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Am grünen Rand der Welt
Far from the madding Crowd
Als Farmer Oak durch einen tragischen Vorfall alles verliert, treibt ihn das Schicksal zum Hof von Bathsheba, den er vor einem Großbrand rettet. Niemand ahnt, dass Oak, der zum neuen Verwalter bestellt wird, und die Gutsherrin ein Geheimnis teilen. Als Bathsheba noch mittellos war, hatte sie Oaks Heiratsantrag abgelehnt. Ihre Unabhängigkeit verteidigt sie auch gegenüber ihrem spröden, aber gutmütigen Nachbarn Boldwood. Doch als Troy, ein von der Liebe enttäuschter Soldat, mit ihr flirtet, gibt sie seinen Avancen nach - mit fatalen Folgen.
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Mit seinem Roman „Am grünen Rand der Welt“ schenkte Thomas Hardy der Welt eine der größten literarischen Heldinnen aller Zeiten und erschuf eine epische und hochdramatische Liebesgeschichte für die Ewigkeit. Die lebhafte viktorianische Bäuerin mit dem exotischen Namen Bathsheba Everdene ist auch 2015 noch eine hinreißend moderne Figur. Vom einfachen Landmädchen, das die Farm des Onkels vermacht bekommt, entwickelt sie sich zu einer eigensinnigen und launischen Erbin, die plötzlich vor einer Vielzahl unübersehbarer Lebensentscheidungen steht.

Drei Männer umwerben und verwirren sie: der bodenständige Farmer Gabriel Oak, der verführerische Soldat Sergeant Troy und der wohlhabende Grundbesitzer Mr. Boldwood. Bathsheba verstrickt sich in ein Dickicht aus Leidenschaft, Besessenheit und Verrat, aus dem sie sich unter Schmerzen einen Ausweg erkämpfen muss – und dabei entdeckt, was sie wirklich will.

Die ländliche Idylle und auch der verschmitzte Humor, der Bathsheba auszeichnet, machten Hardys Buch zu einem der populärsten Romane aller Zeiten. Seit ihrer Veröffentlichung im Jahre 1874 inspirierte die Geschichte unzählige Bühnenstücke und Filme, bis hin zu „Hunger Games“-Autorin Suzanne Collins, die ihre Katniss Everdeen nach Hardys Heldin Bathsheba Everdene benannte. Für das Kino wurde Hardys Werk zuletzt 1976, in John Schlesingers Erfolgsfilm mit Julie Christie als Heldin, adaptiert.

Warum gehen einem Hardys humorvolle und zugleich allzumenschliche Charaktere auch nach 140 Jahren noch so nahe? Die Antwort liegt in der aufregenden Mischung aus temperamentvollen Figuren und düsteren Verwicklungen. Dazu meint Drehbuchautor David Nicholls: »„Am grünen Rand der Welt“ hat zwar Elemente einer Tragödie, aber es handelt sich auch um eine wunderbar leichtfüßige und heitere Romanze, die durch gelegentliches Drama und Pathos zum Funkeln gebracht wird. Diese authentische Vielstimmigkeit vermittelt einem das Gefühl prickelnder Lebensenergie.«

...und natürlich wegen einer emotionell starken Frau als Hauptfigur! Die Produzenten Andrew Macdonald und Allon Reich von DNA-Films spürten umso mehr, je mehr sie in Thomas Hardys urige ländliche Welt eintauchten, dass die Geschichte von Bathsheba Everdene auch beim heutigem Publikum eine Saite zum klingen bringen würde. Die unkonventionelle Romanze über eine furchtlose, aufbegehrende Frau im Kampf gegen eine Gesellschaft, die sie und ihre Sehnsucht nach Erfüllung bedroht, schien auf einmal ganz aktuell.

»Unter Hardys Geschichten ist „Am grünen Rand der Welt“ trotz aller Tragik diejenige, die das Publikum am meisten inspiriert«, so Reich. »Wir spürten, dass wir mit einem ausgefeilterten dreidimensionalen Porträt dieser großartigen weiblichen Figur, deren Probleme so erstaunlich zeitgemäß sind, neue Facetten zum schillern bringen konnten, denn Bathsheba muss nicht nur einen Ehemann auswählen, sondern sie muss lernen, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Sie ist als eine Figur konzipiert, die für sich selbst steht, anstatt lediglich den Status der angeheirateten Frau irgendeines Mannes auszufüllen.«

Und so inszenierte Thomas Vinterberg die leicht zugängliche und stilistische Adaption von David Nicholls mit einer umwerfend starken, selbstbewussten, aber auch verletzbaren Carey Mulligan in der Hauptrolle. Aber warum sollte sich ausgerechnet ein Däne mit einem durch und durch englischen Stoff befassen? Vinterberg fand nicht nur die Direktheit in Hardys Blick auf das Schicksal interessant, er fühlte sich auch zu Bathsheba hingezogen.

»Sie ist ein so schönes und verletzliches Wesen, dass ich mich sofort in sie verliebte«, sagt der Regisseur. »Ich sah in ihr eine starke Frau, die ihrer Zeit voraus ist - eine, die von niemandem Befehle entgegen nimmt, und die Männerwelt mit einer weiblichen Stärke betritt, die in der damaligen Zeit noch nicht akzeptiert war. Und doch war Bathsheba auch eine verwundbare Frau, eine, die das Verhalten und den Umgang mit Männern lernen musste. Diese Dualität macht sie so interessant und anziehend.«

Carey Mulligan war die erste Wahl für die Rolle der Bathsheba und alle Beteiligten waren froh, dass sie zugesagt hatte. Obwohl sie das Buch noch nicht gelesen hatte, als die erste Anfrage kam, wurde sie bald ein großer Fan davon und trug ihr mit Eselsohren verziertes Exemplar beim Dreh überall mit hin. »Es gibt da diese eine tolle Stelle, in der Hardy schreibt, dass Bathsheba so „aufregend, wild und ehrlich wie der Tag“ ist - und ich fand, dass dies ein wunderbarer Ausgangspunkt war«, erinnert sie sich. »Ich glaube, dass ihre Haltung viel revolutionärer als die der anderen Frauen jener Epoche ist, weil sie einen Ehrgeiz hat, der sich nicht an jemand anderem festmacht. Umso stärker gerät sie in innere Konflikte darüber, wieweit sie sich dennoch anpassen muss.«

Obwohl Bathsheba ihre Unabhängigkeit wichtiger ist als fast alles andere, verkompliziert sich ihr Leben durch drei sehr entschlossene Freier, von denen jeder um ihre Hand anhält. Den ersten Antrag macht ihr der aufrechte Farmer Gabriel Oak, doch zu jener Zeit ist sie zu sehr bedacht auf ihre Unabhängigkeit, um ihn zu erhören. Oak ist ein unverfälschter, grundanständiger Landbewohner: robust, großzügig, standhaft – und geduldig, wie sich zeigt. Matthias Schoenaerts, der zuletzt ►Die Gärtnerin von Versailles betörte, muss wohl etwas für starke Frauen übrig haben.

Die robuste Körperlichkeit von Schoenaerts Darstellung schlug auch Carey Mulligan in den Bann: »Matthias ist ein so großartiger Schauspieler, dass er, von dem Moment, an dem er den Set betrat, das Wesen von Oak ausstrahlte. Es ist etwas Besonderes um ihn herum - Matthias ist so groß und dominant, und zugleich so sanftmütig. Er besaß diese besondere Standhaftigkeit und Verlässlichkeit, die Oak haben sollte. Und dabei spürt man, wie er, wenn er einen ansieht, in einen hineinsieht.«

Und so fühlt man mit diesem sanftmütigen Wesen mit, als eines Nachts in einer unglaublichen Szene der psychopathische Schäferhund ausflippt und die gesamte Herde Oaks über die Klippen jagt! Während Gabriel alles verloren hat, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente, erbte gleichzeitig Nachbarin Bathsheba, die er einst in einem sinnlichen Liegeritt beobachtete, ein Vermögen samt Anwesen. Und so beginnt die Odyssee der beiden, die am Ende der Geschichte schließlich zwei Herzen zusammenführt.

Zwar ist Gabriel Bathshebas starker Fels, doch Sergeant Troy ist derjenige, dem es von der ersten flirtlustigen Begegnung an gelingt, ihr Herz zu stehlen. Voller Charme und Schmeichelei, aber auch flatterhaft, herrschsüchtig und eitel, zieht er Bathsheba in den Abgrund – eine Zeitlang. Tom Sturridge sah in Tom jemand, der nicht wirklich ein Schurke ist, sondern ein Mann, der sich schlecht benimmt, weil er eine Geisel seiner eigenen Gefühle ist: »Ich finde Toms Verhalten völlig erklärbar. Seine Geschichte ist meiner Ansicht nach die eines Mannes, der sich in zwei Frauen verliebt (Bathsheba und Fanny) und er liebt jede aufrichtig, jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise.«

Da Mulligan und Sturridge seit über zehn Jahren befreundet sind, fiel ihnen die Zusammenarbeit leicht. »Carey ist so aufrichtig in ihrer Darstellung, man sieht sie an und erkennt die Wahrheit«, schwärmt Sturridge von ihrer ersten Leinwand-Zusammenarbeit. »Sie stand unter enormem Druck, da sie in jeder einzelnen Szene zu sehen ist, doch sie meisterte dies mit ungeheuer viel Anmut, Geschick und Liebenswürdigkeit.«

»Allein schon die Arbeit mit Tom zusammen war fantastisch«, entgegnet Mulligan. »Tom und ich spannen die verrücktesten Ideen, und Thomas ermutigte uns erst recht dazu. Alle unsere gemeinsamen Szenen haben diese besondere Energie. Es geht um zwei Menschen, die für kurze Zeit wirklich gut zusammen funktionieren, aber erkennen, dass sie das nicht aufrecht erhalten können. Sie erleben den Inbegriff einer stürmischen Romanze.«

Bathshebas dritter Verehrer ist der Wohlhabendste. Er ist derjenige, der ihr am meisten langfristige Sicherheit und Stabilität bieten kann: der wohlhabende aber emotional verkümmerte Landbesitzer William Boldwood. Bathsheba schickt ihm eine flüchtig hingeworfene Valentinskarte und er ist sofort hingerissen, folgt ihr beharrlich und versucht sie mit seinen Besitztümern zu umgarnen - selbst dann noch, als er langsam den Verstand verliert. Und das ist ein perfektes Beispiel für unerwartete Liebe, die über die Zeit hinweg ebenfalls nicht an Aktualität verloren hat.

»Michael dachte sich in die enorme Einsamkeit von Boldwood hinein«, erklärt Thomas Vinterberg. »Man sieht ihn allein in den riesigen Räumen seines Herrenhauses. Michael erzeugt das Gefühl einer von Stolz und Würde durchzogenen Traurigkeit und verleiht der Figur dadurch Glaubwürdigkeit. Er war in dieser Rolle wirklich großartig.«

Als Michael Sheen den Roman zum ersten Mal las, war er verblüfft von der Zugänglichkeit und Vitalität der Handlung. »Ich fand sie ziemlich aktuell und schlüssig, und Bathshebas Zwickmühlen sind auch heute noch nachvollziehbar«, lobt er das Buch. »Hardy wird ja oft für freudlos und düster gehalten, doch diese Geschichte hat viele Abstufungen von Licht und Schatten, und viel Humor.«

Sheen sieht in Boldwood einen Mann »der ziemlich abgesondert von der Gemeinschaft lebt – wegen seines Reichtums und seines Status, aber auch aufgrund seiner Persönlichkeit. Hardy gibt uns Hinweise darauf, dass Boldwood früher eine Enttäuschung in der Liebe erlitten hat und sich seither unter anderen Menschen ziemlich unwohl fühlt. Er ist fast eine Figur wie Citizen Kane und lebt isoliert auf seiner Farm, als Bathsheba ihm den schicksalhaften Valentinsgruß schickt.«

Carey Mulligan betrachtet Sheen als perfekte Wahl für Boldwood: »Er verkörpert Gediegenheit, doch er kann auch das Abgleiten in den Wahnsinn brillant darstellen. Er ist anfangs ein Mann, der die Entscheidung getroffen hat, sein Leben allein zu verbringen. Doch nachdem Bathsheba sich so ungestüm bemerkbar gemacht hat, wird sie sein einziger Lebensinhalt. Man kann förmlich sehen, wie sich Risse in seiner Persönlichkeit bilden, bis er am Ende quasi zerfällt. Mit seinem virtuosen Spiel kann Michael all das ausdrücken.«

„Am grünen Rand der Welt“ bescherte der Welt das später legendär gewordene „Hardy-Land“ - eine bergige Landschaft, die Hügel mit Farmen übersät, wo die Menschen und ihr Treiben tief im Rhythmus mit der Natur verankert sind – im Herzschlag der Jahreszeiten, dem Pflügen der Erde, der Wildheit und Verletzlichkeit der Tiere. Der Roman war der zweite von Hardys vielen Geschichten, die in der halbfiktionalen Grafschaft Wessex spielen. Hardy nannte Wessex „eine realistische Traumlandschaft“. Tatsächlich aber ähnelte sie in Konturen und Kultur sehr der realen Grafschaft Dorset im Südwesten Englands, wo Hardy aufwuchs. Dorset, berühmt für seine grüne Hügellandschaft und seine ländlichen Schaf-Farmen, ist auch heute noch die idealtypische Verkörperung dessen, was die Menschen unter „englischer Landschaft“ verstehen.

Produktionsdesigner Kave Quinn musste das ehemalige ländliche Dorfleben so authentisch wiedererwecken, wie es im 21. Jahrhundert eben möglich war: »Viele Flächen werden immer noch bewirtschaftet, und Dorset liegt auch nicht im Londoner Einzugsgebiet, deshalb gab es keine Autobahnen. Seit Hardys Tagen hat sich Dorset nicht allzu sehr verändert. Und dann gibt es in Dorset natürlich auch eine großartige Küste, und die Lichtqualität wird aufgrund der Reflektion des Ozeans gesteigert. Das verleiht den Bildern zusätzlich eine gewisse Magie.«

Und die sieht man auch auf der Leinwand. In Zeiten von 3D-Action-Straßenfegern ist der Film sicher nicht DER Zuschauermagnet, doch durch die gelungene Umsetzung mit Sicherheit eine der besten Literaturadaptionen der Gegenwart. Hinzu kommt, dass die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt und die eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen einen Besucherstrom nach Dorset nicht ausschließen. Wer Hardys Roman nicht kennt, wird sich während der knapp zwei Stunden oft fragen, wohin das alles noch führt und ob und wann, und vor allem wie, Gabriel und Bathsheba überhaupt zu einander Herz finden. Das kann ein paar Längen verursachen. Letztlich jedoch ist Vinterbergs Film eine unwirsche Romanze in einer rauen Welt, ganz so, wie es dem Dänen gefällt. ■ mz

Drama
USA/GB 2015
119 min


mit
Carey Mulligan (Bathsheba Everdene) Maria Koschny
Matthias Schoenaerts (Gabriel Oak) Stefan Günther
Michael Sheen (William Boldwood) Marcus Off
Tom Sturridge (Sergeant Francis Troy) Leonhard Mahlich
Juno Temple (Fanny Robbin) Maximiliane Häcke
Jessica Barden (Liddy) Julia Stoepel
Jamie Lee-Hill (Laban Tall)
Bradley Hall (Joseph Poorgrass) Fabian Oscar Wien
Hilton McRae (Jacob Smallbury) Friedrich Georg Beckhaus
Victor McGuire (Pennyways) Lutz Schnell
Harry Peacock (Jan Coggan) Torsten Münchow
Jody Halse (Farmer Stone) Olaf Reichmann
u.a.

drehbuch
David Nicholls
nach dem Roman von Thomas Hardy

musik
Craig Armstrong

kamera
Charlotte Bruus Christensen

regie
Thomas Vinterberg

verleih
20th Century Fox