Freitag, 20. April 2018

Gene Wilder
Arthur Hiller
Richard Pryor
Gilda Radner


screenmagazin.com

† Arthur Hiller

† Jerome Silberman (1933-2016)


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Er traf auf Bonnie und Clyde, sang „Frühling für Hitler“, war der ikonische Willy Wonka, schlief mit einem Schaf, aß Schnitzengruben im Wilden Westen, wusste, wo der Wolf war, porträtierte Sherlock Holmes' cleveren Bruder, wurde aus dem Trans-Amerika-Express geworfen, spielte einen polnischen Rabbi, der von „Han Solo“ vor den Gefahren des Wilden Westens beschützt wurde, war unschuldig hinter Gittern, verliebte sich in die Frau in Rot, verbrachte seine Hochzeitsnacht im Geisterschloß, jagte dem Glück hinterher, hatte jedoch kein Baby an Bord und endete in einer Klapse.

Jetzt ist Gene Wilder im Alter von 83 Jahren gestorben und gesellt sich zu seinen zahlreichen Filmkollegen, die vor ihm die Himmelspforte erreicht haben, zuletzt Regisseur Arthur Hiller, unter dessen Regie er mit seinem 2005 gestorbenen Komödienpartner Richard Pryor in Trans-Amerika-Express und Die Glücksjäger spielte. Zusammen mit Pryor spielte er 1991 noch einmal in Das andere Ich, Wilders letztem Kinofilm, in dem er aus einer Irrenanstalt entlassen wird.

Er spielte fortan in der kurzlebigen Serie Something Wilder, spielte noch in ein paar TV-Filmen mit und erhielt einen Emmy® für seinen Gastauftritt in der Sitcom Will & Grace. Er wurde zweimal für den Oscar® nominiert - für seine Rolle des Leo Bloom in Mel Brooks' Musical The Producers, das 2005 mit Matthew Broderick und Nathan Lane neu verfilmt wurde, sowie zusammen mit Brooks für das Drehbuch zu Frankenstein Junior. Wie jetzt bekannt wurde, wurden beim Schauspieler bereits 1989 Non-Hodgkin-Lymphome disgnostiziert. Gene Wilder starb nun gestern an Komplikationen einer Alzheimer-Erkrankung, an der er bereits seit drei Jahren litt, wie sein Neffe Jordan Walker-Pearlman berichtete.

Gene Wilder wurde 1933 als Jerome Silberman in Milwaukee, im US-Bundesstaat Wisconsin, Sohn des russisch-jüdischen Immigranten William J. Silberman, der Whiskey in Miniaturflaschen herstellte, und der in Illinois geborenen Jeanne Baer, die ebenfalls russisch-jüdischer Herkunft entstammte, geboren. Nachdem er seine Schwester Corinne bewunderte, die Schauspiel lernte und auf der Bühne auftrat, ließ er sich mit 13 Jahren von Corinnes Schauspiellehrer ebenfalls unterrichten.

Gene schloss 1951 die Washington High School ab und erielt seinen Bachelor 1955 an der Uni in Iowa. An der Old Vic Theater School in Bristol lernte er, die Schauspieltechnik zu verfeinern, und das Fechten. Als er in die USA zurückkehrte, lehrte er Fechten und hielt sich mit gewöhnlichen Jobs über Wasser, während er in Herbert Berghofs HB Studio, wo er seine erste Ehefrau Mary Mercier kennenlernte, und im Actors Studio unter Lee Strasberg lernte.

Wilders erster Durchbruch kam 1961, als er in Arnold Weskers Off-Broadway-Stück „Roots“ und kurz darauf als komischer Valet in „The complaisant Lover“ auftrat, wofür er den Clement-Derwent-Preis erhielt. Zu seinen weiteren Broadway-Auftritten gehörten „One flew over the Cuckoo's Nest“ (1963, mit Kirk Douglas), „The White House“ (1964, mit Helen Hayes) und „Luv“ (1966). Doch es war die 1963er Produktion von „Mother Courage and her Children“, die seinen Lebensweg verändern sollte. Darin spielte u.a. Anne Bancroft, die ihrerzeit mit Mel Brooks zusammen war und die beiden miteinander bekannt machte. Eins führte zum Anderen und schon bald gehörte Gene Wilder zu Brooks' „Aktiengesellschaft“.

1965 trennte er sich von seiner Frau, da sie sich wegen ihrer Jobs kaum noch gesehen hatten, und lernte Mary Joan Schutz kennen, eine Bekannte seiner Schwester. Die beiden heirateten später, und Wilder adoptierte 1967 auch ihre Tochter Katharine, nachdem diese ihn erstmals „Dad“ genannt hatte. Dank Wilders Actors Studio-Beziehungen erhielt er die kleine, dennoch erinnerungswürdige Rolle des verängstigten Bestattungsunternehmers, der 1967 von Bonnie und Clyde entführt wurde. Auf seinen Namen angesprochen sagte Wilder einst, er wählte den Namen „Gene Wilder“, weil er sich einen „Jerry Silberman“ nicht als Hamlet vorstellen konnte. Er gab aber auch zu, dass er sich einen „Gene Wilder“ ebenfalls nicht als Hamlet vorstellen konnte.

Seinen Künstlernamen Wilder wählte er, weil er ein Fan von Thornton Wilders Stück „Our Town“ war. Den Vornamen Gene wählte er zunächst nur, weil er ihn mochte. Erst später erkannte er, dass er vom Namen ihrer Mutter abgewandelt war. Seine Mutter Jeanne war die meiste Zeit seiner Kindheit krank. Er unterhielt sie ständig, um sie bei Laune zu halten und ihren Mut nicht zu verlieren. Er musste den Vornamen unterbewusst gewählt haben, weil er sie so geliebt hatte, und um sie zu ehren.

Nach filmischen Fehltritten fiel auch seine zweite Ehe nach sieben Jahren zum Opfer. Seine Adoptivtochter Katharine vermutete da auch eine Affäre mit „Frankenstein“-Kollegin Madeline Kahn und entfremdete sich von ihm zusehends. Nach der Scheidung hatte er jedoch eine kurze Beziehung mit Teri Garr aus selbigem Film. Mit Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten kam seine Karriere so richtig ins Rollen. Es folgen Filme wie Der wilde wilde Westen, Frankenstein Junior oder Trans-Amerika-Express.

Unter der Regie von Sidney Poitier spielte er 1980 mit Pryor in Zwei wahnsinnig starke Typen und lernte am 13. August 1981 während der Dreharbeiten zu Der Geisterflieger seine dritte Ehefrau kennen - Gilda Radner. Ursprünglich war Radners Rolle ebenfalls für Richard Pryor geschrieben, doch seine Unabkömmlichkeit führte dazu, dass die SNL-Komikerin seine Filmpartnerin wurde, in die er sich schließlich verguckte. Sie spielten in zwei weiteren Filmen erneut zusammen - 1984 in Die Frau in Rot und 1986 in Hochzeitsnacht im Geisterschloß.

Doch das Glück hielt nicht lange. Gilda Radner hatte Fehlgeburten, Ärzte konnten das Problem nicht lokalisieren. Nach ihrem letzten Film, nachdem sie oft abgeschlagen war und Schmerzen in den oberen Beinen spürte, begab sich Radner in ärztliche Behandlung - Diagnose: Krebs. Gene Wilder widmete sich fortan ihrer Pflege und trat nur noch sporadisch auf. 1989, nachdem Radner erstmals krebsfrei war, wagte er sich wieder ans Set und lernte dort die spätere Kostümdesignerin Karen Webb kennen, eine ehemalige Sprachpathologin, die als Beraterin engagiert worden war, um Gene bei seiner Rolle als Gehörloser in Die Glücksjäger anzuleiten.

Doch kurze Zeit später kam der Krebs zurück und hatte Metastasen gebildet. Gilda Radner starb kurz darauf im Alter von 42 Jahren. Er half, das Gilda Radner Ovarian Cancer Detection Center in Los Angeles zu gründen und mitbegründete „Gilda's Club“, eine Selbsthilfegruppe, die dabei half, das Bewusstsein über Krebs zu schärfen, die in New York begann und mittlerweile Zweigstellen im ganzen Land unterhält. Die Trauer stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, als er 1990 für Leonard Nimoy in der Dramödie Kein Baby an Bord vor der Kamera stand - eine Thematik, die er nur zu gut kannte.

2005 veröffentlichte er seine Memoiren unter dem Titel „Kiss me like a Stranger: My Search for Love and Art“, worin er u.a. schrieb, dass er seinen Krebs mit einer Stammzellenbehandlung besiegt hatte. Danach blieb er dem Schreiben treu und schrieb Romane - 2007 „My French Whore“, 2008 „The Woman who wouldn't“ (eine Sammlung von Kurzgeschichten), 2010 „What is this Thing called Love?“ und 2013 „Something to remember you by: A perilous Romance“.

2008 wurde Wilder von Alec Baldwin in der TCM-Doku Role Model: Gene Wilder interviewt. Wilders Markenzeichen, der braun-blonde Lockenkopf, die knallblauen Augen und dieser Blick eines Unbeteiligten werden uns für immer in seinen Filmen erhalten bleiben. In einem New Yorker Magazin erklärte Wilder 2013, warum er sich aus dem Filmgeschäft zurückzog: »Ich habe es satt, das Bombardieren, Schießen, Töten, Fluchen und 3D zu sehen. Ich bekomme 52 Filme im Jahr zugeschickt, und eventuell sind da drei gute dabei. Deshalb bin ich unter die Autoren gegangen. Das soll nicht heißen, dass ich nicht wieder spielen würde. Ich sage „Gebt mir ein Drehbuch. Wenn es etwas wundervolles ist, bin ich dabei.“ Aber so etwas bekomme ich nicht.« Das ist eine Aussage, die viele Filmkritiker heutzutage teilen. Man würde „Wort!“ sagen oder das Mikrofon provozierend fallen lassen. Nun ist seine letzte Klappe gefallen. Ruhe in Frieden, Jerome! ■ mz