Montag, 11. Dezember 2017
Hidden Figures
Unerkannte Heldinnen
Die Genies treffen auf den Astronauten John Glenn.
© 20th Century Fox

In diesem Film wird die Gleichberechtigung groß geschrieben. Es sind nicht nur Frauen, die sich in einer von Männern dominierten Welt der gebildeten Mathematiker und Astrophysiker behaupten müssen, sondern auch dazu noch afroamerikanische! Jeder kennt die Apollo-Missionen und kann jene kühnen Astronauten aufzählen, deren erste Flüge ins Weltall die Geschichte der Menschheit veränderten - John Glenn, Alan Shepard und Neil Armstrong. Bemerkenswerterweise aber werden die Namen Katherine G. Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson nicht in der Schule gelehrt und sind den allermeisten unbekannt, obwohl diese Frauen durch ihre bahnbrechenden Arbeiten als mutige, smarte und durchsetzungsfähige „menschliche Rechner“ der NASA einen unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung der bemannten Raumfahrt leisteten.

Neben all den Triumphen und Durchbrüchen erzählt diese Geschichte auch von jener historischen Schnittstelle, in der sich entscheidende Impulse der jüngsten amerikanischen Zeitgeschichte begegneten - der fortschreitende Kampf um Bürgerrechte, der Kampf um die Entscheidung im Kalten Krieg unter Vermeidung eines Nuklearkriegs, der Kampf darum, als erste Supermacht eine menschliche Präsenz außerhalb des Planeten Erde zu ermöglichen. Und er handelt von der Erkenntnis, dass zuvor undenkbare technologische Durchbrüche, die unser aller Zukunft bestimmen, nicht von Geschlecht oder sozialer Zugehörigkeit abhängen.

»We are living the imposible!«

Das Erstaunen von Katherine G. Johnson, die jetzt in ihren Neunzigern ist, über die wachsende Faszination für ihr Lebenswerk und für ihre Mitkämpferinnen ist sehr bewegend. Sie habe einfach immer nur ihr Bestes getan, sowohl für ihren Beruf, für ihre Familie und für ihre Gemeinschaft, so wie es jeder Andere auch gemacht hätte. Mit charakteristischer Bescheidenheit sagt sie: »Ich habe einfach Probleme gelöst, die gelöst werden mussten.«

So fahren die drei Damen selbst mit einem Auto nach Langley, Virginia, um ihrem neuen Beruf bei der NASA nachzugehen. Der erste dramatische Höhepunkt erreicht die Drei gleich zu Beginn ihres Abenteuers auf dem Weg: Die Karre streikt. Doch die Frauen kennen sich schließlich aus, sollen sie doch helfen, eine Rakete zum Mond zu schießen! Als sich dann ein Streifenwagen nähert, kommen sofort alle bislang befürchteten Szenarien hoch. Doch die Damen sind nicht auf den Mund gefallen, und wissen sich zu artikulieren. Sie appellieren an den Patriotismus des Polizisten, und nach einer flotten Reparatur lassen sie sich von ihm mit Blaulicht und Sirene eskortieren! Somit wurde aus dieser brenzligen Rassismus-Situation der erste Höhepunkt des Films, wenn Dorothy während der Fahr losgrölt: „Three women chasing a police car!“

Doch dieser Triumphzug sollte zunächst der einzige bleiben, als sie dort ankommen und ihren Aufgaben zugeteilt werden - Dorothy gesellt sich zu den „menschlichen Rechnern“ - afroamerikanische Frauen, die grundsätzliche Berechnungen manuell durchführen, Mary gesellt sich zum Team, das auf Windkanal-Experimente und Flugdaten spezialisisiert ist, und Katherine kommt als erste Farbige ins Zentrum des Geschehens, in dem der wortkarge und trietzende Chef Al Harrison, souverän gespielt vom scheinbar kaum alternden Kevin Costner, ein Team von Astrophysikern und Mathematikern Berechnungen durchführen lässt, um die Mercury-Mission zum Erfolg zu bringen.

Teil dieses Teams ist auch der leitende Ingenieur Paul Stafford, der von keinem Geringeren als „Sheldon Cooper“ Jim Parsons gespielt wird. Die Rolle scheint ihm wie auf den Leib geschrieben zu sein. Katherine wird jedoch zunächst dazu verdonnert, dessen Berechnungen zu überprüfen, und nebenbei den Kolleginnen und Kollegen Kaffee einzuschenken. Gleich am ersten Tag bekommt sie einen Anranzer, weil sie nicht mit ihrem Stapel Berechnungen fertig wird, weil es dort natürlich auch Rassentrennung bei den Toiletten gibt.

Regisseur Theodore Melfi lässt dabei Taraji P. Henson jedesmal quer über den NASA-Campus laufen, denn die Toilette für Farbige befindet sich in dem sogenannten West-Computing-Komplex, in dem die meisten ihrer „Leidensgenossinnen“ arbeiten. Den passenden Soundtrack dazu liefert Pharrell Williams mit seinem Lied „Runnin'“, dessen Musik sich schwungvoll und dynamisch mit der orchestralen Filmmusik von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch vereint. Hinzu kommt, dass der Musiker mit dem großen Hut auch als Produzent des Films fungiert.

»Klar, ich bin ein Mann, doch ich habe mich in diesem lyrischen Song sehr bemüht, mich in Katherines Situation zu versetzen«, sagt Pharrell Williams. »Und ich muss sagen, dass es hart war. Ich musste mich wirklich hineindenken, wie sich dieser Kampf für sie anfühlte, und das in drei Minuten und 30 Sekunden ausdrücken. Und ich bin so froh, dass ich zumindest die Möglichkeit habe, mit Musik und Melodie zu unterstreichen, was sie durchgemacht hat.«

»Ich fühlte mich sehr geehrt über dieser Chance, eine Frau wie Katherine porträtieren zu können«, sagt Taraji P. Henson. »Ich wurde von einer Flut von Gefühlen überschwemmt – und hatte zugleich auch Angst, weil ich in Mathematik wirklich nicht beschlagen bin. Aber ich glaube, gerade weil ich soviel Angst davor hatte, musste ich es tun. Ich konnte nicht Nein sagen.«

»Ich bin ein Mädchen aus der „hood“«, erklärt sie weiter, »und alles, was ich je besaß, waren Träume. Und wenn man von einem Ort stammt, in dem viele Menschen die Hoffnung verloren haben, wenn die Menschen in deiner Umgebung, die so aussehen wie du, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben scheinen, kann das ziemlich bedrückend sein. Vielleicht hätte ich ja, wenn ich in der Zeit, in der ich aufwuchs, von diesen Frauen gewusst hätte, ebenfalls Raumfahrtingenieurin werden wollen. Damit will ich nicht sagen, dass nicht liebe, was ich heute mache. Doch es gibt soviel Wichtigeres in der Welt zu tun. Und ich habe mich so gefreut, Teil eines Projekts zu sein, das Kindern, die an Orten aufwachsen wie ich, vielleicht eine andere Vision davon vermittelt, wie ihr Leben werden könnte.«

»It's not why we wear skirts, it's why we wear glasses!«

Wie ihre Mitspieler war auch Kirsten Dunst schockiert, als sie zum ersten Mal von den NASA-Frauen hörte und rein gar nichts von dieser Geschichte wusste. »Ich hatte keine Ahnung, dass es „menschliche Rechner“ gab, bevor elektronische Rechner existierten – und ich hatte keine Ahnung, dass Frauen, schwarze und weiße, diese Arbeit verrichteten. Deshalb wollte ich wirklich dabei sein, wenn diese Geschichte zum ersten Mal erzählt wird.«

Sie spielt die NASA-Abteilungsleiterin Vivian Mitchell, die mit eiserner Hand die „menschlichen Rechner“ dirigiert, und merkt an, dass Vivian als Frau, die zur Abteilungsleitern befördert wurde, sich selbst in einer ungewöhnlichen Position befindet. Und sie weiß, dass sie ihr jeden Moment weggenommen werden kann. Dieser Druck ist bei allem, was sie tut, spürbar: »Sie ist eine weibliche Abteilungsleiterin, die liefern muss und Druck von den Männern bekommt, und dann muss sie auch mit den Realitäten des Rassentrennungssystems zurechtkommen. Und ich glaube, dass dieser Druck in Vivian steigt. Er macht sie sehr aggressiv, weil sie weiß, dass sie ihre Stellung jederzeit verlieren kann.«

Vivian ist außerdem ein Produkt der von den rassistischen Jim-Crow-Gesetzen geprägten Südstaaten. Die Befolgung der Benimmregeln der Rassentrennung ist für sie ganz normal, denn so ging es in jenen Tagen nunmal zu. Für Kirsten Dunst war es am wichtigsten, ihrer Filmrolle in allen Facetten gerecht zu werden, obwohl sich Vivian oft als Gegenspielerin der Filmheldinnen entpuppt. »Vivian ist ehrlich gesagt jene Art von Rollencharakter, der schnell ins Klischee driftet. Man könnte sie auf sehr eindimensionale Weise darstellen. Doch ich wollte mehr Tiefgang, wollte einen Blick in ihr Innerstes gewähren, um sie menschlicher zu machen«, resümiert sie.

»Here at NASA we all pee the same color!«

Nach 15 harten Jahren als Schauspielerin in Film und Fernsehen kam für Octavia Spencer erst 2011 der große Durchbruch mit dem Drama The Help, was ihr einen Oscar® bescherte. Hier spielt sie Dorothy Vaughan, die Anführerin und inoffizielle Leiterin des West-Computing-Bereichs. Sobald die neumodischen IBM-Computer auf den Markt kamen, erkannte Vaughn, dass eine neue großartige Ära bevorstand. Sie schaltete um auf elektronische Datenverarbeitung, lernte die Programmiersprache FORTRAN und machte sich selbst und ihre Mitstreiterinnen unverzichtbar. Die Frauen des West-Computing-Bereichs sahen sie als ihre Anführerin an, und Katherine G. Johnson bezeichnete sie als die intelligenteste Frau, die ihr je begegnet war.

»Dorothy war die Matriarchin dieser Frauengruppe«, sagt Theodore Melfi. »Sie half ihnen sehr dabei, befördert zu werden und passte wirklich auf sie auf. Sie konnte aufgrund der politischen Situation jener Zeit zwar nicht offiziell zur Abteilungsleitern ernannt werden, übernahm diese Rolle aber dennoch.« Octavia Spencer spürte das Gewicht der Aufgabe, diese Respekt gebietende Frauenrolle authentisch zu verkörpern. Sie versuchte, sich in den Geist von Dorothys Persönlichkeit hineinzuversetzen. »Es ist das zweite Mal, dass ich einen Mensch verkörpere, der wirklich existierte, und ich spürte, wie wichtig es war, ihre persönliche Integrität in Gänze zu vermitteln. Ich wollte, dass Dorothy Vaughan durch ihre Taten unvergesslich wird. Deshalb sah ich mich als eine Art Werkzeug, mit dessen Hilfe die Welt erkennt, in welchen Maße Dorothy sich verdient gemacht hat«, sagt die Schauspielerin.

Wie Frau Henson freute sich auch Octavia Spencer darüber, mit ihren Filmkolleginnen einen Bund zu bilden. »Dies ist ein Film über eine Schwesternschaft«, sagt sie. »Teamwork war für die NASA und diese Frauen ungeheuer wichtig, denn alles, was eine Person betraf, betraf auch die ganze Gemeinschaft. Und dies mussten wir gemeinsam darstellen.« In dieser Hinsicht war es auch nicht zu verwundern, dass Hidden Figures den SAG-AFTRA-Preis der US-Schauspieler-Gilde für die beste Besetzung entgegennehmen durfte. Frau Spencer war auch für den Golden Globe® nominiert und darf am kommenden Sonntag bei der Oscar®-Verleihung auf ihren zweiten Goldjungen hoffen.

Wie ihre Filmfreundinnen war auch Popstar Janelle Monáe von der Hoffnung angetrieben, den Frauen des West-Computing-Bereichs Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. »Sie besitzt so viel Feuer«, sagt Theodore Melfi. »Sie ist so strahlend wie Mary. Man sieht, wie sie jederzeit alles auch mit ihrer Körpersprache ausdrücken kann. Und es macht viel Spaß, dabei zuzusehen. Für mich hat sie die Aura eines glamourösen Filmstars der vierziger Jahre.«

Der gemeinschaftliche Geist der Darstellungen verlieh jeder der Hauptfiguren eine weitere Möglichkeit, sich auszudrücken. »Ich mag die Beziehungen zwischen diesen Frauen«, sagt Taraji P. Henson abschließend, »mit Mary und Dorothy, die sich ständig zanken, und Katherine als ruhige Beobachterin im Hintergrund. Ich mag es, wie sie sich gegenseitig in ihren Eigenheiten akzeptieren. Es ist selten, dass man einen Film mit drei weiblichen Freundinnen sieht, besonders afroamerikanischen, die sich so mögen und unterstützen wie man es hier erlebt.«

Theodore Melfi gelingt mit diesem Film das Kunststück, die Konflikte mit wiel Schwung und Spaß zu inszenieren, ohne dabei den Überblick zu verlieren, dass es sich um ein Drama handelt. Und durch die großartigen Schauspielerinnen (und auch Kevin Costner als Kaugummi kauende, Brille putzende Schlüsselfigur), kombiniert mit dem mitreißenden Soundtrack und dem hervorragend leicht wirkenden Drehbuch, bekommt man eine spannende Geschichte serviert, von der man bislang noch gar nichts gehört hatte, die einen weiteren beeindruckend real wirkenden Einblick in die damalige Zeit wirft. ■ mz

Kleine Randbemerkung noch: Die Helden der neuen Zeitreiseserie Timeless, die derzeit in den USA läuft, treffen übrigens in einer Episode, in der sie die Apollo-11-Mission retten müssen, auf Katherine Johnson! Die Episode wurde sogar noch einen Monat vor dem Kinostart von Hidden Figures gesendet, kann diesen personellen Bezug allerdings erst auskosten, wenn man den Film gesehen hat. In der Episode „Space Race“ wird Katherine Johnson von der noch recht unbekannten Nadine Ellis dargestellt.

21. Februar 2017

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