Montag, 11. Dezember 2017
Baywatch
Victoria Leeds hat ein klares Ziel vor Augen.
© Paramount Pictures/Frank Masi

Bei einer ganzen Generation von Fernsehenden weltweit ruft der Titel Baywatch Erinnerungen an Sonne, Surfen und skulpturenhafte Rettungsschwimmer und Rettungsschwimmerinnen hervor, die in hautenger roter Badebekleidung und in Zeitlupe den Strand entlangrennen. »Baywatch ist so ziemlich die erfolgreichste Fernsehserie aller Zeiten«, erklärt Hauptdarsteller und ausführender Produzent Dwayne Johnson begeistert. »Mir gefiel die Herausforderung, einen derart beliebten Fernsehkult für ein neues Publikum aufzubereiten, das möglicherweise gar nicht damit groß geworden ist.«

»Die Serie war der pure Eskapismus«, findet Produzent Beau Flynn. »Es war für Menschen um den ganzen Erdball die ideale Gelegenheit, ihren Alltag abzuschalten und in diese Welt wunderschöner Menschen am Strand einzutauchen. Der Gedanke des Films war es, das bis aufs Äußerste zuzuspitzen und gleichzeitig ein wenig damit herumzualbern.«

Wer erinnert sich nicht an David Hasselhoff als Leutnant des Baywatch-Rettungsteams Mitch Buchannon, Strandnixe in Rot Erika Eleniak, die damals zahlreiche Spinde geziert hat, als Shauni und ihren Lover Eddie Kramer, gespielt von Schönling Billy Warlock, mit dem sie auch hinter der Kamera liiert war, der bis 2010 in sämtlichen Seifenopern zu sehen war und seitdem von der Bildfläche verschwunden ist und sich, wenn man sich sein Twitter-Konto anschaut, mit seiner Frau, der ebenfalls ehemaligen Seifenopern-Schauspielerin Julie Pinson irgendwo in die Berge zurückgezogen hat.

Nun kommt das zeitgemäße Update des TV-Kults in die Kinos. Darin geht es um den engagierten Rettungsschwimmer Mitch Buchannon und sein Kräftemessen mit dem etwas zu stürmischen neuen Rekruten Matt Brody, ein ungehobelter olympischer Schwimmer und zweifacher Goldmedaillengewinner, der mit der festen Überzeugung in Emerald Bay auftaucht, für Mitchs wettkampfstarkes und handverlesenes Team ausgewählt zu werden. [Ähnlichkeiten mit dem berüchtigten Schwimmer Ryan Lochte sind nicht rein zufällig.] Als sie auf diverse kriminelle Machenschaften stoßen, müssen sich die beiden zusammenraufen, um die Zukunft ihres Strands zu schützen. Dabei hat nicht nur Mitch im Körper von Ex-Wrestler The Rock Muskelmasse zugelegt, auch Zac Efron sieht man den Gang ins Fitnessstudio deutlich an!

»Als ich klein war, durfte ich Baywatch nicht sehen«, gesteht Zac Efron ein wenig melancholisch. »Aber ich erinnere mich sehr gut, wie ich es heimlich geschaut habe, spät nachts nach Howard Stern, auf unserem klapprigen alten Fernseher mit Einstellrad. Dieses eine Mal stieß ich beim Zappen auf eine fantastische Sendung voller Boote und Explosionen, und erst als es vorbei war, merkte ich, dass das Baywatch war. Und ich dachte nur: Heiliger Strohsack, das war der Hammer!«

»Brody streut uns ordentlich Strandsand ins Getriebe«, sagt Dwayne Johnson. »Unser Team läuft wie Schmieröl, und plötzlich taucht dieser Macker geradewegs von Olympia auf und meint, er könnte einfach ohne jegliches Training bei uns mitmachen.« In scharfem Kontrast zu Zac Efrons unmotiviertem Brody steht die höchst kompetente, ehrgeizige Rettungsschwimmerin Summer Quinn, gespielt von Alexandra Daddario, die bereits im Katastrofenfilm San Andreas als Dwayne Johnsons Tochter zu sehen war und bereits mit Filmmutter Carla Gugino für die Fortsetzung eingeplant ist.

»Summer bietet Brody ordentlich die Stirn, weil sie clever und hartnäckig ist und ihn in wirklich jeder Interaktion schlägt«, sagt Regisseur Seth Gordon, der sich mit seinen Komödien Mein Schatz, unsere Familie und ich, Kill the Boss, Voll abgezockt und Serien wie Breaking in (2011/12) und Die Goldbergs (2013-15) einen Namen gemacht hat. »Es war aufregend, ein Drehbuch voller starker, ausgeprägter Charaktere mit eigenen Persönlichkeiten zu lesen«, schwärmt auch die Schauspielerin selbst, die auch mit ihren markanten Augen denen von Zac Efron Paroli bietet. »Ich mochte, dass jede Figur ihre Chance bekommt, auf ihre ganz eigene Art ein Badass zu sein.«

»Why does she always look like she's running in slow-mo?«
»You see it too?!«

Sports-Illustrated-Bikinimodel Kelly Rohrbach wurde als offenherzige C.J. Parker besetzt, die dank der legendären Pamela Anderson berühmt geworden ist. Die popkulturelle Bedeutung der Figur ging auch an Frau Rohrbach als langjährigem Fan der Serie nicht vorbei: »Meine Schwestern finden es unglaublich lustig, weil Baywatch das einzige war, das wir zusammen geguckt haben, als wir aufwuchsen. Eine meiner frühesten Erinnerungen überhaupt ist, wie ich am Daumen lutschend diese Serie sehe. Sie ist ein wahres Phänomen unserer Popkultur. Jeder hat Erinnerungen, die in irgendeiner Weise damit verbunden sind. Abgesehen davon liebte ich den schamlosen Ansatz des Drehbuchs für die Filmversion.«

Wie schon Pamela Anderson vor ihr ist Kelly Rohrbach für diverse der berühmten Baywatch-Zeitlupenszenen verantwortlich. »Es war Seths Idee (und ich mochte sie sofort), dass immer, wenn irgendjemand C.J. rennen sieht, sie es in Zeitlupe zu tun scheint«, verrät Produzent Beau Flynn. »Das war eines der denkwürdigsten Elemente der Serie, und ich habe wenig Zweifel daran, dass diese Szenen auch im Film zu den denkwürdigsten gehören werden.«

Ein weiteres Original-Teammitglied ist Stephanie Holden, die von Ilfenesh Hadera gespielt wird, die man vielleicht schon mal in Serien wie Chicago Fire, Billions, Master of None oder in Spike Lees Chi-Raq (2015) bzw. dem Remake von Old Boy (2013) im Kino gesehen hat. »Wenn Mitch die Vaterfigur der Gruppe ist, dann ist Stephanie wohl ihre Mama«, wie Frau Hadera selbst es beschreibt. »Sie ist ein wenig älter, weiser und knallt gern mal mit der Peitsche. Aber genauso nimmt sie die weniger erfahrenen Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer unter ihre Fittiche.« Beau Flynn ergänzt: »Stephanie kümmert sich um die Planung der täglichen Aufgaben bei Baywatch. Als Ilfenesh vorsprach, überzeugte sie uns sofort, weil sie diese Bodenständigkeit mitbrachte, die das Team sehr gut abrundet.«

Das letzte Mitglied des Teams ist Ronnie, ein Einheimischer aus Emerald Bay mit einer großen Schwärmerei für C.J. und noch größeren Träumen von einer Karriere bei Baywatch. Jon Bass, [Jonah Hill ist wohl in die Jahre gekommen?] demnächst auch in dem Drama Loving zu sehen, beschreibt den Charakter seiner Rolle: »Ronnie ist ein ungeschickter, aber ganz normaler Typ, der sich in einem Team wiederfindet, dessen Mitglieder allesamt superheiß und außerordentlich cool sind. Er ist ein Durchschnittstyp, der einen seltenen Blick hinter die Kulissen bekommt.«

Ob er sich versehentlich sein Gemächt in einem Liegestuhl einklemmt oder die Regeln der gemischten Duschen leicht missversteht - Ronnie ist meist der Angelpunkt der haarsträubenderen Gags in Baywatch. »Wenn sich die Menschen über die großen Momente der Filmgeschichte unterhalten, wird die Szene, in der mein Schwanz im Liegestuhl klemmt, in einem Atemzug mit Der Pate genannt werden«, scherzt er selbst. »Ich hoffe, dass sich die Leute in der kommenden Filmpreissaison daran erinnern.«

Zusätzlich zu seiner Rolle als die komische Geheimwaffe von Baywatch sorgt Ronnie auch für das unerwartete Herz des Films, wie Produzent Flynn ausführt: »Wir liebten nicht nur den Leichtsinn, den Jon mit in seine Szenen einbrachte, sondern genauso die Seele und die Leidenschaft seiner Figur. Es gibt einfach nichts, was er nicht tun würde, um ein Teil von Baywatch zu werden. Ein Rettungsschwimmer zu sein, bedeutet nicht nur, sportlich oder besonders gut gebaut zu sein. Es geht vor allem darum, wie sehr man es will. Wenn ich im Ozean ertrinken würde, oder wenn mich ein gigantischer Oktopus langsam unter Wasser ziehen würde, würde ich mich am liebsten von Jon retten lassen – weil dieser Typ einfach nicht weiß, wie man aufgibt.«

»I thought we were lifeguards.«

Das neue alte Baywatch-Team wird auf eine harte Probe gestellt, als eine gefährliche neuartige Droge an die Küste von Emerald Bay gespült wird. Zur gleichen Zeit eröffnet mit dem Huntley Club ein Beachresort der Extraklasse, geführt von Schurkin Victoria Leeds, die von der indischen Schauspielerin Priyanka Chopra dargestellt wird. Im Fernsehen steht sie weiterhin in ihrem US-Debüt als Verschwörungs-Agentin in Quantico vor der Kamera, nun spielt sie erstmals eine wirklich Böse.

»Ich bin sicher, viele Leute wissen gar nicht, was für ein enormer Erfolg Baywatch in Indien war«, erklärt sie. »Ich bin noch immer ein großer Fan, also hatte ich vor dem Lesen des Drehbuchs ziemliche Angst, was man mit meinen geliebten Figuren gemacht hätte. Aber ich konnte kaum aufhören zu lachen. Ich bin begeistert, dass ich die Böse spiele, weil das ein völlig neuer Charakter ist und ich in der Rolle sein konnte, was immer ich wollte.«

Ursprünglich war der Schurkenpart des Films für einen Mann geschrieben worden, doch die Filmemacher waren sich einig, dass die Besetzung von Priyanka Chopra der Figur eine völlig neue Dynamik verleihen würde. »Wenn man Dwayne im Film einen starken Kerl in den Weg stellt, weiß jeder, dass dieser Typ verlieren wird«, erklärt es Seth Gordon. »Aber Priyanka gibt Victoria eine gewisse Intelligenz und Raffinesse, wie Mitch sie bei einem Gegenspieler so noch nicht kannte.«

»Buchstäblich jeder meiner Tage war entweder Baywatch oder Quantico gewidmet«, erinnert sich die Schauspielerin. »Aber ich bin sehr dankbar, dass alles gut gelaufen ist, weil ich es wirklich machen wollte und zu 100 Prozent sicher war, dass es nicht klappen würde. Ich bin sehr dankbar, dass alle Verantwortlichen genug Vertrauen hatten, dass ich in der Lage wäre, beides hinzubekommen.«

Im Zuge seiner persönlichen Nachforschungen zum Huntley Club tritt Mitch dem örtlichen Strandpolizisten Sergeant Ellerbee auf die Füße, gespielt von Yahya Abdul-Mateen II., der das Verhältnis der beiden erläutert: »Mitch nennt sich selbst ohne ersichtlichen Grund einen Lieutenant und Ellerbee erinnert ihn konsequent daran, dass er nur ein Rettungsschwimmer ist. Also reiben wir uns aneinander. Ellerbee mag Ordnung und Organisation, da ist natürlich das letzte, was er gebrauchen kann, ein übereifriger Rettungsschwimmer, der Verbrechen aufklären will.«

Höher, schneller, weiter - für die Kinoproduktion der für heute doch eher seicht anmutenden TV-Serie musste natürlich alles überdimensional proportioniert erscheinen. So haben wir die zwei Buddys -ähm- Bodys, die riesige Reifen umstülpen und mit Kühlschränken rennen, riskant-rasante Rettungsaktionen und, das wohl Verrückteste: das riesige Logo, das hinter Mitch am Ozeanhorizont aufs Wasser klatscht! Das ist aber auch nicht die einzige Peinlichkeit, die den Filmemachern unterlaufen ist. Es gibt u.a. auch einen Kurzauftritt der Originalstars David Hasselhoff als Mitchs „Mentor“ (samt angespieleter Originaltitelmusik!) sowie Pamela Anderson als Neuzugang am Ende des Films. Für eine Sprechrolle hatte das Budget letztlich offensichtlich doch nicht gereicht. Aber immerhin durfte sie nochmal in Zeitlupe agieren!

Und dann ist da noch der Humor. »Wir wollten die Messlatte für anarchischen Humor noch einmal deutlich höher legen«, grinst Dwayne Johnson. »Auf der Skala für Komödien gibt es die Bewertung „lustig“, darüber steht „zum Brüllen komisch“. „Lustig“ war gar nicht erst eine Option, wir wollten direkt nach ganz oben, hin zu „derb und dreckig“. Und da geht es ab. Da oben ist die Luft verdammt dünn. Und auf dieser Skala ist Baywatch „Licht-aus-Game-over-Weihnachten-muss-dieses-Jahr-leider-ausfallen-derb-und-dreckig“.«

Bitte nicht falsch verstehen! Der Film ist lustig, und viele Gags hauen auch voll rein! Aber man erwischt sich auch oft beim innerlichen Facepalm, was die Ernsthaftigkeit der Serie zu sehr untergräbt. Bei 21 Jump Street mag das zwar funktioniert haben, doch bei Baywatch hatte man gemeint, noch einen Klappstuhl drauflegen zu müssen. Daher wirkt der Film etwas unstimmig. Auch wurde Mitchs Sohn Hobie aus dem Drehbuch geschrieben. Dafür hat Mitch zuhause ein Aquarium mit einem Mini-Mitch darin!?

Im Prinzip ist Baywatch eine Mischung aus Hollywood und Bollywood - hübsche Menschen in sexy Ausstattung in wahnsinnig cooler Action mit unprätentiösen Dialogen. Es fehlten nur noch die Gesangs- und Tanzeinlagen. Okay, eine Tanzeinlage ist zwar drin, allerdings keine für Bollywood typische. Auch der Humor ist oft so einfältig gebaut wie der aus indischen Bollywood-Actionkomödien. Ein Brüller ist zumindest, dass Mitch Brody bis kurz vor Ende nicht beim Namen nennt, sondern dem von Teenie-Äquivalenten wie „High School Musical“ (wodurch Zac Efron schließlich berühmt wurde), „NSync“ oder „Backstreet Boy“...

Da Dwayne Johnson den Film mitproduziert hat, konnte er seinen Mitch so überdimensional gestalten, wie er wollte, ja ihm sogar einen eigenen Mythos andichten, der mit dem von Chuck Norris konkurriert. Aber letztlich geht die Rechnung vermutlich nach hinten los. Die „Avengers vom Strand“ tauchgen letztlich nur zur Feier des Tages mit Freunden und einer gehörigen Menge Alkohol. Womöglich hätte mehr Police Academy statt American Pie dem Film besser zu Gesicht gestanden. Schade eigentlich. Ansehen kann man ihn sich zumindest mal - aber nicht unbedingt im Kino. ■ mz

26. Mai 2017

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