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Das Glück an meiner Seite
You're not you
Für die glücklich verheiratete und erfolgreiche Pianistin Kate ändert sich von einem Moment auf den anderen alles, als sie die Diagnose ALS erhält. Als Pflegerin engagiert Kate aus der Reihe der hochqualifizierten Bewerber ausgerechnet die chaotische Bec, die mit ihrer direkten und frischen Art, so gar nicht in das wohlgeordnete Leben von Kate zu passen scheint.
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Der Roman „You‘re not you“ von Michelle Wildgen war 2006 ein Kritikerhit. Die Geschichte einer anarchischen, impulsiven jungen Frau, die sich aus einer Laune heraus als Pflegerin einer an ALS erkrankten Musikerin bewirbt, hätte leicht zum vorhersehbaren Melodram geraten können. Stattdessen begeisterte das Buch, das bei Themen von Sex bis Kochen kein Blatt vor den Mund nimmt, mit saftigem Humor, aber eben auch mit der ergreifenden Beschreibung einer innigen Freundschaft. Kate ist auf Becs Hilfe angewiesen, aber Bec braucht Kate genauso.

Authentizität auf allen Ebenen war für den zweifachen Tony®-Gewinner George C. Wolfe die Grundvoraussetzung für den Film. Um allen Beteiligten zu vermitteln, wie ALS-Kranke ihren Alltag bewältigen, engagierte der Regisseur die examinierte Krankenschwester Mary Beth Geise, die jahrzehntelange Erfahrung mit ALS-Patienten mitbrachte. Geise arbeitete eng mit Hilary Swank und Loretta Devine zusammen, damit sie ihre Rollen möglichst realitätsnah verkörpern konnten.

Geise erklärte den Schauspielerinnen, wie sich ALS-Patienten bewegen, wie sie sprechen und welche Veränderungen sie im Verlauf der Krankheit durchmachen. Emmy Rossum, Josh Duhamel und Ernie Hudson gab die Krankenschwester einen detaillierten Einblick in die Pflege ALS-Kranker. Darüber hinaus lud Wolfe einige ALS-Patienten ein, so weit wie möglich am Film mitzuwirken. In einer Schlüsselszene sind sie als Statisten zu sehen.

»Sie haben gern mitgemacht und freuten sich, dass ein Film über ALS gedreht wird«, erzählt Produzentin Alison Greenspan. »Dass sie in Hilarys Krankenhausszene dabei sind, war für uns alle sehr bewegend. Da wurde umso deutlicher, wie präzise sie die physischen Symptome der Krankheit darstellt. Es war ein sehr emotionaler Drehtag.«

Das Thema ALS wurde vergangenen Sommer zum weltweiten Thema, als der ehemalige Baseballprofi Pete Frates aus Boston, der selbst an ALS erkrankt ist, und sein Freund Corey Griffin, der 2014 tragischerweise bei einem Badeunfall ertrank, den originellen Spendenaufruf via der über YouTube viral verbreiteten „Ice Bucket Challenge“ starteten. Im Zuge dieses Phänomens ließ es sich Hollywood nicht entgehen, diesen Film zu drehen, um einem breiten Publikum, das nicht so belesen ist, diese kompromisslos tödliche degenerative Krankheit näher zu bringen.

Und natürlich mussten auch unsere Hauptdarsteller an die Eiskübel. ►Emmy Rossum nominierte ihre Co-Stars ►Hilary Swank, die pragmatisch im Bikini antrat, und ►Josh Duhamel. Allein im „Ice Bucket“-Hochsommer von Ende Juli bis Ende August 2014 verzeichnete die ALS Association (ALSA) Rekord-Spendeneingänge in Höhe von 100 Millionen Dollar. Die ALSA vergibt ihre Gelder in Form von Zuschüssen an Forschungsprojekte, investiert in die Pflege von ALS-Patienten und Aufklärungskampagnen. In Deutschland konnte die Berliner Charité, die auf die Versorgung von ALS-Kranken spezialisiert ist, im selben Zeitraum Spenden von 200.000 Euro verbuchen.

Nun kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Nach dem im März gestarteten Demenzdrama Still Alice - Mein Leben ohne gestern, in dem Julianne Moore die Betroffene spielte und dafür auch einen Oscar® bekam, spielt hier Hilary Swank die dramatische Hauptrolle - nicht mindergut als Frau Moore oder Eddie Redmayne, ebenfalls Oscar®-Gewinner, als der ebenfalls von ALS geplagte Stephen Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit, der es bis heute geschafft hat, der Krankheit ein Schnippchen zu schlagen. Aber Hilary Swank hatte schließlich schon ihren Filmpreis in der Tasche und gleich zwei ALS-Oscars® wären da vermutlich zuviel gewesen. (Nur eine Vermutung!)

Für Kates Pflegerin konnte eigentlich nur Emmy Rossum in Frage kommen, die derzeit großen Erfolg mit ihrer US-Adaption der Serie Shameless (mit dem deutschen Untertitel „Nicht ganz nüchtern“ versehen, der den Dauerzustand ihres Serienvaters William H. Macy beschreibt) feiert, worin sie sich um all ihre quasi elternlosen Geschwister kümmern muss. »Das Skript ist gefühlvoll, zugleich aber ehrlich, realitätsnah und lustig«, erläutert sie. »Ich mochte Bec von Anfang an. Sie wirkt ziemlich verloren, aber das ändert sich, als sie auf Kates Stellenanzeige antwortet. Bec ist abweisend, provokativ und hat einen eigenwilligen Sinn für Humor. Sie sieht das Ganze nur als Aushilfsjob, der für sie keine weitere Bedeutung hat. Aber letztlich findet sie dadurch Freundschaft, Liebe und sich selbst.«

Bec ist erfolglos, aber klug, frech, dabei nicht unbedingt selbstsicher, eine totale Chaotin, aber viel sensibler, stärker und verantwortungsvoller, als sie selbst ahnt. Die College-Studentin hat eine Affäre mit ihrem verheirateten Professor (eine klassische Rolle für Julian McMahon!) und träumt von einer Karriere als Sängerin und Songwriterin (die Emmy Rossum selbst mittlerweile ist!), die sie aber nicht ernsthaft verfolgt. Den hohen Ansprüchen der disziplinierten Kate könnte wohl kaum jemand weniger gerecht werden als Bec.

Als Kates Ehemann ist Josh Duhamel zu sehen. »Evan liebt seine Frau und sorgt für sie. Er ist sehr pflichtbewusst und bemüht sich wirklich, alles richtig zu machen«, sagt er über seine Rolle. »Aber es muss auch für ihn furchtbar schwer sein, vom Mann an der Seite einer starken Frau zum Pfleger zu werden. Er vermisst die körperliche Intimität, die Kate ihm nicht mehr geben kann, und in einem schwachen Moment betrügt er sie. Was er damit angerichtet hat, wird Evan erst später klar. Aber er kämpft um Kate. Das ist es, was mich an dieser Rolle gereizt hat.«

Neben den souverän gespielenden und bis in die Nebenrollen prominent besetzten Schauspielern spielte auch die Musik eine wichtige Rolle. Allein die Vorstellung, dass eine Pianistin ihre Gefühle nicht mehr mit ihren Händen über ihre Musik zum Ausdruck bringen kann, ist tragisch genug. Der für die Musik verantwortliche Jonathan Watkins stellte den Soundtrack zusammen, ohne einen Komponisten für einen Score zu engagieren.

»Wir hörten uns einige tolle Songs von hochtalentierten Musikern an, aber keiner passte so richtig zu Bec«, berichtet Watkins. »Dann kam Emmy, die Bec ja in und auswendig kennt, mit „Falling Forward“ – zwei Wochen, bevor wir die Szene drehten. An einem Sonntag nahmen wir das Lied mit Emmy auf, am darauffolgenden Mittwoch stand sie vor der Kamera. Sie hat Becs wachsendes Selbstbewusstsein und ihre Liebe zu Kate wunderbar in diesem Song eingefangen.«

Zusätzlich brachte Watkins diverse Musiker dazu, im „Dirty Barry‘s“ aufzutreten – darunter Country-Rockstar Austin Hanks, die Kalifornia Kingsnakes und die New Yorker Sängerin Kimberley Nichole – was zur authentischen Atmosphäre beiträgt. Aber auch visuell konnte das Team die Stimmungen einfangen. Mit Kates Gefühlslage verändert sich auch, wie sie ihr Zuhause wahrnimmt. Dazu setzten Szenenbildner Aaron Osborne und Kameramann Steven Fierberg Licht und Farben ein. »Wenn Kate zu Beginn des Films eine perfekte Dinnerparty gibt, sind die Farben noch wesentlich kräftiger. Je mehr sich ihr körperlicher Zustand verschlechtert, desto blasser werden die Farben«, erklärt Osborne.

Autorin Michelle Wildgen war begeistert, als sie die Dreharbeiten besuchte: »Es war faszinierend, zu sehen, wie meine Geschichte eine andere Form annahm. Trotzdem sind die außergewöhnlichen Freundinnen Kate und Bec noch genau die Charaktere, in die ich mich beim Schreiben des Romans verliebt habe.« Und genau diese Chemie zwischen den beiden Frauen und Schauspielerinnen kann man nun im Kino betrachten. Auch wenn der Film nicht mehr ganz so aktuell wirkt, so ist er doch ein ergreifendes Drama, das im Gegensatz zum deutschen ALS-Beitrag ►Hin und weg ein wenig Hoffnung verbreitet. ■ mz

Drama
USA 2014
102 min


mit
Hilary Swank (Kate)
Emmy Rossum (Bec)
Josh Duhamel (Evan)
Stephanie Beatriz (Jill)
Jason Morgan Ritter (Wil)
Julian McMahon (Liam)
Ali Larter (Keely)
Loretta Devine (Marilyn)
Ernie Hudson (John)
Erin Chenoweth (Cynthia)
Gareth Williams (Bruce)
Marcia Gay Harden (Elizabeth)
Frances Fisher (Gwen)
Ed Begley jr. (Onkel Roger)
Danielle Kennedy (Tante Eleanor)
Geoff Pierson (Kates Vater)
u.a.

drehbuch
Shana Feste
Jordan Roberts
nach dem Roman von Michelle Wildgen

kamera
Steven Fierberg

regie
George C. Wolfe

produktion
Daryl Prince Productions
2S Films
DiNovi Pictures

verleih
Koch Media