Mittwoch, 13. Dezember 2017

2017

Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar

2016

Dezember

Kinostarts Oktober 2015


01 | 08 | 15 | 22 | 29
Sicario
Die FBI-Agentin Kate aus Arizona wird von ihren Vorgesetzten zu einer Mission abgestellt, in der ein mexikanisches Drogenkartell durch das Unterbrechen des Geldflusses zu einem Verbindungsmann nervös gemacht werden soll. Über die wahren Direktiven wird sie von dem mysteriösen Matt allerdings im Unklaren gelassen. Nachdem es Matts Vollstrecker Alejandro gelingt, von einem großen Tier des Kartells die Schmuggelroute von Mexiko in die USA zu erfahren, geht der Einsatz in einem langen versteckten Tunnel in die heiße Phase über.
| Trailer | Galerie | Kinofinder | Filmseite | Teilen

„Du wirst hier nicht überleben. Du bist kein Wolf. Dieses Land wird jetzt von Wölfen beherrscht.“ - Alejandro

Der neue Film von Ausnahmeregisseur Denis Villeneuve ist ein eindringlicher, hochemotionaler Thriller, der hinabsteigt in die von Intrigen, Korruption und moralischem Chaos geprägten Abgründe der Drogenkriege im amerikanisch-mexanischen Grenzgebiet. Die zerklüftete Grenzlinie zwischen den USA und Mexiko wird überschwemmt von den brennendsten Problemen unserer Zeit. Dazu gehören Drogen, Terror, illegale Einwanderung, Korruption und eine sich fortwährend ausdehnende Welle von düsteren Gewaltverbrechen, die die Menschen auf beiden Seiten der Grenze verängstigt, aber auch wachsam gemacht hat.

Sicario [das spanische Wort für Auftragsmörder] begleitet und erforscht eine gefährliche Geheimdienstoperation, die den knappen Spielraum von Regeln und Vorschriften immer weiter ausdehnt - im Kampf mit einem Gegner, der sich an keinerlei Regeln hält. FBI-Agentin Kate Macer ereilt ein Rückschlag nach dem anderen. Als einer ihrer Kollegen bei einem Einsatz durch eine hinterhältige Bombe getötet wird, ist sie besessen davon, den Drahtzieher zur Strecke zu bringen.

Kurz darauf wird Kate von einer verdeckt operierenden Sondereinheit rekrutiert, die der lässig in Flip-Flops auftretende Geheimagent Matt Graver leitet. Trotz ihrer Bemühungen, den Verantwortlichen für die zahlreichen Leichen im entdeckten Todeshaus, in dem ein mexikanisches Drogenkartell Leichen dessen Mordopfer entsorgte, zur Strecke zu bringen, wird sie dazu gezwungen, lediglich zu observieren, und als Schnittstelle zum FBI zu agieren. Als sie schließlich feststellen muss, dass nicht nur der CIA dahinter steckt, sondern dieser auch noch mit einem Auftragskiller zusammenarbeitet, geriet sie in die Schusslinie und muss am Ende eine lebensbedrohliche Entscheidung treffen...

»Kate wird von dieser Welt angezogen und in Versuchung geführt«, erklärt Emily Blunt, die mit ihrer Darstellung einer entschlossen und aggressiv agierenden Frau, deren Leben in jeder Sekunde des Films bedroht ist, neue Wege in ihrer Karriere beschreitet. »Ihr wird klar, dass sie mit ihrer bisherigen, sich streng an den Vorschriften orientierende Vorgehensweise, die Probleme nur an der Oberfläche streifen konnte. Jetzt will sie mit aller Macht glauben, dass sie mit einem anderen Ansatz tatsächlich etwas bewirken kann. Doch genau diese Einstellung, sich nicht mehr an die Regeln halten zu wollen, stellt Kates Welt schließlich auf den Kopf. Nichts ergibt jetzt noch Sinn.«

Taylor Sheridan, der mit Sicario sein Drehbuchdebüt abliefert, ist gebürtiger Texaner, er fuhr in seiner Kindheit und Jugend häufig über die Staatsgrenze nach Süden, was damals absolut normal und unproblematisch war. Ihn reizte es aus ganz persönlichen Gründen, sich eingehend mit der Realität von heute in diesem Gebiet zu befassen. Sheridan ist eigentlich als Schauspieler bekannt, vor allem durch den Serienhit Sons of Anarchy, in dem er David Hale, den Stellvertreter des Polizeichefs von Charming verkörperte.

Mit dem Herzen eines Schriftstellers, der den Dingen auf den Grund geht, fühlte er sich berufen, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und Regionen zu erforschen, die im Laufe des letzten Jahrzehnts zu verbotenen Zonen wurden. Dabei entdeckte er, dass die Kulturen überschreitende Grenze, die er in seiner Jugend als so verführerisch erlebt hatte, völlig verschwunden war.

»Ich erkannte, dass dieses Mexiko nicht mehr existiert, ein Mexiko, zu dem man einfach mit dem Auto runterfahren konnte. Es war in der Zwischenzeit ein gesetzloser Ort geworden«, erläutert Sheridan. »Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich bis jetzt keinen Film gesehen hatte, der zeigte, wie sich das Leben in Nordmexiko verändert hat, wie sehr das Land jetzt von Drogen und Korruption beherrscht wird, wie sehr die Kartelle militarisiert wurden und wie die amerikanische Regierung auf diese Probleme reagiert, die sich längst über die mexikanische Landesgrenze hinaus ausbreiten.«

Je intensiver sich Sheridan mit der Materie befasste, desto deutlicher erkannte der Autor, in welchem Umfang die Aussicht auf riesige Profite menschlichen Anstand übertrumpft hatte. Entstanden war dadurch eine Hochdruckatmosphäre wie in einem Schnellkochtopf mit ausgesprochen negativen Auswirkungen. Der Drogenhandel war zu einem gewaltigen Geschäft metastasiert – so gewaltig, dass trotz eines gelegentlich verlangsamten Durchflusses niemals die Gefahr bestanden hat, dass dieser Durchfluss je komplett eingedämmt werden könnte.

Als Sheridan genauer zu erforschen begann, wie es dazu kommen konnte, erkannte er, dass sein Vorhaben dem Versuch glich, ein Wespennest zu öffnen. Er betrat eine Welt mit streng geheimen CIA-Programmen und CIA–Einsätzen, mit geheimen Übereinkünften, die die amerikanische Anti-Drogenbehörde DEA getroffen hatte, mit Kartellen, die Journalisten, die diese unter die Lupe genommen hatten, ermorden ließen, und mit „Todeshäusern“. In diesen Wohnhäusern lebte niemand, hier wurden die ermordeten Feinde der Kartelle in Hohlräumen hinter den Wänden routinemäßig entsorgt. Angesichts all dieser Aspekte unterschied sich Sheridans Recherche maßgeblich von der eines normalen Films.

Taylor Sheridan begann seine Arbeit, indem er sich in den von der glühenden Sonne versengten staubigen Städten in der Chihuahua-Wüste umsah, die von Kakteen übersät ist. Zunächst herrschte dort vor allem eines: Funkstille. »Ich bin im ganzen Grenzgebiet herumgereist. Man kann nicht einfach Kartellmitglieder oder Regierungsvertreter befragen, das ist unmöglich«, erklärt er.

»Die einzige Möglichkeit, Zugang zu dieser Welt zu bekommen, war Vertrauen zu den Menschen aufzubauen, die von den Entwicklungen der letzten Jahre am stärksten betroffen sind. Zu den Migranten also, die aus purer Not diese Grenze überschreiten und das Niemandsland zwischen Südarizona, New Mexico und Nordmexiko besiedeln. Diese Menschen waren meine Quellen.«

So entwickelte sich langsam eine Geschichte, die eine Seite des Drogenkriegs zeigte, die wenige Amerikaner je gesehen haben. Eine Geschichte über den Krieg gegen Drogen, der in der Praxis häufig zu einem Kampf um Drogen mutiert, wenn die Mächtigen um die Kontrolle dieses gewaltigen Geschäfts streiten. Es entwickelte sich eine Geschichte, die zwangsläufig von menschlich-moralischer Mehrdeutigkeit erfüllt war.

»Geschichten über Verbrechen werden normalerweise aus der Perspektive des Helden oder des Bösewichts erzählt«, geht Sheridan ins Detail. »Bei unserer Geschichte aber konnten wir so nicht verfahren. In dieser Geschichte erkennt man, dass das Problem längst nicht gelöst ist, selbst wenn man denkt, dass der Bösewicht ausgeschaltet wurde. Denn morgen wird an seine Stelle ein anderer Bösewicht treten.«

„Bring mich nie wieder in eine Situation, in der ich das Gesetz brechen muss, um zu überleben. Hast du mich verstanden?“ - Kate Macer

Sheridan war auch sehr interessiert daran, diese Geschichte aus einem ganz persönlichen Blickwinkel zu erzählen. Eine Geschichte über eine anständige, korrekte, nach Gerechtigkeit suchende Frau, die von den Entdeckungen, die sie im Grenzland macht, verfolgt wird und sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt. So wurde eine Figur geboren, die man so nicht unbedingt erwartet und die den Zuschauer in die verkehrte Welt von Ciudad Juárez hineinführen soll: Kate Macer.

Kate Macer ist ein stahlharter Wildfang und nimmt ihre Arbeit sehr ernst. Ihr Job und ihr Land sind ihr das Wichtigste. Ihre Distanz, ihr Alleinsein, all das ist eine Art Schutzschild, mit dem sie sich umgibt. Doch als sie in das tiefe Loch des Drogenkriegs hinabstürzt, wird sie zunehmend verletzlicher und verwundbarer. Sie mag knallhart und extrem engagiert sein, doch nichts hätte sie auf diese Welt vorbereiten können, in der man Gut und Böse nicht mehr eindeutig unterscheiden kann - eine Welt, in der amerikanische Geheimagenten genauso gnadenlos agieren wie die Kartelle und in der man unweigerlich die Killer anlockt, wenn man das Richtige tut und sich menschlich zeigt.

»Kate ist wirklich der moralische Kompass von Sicario«, bemerkt Emily Blunt. »Ich war fasziniert davon, dass sie die Dinge stets auf die richtige Art, streng dem Gesetz folgend, tun musste. Sie wird in diese komplett chaotische Welt von CIA-Geheimoperationen und Drogenkartellen hineingeworfen, die ihr völlig fremd ist. Während sie bisher für jede abgefeuerte Kugel Rechenschaft ablegen musste, wird hier aus allen Rohren gefeuert. Verantwortung für alles zu übernehmen, das hat bisher ihr Verhalten bestimmt. In dieser Welt jedoch spielt das überhaupt keine Rolle mehr, und das schockiert sie total.«

Kate hat extrem gemischte Gefühle, was ihren neuen Kollegen in der verdeckt operierenden Sondereinheit betrifft, den mysteriösen Kolumbianer Alejandro. Sie ist erschrocken von dessen blutgetränkter Vergangenheit, fasziniert von den Momenten, in denen er leidenschaftlich und heroisch ist, doch entsetzt von seiner Fähigkeit, fürsorglich und dann von einem Moment zum anderen erbarmungslos sein zu können.

Emily Blunt war fasziniert von Kates komplizierter Beziehung zu Alejandro. »Er ist ein ziemlich geheimnisvoller Mann, der nicht viel redet«, geht die Britin ins Detail. »Sie hat ein wachsames Auge auf ihn, traut ihm nicht unbedingt. Gleichzeitig sieht er etwas in Kate, das er selbst verloren hat. Es gibt eine ziemlich merkwürdige, fast magnetische Verbindung zwischen den beiden, der sie in dieser extremen Situation nie ganz auf den Grund gehen können. Sie sind voneinander angezogen, ohne dass es ausgesprochen wird.«

»Für mich hatte Alejandro fast Züge einer Shakespeare-Figur«, erläutert Taylor Sheridan. »Was er denkt und fühlt, vermittelt er in Selbstgesprächen, in denen er unsere Welt scharfsinnig und tiefgründig kommentiert was bei Kate etwas auszulösen scheint. Aber er ist auch in dieser Welt gefangen, die er beschreibt.«

Laut Beicio del Toro war es die Komplexität dieser Rolle, die ihn packte. Dabei hat ihn die Frage am meisten beschäftigt, ob Alejandro mit allem, was er in der Vergangenheit getan hat, wirklich leben kann oder ob er schlicht akzeptiert hat, dass sein Außenseiterstatus in der Gesellschaft der Preis ist, den er dafür bezahlen muss. »Alejandro war ein Staatsanwalt, bis seine Familie in den Drogenkriegen ermordet und er durch diese Ereignisse eine Art Auftragsmörder wurde, der Drogenbarone tötet. Doch ist er deshalb ein Bösewicht? Ich weiß darauf keine Antwort«, erklärt er.

»Ich würde nicht sagen, dass er schlechte Entscheidungen getroffen hat, um das zu werden, was er jetzt ist. Vielmehr waren Umstände, auf die er keinen Einfluss hatte, die von anderen kontrolliert wurden, dafür verantwortlich. Weil er für die US-Regierung diese Rolle eines Auftragsmörders übernommen hat, lebt er jetzt in dieser blutigen, düsteren Welt. Er hat seine eigenen Gründe, dies zu tun. Aber wird es angesichts dessen, was aus ihm geworden ist, für ihn je einen Weg zurück in die Gesellschaft geben können?«

Das dritte Mitglied in Sheridans Trio ist Agent Matt Graver, der mutmaßlich für das amerikanische Verteidigungsministerium arbeitet. Graver versteht sich darauf, alle Handlungen mit einer „Was-getan-werden-muss“-Philosophie zu rechtfertigen. »Meiner Ansicht nach ist Matt aufrichtig davon überzeugt, dass man, wenn es nötig wäre, zum Schutze Amerikas fast alle Menschen auf der Erde zu töten, dies auch tun müsse«, beschreibt Sheridan diese Figur. »Für ihn gibt es nur die Devise: „Wir oder sie“. Ob ihn das schon zum Bösewicht macht, hängt von der eigenen Perspektive ab.«

Josh Brolin hatte bereits mehrfach mit Benicio del Toro zusammengearbeitet, deshalb war die Gelegenheit, an seiner Seite die zwei Seiten einer Medaille vermitteln zu können, ein echter Anreiz für ihn. »Wirklich interessant fand ich die Vertrautheit zwischen Alejandro und Matt«, bemerkt Brolin.

»Die beiden haben völlig konträre Persönlichkeiten, aber weil sie im gleichen Geschäft arbeiten, helfen sie sich gegenseitig. Während Alejandro ausgesprochen lakonisch ist, ist meine Figur ein Plappermaul. Dieser Gegensatz macht für mich den ganzen Spaß aus.« Matts Gequassel betrachtet Brolin aus einem differenzierten Blickwinkel: »Klar, er redet viel, aber man weiß nie, ob Matt die Wahrheit sagt, ob er jemanden manipuliert oder ob er Humor als passiv-aggressives Mittel einsetzt.«

„Es gibt nur die Dunkelheit, mein Freund.“ - Alejandro

Ciudad Juárez liegt im Norden Mexikos, direkt am Grenzfluss Rio Grande gegenüber der texanischen Großstadt El Paso. Doch für viele Einwohner der mexikanischen Stadt ist Texas eine weit entfernte Welt. Die einstmals blühende Grenzstadt Juárez ist als „Stadt mit den weltweit meisten Morden“ bekannt geworden. Viele leben hier in Furcht und extremer Armut. Überall in der Stadt findet man Überreste von Maquila-Fabriken, die einmal in ausländischer Hand waren und an eine Ära weltweiten Handels erinnern, der dem nördlichen Mexiko längst den Rücken gekehrt hat. Es gab eine Zeit in der düsteren Geschichte der Stadt, da verschwanden täglich so viele Menschen, tauchten so viele Leichen plötzlich aus dem Nichts auf, dass diese Fälle nicht einmal mehr Schlagzeilen machten.

Obwohl die Anzahl der Morde seit 2012 rückläufig ist, ist die Stadt für Journalisten und neugierige Außenseiter noch immer eine der gefährlichsten der Welt, streben dort beständig neue Kartelle nach Macht und Reichtum. Wie um alles in der Welt würde ein großer Hollywoodfilm die heimtückische Realität dieser Welt durchdringen können? Leicht war es jedenfalls nicht. Selbst die Suche nach geeigneten Drehorten glich eher einem militärischen Einsatz, wie sich Produzent Basil Iwanyk erinnert: »Als wir uns entschlossen, uns Juárez anzusehen, konnten wir keine amerikanische Regierungsbehörde finden, die uns offiziell grünes Licht geben wollte, über die Grenze zu fahren.

»Schließlich wandten wir uns an einen mexikanischen Mittelsmann, der ein paar Jahre zuvor eine Nachrichtencrew von CNN nach Juárez gebracht hatte. Er wiederum kontaktierte einige verdeckt ermittelnde mexikanische Bundespolizisten, die uns in der Stadt herumfuhren. Sie hatten vorne im Wagen Maschinenpistolen griffbereit und gaben uns ganz detaillierte Ratschläge. In meinem Fall zum Beispiel den, als Träger von Kontaktlinsen eine Brille mitzubringen, falls unser Wagen aufgehalten und ich entführt werden würde. Wir fuhren in einem weißen SUV, denn schwarze Modelle benutzen nur die Typen von den Kartellen. Damit kann man zum Ziel werden, wenn man einen schwarzen SUV fährt.«

Während der sechs intensiven Stunden, in denen der Locationtrupp durch Juárez fuhr, durfte man nur zweimal den Wagen verlassen. »Uns folgte ein weißer Mustang, weil wir uns dort zu lange aufgehalten hatten, aber dieser Trip war das Fundament, auf dem wir unseren Film aufbauen konnten«, erinnert sich Iwanyk.

»Wir verstanden nun, wie das Leben in Juárez aussah. Das Ganze verdichtete nur Denis' kreative Vision für den Film. Was uns dort vor allem auffiel, war, dass das Leben in Juárez trotzdem weitergeht. Kinder spielten auf der Straße Ball, die Menschen waren mit ihrem Alltag beschäftigt. Gleichzeitig aber lag ein Schleier von Düsternis und Verbrechen über der Stadt.«

Jeder, der mit in Juárez war, war geschockt von den Eindrücken. Auch Produzent Edward McDonnell: »Ich erinnere mich, wie ich die Bundespolizisten fragte: „Wo sind die guten Viertel der Stadt?“ Und sie antworteten mir: „Die guten Viertel sind dort, wo gerade niemand getötet wird, die schlechten sind da, wo gerade jemand umgebracht wird.“ In Juárez ist man wirklich nirgendwo sicher. Davon berichten die Nachrichtensender im Fernsehen nichts. Man erfährt dort vielleicht, wie viele Menschen in Juárez starben, aber nichts von den Leben, die sich hinter diesen Zahlen verbergen.«

Verständlich, dass die Filmemacher in Juárez nicht drehen konnten, stattdessen stellte man die Kameras vor allem in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico, im texanischen El Paso sowie in der mexikanischen Küstenstadt Veracruz auf. Denis Villeneuve entwickelte eine große Faszination für das Grenzland. Sein Ziel war es, die raue, staubtrockene und doch lyrische Essenz der „Badlands“ einzufangen – einer Landschaft, die zu spiegeln scheint, was Kate durchzumachen hat.

Für die visuelle Gestaltung des Films holte sich Villeneuve einige Kreative ins Team, die sein absolutes Vertrauen hatten, weil er mit ihnen schon erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Dazu gehörte u.a. Kameramann Roger Deakins, der bereits elfmal für den Oscar® vorgeschlagen wurde. Die glühend-leuchtende, hyperrealistische Optik des Films wurde in enger Zusammenarbeit mit Kameramann Deakins entwickelt, den Villeneuve bereits für Prisoners in sein Kreativteam geholt hatte.

Sowohl Kameramann als auch Regisseur stimmten überein, dass Kamera und Lichtsetzung die atemlose Action mit maximalem Detailreichtum einfangen sollten, ohne aber visuell eine Wertung abzugeben. »Wir haben mit Totalen und kleinen Brennweiten herumgespielt, dadurch konnten wir Actionszenen ohne zahlreiche Schnitte entstehen lassen. Darüber hinaus haben wir auf lebhafte und reine Farben gesetzt. Ganz allgemein kann man den Look als naturalistisch bezeichnen«, erläutert Roger Deakins die visuelle Strategie.

Für den Kameramann war die von Benicio del Toro dargestellte Figur des Alejandro der zentrale visuelle Orientierungspunkt, an dem er seine Arbeit ausrichtete, denn in Alejandros Gesicht und Körpersprache lässt sich die Geschichte der Drogenkriege ablesen. »Meiner Ansicht nach werden Stimmung und Atmosphäre von Sicario von den Figuren bestimmt, ganz besonders von Alejandro. Ich dachte an Filme wie Der eiskalte Engel oder Vier im roten Kreis«, führt Deakins Jean Pierre Melvilles sehr atmosphärische, klassische Kriminalfilme der späten 1960er und frühen 1970er Jahre als Inspiration an. »Diese Filme haben Protagonisten, die kalt und grausam sein können, mit denen der Zuschauer aber trotzdem mitfühlen, für die er Sympathie entwickeln kann.«

Deakins betonte im ganzen Film die visuellen Primärelemente Licht und Dunkelheit, setzte Licht oft dramaturgisch unerwartet ein. »Die vielleicht eisigste Szene im Film ist mit warmem und weichem Licht ausgeleuchtet. Das mag nicht Standard sein, funktioniert aber meiner Ansicht nach als überraschender visueller Kontrapunkt«, erläutert der britische Kameramann.

Deakins' großartiger Kameraarbeit ist es zu verdanken, dass die komplexe Geschichte nicht einfach nur stur inszeniert scheint, sondern auch mal eben zum Entspannen einlädt, wenn die Kamera den Sonnenuntergang und die Natur der Badlands einfängt. Das unterstreicht auch den realistischen Hintergrund der Geschichte. Zusammen mit den betörenden Melodien und eindringlichen perkussiven Elementen des Isländers Jóhann Jóhannsson entstand ein spannender Film, der sich nach der US-Serienadaption The Bridge mit dem grausigen Ernst der US-mexikanischen Grenzregion beschäftigt.

Taylor Sheridan hat auch schon ein neues Krimi-Drehbuch in Produktion: Comancheria. Der britische Regisseur David Mackenzie lässt darin Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges einen verzweifelten Plan schmieden, ihre westtexanische Farm zu retten. Regisseur Denis Villeneuve erprobt sich dagegen im Bereich Science Fiction: In Story of your Life schickt er Amy Adams, Jeremy Renner und Forest Whitaker zu einer „unheimlichen Begegnung der dritten Art“. Aber jetzt ist erst einmal Sicario im Kino zu bewundern, worin sich Emily Blunt, Josh Brolin und Benicio del Toro gegenseitig die Ränge ablaufen... ■ mz

Drama/Thriller
USA 2015
122 min


mit
Emily Blunt (Kate Macer)
Benicio del Toro (Alejandro)
Josh Brolin (Matt Graver)
Victor Garber (Dave Jennings)
Jon Bernthal (Ted)
Daniel Kaluuya (Reggie Wayne)
Raoul Trujillo (Rafael)
Jeffrey Donovan (Steve Forsing)
Kevin Wiggins (Burnett)
u.a.

drehbuch
Taylor Sheridan

musik
Jóhann Jóhannsson

kamera
Roger Deakins

regie
Denis Villeneuve

produktion
Black Label Media
Thunder Road Pictures
Filmgate Films
Scope Pictures

verleih
StudioCanal