der Gesellschaft.

»In dieser Geschichte kommt alles zusammen«, bilanziert Oren Moverman. »Jeder hat seine Gründe und wird bis zum Schluss für seinen Erfolg kämpfen, aber am Ende des Tages wird niemand gewinnen, weil es keinen Sieger geben kann. Das einzige, was passiert, ist, dass schließlich alles offen daliegt.« Leider liegen am Ende auch die Nerven der Betrachtenden blank, denn mit satten zwei Stunden ist der Film nicht nur zu lang, er ist auch recht zäh. Erst im letzten Drittel kommt die Geschichte ins Rollen, ständig nerven Klaviergeklimper, das ununterbrochen mit SMS-Smartphonetönen untermahlt ist, und die Tatsache, dass nicht wirklich etwas passiert.

Es wird geredet und geredet, oft um den heißen Brei, um die Figuren näher zu charakterisieren. Der Film erinnert sehr an den Gott des Gemetzels, doch jener war dramaturgisch, und erst recht filmisch, weitaus spannender umgesetzt und interessanter. The Dinner bietet keine Lösung an und überlässt den Zuschauenden alles Weitere. Und hinterher fragt man sich, warum man dafür zwei Stunden seiner Zeit verschwendet hat. Allerdings kann der Film als Unterrichtsmaterial für Jugendliche dienen, die viel zu leichtfertig mit solch einem Thema umgehen. Dafür muss man aber nicht unbedingt ins Kino gehen. ■ mz

31. Mai 2017

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Kinostarts 8. Juni
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