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Slow West
Der 16 Jahre junge Jay aus einer schottischen Adelsfamilie folgt seiner großen Liebe Rose nach Amerika in den Wilden Westen. Der naive, die Welt und Mitmenschen prinzipiell als gut betrachtende junge Mann gerät in ein Feuergefecht und trifft auf den zynischen Revolverheld Silas, der sich ihm als Beschützer und Wegbegleiter anbietet - nicht uneigennützig, hat er es doch auf das Kopfgeld abgesehen, das auf die junge Frau und ihren Vater ausgesetzt ist. Auf ihrem gemeinsamen Weg lernen die ungleichen gefährten voneinander.
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Kaum ein Genre gilt so sehr als Klassiker des Kinos wie der Western. Und kaum eines war für viele Jahrzehnte so klar definiert - vom Setting im amerikanischen Westen des späten 19. Jahrhunderts und dem einsamen, wortkargen Protagonisten als Helden, der durch die noch kaum besiedelte und unwirtliche Natur streift, bis hin zu typischen Handlungselementen wie Zug- und Banküberfällen, Saloon-Szenen und einem bleihaltigen Showdown.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der klassische Western rar gemacht, denn die Gesellschaft und die Filmindustrie haben sich verändert. Eine neue Art des Westerns war empor gestiegen: der Neo-Western. Einer der ersten Regisseure, die den Western neu interpretierten, ist Sam Peckinpah. Sein Film The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz von 1969 gilt für viele als einer der ersten Neo-Western überhaupt.

Statt in jenen Besiedlungsjahren, in denen der Wilde Westen gemeinhin spielt, ist Peckinpahs Geschichte im Jahr 1914 angesiedelt: Die Widersacher seiner Protagonisten sind nicht amerikanische Ureinwohner, sondern mexikanische Militärs zu Zeiten der Revolution. Vor allem aber hält mit seinem Film eine Düsternis Einzug, die das Genre bis dahin nicht kannte, gepaart mit Helden, die kaum verlorener sein könnten, und einer gnadenlos realistischen Brutalität.

Immer wieder wurde der Western neu interpretiert. Ob 1990 in Kevin Costners Der mit dem Wolf tanzt oder 1992 bei Clint Eastwoods Regiedebüt Erbarmungslos oder auch Genre-Gemische wie No Country for old Men (2007), Cowboys & Aliens (2011) oder zuletzt die Parodie A Million Ways to die in the West (2014) - Western gibt es immer wieder. Und immer wieder tauchen neue Ansichten auf, wie zuletzt in Tommy Lee Jones' The Homesman oder in der europäischen Produktion The Salvation mit Mads Kikkelsen, wo verstärkt auf die Vielfalt der Zuwanderer wertgelegt wurde.

Und auch in dem Spielfilmdebüt des Schotten John Maclean wird die Vielfalt großgeschrieben: Silas kommt aus Irland, Jay aus Schottland, Payne ist in dritter Generation Amerikaner. Wir treffen auf eine schwedische Familie, einen Deutschen, musizierende Kongolesen, die mit Jay französisch philosophieren, und natürlich auf die klassischen Eingeborenen - die Indianer, die vor allem neben ihrer kriegerischen Gewitztheit auch für einen der größten Lacher sorgen, als sie die Pferde unserer Hauptprotagonisten stehlen wollen.

Die Rolle des Silas wurde explizit für Michael Fassbender geschrieben, der bereits bei zwei Kurzfilmprojekten mit dem Regisseur zusammengearbeitet hatte. Und so war es kein Wunder, dass der Schauspieler schon früh und intensiv in das Projekt involviert war. »Wir haben immer wieder neue Drehbuchversionen verfasst und Michael hatte dabei einige tolle Ideen. Er war wirklich fester Bestandteil des Schreibprozesses und ist ein fantastischer Mitarbeiter gewesen«, schwärmt Maclean.

»Michael spielt oft Männer, die nicht viele Worte verschwenden und gleichzeitig Varianten des Archetypus Macho sind. Silas hätte in anderen Händen schnell zum Klischee des harten Einzelgängers werden können. Aber Michael verleiht der Figur eine spezielle Verletzlichkeit. Auch bei ihm ist das ein schweigsamer Typ, aber eben trotzdem nicht schwarzweiß gezeichnet, sondern mit ganz verschiedenen Facetten. Alle Figuren im Drehbuch haben gute Seiten genauso wie schlechte, und in Silas’ Fall ist es die Begegnung mit Jay, die ihn verändert. Er dachte eigentlich, dass er weiß, wie er sein Leben führen muss. Doch dank Jay begreift er, dass er nur überlebt, nicht lebt.«

Für die Rolle des naiven Romantikers Jay entschied sich Maclean für Kodi Smit-McPhee. Für den jungen Schauspieler stellte die Rolle eine besondere Herausforderung dar, nicht nur in körperlicher Hinsicht, sondern auch aus erzählerischer. Schließlich wird der Film aus seiner Perspektive erzählt. »Jay durchquert Amerika und das Publikum ist die ganze Zeit an seiner Seite. Es nimmt auf dieser Reise seinen Blickwinkel ein«, erklärt Smit-McPhee. »In seinen Begegnungen mit anderen Menschen bekommt man ein Gefühl dafür, was für ein frischer Geist er ist und wie sehr er sich zur Natur, zur Musik und zur Kunst hingezogen fühlt. Er ist eine einsame Seele, reagiert aber immer ganz unmittelbar und instinktiv darauf, was er sieht und fühlt.«

Michael Fassbender ergänzt: »Die Figur ist ein junger Träumer, und uns war es wichtig, einen Schauspieler zu finden, der diese Naivität und diese Vorstellung der ersten Liebe wirklich würde verkörpern können. Es musste jemand sein, dem man glaubt, dass er blindlings nach Amerika reist und hofft, in diesem riesigen Land seine verlorene Liebe aufspüren zu können. Kodi war dafür die perfekte Wahl!«

Die Rolle der Rose ging nach mehreren Castings in Neuseeland und Australien an die Newcomerin Caren Pistorius. Bei der Figur war es Maclean besonders wichtig, dass sie nicht zum Klischee verkommt. »Rose ist kein typisches Frauchen, das gerettet werden müsste. Aber genauso wenig ist sie das, was man sich gemeinhin unter dem Begriff „Flintenweib“ vorstellt«, erklärt der Regisseur.

»Ich wollte eine starke Frauenfigur zeigen, die wirklich etwas anders ist. Eine Frau, die durch Männer in eine echte Notlage geraten ist, aber sich trotzdem allein verteidigen kann und nicht von ihnen gerettet werden muss. Es gab immer schon Western mit tollen Frauenfiguren, etwa Joan Crawford und Mercedes McCambridge in Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen (1954) oder Barbara Stanwyck. Aber sie wirkten oft relativ maskulin. Deswegen gefiel mir der Gedanke, eine starke, aber eben auch feminine Frau zu zeigen, die ihre Sache selbst in die Hand nimmt.«

Während Jays Rückblenden in Schottland gedreht wurden, wurde der Rest des Films komplett in Neuseeland gedreht. Die Produktionsfirma See-Saw hatte schon die weltweit gefeierte Serie Top of the Lake von Jane Campion in Neuseeland produziert. Dass die dortigen Landschaften als amerikanischer Westen herhalten konnten, daran hatte Produzent Iain Canning keinen Zweifel:

»Wir wussten genau, welche Möglichkeiten uns die Region bieten würde. Neuseeland ist in dieser Hinsicht wahnsinnig vielfältig. Man geht ein paar Schritte und denkt, man sei in Schottland, aber schon ein Stück in die andere Richtung sieht es aus wie in Irland und noch etwas weiter wie im britischen Devon. Auf der Südinsel findet man riesige Gebiete unbewohnten Landes, die uns als Colorado dienen konnten. Die Landschaft ist einfach faszinierend vielseitig. Und obendrein stimmte auch noch die Jahreszeit: Wir drehten gegen Jahresende und dann ist dort gerade Sommer.«

Produktionsdesigner Kim Sinclair, seinerseits Neuseeländer und für den ebenfalls dort gedrehten Avatar mit dem Oscar® und dem BAFTA prämiert, fühlte sich vom Drehbuch und seinem frischen, unerwarteten Anstrich auf Anhieb inspiriert. Dass er auf die üblichen braunen Pferde, braunen Kulissen und braunen Kostüme verzichten konnte, an die man gewöhnlich beim Thema Western denkt, war ihm ein besonderes Vergnügen: »Wir haben ganz bewusst diesen stereotypischen Look vermieden, denn im Grunde ist dies ja ein europäischer Western, also die Reise eines jungen Europäers Richtung Westen.«

Da der Film ohne besonders viele Kulissen auskommt, konnte Sinclair die wenigen umso zielgerichteter gestalten, sodass jede den verschiedenen Stadien von Jays Reise entspricht - angefangen von der warmen, gemütlichen Hütte der Kleinbauern in Schottland über die schwarze Trostlosigkeit eines niedergebrannten Dorfes der amerikanischen Ureinwohner und das ausgeblichene, skelettartige Fachwerk eines Handelspostens, das einige Verzweifelte bewohnen. Daneben das frische junge Pinienholz, aus dem die Hütte von Rose und ihrem Vater gebaut wurde, in der geweißte Wände und blau-gesäumte Tischdecken für die Hoffnung auf Neuanfang in einem neuen Leben stehen.

Es ist schon fantastisch, wie perfekt Neuseeland als Kulisse für Amerika dient. Es wirkt keine Sekunde irgendwie „abgefilmt“, stets frisch, sodass man sich wirklich wie in einem fremden Land wähnt, das erschlossen werden möchte. Kameramann Robbie Ryan setzte dabei auf das Vollbildformat 1,66:1, wodurch der Film zusätzlich wie ein klassischer Western wirkt.

Ein weiteres Element, auf das John Maclean besonderes Augenmerk legte, war natürlich die Musik. »Damals in Schottland spielte Musik eine unglaublich wichtige Rolle«, führt der Regisseur aus. »Was man damals spielte und hörte, war amerikanischen Stilrichtungen wie Blues und Gospel nicht unähnlich. Diese keltischen Klänge wollten wir unbedingt in die Filmmusik integrieren, denn normalerweise werden Western ja von mexikanischen Einflüssen dominiert, weil sie oft in der Nähe der Grenze spielen.

Insgesamt setzten wir auf eine Mischung aus Originalmusik von damals und neuen Kompositionen. Der wunderbare Passi Jo etwa schrieb einen kongolesischen Song, der von traditionellen Klängen inspiriert war. Auch ich selbst war an einigen Songs beteiligt und bei der Entstehung des Soundtracks involviert. Letztlich wollte ich die Musik im Film auf ähnliche Weise einsetzen, wie es in Deliverance der Fall war. Je mehr Musik ich in den Film integrieren konnte, desto weniger musste ich später gesondert über die Bilder legen.«

So entstand daraus eine unübliche Musikmischung, die hauptsächlich aus Instrumenten kam, die es damals gab - also kein pompöser Western-Soundtrack, wie man ihn gewöhnt ist, halt etwas authentischer, europäischer. Alles passt perfekt zusammen, um die entdeckerische Aufbruchstimmung aufkommen zu lassen. Natürlich gab es damals im westlichen Neuland kaum Gesetzeshüter, weshalb diese auf Kopfgeldjäger setzten. Und somit waren damals auch viele dunkle Gestalten unterwegs, was der Film ebenfalls einfängt - so z.B. die Soldaten, die einen flüchtigen Indianer jagen, die unsere Helden zusammenführen und Silas schließlich bemerkt, dass sie vielleicht früher mal Soldaten waren.

Slow West ist demzufolge eine weitere Genre-Komposition im Bereich Neo-Western. Er ist, zusätzlich zu den klassischen Westernelementen, eine Romanze, ein Roadmovie ohne Straßen und ein Buddy-Movie, denn letztlich wachsen sich die zu Beginn noch zwei verschiedene Ziele verfolgenden Jay und Silas ans Herz, bis am Ende der Showdown das Schicksal unserer Figuren besiegelt. Doch wie es sich für einen europäischen Film gehört, ist am Ende nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen - vielmehr macht er klar, wie rau der Wilde Westen damals war und wie er dann trotz aller widrigen Umstände besiedelt wurde.

»Im Grunde begann ich mit nichts als einer weißen Seite und der Vorstellung von zwei Cowboys in einem Weizenfeld«, lacht John Maclean im Rückblick. »Davon ausgehend wuchs die Geschichte in den nächsten zwei Jahren zu dem, was sie nun schließlich ist.« Kodi Smit-McPhee beschreibt den Film abschließend aus seiner Perspektive: »Der Film hat durchaus das klassische Western-Feeling. Er ist schmutzig und spannend, mit Schießereien, Blut und allem Drum und Dran. Aber er steckt eben auch voller Gefühle, und die sieht man in diesem Genre sonst kaum. Ich würde Slow West deswegen als Western mit jüngerem Einschlag bezeichnen, als perfekte Mischung aus Emotionen und Action.« ■ mz

Drama/Krimi/Western
GB/NZ 2015
84 min


mit
Kodi Smit-McPhee (Jay Cavendish) Tim Schwarzmaier
Michael Fassbender (Silas Selleck) Norman Matt
Ben Mendelsohn (Payne) Stefan Günther
Caren Pistorius (Rose Ross) Katharina Schwarzmaier
Rory McCann (John Ross) Torben Liebrecht
Edwin Wright (Victor the Hawk)
Andrew Robertt (Werner)
Brian Sergent (Payote Joe)
u.a.

drehbuch
John Maclean

musik
Jed Kurzel

kamera
Robbie Ryan

regie
John Maclean

produktion
See-Saw Films
DMC Film
Film4
New Zealand Film Commission

verleih
Prokino