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City of McFarland
McFarland, USA
McFarland ist ein kleiner US-amerikanischer Ort, der außer der Landwirtschaft nicht viel zu bieten hat. Die Arbeit auf dem Feld wird meist von südamerikanischen Einwanderern getan, deren Söhne ebenfalls mit anpacken, wenn sie nicht gerade auf den Straßen des Kaffs einen auf dicke Hose machen. Nur der Sportlehrer der lokalen High-School sieht das Potenzial der Jungs. Gegen viele Widerstände baut er mit ihnen eine Mannschaft aus Cross-Country-Läufern auf, die nach einigen Rückschlägen endlich Erfolge feiern kann.
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Ich weiß, was Sie jetzt denken. Und Sie haben recht. Disney schickt auch in diesem Jahr Sportfilme ins Rennen. Was an diesem Film anders ist? Ganz einfach - die Sportart! „Cross-Country“ heißt es in den USA, hierzulande kennt man es eher unter Querfeldein - das schnelle Durchlaufen von profiliertem Gelände abseits befestigter Wege, auch Crosslauf oder Geländelauf genannt.

Die Strecke muss in einem offenen oder waldreichen Gebiet liegen, möglichst mit Gras bedeckt und mit natürlichen Hindernissen versehen sein, die allerdings den Läufer nicht gefährden sollen (also keine tiefen Gräben, steile Auf- und Abstiege oder hohe Mauern). Die Läufe finden in der Regel auf einem Rundkurs von 1750 m bis 2000 m Länge statt. Querfeldeinlauf war von 1912 bis 1924 olympische Disziplin und ist es als Teildisziplin des Modernen Fünfkampfs noch bis heute.

American-Football-Trainer Jim White hat es nicht einfach mit seinen Spielern. Einer der Gründe ist seine Frustration, nicht in deren Köpfen anzukommen, weshalb er schon mal einen Schuh wirft. Doch immer wieder eckt er an und wird gefeuert - so auch diesmal. Also heißt es für ihn, seine Frau und seinen zwei Töchtern erneut: Umziehen. Den einzigen Job, den er noch finden konnte, war der des Assistenztrainers in dem kleinen Ort McFarland, irgendwo im Süden Kaliforniens in der Nähe von Bakersfield.

Das Anbaugebiet von Baumwolle, Mandeln, Zitrusfrüchten, Weintrauben und mehr bot in den 1930er Jahren Zuflucht für Flüchtende der großen Sandstürme in jener Zeit. Die familienorientierte, Kirchengänger-Kleinstadt mauserte sich damals zur Quelle des „Bakersfield Sounds“ - einer Mischung aus Western-Swing und Honky-Tonk, vorgeführt von Lokalmatador Buck Owens. Doch 1987, als White in die Stadt zog, hatte sich die Musik dort in Ranchera geändert, denn mittlerweile war der Ort von Mexikanern unterwandert. Daher besteht auch die Filmmusik aus diesen Klängen.

Als die Whites in den Ort kommen, fragt die große Tochter: „Sind wir überhaupt noch in den USA?“ Die herrlich miesepetrige Miene der mittlerweile 20-jährigen Morgan Saylor, die hier die 14/15-jährige Julie spielt, kennen Seriengucker noch aus Homeland, worin sie Brodys suizidgefährdete Tochter spielte. Gleich nach ihrer Ankunft bekommen sie den vollen Culture-Clash ins Gesicht, denn im Restaurant bekommt man auf die Frage, ob sie auch Burger im Angebot haben, lediglich die Wiederholung der aushängenden Speisekarte: Nachos, Tacos, Tortas, Burritos, Tostadas, Quesadillas...

Gleich nach dem Abendessen fährt auch schon eine Kolonne von Lowriders vor, mit denen die örtlichen Jugendlichen einen auf dicke Hose machen. Auch nach dem Zubettgehen sind von draußen noch die Autos zu hören. Und wenn die Sonne aufgeht kräht der Hahn vom Zaun! Die Nachbarin begrüßt sie mit einem geschenkten Huhn, und auch sonst haben die Whites es anfangs schwer, mit den Latino-Gebräuchen klarzukommen. Nicht nur das, auch der örtliche Football-Trainer ist nicht gerade von seinem neuen Assistenten begeistert, der einen Spieler vom Feld nahm, der ordentlich zu Boden getacklet wurde.

Auf der Heimfahrt entdeckt White eine seiner Sportskanonen - Thomas Valles, der mit einem ordentlichen Zahn querfeldein nach hause rennt. Nach und nach kommt ihm die Idee, ein Cross-Country-Team zusammenzustellen, denn von seiner Football-Trainer-Karriere hat er sich mittlerweile verabschiedet. Um jedoch das mindestens 7-köpfige Team zusammenzuhalten, muss sich White zunächst jedoch erst mit der Latino-Gemeinde vertraut machen...

»In solchen Filmen geht es nie nur um Sport«, räsoniert Produzent Gordon Gray. »Sport ist nur die Grundierung, auf der die Reise der Figuren erzählt wird. Es geht hier eigentlich um einen Mann, der für sich und seine Familie ein Zuhause finden will, und er findet es in McFarland. Das bietet auch die Gelegenheit, die inspirierende Geschichte um die Bindung mit seinem Team zu erzählen. Ich denke, er wollte ihnen wirklich etwas geben, das es ihnen gestattete, ihre Lebenswege zu verbessern. Aber er war auch ein Trainer, er wollte gewinnen. Und sie taten es.«

Und der Film gewinnt auch, nämlich wenn er im Kino gesehen wird. Allein die weiträumigen Aufnahmen des Australiers Adam Alkapaw, die man auch u.a. in Serien wie Top of the Lake und True Detective bewundern konnte, machen den Film zu etwas Besonderem. Auch in seinem neuesten Werk, Macbeth, mit Michael Fassbender und Marion Cotillard, das im Herbst in die Kinos kommt, kann man sich großräumigen Einstellungen sicher sein.

»Produktionsdesigner Richard Hoover, Kameraregisseur Adam Alkapaw sowie Kostümdesignerin Sophie de Rakoff finden zusammen eine visuelle Sprache, das Gefühl dafür, die richtige Form, die richtigen Farben«, sagt die neuseeländische Regisseurin Niki Caro. »Was den Look des Films betrifft versuchen wir, 1987 so treu wie möglich zu werden - eine weitere Art, nicht wie das glänzend-digitale 2014 zu wirken. Er wurde auf Film gedreht. Die Gegend ist voll von Dreck und Staub, daher gibt es auch jede Menge hinterbelichteten Staub, was auch gleichzeitig authentisch und spezifisch ist, aber auch sehr schön und filmisch.«

Ein Steckenpferd der Regisseurin musste natürlich auch eingebunden werden - Lowrider-Autos. Den Irrglauben, dem auch die Whites verfallen sind, dass man das Schlimmste befürchten muss, wenn man auf diese wippenden Gefährte trifft, teilt Niki Caro nicht: »Lowriding war in den 80ern im Central Valley eine große Sache. Bakersfield war eines der Lowrider-Epizentren jener Gegend und des Landes.

Ich habe eine starke Verbindung dazu, denn mein Ehemann ist Teil jener Kultur. Daher weiß ich auch eine Menge mehr über Lowriding als die durchschnittliche weiße Mittelklasse-Frau aus Neuseeland. Und wenn man die irgendwie grässliche Schönheit der Landwirtschaft im großen Ausmaß außen vor lässt, gibt es nur wenig Glanz in McFarland. Die Autos im Film gaben ihn uns, nicht zu vergessen, dass Lowriding ein solch kultiges mexikanisches Phänomen ist, das ich im Film haben wollte.

Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass im zeitgenössischen Filmschaffen Lowriding als Kürzel für die Gangsterkultur steht. Und daher nimmt es auch ein Großteil der Bevölkerung so wahr. Die Wahrheit ist jedoch, dass Lowriding und Autoclubs im Grunde genommen für Familie und Gemeinschaft stehen.«

Der ganze Film ist voll von Lokalcolorit und quasi eine Umarmung der immigrierten Mexikaner u.a. Latinos - ganz im Sinne von Disney. McFarland, USA klärt auf, räumt Vorurteile aus dem Weg oder bestätigt sie. Klar ist jedoch, dass Gewalt und Fremdenhass aus dem Mangel an Perspektiven resultieren. Und Jim White gab (und gibt immernoch) den Jugendlichen, die vor und nach der Schule sowie an den Wochenenden auf den Feldern ihrer Familie beim Unterhalt helfen, eine solche - sich ein besseres Leben zu gestalten, indem man durch sportliche Leistung an Stipendien kommt.

Und wie man im Abspann des Films sehen kann, hat White die Stadt nachhaltig verändert, Leben beeinflusst und etwas Großartiges bewirkt. Das McFarland-Querfeldein-Team von 1987 erzählt die klassische Underdog-Sportgeschichte und repräsentiert auf konstruktive Weise den (latein)amerikanischen Traum. Insgesamt 9 Mal in 14 Jahren gewann das Team die kalifornischen Staatsmeisterschaften. Die Mitglieder des 1987er Teams sind inzwischen promoviert und geben ihre Erfahrungen an den Nachwuchs McFarlands weiter.

Zur lehrreichen Unterstützung hat Niki Caro nun den furiosen Sieben, deren Trainer und der Stadt ein Denkmal gesetzt. Es war mit Sicherheit nicht einfach, einen Film über (noch lebende) echte Personen in deren Heimatstadt zu drehen. Doch Niki Caros Mission ist es, der Gemeinde von McFarland, die ihr und dem Film so viel ermöglichte, Tribut zu zollen, wie sie abschließend erzählt:

»Es hat für mich etwas Persönliches, doch den Film zum ersten Mal zusammen mit den Menschen aus McFarland zu sehen, genauso wie ich es mit den Menschen an der Ostküste Neuseelands mit Whale Rider und mit den Menschen aus der Iron Range in Minnesota mit North Country tat, ist ein Erlebnis, das ich in keinem anderen Bereich meines Lebens reproduzieren kann.

Es ist etwas Besonderes, den Menschen beizuwohnen, wie sie sich dort oben im Rampenlicht betrachten und hoffentlich die Schönheit und die Wirklichkeit und den Humor und das Herzstück ihrer eigenen Existenz sehen. Was McFarland, USA angeht, sind das die Menschen, die im Kontext mit Amerika oft ein Schattendasein führen und doch so viel dazu beitragen. Es ist ein unterhaltsamer Film mit viel Herz und viel Seele, aber er ehrt auch einen großen Teil dieses Landes, der nicht genug geehrt wird.«

Verpackt mit Kevin Costner in der Hauptrolle (und in der Ehefrau-Nebenrolle: Maria Bello) sowie großartig sympathischen Jungs und der richtigen Chemie gelang Niki Caro ein kleiner Film für die große Leinwand, ein kleiner Beitrag für ein großes Land, ein großartiger Film, der hier, wie auch die Menschen von McFarland, im Kino ein Schattendasein führen wird. Das ist schade, denn der Film berührt nachhaltig. Man wird zunächst wie Jim White in ein neues Ambiente geworfen, doch nach und nach entwickelt man, wie White, eine Beziehung zu den Figuren, und man freut sich am Ende für diese Jungs, die aus ihrem Leben etwas gemacht haben, machen konnten! Man fühlt sich fast wie ein Sozialarbeiter, dem ein Projekt geglückt ist. Und vielleicht nimmt man etwas mit, wenn man man das nächste Mal bim Mexikaner um die Ecke essen geht... ■ mz

Drama/Sport
USA 2014
129 min


mit
Kevin Costner (Jim White)
Carlos Pratts (Thomas Valles)
Ramiro Rodriguez (Danny Diaz)
Rafael Martinez (David Diaz)
Michael Aguero (Damacio Diaz)
Johnny Ortiz (Jose Cardenas)
Hector Duran (Johnny Sameniego)
Sergio Avelar (Victor Puentes)
Maria Bello (Cheryl White)
Morgan Saylor (Julie White)
Elsie Fisher (Jamie White)
Diana Maria Riva (Señora Diaz)
Omar Leyva (Señor Diaz)
u.a.

drehbuch
Grant Thompson
Bettina Gilois
Christopher Cleveland
William Broyles jr.

musik
Antonio Pinto

kamera
Adam Arkapaw
Terry Stacey

regie
Niki Caro

verleih
Disney