Freitag, 15. Dezember 2017
Nocturnal Animals
Amy Adams als Susan Morrow
© Focus Features/Universal Pictures

Die Kunsthändlerin Susan Morrow führt in Los Angeles ein privilegiertes, aber unerfülltes Leben mit ihrem neuen Ehemann Hutton. Als dieser erneut zu einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen aufbricht, erhält sie ein Manuskript mit dem Titel „Nocturnal Animals“, geschrieben von ihrem Ex-Ehemann Edward Sheffield, mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. In der beigefügten Notiz fordert Edward sie auf, das Buch zu lesen.

Der Roman ist Susan gewidmet, doch sein Inhalt ist brutal und niederschmetternd. Edward erzählt darin die Geschichte von Tony Hastings (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal), der mit seiner Familie durch Texas fährt und dort eines Nachts von Ray Marcus und dessen Gang von der Straße abgedrängt wird. Machtlos muss Tony dabei zusehen, wie seine Familie entführt wird und seine größten Ängste Wirklichkeit werden.

Tief bewegt von Edwards Worten erinnert sich Susan an die intimsten Momente ihrer Liebesbeziehung zu ihm. Der Roman zwingt sie dazu, ihre selbst getroffenen Lebensentscheidungen in einem ganz neuen Licht zu sehen. Je weiter die Erzählung in „Nocturnal Animals“ auf eine Abrechnung zuläuft, desto dramatischere Auswirkungen hat sie nicht nur auf ihren Helden, sondern auch auf Susan.

»Our world is a lot less painful than the real world.«

Man sieht Dinge im Leben, die kann man nicht wieder ungesehen machen - so auch die Eröffnungssequenz von Tom Fords zweiter Regiearbeit nach A single Man, einem Film Noir, dessen exquisites Aussehen von Ausstattung und Kostümen den Erwartungen entsprechen, die man von einem edlen Fashion-Guru haben vermag, über den Colin Firth sagte, er habe an ihm nie auch nur eine Falte oder einen Fussel gesehen. Die allerersten Bilder des Films sind in Großaufnahme und Zeitlupe festgehaltene Frauen, die hyperreal wirken: splitterfasernackt, alt, übergewichtig, verwelkt, vernarbt, unperfekt, aber ungebrochen in ihrem Stolz, wie sie, zurechtgemacht mit Hütchen, Pom-Poms und ähnlichen Utensilien, wie Schönheitsköniginnen auf der Stelle tanzen. Es empfiehlt sich, diese knapp drei Minuten die Hand vor die Augen zu halten!

Im Gegensatz zu diesen Bildern wirkt die Musik wie aus einem klassischen Hitchcock-Film - dramatisch, mitreißend und wunderschön. (Ford hatte bereits bei seinem ersten Film mit Komponist Abel Korzeniowski zusammengearbeitet, der in der Zwischenzeit für die Musik der Serie Penny Dreadful verantwortlich zeichnete.) Die tanzenden Frauen entpuppen sich schließlich als Videoinstallation einer dekadenten Vernissage, die die Kunstgaleristin Susan Morrow veranstaltet. In ihr fühlt sich Susan ebenso verloren wie in ihrem Leben in ihrer Luxusvilla (glatt gestylet samt einem riesigen Pudel am Swimmingpool!), wo sie Tagträumen nachhängt, während ihr attraktiver Mann anderswo fremdgeht. Sie kann nicht schlafen und erinnert dabei an Meg Ryans Figur in Prelude to a Kiss, die ebenfalls mit Ringen unter den Augen unter Schlaflosigkeit leidet und keine Kinder haben will, weil es den Kindern gegenüber unfair wäre, sie in dieser schrecklichen Welt großzuziehen.

Susan beginnt, sich in der erschütternden Ballade zu verlieren, die von einem Mann handelt, der unerbittlich Jagd auf die Schurken macht, die ihn nachts auf einem einsamen Highway anhielten, schlugen und seine Frau und minderjährige Tochter missbrauchten und ermordeten. Je weiter sie in diese unnachgiebig blutrünstige Rachegeschichte eindringt, desto mehr scheint ihr bewusst, ihr Ex schreibe ganz direkt über sie und versuche, nach all den sprachlosen Jahren wieder Kontakt aufzunehmen. Aber was genau will er?

»It's about how much you want to see justice done.«

Dieses gewagt verschachtelte Konstrukt wechselt nahtlos zwischen Realität und Fiktion hin und her, und jedes Mal wird Susan durch ein Geräusch aus der realen Welt in diese zurückgeholt. »Irgendetwas in ihrem Blick wirkt einfach ungekünstelt und wahrhaftig«, beschreibt Tom Ford seine Figur. »Mir war es wichtig, dass Susan sympathisch herüberkommt, gerade weil es so einfach wäre, sie zu hassen. Schließlich hat sie, wie sie selbst sagt, alles und ist trotzdem unglücklich. Sie hat im Leben einen Weg eingeschlagen, der entgegen ihrer wahren Natur verläuft. Letztlich ist sie ein Opfer ihr Herkunft und Erziehung und dessen, was in unserer Welt häufig von Frauen erwartet wird.

Über weite Strecken des Films sehen wir nur, wie Susan liest und stumm auf das Gelesene reagiert. Genau in diesen Szenen zeigen sich meiner Meinung nach die außerordentlichen darstellerischen Fähigkeiten von Amy Adams. Ihre Darstellung ist durch und durch ehrlich, und sie hat sich auf eine Weise in Susans Schmerz eingefühlt, durch die wir sie nicht hassen, sondern Empathie empfinden. Ihr Spiel ist unglaublich subtil und nuanciert, dabei ist ihre Rolle eigentlich die schwierigste des ganzen Films, denn sie kann sich weder auf große Gesten noch auf sonderlich viele Worte verlassen, um zu zeigen, was in ihrer Figur vorgeht.«

Für die komplexe Adaption des Romans „Tony & Susan“ brauchte Ford eine ganze Weile und letztlich weicht sein Drehbuch zu Nocturnal Animals an zahlreichen Stellen von der Vorlage ab, wie er erklärt: »Das Buch von Austin Wright ist wundervoll geschrieben, und die Geschichte ist wirklich großartig. Das Konzept einer moralischen Allegorie mittels eines Kunstwerks, also dem Buch innerhalb des Buches, empfand ich als ausgesprochen originell und raffiniert. Ich liebte es vom ersten Moment an und wusste sofort, dass dies der Stoff für einen tollen Film wäre.

Es stellte sich dann allerdings heraus, dass es nicht unbedingt ein leicht zu adaptierender Roman ist. Ich brauchte eine ganze Weile, um mich zu entscheiden, was die beste Herangehensweise ist. Ein Buch und ein Film sind nun einmal fundamental unterschiedliche Dinge, und eine allzu vorlagengetreue Adaption funktioniert häufig nicht auf der Leinwand. Letztlich war es mir deswegen vor allem wichtig, jene Themen des Romans zu extrahieren, die mir besonders am Herzen lagen, und diese dann für den Film besonders unter die Lupe zu nehmen und auszubauen. In diesem Sinne wird Nocturnal Animals dem Buch durchaus gerecht, auch wenn einige Elemente der Geschichte von mir hinzugefügt wurden und zum Beispiel das Setting ein vollkommen anderes ist.

„Tony & Susan“ ist über weite Strecken lediglich ein innerer Monolog und spielt somit in Susans Kopf. Ich musste mir also Szenen ihres Lebens einfallen lassen, um die gleichen Gefühle und Eindrücke zu vermitteln, die es im Buch nur in ihrer Vorstellung gibt. Ich hatte kein Interesse daran, den gesamten Film über eine Off-Erzählung spielen zu lassen, deswegen war die Herausforderung, Bilder zu finden, die ihre Gefühle auch ohne Worte verständlich machen. Abgesehen davon empfand ich Edwards Roman im Roman thematisch ein bisschen zu vage, weswegen ich das für die Leinwand ein wenig zuspitzen wollte.«

Doch die Veränderungen, die er gegenüber der literarischen Vorlage vornahm, hatten auch andere Gründe: »Zum Teil ging es da es da um ganz handfeste, praktikable Dinge, etwa was das Setting angeht. Der Roman wurde schließlich in den frühen 90er Jahren geschrieben, als Handys natürlich noch kaum verbreitet waren. Um das Verbrechen, um das es hier geht, einigermaßen unverändert zu lassen, musste ich es in unserem Zeitalter der Smartphones und Online-Kommunikation in eine Gegend verlegen, in der unsere Geräte keinen Empfang haben. Deswegen spielt dieser Teil der Geschichte nun im westlichen Texas statt im Nordosten der USA. Dort findet man auch heute noch Landstriche, wo mobiles Telefonieren unmöglich ist. Davon abgesehen kenne ich mich in der Ecke ziemlich gut aus – und wie heißt es doch so schön: Schreib, worüber du Bescheid weißt!

In „Tony & Susan“ sagt Edward Sheffield einmal, dass niemand je wirklich über etwas anderes schreibe als sich selbst. Das habe ich in den Film übernommen, denn ich gebe ihm dabei vollkommen Recht. Jeder von uns sieht das Leben durch seinen eigenen Filter. Wenn Edward seinen Roman schreibt, dann besteht der natürlich aus jeder Menge Details und Gefühlen aus seiner Vergangenheit mit Susan. Die meisten davon habe ich mir ausgedacht, aber ich wollte hervorheben, dass Edward eine wirklich persönliche Geschichte geschrieben hat, die ohne Frage auf seinem Leben mit ihr basiert. Für sie dient sie als Erklärung dafür, was er angesichts ihres damaligen Verhaltens gefühlt hat.«

Der Filmemacher wartet auch gleich mit konkreten Beispielen auf: »In einer der Rückblenden sehen wir, wie Susan eine von Edwards Kurzgeschichten liest und fürchterlich gelangweilt ist. Er ist davon am Boden zerstört. Dass sie dabei auf einem roten Sofa liegt, brennt sich ihm ein, und als er später in seinem Roman die Figur umbringt, die für Susan steht, platziert er ihre Leiche nicht ohne Grund auf einem roten Samtsofa.

Oder nehmen wir das Auto des Mörders in seinem Buch: das ist ein grüner Pontiac GTO aus den 70ern, wie er auch in jener Rückblende zu sehen ist, in der Susan Edward verlässt. Solche Details aus ihrem gemeinsamen Leben haben sich in seinem Bewusstsein festgesetzt und finden sich so auch in seiner fiktiven Geschichte wieder, genauso wie sich sicherlich viele Details aus meinem eigenen Leben in mein Drehbuch für diesen Film eingeschlichen haben.«

Nocturnal Animals ist ein komplexer Film, der die volle Konzentration des Zuschauers erfordert. Doch die teils langen Einstellungen und die schönen, oft ruhigen Bilder, besonders die gewaltigen Landschaftsaufnahmen von West Texas, wirken der Spannung ein wenig hinderlich und lenken vom Geschehen und vom Erkennen der Details der Geschichte ab. Aber dennoch rätselt man bis zum Ende, wie sich die beiden parallel erzählten Geschichten (eigentlich drei, wenn man die Rückblenden mitzählt) schließlich auflösen.

Der Film bietet viel Interpretationsspielraum, vor allem, was die letzte Szene des Films betrifft. Auf jeden Fall schreibt sich Amy Adams damit in die Annalen der Filmgeschichte ein. Und eine Frage bleibt auch noch offen: Trägt Amy Adams in dem Film dieselbe Brille wie Colin Firth in A single Man? Und wenn ja: Tragen jetzt alle Hauptfiguren in Fords Filmen diese Brille? Fragen über Fragen... ■ mz

9. Januar 2017

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