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The nice Guys
Holland March ist Privatdetektiv, aber ein schlechter. Entsprechend hat er Schulden, was Geldeintreiber Jackson Healy zu ihm führt. Der bricht Holland den Arm, denkt aber an ihn, als er einen neuen Auftrag annehmen will. Die Tochter einer Staatsanwältin ist verschwunden und ihre Mutter befürchtet, dass sie in eine lebensgefährliche Mafiageschichte verwickelt ist. Gemeinsam wollen Jackson und Holland sie finden und geraten ihrerseits ins Visier der Gangster, die Unterstützung von höchster Ebene genießen.
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»How do you like my car, big boy?«

Los Angeles, 1977. Das berühmte Hollywood-Zeichen verfällt. Menschen stehen Schlange - für Benzin und nicht für Filme. Eine dicke Smogdecke verhängt den Glitzer der Traumfabrik. Ein Dunstschleier umhüllt die rätselhaften, vermeintlich nicht zusammenhängenden Ereignisse um eine vermisste junge Frau, den Tod eines Pornostars und eine Verschwörung auf höchster Unternehmensebene. Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Shane Black lässt hier Ryan Gosling und Russell Crowe als Duo wider Willen auf die Stadt los - speziell auf die Suche nach einer jungen Frau namens Amelia, die einen Korruptionsskandal auslösen kann.

30 Jahre nach dem Einreichen seines Drehbuchs von Lethal Weapon bei Produzent Joel Silver zeichnet Shane Black nun erneut ein ungleiches Paar, das in eine aktionsgeladene Detektivgeschichte gestürzt wird. Gleich in der Öffnungssequenz erinnert er an jenen Erfolg mit Mel Gibson und Danny Glover, indem er die Kamera von den Hollywood Hills zu einem Haus hinabgleiten lässt, in das ein Hund heimkehrt und kurz darauf die Hölle losbricht. Ein kleiner Junge kann nicht schlafen und macht sich auf den Weg durch das Haus, als plötzlich ein Auto mitten durchs Haus kracht und an einem Baum hinterm Garten endet - darin eine nackte Frau, die kurz vor ihrem letzten Atemzug den Jungen fragt: „Wie gefällt dir meine Karre, großer Junge?“

Shane Black und Anthony Bagarozzi schrieben gemeinsam das Drehbuch. Sie begannen die Arbeit, indem sich zunächst jeder auf eine der beiden Hauptfiguren konzentrierte. »Wir beide lieben Pulp-Kriminalromane und wollten gemeinsam einen Stoff entwickeln, in dem ein Privatdetektiv im Mittelpunkt steht«, erklärt Black. »Deshalb schlug ich ihm vor: „Du kümmerst dich um die eine Hauptfigur und ich mich um die andere.“«

»Wir haben unsere Protagonisten „die netten Jungs“ genannt, aber wenn der Zuschauer sie erstmals kennenlernt, sind beide in gewisser Weise Deppen«, sagt Bagarozzi. »Healy lebt im Grunde davon, Leute zusammenzuschlagen. Und March ist zwar Privatdetektiv, aber ganz nah an der Schwelle zum Trickbetrüger. Dass diese beiden Männer die Helden unserer Geschichte sind, machte uns großen Spaß, denn im Grunde sind sie fast ständig das Gegenteil davon. Aber genau das mochten wir am meisten – den Gedanken, dass unsere Protagonisten Antihelden sind.«

Russell Crowe kann dem nur zustimmen: »Man hat eine Hauptfigur, die sich moralisch auf dünnem Eis bewegt, und eine zweite, die sich gerne sinnvoll nützlich machen würde, im Moment aber zumindest überzeugt davon ist, dass sie das nur kann, wenn sie anderen die Arme bricht. In gewisser Weise haben wir hier die klassische Prämisse, dass erst beide Figuren zusammengenommen einen kompletten Mann ergeben. Das Ganze ist aber auch total unkonventionell entwickelt, was meinem Humor entgegenkam.«

»Das Drehbuch nimmt sich nicht zu ernst. Die Figuren tun das allerdings schon, und genau das ist das Urkomische an ihnen«, erläutert Ryan Gosling lachend. »Meiner Ansicht nach ist das auch ausschlaggebend dafür, dass wir mit March und Healy mitfiebern. Denn sie wollen mehr und besser sein, als sie tatsächlich sind – oder zumindest so tun, als ob sie das wären.«

»Don't say „and stuff“!«

Bevor Healy in Marchs Leben trat, gab es bereits einen Menschen, der ihn vor dem totalen Absturz bewahrte, oder es zumindest versuchte. Die junge australische Schauspielerin Angourie Rice verkörpert Marchs Tochter Holly. Sie ist ein Teenager, und trotzdem ist oft nicht ganz klar zu erkennen, wer hier die Elternrolle innehat. »Definitiv ist die Beziehung zwischen March und seiner Tochter etwas gestört«, gibt Ryan Gosling zu. »Man sieht, dass sie sich über seine Defizite ärgert. Sie versucht, ihn davor zu bewahren, komplett die Orientierung zu verlieren, und ihn dazu zu bringen, ein besserer Mensch zu werden. Aber er gleitet weiter ab.«

»Sie streiten oft, aber Holly ist fest entschlossen, ihren Vater bei allem, was er tut, zu unterstützen, weil sie sicherstellen will, dass er sich nicht zum Narren macht«, beschreibt Angourie Rice die Beweggründe ihrer Figur, wohlwissend, dass Hollys Vorhaben wohl aussichtlos ist. »Andererseits findet Holly es auch cool, dass er ein Privatdetektiv ist und will unbedingt mitmachen. Das hat manchmal sein Gutes, aber sie bringt sich auch selbst in einige knifflige Situationen. Sie ist eine starke Figur, und das gefällt mir. Sie ist taff und sehr klug. Tatsächlich ist sie der Kopf des Ganzen«, konstatiert Rice scherzhaft.

Sowohl Gosling als auch Crowe waren mehr als beeindruckt von ihrer jungen Kollegin. »Sie ist so talentiert und hatte ein ausgeprägtes Gespür dafür, was ihre Figur tun oder lassen würde«, schwärmt Gosling. »In unseren gemeinsamen Szenen war sie uns absolut ebenbürtig.« Und das merkt man auch beim Betrachten des Films. Holly ist das Herz des Films. Sie ist die einzige Figur im Film, die irgendwie normal und ernst wirkt, manchmal allerdings ein wenig zu erwachsen für ihr Alter, was an der vertauschten Erzieherrolle in ihrem Haushalt liegen mag.

Ihr Vater trinkt, weil er immernoch nicht über den Tod ihrer Mutter hinweg gekommen ist. Immerhin war es sein fehlender Geruchssinn, warum sie bei einem Feuer im alten Haus umgekommen ist - noch eine Gemeinsamkeit mit Martin Riggs aus Lethal Weapon. Doch im Gegensatz zu Riggs hat March noch eine Tochter, die sich um ihn kümmert. Dass sie noch ein Kind ist, wird allen dann wieder ins Bewusstsein zurückgerufen, wenn sie Dinge aufzählen will, wie z.B. „Dad, hier sind überall Nutten und so!“, und ihr Vater sie berichtigt: „Sag nicht immer und so! Sag einfach Dad, hier sind überall Nutten.“

Aber auch Healy versucht, sich in Sachen Wortschatz zu verbessern, und lernt jeden Tag ein neues Wort, wie z.B. Äquanimität - Gleichmut, Seelenruhe, Gelassenheit. Als Healy durch die gemeinsamen Ermittlungen zu sowas wie einem Onkel für sie wird, auch wenn dieser ihrem Vater anfangs einen Gipsarm verpasst hat, findet sie in ihm eine Art Verbündeten, ihren Vater nun auch bei der Arbeit zu beschützen.

»So you're telling me you made a porno where the plot is the point?«

Aber kommen wir zurück auf den Ausgangspunkt. Genau genommen beginnt die Suche nach Amelia mit dem Autounfall, bei dem Pornostar Misty Mountain ums Leben kommt. Als Mistys trauernde Tante Tage später ihre Wohnung aufräumen und auflösen will, sieht sie dort (trotz Brillengläsern wie Flaschenböden) eine junge Frau, die sie für ihre Nichte Misty hält, und die sehr lebendig ist. Holland March braucht nicht lange, um alle Hinweise richtig einzuordnen und festzustellen, dass diese junge Frau tatsächlich Amelia und nicht Misty war. Damit sollte die Sache eigentlich erledigt sein, tatsächlich aber beginnt damit alles erst.

Amelia hatte mit großem Engagement bei den mächtigen Entscheidern in L.A. versucht, zwingende Maßnahmen zu ergreifen, um den Smog, der die Stadt erstickt, zu reduzieren – Maßnahmen, die längst zum Einsatz hätten kommen können, aber sehr viel Geld kosten. Amelia fürchtet um ihr Leben, denn ihre Mutter, Leiterin des kalifornischen Justizministeriums, hat ihre Finger tief im schmierigen Machttopf stecken. Zunächst beauftragt sie Jackson Healy, da sie denkt, March sei im Auftrag ihrer Mutter auf Amelias Fährte.

Doch Healy tut sich letztlich mit March zusammen, denn sie sind nicht die Einzigen, die nach Amelia suchen. Tatsächlich sind mehrere gefährliche Typen hinter ihr her, ganz besonders ein Auftragsmörder, der John Boy genannt wird. Der Name kommt nicht von irgendwo her, denn der Killer sieht tatsächlich so aus wie John Boy aus der damaligen TV-Serie Die Waltons. Ihre Spur führt sie in die Pornofilmindustrie, denn Amelia hatte mit einem befreundeten Pornofilmamateur kollaboriert, die Fakten der Verschwörung in seinen Film einzubauen.

»You will never be happy! «

Auf ihrem Weg zum Filmende müssen sich unsere Film(anti)helden nicht nur zusammenraufen, sondern auch ums eigene Überleben kämpfen, wobei so einige Statisten versehentlich ins Gras beißen müssen, was sich wie ein roter Faden als böser Running Gag durch den Film zieht. Dass der Film ab 16 Jahren freigegeben ist, kann man wohl den entschärften Restriktionen der FSK verdanken.

Obwohl die Geschichte ausschließlich in Los Angeles spielt, wurden die meisten Innenaufnahmen, und auch einige Außenaufnahmen, in Atlanta, der Metropole des US-Bundesstaats Georgia, gedreht. Wann immer es erforderlich war, wurden visuelle Effekte zur Anpassung der örtlichen Gegebenheiten eingesetzt – ob man nun digital Blätter von den Bäumen oder Dinge entfernte, die nicht in die 1970er Jahre passten, oder etwas digital hinzufügte, um mit solchen Details diese Zeit wieder zum Leben zu erwecken. Ein Drehort passte allerdings bereits perfekt. Es war das Hilton Hotel im Zentrum von Atlanta, das im Film Schauplatz der finalen Konfrontation während einer Automobilmesse ist, der Los Angeles Auto Show.

»Das Hotel wurde 1976 erbaut, und vieles von der Inneneinrichtung ist weitgehend unverändert geblieben«, erklärt Produktionsdesigner Richard Bridgland. »Und wenn die Verantwortlichen neue, moderne Elemente hinzugefügt haben, dann haben sie diese in das Gebäude integriert und dabei den Stil der 70er Jahre bewahrt und beibehalten. Besser hätten wir es nicht treffen können. Im Grunde hat man uns das ganze Hotel überlassen und das haben wir uns wirklich zunutze gemacht.«

Bei seiner Arbeit an diesem Film folgte Bridgland einer Vorgabe Shane Blacks, der sich »einen farbenprächtigen Film wünschte«, so der Produktionsdesigner. »Glücklicherweise passt eine auffällige Farbpalette perfekt zu den 70er Jahren, deshalb hatte ich freie Hand und konnte viele kräftige Farben verwenden.« Ganz besonders traf das auf das ultraprotzige Design des palastähnlichen Anwesens von Pornokönig Sid Shattuck zu. Hier geraten Healy und March auf ihrer Suche nach Amelia als ungeladene Gäste in eine unfassbare, in Neonfarben getauchte Party.

»Shane und Joel wollten bei dieser Party so weit gehen wie möglich, alles hier sollte wie eine extrem übertriebene Fantasie wirken«, erläutert Bridgland. »Wenn diese beiden Typen dort also aufschlagen, sind sie völlig orientierungslos und überfordert. Unsere Arbeit für diese Sequenz begann mit der Suche nach einem geeigneten Drehort. In Atlanta entdeckten wir schließlich dieses fabelhafte Haus, das wie ein Raumschiff aussah.«

Hinter der Bar gab es ein großes Fenster, das den Blick in den Pool freigab. Dadurch konnten Gäste beobachten, wie Meerjungfrauen im Wasser schwammen. Und auf dem Dach spielte niemand anderes als Earth, Wind & Fire und sorgte bei den Gästen für Tanzfieber. »Earth, Wind & Fire waren ganz groß damals, sie traten auf solchen exklusiven Partys auf«, erzählt Bridgland. »Das war etwas aus dieser Zeit, das Joel noch lebhaft vor Augen hatte und deshalb in Erinnerung rufen wollte. Das Problem dabei war, dass das Haus zwar riesig, der Garten aber relativ klein war. Deshalb haben wir für diesen Auftritt eine ganze Bühne auf dem Dach errichtet. Diese Musik, diese unglaublichen Kostüme, es war einfach fantastisch.«

»Die Musik, die Farben, die Stile – all das etabliert und vermittelt auf unglaubliche Weise die atmosphärische Essenz dieser Ära«, stellt Joel Silver fest. »Im Grunde ist es gar nicht so lange her, und doch liegt es lange zurück. Die Welt hat sich definitiv verändert, aber dieser Film gibt uns das Gefühl wieder zurück in dieser Zeit zu sein. Er bietet einfach ein großartiges Abenteuer und Erlebnis.«

Auch Autor und Regisseur Shane Black zieht ein Fazit: »Hoffentlich werden die Zuschauer am Ende das Gefühl haben, mit diesen Figuren eine einzigartige Erfahrung geteilt zu haben. Und obwohl sie das Ende dieser Reise und Geschichte erreicht haben, werden sie traurig sein, diese Figuren zurücklassen zu müssen.«

Hoffentlich nicht! Immerhin gründen Healy und March am Ende die Agentur „The Nice Guys“, was bei Erfolg des Films den Grundstein für ein neues Abenteuer sein kann. Die Komik des Films lässt ihn nach Marvels ►Deadpool zum zweitcoolsten Film des Jahres werden. Und die super getimete Slapstick von einem überraschend komischen Ryan Gosling und Russell Crowes unheimliche Ähnlichkeit mit Jürgen von der Lippe, der mittlerweile seinen bulligen Körper wie Gérard Depardieu durch die Filmlandschaft trägt, sind einfach unschlagbar unterhaltsam, dass man sich eine Fortsetzung herbeisehnt. Abgesehen davon gibt es ein Wiedersehen mit einer mittlerweile (oder extra für den Film?) Botox-verunstalteten Kim Basinger und keinem Geringeren als Buck Rogers selbst - Gil Gerard!

Also Film gucken und die Daumen drücken! Shane Black ist derzeit noch mit seinem Folgeprojekt beschäftigt - der Vorgeschichte des Schwarzenegger-Klassikers The Predator, in welchem Black selbst mitgespielt hatte. Darüber bekannt ist derzeit lediglich, dass die Geschichte „heute“ spielen soll, also 2018, wenn der Film in die Kinos kommen soll, und die Dreharbeiten im Oktober beginnen sollen. Außerdem beschäftigt er sich anschließend mit der Neuverfilmung des 1930er-Jahre-Helden Doc Savage, dem Mann aus Bronze, der gegen übermächtige Bösewichte angeht, wo allerdings die Titelrollenbesetzung mit Dwayne Johnson bereits bestätigt wurde. Wo dann Platz für eine Fortsetzung der netten Jungs sein soll, überlassen wir mal den Produzenten. Schön wär's auf jeden Fall... ■ mz

Krimi/Action/Komödie
USA 2016
116 min



mit
Russell Crowe (Jackson Healy) Martin Umbach
Ryan Gosling (Holland March) Tommy Morgenstern
Angourie Rice (Holly March) Laura Jenni
Matt Bomer (John Boy) Sascha Rotermund
Margaret Qualley (Amelia Kuttner) Leslie-Vanessa Lill
Kim Basinger (Judith Kutner) Sabine Falkenberg
Yaya DaCosta (Tally)
Keith David (Handlanger) Thomas Rauscher
Beau Knapp (Blueface)
Lois Smith (Mrs. Glenn) Anita Höfer
Murielle Telio (Misty Mountains)
Gil Gerard (Bergen Paulsen)
u.a.

drehbuch
Shane Black
Anthony Bagarozzi

musik
John Ottman
David Buckley

kamera
Philippe Rousselot

regie
Shane Black

produktion
Misty Mountains
Bloom
Lipsync Productions
Nice Guys
Silver Pictures
Waypoint Entertainment

verleih
Concorde