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02 | 09 | 16 | 23 | 30
Gefühlt Mitte Zwanzig
While we're young
Seit Jahren arbeitet Josh, hauptberuflich Dozent, an der Einlösung des Potenzials, das sein erster Dokumentarfilm versprach. Seine Ehe mit Cornelia ist kinderlos geblieben und in Beziehungsroutine erstarrt. Als Josh in dem jungen Filmemacher Jamie einen Bewunderer findet, der mit Energie und Furchtlosigkeit sein Leben befeuert, fühlt sich auch die anfangs misstrauische Cornelia von Jamie und dessen Frau Darby angezogen. Dass die neuen Freunde, die sie von ihren alten wegdriften lassen, ein Geheimnis verbergen, ahnen sie nicht.
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Mit seinem neuesten Werk zeigt Regisseur Noah Baumbach einmal mehr, warum er als „Woody Allen für eine neue Generation“ gehandelt wird. Baumbach hatte sich zuvor in Der Tintenfisch und der Wal mit den Ängsten von Scheidungskindern beschäftigt, in Margot und die Hochzeit mit den Schwierigkeiten von Geschwisterbeziehungen auseinandergesetzt, sich 2010 in Greenberg der Einsamkeit des Scheiterns gewidmet, und zwei Jahre später in ►Frances Ha die Essenz des Jung- und Überschwänglichseins und die Suche nach der eigenen Identität auf den Punkt gebracht.

Jeder dieser Filme basierte auf präzise beobachteten Momenten, die an (bisweilen absurder) Menschlichkeit nicht zu überbieten sind. Auch Gefühlt Mitte Zwanzig stellt da nun keine Ausnahme dar und ist vielleicht Baumbachs bislang lustigster, universellster und romantischster Film - eine Bestandsaufnahme seiner eigenen Generation 40+ und zugleich der Veränderungen von Erzählformen und moralischen Grundlagen, auf denen kreative Schöpfungen basieren.

Baumbach war überrascht, als er beim Drehbuchschreiben an Ben Stiller dachte, den er bereits bei Greenberg in der Hauptrolle besetzt hatte: »Ben und ich hatten bei Greenberg so eng zusammengearbeitet, dass ich unbedingt noch einmal mit ihm drehen wollte. Dies schien eine wunderbare Möglichkeit für das zweite Mal. Schon allein, weil Roger Greenberg und Josh Srebnick kaum weiter von einander entfernt sein könnten, war dieses Projekt für uns sehr interessant.«

Für Cornelia, die sich inmitten dieser neuen Freundschaft mit ihren eigenen Gedanken zu Kinderwunsch und Treue auseinandersetzen muss, suchte Baumbach abseits der üblichen Comedy-Pfade und entschied sich für Naomi Watts, die zuletzt in ►Die Bestimmung: Insurgent, ►Birdman und ►St. Vincent zu sehen war. »Naomi stürzt sich mit Haut und Haar in die Sache. Und sie ist in unserem Film unglaublich witzig und frei«, schwärmt Baumbach. »Sie bringt mich dazu, Worte sagen zu wollen, die ich normalerweise gar nicht verwende, zum Beispiel sowas wie „entzückend“. In der Szene beim Hip-Hop-Tanzen war sie so umwerfend witzig, dass ich Tränen in den Augen hatte.«

Bei der katalytischen Rolle von Jamie, dessen Aufrichtigkeit ansteckend wirkt, aber irgendwann auch in Frage gestellt werden muss, entschloss sich Baumbach erneut mit einem jungen Schauspieler zusammenzuarbeiten, den er zum ersten Mal bei Frances Ha besetzt hatte: Adam Driver. »Was Adam so gut kann, ist gleichzeitig total eigentümlich zu sein und trotzdem einen sehr hohen Wiedererkennungswert zu haben. Außerdem gefiel es mir, wie er und Ben zusammen aussahen«, sagt der Regisseur. »Wenn sie nebeneinander eine Straße entlang gehen, erinnert mich das an Midnight Cowboy oder Tootsie

Für die Rolle von Jamies Frau Darby suchte Baumbach nach einer Schauspielerin, der die Gratwanderung zwischen Freigeist und verlorener Seele gelingen würde. Er fand sie in Amanda Seyfried: »Amanda hat eine entwaffnende Direktheit, aber trotzdem auch eine gewisse Unschuld«, so Baumbach zu seiner Wahl.

Abgerundet wird das Ensemble durch den auch als Ad Rock von den Beastie Boys bekannten Adam Horovitz und die Tony®-nominierte Maria Dizzia als Josh und Cornelias frühere beste Freunde Fletcher und Marina, die sich durchs Elternwerden vollkommen verändert haben.

Als Cornelias Filmemacher-Vater wurde außerdem der legendäre Charles Grodin besetzt, der für Baumbach eine besondere Freude war: »Grodin kann nichts sagen, was nicht wahrhaftig wäre, und trotzdem ist er dabei unglaublich komisch. Normalerweise spielt er Rollen, in denen er schwierig oder lästig ist. Deswegen gefiel es mir, dass er in diesem Film eine Autoritätsperson verkörpert, beinahe die Stimme der Vernunft.«

Wie die meisten 40-jährigen weiß auch Josh nicht so genau, wann genau er eigentlich die Grenze zum sogenannten Erwachsenensein überschritten hat. Doch er ist auch noch nicht wirklich bereit, die unerfüllten Träume seiner Jugend aufzugeben. In gewisser Weise befindet er sich in einer Art Niemandsland, in dem er sich einerseits bemüht, mit den neuesten kulturellen Entwicklungen mitzuhalten, und andererseits fast Panik bekommt, weil er „seinen Moment“ verpasst haben könnte.

»Josh will irgendwie den Bezug zur sich verändernden Kultur behalten, aber gleichzeitig verachtet er sie auch, glaube ich. Was ich durchaus verstehen kann«, sagt Ben Stiller über seine Rolle. »Wenn man ein gewisses Alter erreicht, denkt man sich, dass man sein halbes Leben lang auch ganz gut ohne all solches Zeug ausgekommen ist, und sieht nicht so wirklich ein, weshalb man sich plötzlich damit herumschlagen soll, welcher Twitter-Name der geeignetste ist.«

Auch mit Joshs Jagd nach einem womöglich überholten Ideal des Filmemachens konnte Stiller etwas anfangen: »Er hat wirklich Mühe, auszumachen, wo in der Kultur unserer Zeit eigentlich sein Platz ist. Eigentlich gehört er zur Alten Schule, denn er ist ja aufgewachsen mit einer Art des Filmemachens, die sich in den letzten 20 Jahren vollkommen verändert hat. Damit kann ich mich durchaus identifizieren.

Die Werkzeuge sind nicht mehr die gleichen, die Art und Weise, wie Filme geguckt werden, auch nicht mehr. Die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums ist kürzer geworden, und Dank all der neuen, überall verfügbaren Technologie kann heutzutage jeder einen Film machen. Das kann eine tolle Sache sein und ist ohne Frage demokratischer als früher. Aber für jemanden wie Josh ist es eine enorme Umstellung, denn in seiner Generation bekam man noch vermittelt, dass man, um Filmemacher zu werden, eine Ausbildung brauchte, sich seine Sporen verdienen und größtmöglichen Wert auf Authentizität legen musste.«

Gleichzeitig besteht allerdings auch kein Zweifel daran, dass Josh Wasser tritt, Authentizität hin oder her, wie Stiller betont: »Dieser Kerl arbeitet seit zehn Jahren an ein und demselben Film! Er selbst mag das auf die Integrität schieben, doch gleichzeitig hat er Panik, denke ich. Was ist, wenn ich den Film vollende und keiner sich dafür interessiert? Außerdem trifft es ihn wohl etwas überraschend, dass er für jemanden wie Jamie plötzlich der alte Mann ist. Das bin ich - der alte Knacker, der nicht mehr auf dem neusten Stand ist? Dieser Gedanke verstört ihn, zumal wenn er sieht, wie unterschiedlich seine Vorgehensweise verglichen mit der von Jamie ist.«

Joshs Konkurrenzkampf mit ihrem Vater ist nur einer von vielen emotionalen Konflikten, denen sich Naomi Watts als Cornelia gegenüber sieht. Nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und trotzdem in ihrem Leben voranzukommen, das sind die beiden Hauptaufgaben ihrer Figur, erzählt die Schauspielerin: »Als Rolle fand ich sie fantastisch, und auch ihre Beziehung zu Josh unglaublich glaubwürdig.

Cornelia ist wahrhaftig und beständig und hat ein tolles Temperament, aber gleichzeitig hat sie etwas gegen Dummköpfe. Sie ist es, die von Anfang merkt, dass vielleicht irgendetwas mit Jamie nicht stimmt. Allerdings freut sie sich auch, ihren Ehemann plötzlich so glücklich zu sehen. Sie glaubt, dass er diese Inspiration gut gebrauchen kann, also will sie ihm nicht im Weg stehen. Und letztlich verwickelt sie sich selbst darin.«

Für Naomi Watts stellte es eine besonders reizvolle Herausforderung dar, sich so weit wie nie zuvor auf komödiantisches Terrain zu begeben. Selbst an Slapstickelementen musste sie sich versuchen. Schließlich strampelt sich Cornelia etwas hilflos durch Darbys Hip-Hop-Tanzkurs für Fortgeschrittene. »Ich habe bislang nicht besonders viele Komödien gedreht, deswegen gefiel es mir gut, mich hier mal wirklich ausprobieren zu können«, lacht die Schauspielerin. »Ich halte mich nicht für jemanden, der von Natur aus komödiantisches Timing hat. Aber diese Art von Komödien, die auch sehr realistisch ist, interessiert mich.«

Eine ihrer Lieblingsszenen im Film ist die, in der die beiden, Dank Jamie und Darby, das Ritual um die südamerikanische Schamanendroge Ayahuasca kennenlernen, bei dem beide wildeste Halluzinationen ebenso erleben wie heftigste Übelkeitsattacken. »Die Ayahuasca-Szene ist unglaublich witzig geschrieben, aber war gar nicht so einfach umzusetzen«, erinnert sie sich.

»Schauspieler spielen ja ganz gerne mal, dass sie high oder betrunken sind. Aber das kann auch unglaublich schlecht wirken, wenn es nicht gut gemacht ist, deswegen flößt uns das gleichzeitig auch ordentlich Respekt ein. Noah dreht bekanntermaßen sehr viele Einstellungen, deswegen konnten wir die Szene in diesem Fall zum Glück auf verschiedene Weise ausprobieren. Mal haben wir sie zurückgenommener gespielt, mal mehr auf die Tube gedrückt. Es war eine echte Herausforderung und hat sehr viel Spaß gemacht.«

So begeistert er auch vom Drehbuch war, musste Adam Driver trotzdem seinen eigenen Weg finden, sich Jamies eher skrupellose Seite zu eigen zu machen. Letztlich pflegt er dabei die gleichen Geheimnisse, die seine Figur für Josh so reizvoll machen. Ist Jamie nun ein großherziger Filmliebhaber, der davon träumt, mit einem von ihm bewunderten Kollegen zusammenzuarbeiten, ein ehrgeiziger, hinterhältiger Betrüger, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht, um zum Erfolg zu kommen, oder womöglich beides gleichzeitig?

Driver lässt diese Fragen unbeantwortet: »Ich weiß noch nicht einmal, ob ich sagen würde, dass Jamie zu Beginn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Kontakt zu Josh aufnimmt, denn ich glaube, dass er tatsächlich etwas für dessen Arbeit übrig hat. Bei ihm ist auf jeden Fall vieles unklar und uneindeutig, nicht nur nach außen.« Der Schauspieler betont, dass für ihn Jamies und Joshs sich widersprechenden Herangehensweisen an die Kreativität durchaus beide ihre Berechtigung haben:

»Ich kann mich da mit beiden identifizieren. Jamies Art, seinem Instinkt nachzugehen und erstmal alle Ideen herauszuhauen, um zu sehen, woraus etwas wird, hat etwas für sich. Manchmal kommt dabei das beste Ergebnis heraus, weil man sich nicht zu sehr den Kopf zerbricht. Aber ich kann auch mit Joshs Arbeitsmoral und Integrität etwas anfangen, selbst wenn diese vermutlich beengend und isolierend wirken können, wenn man darüber zu jemandem wird, der allein in seinem Kämmerchen sitzt und über jedem noch so kleinen Detail brütet, das eigentlich völlig unwichtig ist.

Jamies Liebe zu Vinyl-Schallplatten und handgemachten Dingen spricht mich an, denn meine Generation merkt langsam, dass uns Technologie mitunter auch der echten Erfahrungen berauben kann. Doch genauso gut kann ich aus eigener Erfahrung Josh verstehen, der denkt, dass meine Generation wie selbstverständlich Anspruch auf Dinge erhebt, die sie sich gar nicht erarbeitet hat.«

Auch die Arbeit an Jamies Ehe mit Darby, die, obwohl sie nach außen romantisch erscheint, ins Straucheln gerät, machte Driver großen Spaß: »Amanda, Noah und ich entschieden, dass Jamie und Darby sich schon lange kennen. Sie wuchsen zusammen auf und beschlossen irgendwann zu heiraten, um etwas Altmodisches zu tun. Ich denke schon, dass das echte Liebe ist. Aber Jamie ist ständig in Bewegung und denkt immer daran, was noch alles kommen könnte, während Darby sich eigentlich vor allem wünscht, er wäre im Hier und Jetzt ein bisschen präsenter.«

Amanda Seyfried stimmt ihm zu, dass Darby zusehends davon frustriert ist, dass sich in ihrer Ehe in erster Linie alles um Jamie dreht: »Darby unterstützt Jamie in seinen Unternehmungen und ist darauf nicht unbedingt immer stolz. Eigentlich ist sie auf der Suche nach ihrem eigenen Ding. Natürlich ist Jamies Ehrgeiz irgendwie ansteckend, aber ich glaube, dass sie zusehends das Gefühl hat, noch nicht wirklich ihr eigenes Leben gelebt zu haben.«

An der Rolle reizte sie zunächst Baumbachs unverwechselbare Erzählstimme, berichtet Seyfried: »Er schafft es, universelle Konflikte auf eine wirklich einfache Weise darzustellen. Und er richtet wie kein Zweiter seinen Blick auf die Komplexität zwischenmenschlicher Interaktion. Er macht natürlich sein eigenes Ding, aber er ist eben verdammt gut darin, auszudrücken, was wir alle fühlen - und das auf eine leichtfüßige Art, die nie angestrengt oder plump wirkt.«

Besser kann man den Film auch nicht beschreiben. Stilistisch leiht sich Noah Baumbach Einstellungen aus anderen Werken, wie z.B. die Paardialoge auf der Couch, wie man sie aus Harry & Sally kennt. In manch anderen Szenen und Dialogen erinnert er wiederum an Woody Allen, minus des Neurotizismus, vor allem jedoch auch wegen der Stadt New York im Hintergrund.

Das Schlussbild des Films, der längst nicht mehr ungewohnte Anblick eines Kleinkindes, das mit geradezu übernatürlicher Leichtigkeit ein Smartphone bedient, erinnert daran, dass der Kreislauf ungebrochen ist. Selbst während die Generation X sich langsam damit anfreundet, dass sie ihre Jugend tatsächlich hinter sich gelassen hat, tut sich der nächste Abgrund zwischen den Generationen bereits auf.

Das Ganze wird musikalisch in David Bowies „Golden Years“ eingeschlossen, das genial als Baby-Einschlafhilfe zum Aufziehen erklingt und natürlich passend zum Film im Abspann vom Original-Vinyl zu hören ist. Auch sonst besteht die Musikauswahl aus einigen Klassikern von vor 20 Jahren. Die Filmmusik wurde von LCD Soundsystem-Gründer James Murphy geschrieben, der schon die Musik zu Greenberg beigesteuert hatte.

Der Film wird hauptsächlich als Komödie beschrieben, ist jedoch eher als klassisches Drama mit komödiantischen Einlagen anzusehen, das oft schmunzelnd die Generation der Jugend der 80er Jahre porträtiert, die 30 Jahre später über das eigene Leben resümiert. Wer dazugehört, wird sich garantiert irgendwo im Film wiedererkennen. Er hält auch den Spiegel nicht nur vor das Gesicht unserer Hauptprotagonisten Josh und Cornelia, sondern auch das der Zuschauer und lässt jeden fragen: Wie bin ich und wo bin ich in meinem Leben? Was hab ich erreicht? Was geht noch? ■ mz

Komödie/Drama
USA 2014
98 min


mit
Naomi Watts (Cornelia Srebnick) Claudia Lössl
Ben Stiller (Josh Srebnick) Oliver Rohrbeck
Adam Driver (Jamie) Sebastian Schulz
Amanda Seyfried (Darby) Magdalena Turba
Adam Horovitz (Fletcher) Viktor Neumann
Maria Dizzia (Marina) Ghadah Al-Akel
Charles Grodin (Leslie Breitbart) Helmut Gauß
Brady Corbet (Kent) Jesco Wirthgen
Matthew Maher (Tim) Tobias Müller
Peter Yarrow (Ira Mandelstam) Victor Deiß
Dree Hemingway (Tipper) Sarah Riedel
Hector Otero (Frank)
Peter Bogdanovich (Sprecher) Friedhelm Ptok
u.a.

drehbuch
Noah Baumbach

musik
James Murphy

kamera
Sam Levy

regie
Noah Baumbach

verleih
SquareOne/Universum Film