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Love & Mercy
Der Schöpfer des Beach-Boys-Sounds, Brian Wilson, ist Mitte der 60er Jahre auf dem Zenit seiner Schaffenskraft angekommen. Mit „Pet Sounds“ definiert er die Popmusik neu und setzt nun an, mit „Smile“ sein Meisterwerk zu schaffen. Doch im Inneren nagen die Stimmen in seinem Kopf - Druck von der Plattenfirma, dem Rest der Band und seines tyrannischen Vaters treiben ihn in die Psychose. 20 Jahre später ist Wilson ein Wrack, und doch verliebt sich die Autoverkäuferin Melinda in ihn und beginnt mit seiner Rettung.
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Interview mit Regisseur Bill Pohlad

Biografiefilme, auch Biopics genannt, sind ja in der Regel recht dramatisch, oft trocken und anstrengend. Love & Mercy ist jedoch ein wenig anders. Die Befreiungsgeschichte an sich haben wir alle schon oft aus den Medien mitbekommen: Privatärzte, die ihre erfolgreichen Schützlinge zu ihren Gunsten ausbeuten und von der Öffentlichkeit so weit es geht abschirmen und am Rande der Legalität agieren. Eines der bekanntesten Beispiele war Michael Jackson, der sich Dinge einreden ließ, Medikamente verschrieben bekam und dadurch immer mehr von sich selbst wegdriftete, bis er schließlich an einer Fehlmedikation starb.

Ähnlich geht es auch „Beach Boy“ Brian Wilson in dem Film. Die Geschichte um das Genie der berühmtesten Surfmusik-Boygroup ist nur wenigen bekannt. Man hat eventuell mal etwas darüber über die Medien mitbekommen, doch da Wilson nicht gestorben ist und mittlerweile sein elftes Solo-Studioalbum herausgebracht hat, ist seine Geschichte in Vergessenheit geraten - eine Geschichte um zwei große Lieben, einen Arzt und Musik, die auch heute noch gern mitschwingt.

Bill Pohlad inszenierte den Film, der sich von konventionellen Biopics absetzt und die Geschichte parallel in zwei Zeitebenen erzählt. Pohlad, der seit 1990 nicht mehr auf dem Regiestuhl saß, war seitdem als Produzent tätig. Zu seinem Repertoire gehören solch großartige Filme wie Brokeback Mountain, Last Radio Show, Into the Wild, The Runaways, 12 Years a Slave und zuletzt Der große Trip - Wild.

Oren Moverman, der bereits dreimal auf dem Regiestuhl Platz nahm, schrieb das Drehbuch zusammen mit dem weniger erfolgreichen Michael Alan Lerner. Moverman lässt den Zuschauer zwischen den 60ern und 80ern hin und her springen, wobei die 80er die Rahmenhandlung darstellen, worin Wilson beim Autokauf auf die attraktive Verkäuferin Melinda Ledbetter trifft und sie sich nach und nach in einander verlieben. Ihre Beziehung wird durch die Einschränkungen des Psychotherapeuten Dr. Eugene Landy auf eine harte Probe gestellt, bis Melinda mit Hilfe von Wilsons Haushälterin dem Grauen ein Ende bereitet.

Wir treffen auf den jungen Brian Wilson, der von Paul Dano gespielt wird, der sonst eher eklige Psychopathen spielt und seinem alter ego wie aus dem Gesicht geschnitten aussieht. Dieser nimmt seine Umwelt anders wahr als seine Mitmenschen und zieht daraus sein Talent, den unvergleichbaren Sound der Beach Boys zu kreieren. Als seine Brüder auf Tournee gehen, beschließt er, daheim neue Songs zu schreiben und zu komponieren, denn der ganze Trubel während den Auftritten ist für seine Psyche zu viel. Sein Vater, der Produzent, hat jedoch wenig Verständnis für Brians Halluzinationen und Ausfälle und lässt ihn medizinisch behandeln, bis Brian schließlich innerlich zerbricht.

Auf der zweiten Zeitebene treffen wir auf den abgewrackten erwachsenen Brian Wilson, dessen Gesicht von Seelenlosigkeit geprägt ist. Dieser wird von John Cusack gespielt, der quasi wie immer aussieht und äußerlich kaum noch Ähnlichkeiten mit seinem jüngeren Film-Ich aufweist. Mit seiner größtenteils minimalistischen Darstellung ist er die perfekte Besetzung und erinnert dabei an seine früheren Erfolge. Während Paul Giamatti einen herrlich schrecklichen Psychotherapeuthen (mit Betonung auf „Psycho“) abgibt, kann auch Elizabeth Banks eine weitere Facette ihres Könnens zeigen, indem sie Wilsons liebenswürdigen Rettungsanker spielt.

Wunderbare Details, wie z.B. das strategische Verteilen von Büroklammern auf den Klaviersaiten, um den gewünschten Sound zu erzielen, oder der Sandkasten, den Wilson sich in seinem Wohnzimmer bauen ließ, um beim Komponieren am Klavier die Füße durch den Sand streichen lassen zu können, unterstreichen, wie maßlos und exzentrisch der damals gerade einmal 24-jährige bei der Umsetzung seiner bahnbrechenden Ideen vorging.

Hinzu kommt natürlich der wohlplatzierte Einsatz der unvergleichlichen Musik, vor allem, wenn Wilson am Ende des Films seiner Befreierin wortlos seine Liebe gesteht und sie auf die Sackgasse blicken, wo einst das Haus stand, in dem er aufgewachsen war, „Wouldn't it be nice“ erklingt und den Zuschauer zurück in die eigene Welt entlässt. Love & Mercy ist großes Kino, ein unerwartet mitreißender Film, der unbedingt gesehen werden sollte! ■ mz

Drama/Musik/Biografie
USA 2014
122 min

mit
John Cusack (Brian Wilson)
Paul Dano (Brian Wilson, jung)
Elizabeth Banks (Melinda Ledbetter)
Paul Giamatti (Dr. Eugene Landy)
Jake Abel (Mike Love)
Kenny Wormald (Dennis Wilson)
Joanna Going (Audree Wilson)
Dee Wallace (Rosemary)
Max Schneider (Van Dyke Parks)
Graham Rogers (Al Jardine)
Brett Davern (Carl Wilson)
Erin Darke (Marilyn Wilson)
Jonathan Slavin (Phil Spector)
u.a.

drehbuch
Oren Moverman
Michael Alan Lerner

musik
Atticus Ross

kamera
Robert Yeoman

regie
William Pohlad

produktion
River Road Entertainment
Battle Mountain Films

verleih
StudioCanal