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Ich und Earl und das Mädchen
Me and Earl and the dying Girl
Das Leben des 17-jährigen Greg wird maßgeblich von klassischen Filmen geprägt, die er mit seinem besten Freund Earl studiert und mit absurd-komischen Kurzfilmen parodiert. Dass diese Filme noch therapeutische Bedeutung bekommen werden, ahnt Greg nicht, als er auf Drängen seiner Eltern Zeit mit seiner Mitschülerin Rachel verbringt. Für das gerade mit Krebs diagnostizierte Mädchen ist die Situation so peinlich wie für ihn. Doch als sich die beiden näherkommen, wird die schwere Krankheit zum Katalysator einer berührenden Freundschaft.
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DAS IST DER TEIL, IN DEM WIR ÜBER DEN FILM REDEN

Nachdem Jack Black und Mos Def 2008 in Abgedreht dem unabhängigen Filmemachen mit billigstem Aufwand einen Namen gegeben haben, weiß jeder, was mit „schweden“ gemeint ist. Auch in diesem Film geht es um zwei Filmemacher, die allerdings noch zur Schule gehen, aber schon 42 Filme adaptiert haben. Greg und Earl sind zwar Freunde, doch Greg bezeichnet ihre Beziehung zu einander als Mitarbeiter.

Zusammen geben sie ihren Lieblingsfilmen neue, blöde Titel und adaptieren daraus einen neuen Film, der dem neuen Titel gerecht wird - mit sich selbst oder selbstgebastelten Figuren, um dann Werke wie „Brew Velvet“, „Eyes wide Butt“, „Pooping Tom“, „A Sockwork Orange“ oder „The Turd Man“ zu produzieren. Sehen darf die Filme niemand, weil sie offensichtlich so schlecht sind, dass sie nicht einmal einen Stern in der IMDb bekommen würden.

Als dann eines Tages Gregs Mutter eine geheime Internetpornositzung stört und ihm sagt, er solle sich um Rachel kümmern, ein Mädchen aus seiner Schule, das an Leukämie erkrankt ist, gerät seine Welt durcheinander, denn Greg will zu keiner Gruppe von Mitschülern gehören. Und plötzlich gerät er in die unmissliche Lage, mit anderen (außer Earl) zu interagieren. Nach und nach werden Greg und Rachel wider ihrer Erwartungen tatsächlich Freunde, und Earl überredet Greg im gemeinsamen, unfreiwilligen Drogenrausch sogar, Rachel ihre Werke zu zeigen.

»Ihr fragt euch jetzt sicherlich: „Hey, ich mag dieses Mädchen, Rachel, und das wär echt scheiße, wenn sie am Ende stirbt.“ Daher sag ich euch: Flippt nicht aus, sie überlebt!« - Greg

»So wie die Figuren, die sie spielen, sind auch die Schauspieler selbst sehr witzig und brutal ehrlich«, erzählt Alfonso Gomez-Rejon, der hier seine erst zweite Spielfilm-Regiearbeit abliefert. »Sie haben immer den richtigen Ton getroffen. Die dramatischen Szenen hätten auch zu sentimental werden können und ich wollte unbedingt vermeiden, dass sie manipulativ wirken. Wenn das passiert wäre, hätte ich als Filmemacher versagt.«

In der Rolle des Greg gelingt es Thomas Mann, mit seiner sehr nuancierten und vielschichtigen Darstellung, die bei einem wesentlich erfahreneren Schauspieler recht beeindruckend wäre, eine Balance zwischen widerstreitenden Gefühlen zu finden. Gregs schneller Verstand und sein selbstironischer Humor bringen ihm die Zuneigung von Rachel ein, die versucht, sich ohne Illusionen den Konsequenzen ihrer Krankheit zu stellen.

»Er ist ein richtiger Teenager«, erklärt der Schauspieler. »Er ist nicht wirklich nett und er macht nicht immer alles richtig, was mir sehr gefällt. Zu sehen, wie er als Mensch wächst, war für mich eine große Freude, und ich denke, so wird es auch dem Publikum gehen.«

Die offene Art, wie der Film mit schwierigen Themen und komplexen Gefühlen umgeht, ist nicht typisch für einen Teeniefilm. Dazu Mann: »Hier geht es nicht um die erste Liebe oder sonst so übliche Sachen. Es geht darum, dass ein junger Mann herausfindet, wer er sein möchte, und man wird zum Nachdenken gebracht, was passieren könnte, wenn man jemanden verliert, den man gerade erst kennenlernt.«

»In dieser Geschichte geht es um Beziehungen, und das habe ich bisher noch nicht gespielt«, sagt Olivia Cooke, die mit schweren Krankheiten durch ihre Rolle von Norman Bates' Freundin in der Serie Bates Motel bereits Erfahrungen sammeln konnte, wo sie ständig eine Sauerstoffflasche mit sich herumschleppte. »Rachel hat sehr viel Würde. Es ist ihr wichtig, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Man sieht es an der Art, wie sie sich kleidet, und an ihrer Haltung. Es geht ihr nicht darum, einfach nur hübsch zu sein. Es ihr geht darum, ihre künstlerische Seite zu zeigen.«

Rachels Stolz steigert die Schwierigkeiten, die sie mit den Veränderungen hat, die die Krankheit ihr aufzwingt. Die Schauspielerin entschied sich, ihre Haare für die Szenen, in denen Rachel Chemotherapie erhält, tatsächlich abrasieren zu lassen, und nicht nur eine künstliche Glatze zu tragen. »Den Kopf zu rasieren war wesentlich persönlicher und realer als alles, was ich bisher erlebt habe«, erzählt sie.

»Ich hatte das Gefühl, dass mir meine Würde genommen wird. R.J. und Thomas haben mir geholfen. Ich hatte mir viele Zöpfe geflochten, und jeder von uns hat welche abgeschnitten, bis mein Haar nur noch ungefähr 5 Zentimeter lang war. Als wir mit dem Rasieren anfingen, musste ich lachen, weil es so absurd aussah, aber als wir fertig waren, habe ich geweint. Ich fühlte mich sehr verletzlich und einsam. Frauen definieren sich sehr über ihre Haare.«

Das Leinwanddebüt von R.J. Cyler als Earl, Gregs Filmkomplizen, ist sehr beeindruckend. Bis Greg auf Rachel trifft, ist er sein einziger Vertrauter. Greg, Sohn von Akademikern, die sich für ethnische Kunst und anspruchsvolle Filme interessieren, scheint nicht wirklich zu Earl zu passen, einem afroamerikanischen Jungen, der auf der falschen Seite der Stadt lebt.

»Wir haben viele Jugendliche vorsprechen lassen, alle möglichen Typen«, berichtet Produzent Jeremy Dawson. »Schließlich hatten wir nur noch zweieinhalb Wochen bis zum Dreh und hatten immer noch nicht die perfekte Besetzung gefunden. Doch dann kam R.J.. Er besaß keine wirklichen Schauspielerfahrungen, aber er hat ein angeborenes Talent. Olivia und Thomas nahmen R.J. unter ihre Fittiche, und bald waren sie unzertrennlich. Mit R.J. albern alle gerne herum. Sie rannten durch Pittsburgh und führten verrückte Tänze in den Straßen auf.«

Die drei Hauptdarsteller werden von einem erwachsenen Ensemble unterstützt, zu dem etablierte Stars wie Connie Britton, Nick Offerman, Jon Bernthal und Molly Shannon zählen, die alle außergewöhnliches Gespür und Verständnis für ihre Rollen mitbringen. Gregs Eltern, die von Connie Britton und Nick Offerman gespielt werden, haben gewisse Ähnlichkeit mit Autor Jesse Andrews' eigener Familie: »Mein Vater ist schon sehr schräg«, bemerkt er.

»Er hat niemals einen Sarong wie Gregs Vater getragen, aber er hat schon sehr viel Zeit damit verbracht, mit unserer Katze zu reden. Meine Mutter ist ziemlich normal, aber sie war immer bereit, seine Eigenheiten zu akzeptieren. Sie sieht die Wichtigkeit in diesen Dingen und hat diese Sicht auch in ihren Kindern gefördert, wofür ich ihr sehr dankbar bin.«

Zusätzlich zu seinem exotischen Einfluss in Kleiderfragen unterrichtet Gregs Vater, ein Soziologie-Professor, die Jungs auch nebenbei in Filmgeschichte (u.a. Werner Herzog, Klaus Kinski) und teilt mit ihnen seine Vorliebe für ungewöhnliches Essen. Offerman behauptet, er habe die Rolle hauptsächlich angeboten bekommen, weil er bekannt dafür ist „langsam zu sprechen und merkwürdig zu sein“. »Das schien einfach gut zu passen«, sagt der Schauspieler.

»Die Rolle erinnerte mich an einen Professor für Theatergeschichte, namens Bernette M. Hobgood, bei dem ich studiert habe. Wir haben ihn Hob genannt. Er war ein sehr lauter, zur Glatze neigender Mann mit Bart, der in den späten 80er-Jahren verrückte 60er-Jahre Medaillons trug. Er hielt uns Vorträge über Aischylos eingehüllt in den Rauch seiner kleinen Zigarren. Ich habe versucht, mich von meinem inneren Hob leiten zu lassen.«

Aus Offermanns Sicht hat das Stück ungewöhnlich viel Herz und Humor. »Ich war sehr davon angetan«, erzählt er. »Es trifft so viele unangenehme Dinge genau auf den Punkt. Ich bin grün vor Neid auf diese hinreißenden jungen Leute und ihre lässige Art, diese großen Rollen so verantwortungsbewusst auszufüllen.«

»Der schlimmste Teil ist, meiner Mutter dabei zuzusehen, wie sie mit all dem fertig wird.« - Rachel

In der Rolle von Rachels Mutter Denise ist Molly Shannon sowohl anrührend als auch gewohnt urkomisch zu sehen. Sie spielt eine alleinstehende Mutter, die damit fertig werden muss (auch mit Hilfe einiger Gläser Wein), dass sie vielleicht ihr einziges Kind verliert. »Molly sollte man besser nicht unterschätzen«, sagt Cooke. »Sie ist so komisch. Sie verändert ihr Spiel in jeder Szene, so dass keine Einstellung der anderen gleicht. Abseits der Kamera ist sie wunderschön, plaudert gerne und wirkt mädchenhaft. Jemanden wie sie am Set zu haben, ist wirklich ein Geschenk.«

Jon Bernthal, den Fans von TV-Serien wie Mob City und The walking Dead kennen, ist in der Rolle von Mr. McCarthy nicht wiederzuerkennen. Er spielt einen voll coolen, stark tätowierten Geschichtslehrer, der Greg unerwarteten Trost spendet. »Es ist eine tolle Rolle und John ist wunderbar darin«, erzählt die ausführende Produzentin Nora Skinner.

»Jeder wünscht sich, er hätte einen Mr. McCarthy in der Schule gehabt, jemanden der versteht, wer man ist, und einem gleichzeitig Raum lässt, damit man seine eigenen Fehler machen kann. Er beobachtet, wie Greg immer mehr in Angst und Trauer versinkt, was ihn daran hindert, die Dinge zu tun, die er machen muss. Doch anstatt Greg Schuldgefühle zu geben, sagt Mr. McCarthy einfach „Du wirst das schaffen und du wirst ok sein. Du bist ein guter Junge.“«

Der Film wurde ausschließlich in Pittsburgh gedreht, der Heimatstadt sowohl des Autors und Drehbuchverfassers Jesse Andrews als auch von Produzent Steven Rales. Die Filmemacher erschufen ein authentisches Umfeld für ihre Geschichte, in dem sie viele Drehorte wählten, die Andrews vertraut waren, darunter auch seine ehemalige Schule und das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Nachdem die Filmemacher unzählige Locations für Gregs Haus besucht hatten, wurde ihnen klar, dass der beste Platz, um die Geschichte zu erzählen, genau der ist, der sie auf so vielfältige Weise inspiriert hatte.

»Es ist ein bisschen merkwürdig, aber gleichzeitig ganz wunderbar«, sagt der Autor. »Es sind die Zimmer, die ich mir vorgestellt habe, als ich mir im Geist Gregs Haus ausgemalt habe.« Laut Gomez-Rejon hatte das Haus genau den richtigen Grundriss für die Geschichte. »Es war bereits so viel Liebe in diesem Haus, dass es sich absolut richtig anfühlte«, ergänzt der Regisseur. »Wir haben uns Dutzende von anderen Häusern angesehen, aber wir haben sie immer mit Jesses Haus verglichen und nach seinem Aussehen und seiner Stimmung gesucht. Schließlich haben wir entschieden, wenigstens mal zu fragen und hatten Glück, dass sie tatsächlich zustimmten.«

Musik spielt in jedem Film eine wichtige, aber für den emotionalen Kern sogar eine entscheidende Rolle. Laut Music Supervisor Randall Poster entwickelt der Soundtrack eine einzigartige und berührende Klangwelt für die Geschichte: »Alfonso behandelte diesen Aspekt des Films wie ein Uhrmachermeister, der sicherstellt, dass alle beweglichen Teile völlig synchron laufen. Es musste uns gelingen, Schweizer Präzisionsarbeit mit dem arhythmischen Ticken der Jugend zu verbinden, in der Hoffnung, dadurch einen authentischen und glaubwürdigen emotionalen Chronometer zu erschaffen. Und das führte uns auf eine musikalische Reise, die uns zu dem unvergleichlichen Brian Eno brachte.«

Die außergewöhnlichen Schnitzereien, die Rachel vor dem Rest der Welt versteckt hält, waren ursprünglich eine Idee von Luci Leary, der Requisiteurin des Films. Den Filmemachern gefiel ihr Vorschlag, und sie ließen das Szenenbild in Büchern verborgene, erstaunlich fein ziselierte Miniaturen herstellen. »Es ist wie Mr. McCarthy im Film sagt: „Man muss die Augen offen halten“«, erklärt Jeremy Dawson. »Es offenbaren sich immer neue Dinge über die Menschen, die man liebt. Seit ich diesen Film gemacht habe, weiß ich erst, wie wahr dieser Satz ist.«

»Menschen, die ihr Leben schon ein bisschen gelebt haben, werden vieles aus unserem Film nachempfinden können«, fügt Olivia Cooke hinzu. »Er basiert auf einem Buch, das als Jugendbuch eingestuft wird, aber es geht so viel tiefer. Es gibt keine Falschheit, keine Klischees. Es ist eine Geschichte über menschliche Interaktion und darüber, wie wir mit Sterblichkeit umgehen.«

Die Geschichte wird, wie der Titel schon suggeriert, aus der Sicht von Greg erzählt. Doch die Kernfigur der Geschichte ist Rachel. Sie ist es, die für Konfliktstoff in der Geschichte sorgt. Olivia Cooke ist einfach großartig, man möchte sie am liebsten die ganze Zeit über knuddeln. Und Thomas Mann versucht auch, sein Innerstes nach außen zu kehren, was ihm auch ab und zu gelingt. Und wenn man am Ende wie ein Schlosshund das flauschigige Kissen nassheult, weiß man: Alfonso Gomez-Rejon hat alles richtig gemacht. ■ mz

Drama/Komödie
USA 2015
106 min


mit
Thomas Mann (Greg Gaines)
R.J. Cyler (Earl Jackson)
Olivia Cooke (Rachel Kushner)
Jon Bernthal (Mr. McCarthy)
Nick Offerman (Gregs Vater)
Connie Britton (Gregs Mutter)
Molly Shannon (Denise)
Katherine Hughes (Madison)
u.a.

drehbuch
Jesse Andrews nach seinem Roman

musik
Brian Eno
Nico Muhly

kamera
Chung-hoon Chung

regie
Alfonso Gomez-Rejon

produktion
Indian Paintbrush

verleih
20th Century Fox