Freitag, 20. April 2018
† Gisela May (1924-2016)

„Sag nicht immer Muddi zu mir!“ Die Sängerin und Schauspielerin Gisela May ist vergangenen Freitag im Alter von 92 Jahren in Berlin gestorben. »Für mich war Gisela May nach Helene Weigel die „Königin“ des Brecht-Theaters«, sagte Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, dem sie 30 Jahre lang angehörte, der Deutschen Presseagentur. »Mit ihr stirbt eine der großen Künstlerinnen der untergegangenen DDR. Das Berliner Ensemble ist in Trauer.«

1957 erkannte Hanns Eisler bei einem Programm ihr besonderes Talent für den Chanson und die Möglichkeiten ihrer Stimme, deren Kraft, Vielseitigkeit, Empfinden, Klugheit, Virtuosität, Eleganz und Schlichtheit, die sie in den folgenden Jahren vervollkommnete. Als Chansoninterpretin machte sie sich schon zu DDR-Zeiten durch Veröffentlichungen einer Reihe von Alben auch international einen Namen. Für ihre Schallplatten-Einspielung „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ (Brecht/Weill) bekam sie 1968 in Paris von Maurice Chevalier den Grand Prix du Disque überreicht.

In eigenen Programmen trug sie Chansons, politische Lieder und Gedichte vor, gastierte in vielen Ländern Europas, in den USA und Australien – von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala. 1978 übernahm Frau May nach dem Tod von Helene Weigel deren Rolle in „Mutter Courage und ihre Kinder“. Nebenbei spielte sie auch in diversen Filmen und Serien mit, u.a. in Filmen wie Tilman Riemenschneider (1958), Schritt für Schritt (1960) und Fleur Lafontaine (1978) sowie nach der Wende 1990 an der Seite von Harald Juhnke und Ilse Werner in Die Hallo-Sisters.

Dem breiteren, mittlerweile gesamtdeutschen Publikum wurde sie dann 1993 als „Muddi“ von Evelyn Hamann in der Krimiserie Adelheid und ihre Mörder bekannt, in der sie bis 2007 in 65 Folgen zu sehen war. Zuvor spielte sie in der 13 Episoden umfassenden Seniorenserie Mit List und Krücke die Rolle der Diana Zenk. 2004 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, nachdem sie bereits in der DDR u.a. mit dem Kunstpreis, der Clara-Zetkin-Medaille, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold sowie dem Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur, I. Klasse ausgezeichnet wurde. 1973 ergatterte sie zudem einen Obie - den Preis der Theaterkritiker der USA.

Umsorgt von ihrem Freundeskreis hat Gisela May die letzten beiden Jahre zurückgezogen in einer Berliner Seniorenresidenz gelebt. Ihr energischer, frischer, fordernder Ton, ihre bewundernswerte Disziplin und inspirierende Direktheit werde fehlen, heißt es von der Akademie der Künste, der May seit 1972 angehörte. „Dass Künstler nicht nur ihrem Talent, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet sind, und zwar einer sozial gerechten, friedlichen Gesellschaft, daran bestand für sie kein Zweifel.“ ■ mz

6.Dezember 2016
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