Montag, 11. Dezember 2017
Hacksaw Ridge
Die Entscheidung
Desmond Doss vor seiner Heldentat
© Cross Creek Pictures Pty Ltd/Mark Rogers

Im Frühling des Jahres 1945, als im Pazifikkrieg die letzten und tödlichsten Tage anbrachen und die amerikanischen Streitkräfte auf Okinawa in einige der heftigsten Kämpfe der Militärgeschichte verwickelt wurden, stach ein Einzelner unter all den anderen Soldaten hervor. Das war Desmond T. Doss, ein Mann, der den Dienst an der Waffe verweigert und sich geschworen hatte, nie zu töten, und dann mit großem Mut als unbewaffneter Sanitäter in der Infanterie diente. Dieser Mann rettete im Alleingang und unter tödlichem Beschuss das Leben von Dutzenden seiner verwundet zurückgebliebenen Kameraden, ohne auch nur eine einzige Kugel abzufeuern.

»You better come home to me.«

Desmond Doss hatte keine leichte Kindheit - der Vater prügelte oft auf seinen Bruder und seine Mutter ein. Desmond versuchte stets, dem zu entgehen. Sein älterer Bruder war ein Rabauke und wollte immer mit Desmond kämpfen. Als ein Kampf schließlich aus dem Ruder geriet und Desmond mit einem Ziegelstein auf ihn einschlug, brach die Hölle über ihn los - sprich: Papa. Bruder Hal überlebt zwar, aber nur knapp. Als Desmond eine Tafel mit den 10 Geboten sieht, fällt ihm eines sofort ins Gesicht: 6. Du sollst nicht töten! Geschockt beschließt der Junge, Waffen fortan abzulehnen.

Als Amerika in den Zweiten Weltkrieg eintritt und die Jungen seines Dorfs sich bei der Armee melden, will auch Desmond dabei sein, als Sanitäter an vorderster Front. Dabei verknallt er sich in die schöne Krankenschwester Dorothy, die sich nach dem zweiten Mal Blutabzapfen auf den euphorischen Desmond einlässt. Dieser ist dermaßen begeistert, dass er medizinische Bücher verschlingt und schließlich den Beschluss fasst, als Sanitäter in den Krieg zu ziehen.

Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass er auch als Sanitäter mit einer Waffe hantieren muss. Verspottet von seinen Kameraden, drangsaliert von seinen Vorgesetzten, bedroht mit einer Gefängnisstrafe, erstreitet er sich schließlich ausgerechnet durch die Hilfe seines Vaters das Recht zu dienen vor Gericht. Aber Desmond hielt durch - und das bis Okinawa, wo seine Einheit den Befehl erhielt, an der Erstürmung der massiven Steilwand von Maeda, auch als „Hacksaw Ridge“ bekannt, teilzunehmen – ein nahezu unmögliches Vorhaben.

»Nobody can survive that shit.«

Ganz oben auf dieser 122 Meter hohen Felswand waren schwer befestigte Maschinengewehrnester, Sprengfallen und japanische Soldaten in Höhlen versteckt, die geschworen hatten, bis zum Tod zu kämpfen. An diesem Ort bewies Desmond, dass er nicht nur von Prinzipien, sondern auch von außergewöhnlichem Mut angetrieben wurde. Als er und seine Kameraden bei einem verzweifelten Angriff unter starken Beschuss gerieten, weigerte er sich, Deckung zu suchen.

Als dann sein Bataillon den Befehl zum Rückzug erhielt, blieb er allein zurück, lief wiederholt in die Todeszone. Nur mit seinen Überzeugungen bewaffnet, schleppte er, einer Schätzung nach etwa 75 schwer verwundete Kameraden in Sicherheit, die ohne seine Hilfe sicher gestorben wären. Im Oktober 1945 wurde Desmond Doss von US-Präsident Harry Truman die Tapferkeitsmedaille Medal of Honor verliehen. Die Inschrift darauf verwies auf „den außerordentlichen Mut und die unbeirrbare Entschlossenheit im Angesicht von extrem gefährlichen Umständen“.

Und doch sollte fast ein dreiviertel Jahrhundert vergehen, bevor diese Geschichte auf der Leinwand wirklich erzählt werden konnte. Produzent Bill Mechanic erläutert die komplizierte Vorgeschichte dieses Projekts: »Desmond wollte die Filmrechte an seinem Leben nie verkaufen, er wollte nicht bekannt werden und sich beliebt machen. Er spürte, dass dies im Widerspruch zu seiner Persönlichkeit stünde. Erst in seinen letzten Lebensjahren überzeugte man ihn davon, dass es Zeit wäre, diese Geschichte zu erzählen, damit sie nie in Vergessenheit geraten würde.«

Desmond Doss verstarb im März 2006 im Alter von 87 Jahren. Ein paar Jahre davor hatte er Filmemacher Terry Benedict seinen Segen gegeben, eine Dokumentation mit dem Titel The conscientous Objector (2004) zu produzieren. Der Produzent hatte dafür die Rechte an Desmond Doss' Lebensgeschichte erhalten und war überzeugt, dass die Zeit auch reif wäre, diese Geschichte als vielschichtiges Drama auf der Leinwand zu erzählen.

»Help me get one more!«

Die Filme von Mel Gibson sind eindrucksvolle Angelegenheiten. Egal, wie man persönlich dazu steht, das hervorgequälte „Freiheit!!!“ am Ende von Braveheart, die dornigen Ketten, die in Die Passion Christi ganze Fleischfetzen aus dem Körper von Jesus Christus reißen, oder der abgetrennte Kopf, der in Apocalypto die Treppen der Maya-Pyramide hinunterrollt, sind die Markenzeichen des Regisseurs - auf maximale Wirkung angelegte Galerien menschlicher Grausamkeit und menschlichen Leids. Es sind immer so echt wie möglich wirkende Porträts - kompromisslos brutale wie auch mitreißende Epen.

Nach einer nicht ganz freiwilligen Pause (Wir erinnern uns an den Skandal mit seinen Alkoholexzessen und Gewaltausbrüchen.) kehrte Mel Gibson 2010 zunächst als Schauspieler mit Filmen wie Edge of Darkness, Der Biber und Get the Gringo (2012) zurück, bevor er nun, 10 Jahre nach Apocalyto, wieder auf dem Regiestuhl Platz nahm.

In seiner mittlerweile fünften Regiearbeit lässt er den mittlerweile ehemaligen Spider-Man Andrew Garfield einen etwas anderen Superhelden spielen. In Hacksaw Ridge darf dieser auch endlich wieder eine schauspielerisch anspruchsvolle Rolle übernehmen, die ihm aber auch einiges an körperlichem Training abforderte. »Er sieht zwar nicht aus wie der typische Actionheld, aber er besitzt Qualitäten solcher Figuren«, sagt der Regisseur über seinen Hauptdarsteller. »Wie Desmond Doss hat er ausgesprochen starke Überzeugungen. Deshalb konnte er Desmond so wahrhaftig und berührend darstellen. Weil unser Film sich so stark auf diese Figur fokussiert, musste er unser Quarterback sein. Und das war er dann auch.«

Dass Desmond Doss den Feind und die generelle Unantastbarkeit des menschlichen Lebens gleichermaßen respektierte (eine sehr seltene Qualität), machte Andrew Garfield ebenso ehrfürchtig. Der Schauspieler gibt zu, dass all dies ihn innehalten ließ: »Desmond behandelte den Feind mit der gleichen Fürsorge, die er seinen amerikanischen Landsleuten angedeihen ließ. Das vollständig zu begreifen, ist schwierig. Ich wollte das aber besser verstehen und von seiner Sichtweise auf das Leben und die Welt lernen können – von seinem Standpunkt, dass wir alle gleich und Eins sind. Obwohl ich glaube, dass diese Geschichte jede Religion transzendiert, ist sie trotzdem sehr spirituell.«

Zu seinem Hauptdarsteller versammelte der Regisseur so viele seiner australischen Kollegen, die er kriegen konnte - die bezaubernde Teresa Palmer als Desmonds Flamme Dorothy, Hugo Weaving als vom Krieg gezeichneter Vater Desmonds, Rachel Griffiths als geplagte Mutter, Sam Worthington und Richard Roxburgh als Desmonds Vorgesetzte sowie Luke Bracey als Anführer der Kompanie B des 1. Batallions der 77. Division des 37. Infanterieregiments. Außerdem ist Milo Gibson, ein Sohn des Regisseurs (hat 6 Kinder), in seiner ersten Rolle als Lucky Ford zu sehen.

Aber auch Vince Vaughn überrascht erneut in einer ungewöhnlichen Rolle. Schauspielkollege Sam Worthington war von dessen Darstellung überrascht: »Die Leute halten ihn für einen großartigen Komödianten. Vince ist aber ein engagierter Teamplayer, der interessante Rollen außerhalb seiner Komfortzone in Angriff nehmen will. Und solchen Mut liebe ich.« Ob als Norman Bates in der 1998er Neuauflage von Alfred Hitchcocks Psycho oder in Filmen wie The Cell, Thumbsucker, Into the Wild oder zuletzt neben Colin Ferrell in der 2. Staffel von True Detective zeigt der in seinen Komödienrollen eher unsympathische Schauspieler, dass er er auch ganz anders kann.

»The real heroes are buried over there.«

Eines der faszinierendsten Mitglieder des Schauspielerensembles ist Damien Thomlinson – ein echter Kriegsveteran, der im Film einen schwer verwundeten Soldaten namens Ralph Morgan darstellt. Herr Thomlinson brachte in die Schlacht- und Kampfszenen des Films eine sehr persönliche Perspektive ein. Schließlich war er mit australischen Streitkräften im südpazifischen Osttimor-Konflikt im Einsatz, hatte dann auch in Afghanistan gedient, wo er 2009 bei einem Bombenanschlag beide Beine verlor. Die Verletzung damals war so schwer, dass er heute schonungslos resümiert: »Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ich noch am Leben sein sollte.«

Die Szene, in der Ralph Morgan seine Beine verliert und von Desmond Doss gerettet wird, ist in den Kriegsarchiven dokumentiert. Für Damien Thomlinson bedeutete diese Szene, einen der emotional und körperlich schmerzlichsten Momente seines eigenen Lebens noch einmal durchleben zu müssen. Aber er war bereit, sein Bestes dafür zu geben. »Ich wusste immer, dass diese Szene für mich schwer zu spielen sein würde«, kommentiert der Kriegsveteran. »Ich war beunruhigt, ob sie irgendeine Erinnerung bei mir auslösen würde. Denn ich weiß absolut nichts mehr über diese Nacht, in der mir das passierte. Am nächsten Tag aber war ich einfach zufrieden, dass Mel die Szene gut fand und dass ich mein Bestes gegeben hatte, damit auch Andrew Garfield, der die ganze Zeit einfach überwältigend war, das darstellerisch tun konnte.«

Einziger Kritikpunkt bei dem Film ist, dass er nichts für zart Besaitete ist. Daher ist der Film auch nicht unbedingt als romantischer Verabredungsfilm zu empfehlen, außer man entlässt die seichten Gemüter nach der Hälfte des Films. Die erste Hälfte erzählt die Vorgeschichte und den langwierigen Prozess, als Verweigerer aus Gewissensgründen anerkannt zu werden, während der Film dan rasant an Tempo zunimmt und die Kugeln wie auch die Körperteile einem um die Ohren fliegen. Dabei war absoluter Realismus und das Bemühen, so viele Effekte wie möglich live am Set zu inszenieren und mit der Kamera zu erfassen, und möglichst wenig auf digitale Zauberei zurückzugreifen, Mel Gibsons Ansatz. Und am Ende, wenn im Abspann die echten Kriegsveteranen von damals noch einmal zu sehen sind, weiß man die wahnsinnige Heldentat von Desmond Doss erst recht zu schätzen. ■ mz

14. Februar 2017

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Hacksaw Ridge
The conscientous Objector
Edge of Darkness
Der Biber
Braveheart
Die Passion Christi
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