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Interview mit Tommy Krappweis


Premiere in Mnchen von Mara und der Feuerbringer im Arri Kino am 30.03.2015
Constantin/Getty Images/Gisela Schober
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Mara und der Feuerbringer

Tommy Krappweis wurde 1972 in Mnchen geboren. In der zweiten Klasse stand er zum ersten Mal auf der Bhne, um Karl Valentin zu spielen. Ein Jahr spter drehte er seinen ersten Stop-Motion-Film mit der Super-8-Kamera seines Vaters und adaptierte auf der Schreibmaschine Ellis Kauts Pumuckl und die Grippetabletten fr ein Theaterstck.

Sein Vorbild ist Buster Keaton, weshalb er schon als kleiner Junge unermdlich Slapstick-Strze bte. Mit 14 Jahren sang er in Bayerns jngster RocknRoll-Formation und sprach in diversen Kinderhrspielen. Zwei Jahre spter hatte er seine erste Fernsehrolle in der Serie Forsthaus Falkenau. Es folgte eine Rolle in SOKO 5113, wo er zum ersten Mal auch Krperstunts vor der Kamera ausfhrte.

Nach der Realschule besuchte er die Mnchner Fachoberschule fr Gestaltung, stellte eigene Comics aus und machte Straenmusik in der Mnchener Fugngerzone. Nach dem Abschluss arbeitete er in der Westernstadt No Name City in Poing bei Mnchen. Er begleitete den durch Deutschland tingelnden Western-Zirkus Red Grizzly Saloon, schrieb und choreographierte die Stuntshows und arbeitete im Hansa-Park als Buster-Keaton-Double und Stuntman. 1992 grndete er die Band Harpo Speaks!!, mit der er bis heute regelmig auftritt. 1994 moderierte er sieben Monate lang das SuperRTL-Magazin Disney TV und arbeitete dafr auch in Walt Disney World Florida, kehrte aber spter als Slapstick-Komiker und Stuntman zum Red Grizzly Saloon zurck.

Im Herbst 1995 stie Tommy Krappweis zum Ensemble der hchst erfolgreichen Comedyreihe RTL Samstag Nacht und etablierte dort unter anderem mit Mirco Nontschew die neue Rubrik Far out. Dabei nahm er immer fter auch den Platz hinter der Kamera ein, um die Beitrge zu schreiben, zu drehen und zu schneiden. Mit seiner neugegrndeten Produktionsfirma bumm film drehte er Einspieler mit Wigald Boning und lieferte sie geschnitten und vertont bei RTL Samstag Nacht ab.

Gemeinsam mit Norman Cster erfand er die KiKA-Kultfigur Bernd das Brot und erhielt dafr 2004 den Grimme-Preis. Er war als Autor und Regisseur mageblich beteiligt an der ProSieben Mrchenstunde und mehreren Funny Movies. Im September 2009 verffentlichte er seinen ersten Roman Mara und der Feuerbringer, den Auftakt einer Fantasy-Trilogie, die er 2010 und 2011 mit den Bnden Das Todesmal und Gtterdmmerung abschloss. Aus vielen Lesungen, die Krappweis bundesweit hielt, entwickelte sich das eigenstndige Comedy-Programm Und Jesus sprach: Macht was mit Hasen....

2012 verarbeitete er in dem biografischen Buch Das Vorzelt zur Hlle die traumatischen Campingurlaube seiner Kindheit. Mit seinem Vater Werner und anderen Verwandten machte er aus den Erinnerungen und alten Super-8-Filmen der Familie auch die Fernsehserie Das Vorzelt zur Hlle. Im August 2013 folgte ein weiteres biografisches Buch: Vier Fuste fr ein blaues Auge, ber die Zeit in der Westernstadt No Name City.

Ist Mara ein weiblicher Harry Potter?

Harry ist ein klassischer Held, aber den wollte ich in meinem Buch, ehrlich gesagt, eher vermeiden. Ich wollte eine Heldin, die an sich und ihrer Gabe zweifelt, das aber mit jeder Menge Humor. Hier hat mich eher ein anderes Fantasywerk beeinflusst: Steven R. Donaldsons The Chronicles of Thomas Covenant: The Unbeliever. Da lebt der Held im Hier und Jetzt, wechselt aber nach einem Unfall pltzlich in eine Fantasywelt und will das einfach nicht glauben. Ein bisschen von diesem Unbeliever steckt auch in Mara.

Sie haben bei Ihren Romanen und jetzt auch bei der Verfilmung eng mit Professor Rudolf Simek von der Universitt Bonn zusammengearbeitet. Schlieen sich Fantasy und wissenschaftliche Korrektheit nicht per se aus?

Nicht unbedingt. Mara und der Feuerbringer ist Fantasy, aber die Geschichte bewegt sich im Gegensatz zu Harry Potter in einem Universum, das auf einer Religion basiert, an die frher viele Menschen geglaubt haben. Im Grunde ist das ja auch bei Percy Jackson so, nur wollte ich eben nichts behaupten, das nicht dem heutigen Forschungsstand ber die nordisch-germanische Mythologie entspricht.

Woher kam dieser Anspruch?

Nachdem ich Dan Browns Da Vinci Code gelesen hatte, machte ich mir die Mhe, seine Theorie zu berprfen. Dabei stellte ich fest, dass er im Grunde vorgeht wie die meisten Verschwrungstheoretiker: Er behauptet etwas und findet sehr viele Grnde, die dafr sprechen. Aber wesentliche Dinge, die dagegen sprechen, verschweigt er. Sobald ich als Leser auch nur eine einzige kritische Frage stelle, bricht das Konstrukt in sich zusammen. Das ist vllig legitim und ich habe groe Freude an seinen Bchern, aber bei meiner Geschichte wollte ich versuchen, das zu vermeiden. Ich wusste damals allerdings nur wenig ber germanische Mythologie. Also habe ich Professor Simek mein erstes Expos geschickt.

Wie hat er reagiert?

Er hat groe, professorale Querstriche ber die ganzen Seiten gezogen und zum Schluss sinngem geschrieben: Alles Schmarrn. Gre. Rudy. Da musste ich halt durch und habe erst einmal meterweise Fachliteratur studiert, die er mir empfahl. Oft haben mir seine Hinweise auch inhaltlich weiter geholfen. Zum Beispiel war ich ganz stolz, als ich so ein schnes historisches Detail wie den Suebenknoten einarbeiten konnte. Da meinte der Professor: Nein, das geht nicht, Loki hatte keinen Suebenknoten, da liegst Du ein paar hundert Jahre daneben. Das habe ich dann genau so in die Geschichte eingebaut. Unsere Zusammenarbeit war also ein kreatives Geben und Nehmen. Meistens ein Geben. [lacht]

Worin bestand Professor Simeks Mitarbeit an der Verfilmung?

Wir haben jedes Kostm und jedes Requisit von ihm und seiner Assistentin Daniela Blanck abnehmen lassen. Auch die Aussprache der nordischen Stze wurde von Professor Simek vorgegeben. Er hatte sie ja schon fr den Roman aufgeschrieben, aber fr den Film wurden sie auf Band gesprochen, damit die Schauspieler sich strikt daran halten konnten. Manchmal musste er auch via Handy mal eben etwas bersetzen und vorsprechen, damit Christoph Maria Herbst es am Set dreiig Sekunden spter berrascht ausrufen konnte. Vieles klingt wie bei Der Herr der Ringe, nur mit noch mehr Lispel-Lauten.

War Ihnen schon beim Schreiben der Romantrilogie klar, dass daraus ein Film wird?

Klar war mir das nicht. Aber ich hatte natrlich den Wunsch und freute mich ber jede Hrde, die wir auf dem Weg zum Ziel nehmen konnten. Unser Producer Alexander Dannenberg hat immer mal wieder gesagt: Tommy, jetzt knnen wir eine Flasche aufmachen! Ich blieb aber skeptisch, denn es kam immer wieder was dazwischen. Im Grunde htten wir fnf oder sechs Flaschen aufmachen mssen. Dabei mag ich berhaupt nichts, was blubbert. Auer Whirlpools.

Die Filmstiftung NRW und der FFF Bayern haben jeweils die maximale Frdersumme von einer Million Euro gegeben. Wie haben Sie die berzeugt?

Wir haben sehr fundierte Antrge mit vielen Zusatzinfos verschickt. Eben nicht nur das Drehbuch und Wir htten gern, sondern eine Auflistung der vielen Vorteile, wozu nicht nur der Lerneffekt, sondern eben auch die breitgefcherte Zielgruppe gehrt: Jugendliche, Erwachsene, Kinder, auerdem alle Fantasy-Fans, Live-Rollenspieler, Reenactment-Fans, Mittelaltermarktbesucher und sogar die Gaming Community. Nicht erst seit Bernd das Brot ist es mein Steckenpferd, Dinge zu machen, an denen alle Spa haben. Mara und der Feuerbringer ist in dieser Hinsicht wie Bernd das Brot. Die jungen Zuschauer haben ihren Spa daran, obwohl sie nicht jede Pointe verstehen, und die Erwachsenen denken: Das ist ja gar nicht fr Kinder gemacht, sondern fr mich! Dabei ist es halt in Wahrheit fr alle. Es denkt nur jeder, es sei fr ihn mageschneidert.

Wie streng hlt sich der Kinofilm an die literarische Vorlage?

Leser des Buches werden alle Figuren und 80 Prozent der Handlung wiedererkennen. Die restlichen 20 Prozent sind neu oder variiert, weil ich natrlich nicht alles unterbringen kann und verdichten musste. Trotzdem wollte ich alle Mglichkeiten des Kinos nutzen und hatte beim Schreiben des Drehbuchs neue, bessere Ideen. Eine Verfilmung, die sich sklavisch an die Vorlage hlt, ist genauso daneben wie eine Verfilmung, die den Appeal des Buches ignoriert. Ich wollte, dass meine Figuren und die Handlung erhalten bleiben, bei den Locations war ich weniger streng. Aus organisatorischen Grnden wtet der Lindwurm zum Beispiel nicht auf der Ludwigsbrcke, sondern im Brunnenhof der Mnchner Residenz.

Der Lindwurm, der Feuerbringer und alle anderen Spezialeffekte wurden vom Amerikaner John Nugent beaufsichtigt, der auch an Der Herr der Ringe und Die Chroniken von Narnia mitgearbeitet hat. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Unser Vorteil ist, dass nicht der gesamte Film in der mythologischen Welt spielt, aber vor allem in der zweiten Hlfte gab es fr die Visual-Effects-Kollegen jede Menge zu tun. Wir wussten, man wrde uns mit den zwanzigmal teureren Produktionen aus Hollywood messen und wir waren entschlossen, diese Herausforderung anzunehmen. Was lag also nher, als zu schauen, welche Macher dieser groen Filme wir bekommen konnten? Der Kontakt zu John Nugent war vom ersten Moment an vielversprechend, weil er sagte, dass er mglichst viel in echt drehen will. Die meisten anderen Leute waren absolute Digitalfreaks. Ich mag aber keine Filme, die wie Computerspiele aussehen.

John hat uns viele Beispiele aus Der Herr der Ringe gezeigt. Die kleinen Wassertrpfchen, wenn Gollum einen Fisch fngt, oder die Bewegung der Bltter auf dem Boden, wenn er darber luft... Das alles haben sie wirklich gedreht! Das war auch unser Ansatz. Wir haben mit Drahtseilen Bnke und Tische umgeworfen oder ste abgebrochen, echten Staub aufgewirbelt und erst hinterher den Verursacher der realen Verwstungen eingebaut. Viele dieser Elemente haben wir auch whrend der Postproduction spontan auf der Terrasse gedreht. Die feuchte Aussprache vom Lindwurm erledigte John mit Spritzern aus einer Pumpflasche mit Fensterreiniger.

Stimmt es, dass Sie fr den Film extra ihre eigene Special-Effects-Firma gegrndet haben?

Ja. Fr TV-Produktionen wie Die ProSieben Mrchenstunde und die Funny Movies haben wir in der bumm film zwar auch schon die Visual Effects gemacht, aber Mara und der Feuerbringer war eine gute Gelegenheit, die Tochterfirma BigHugFX zu grnden und das Ganze auf internationales Niveau zu heben. John Nugent zieht sogar in Erwgung, nach Mnchen zu ziehen, da seine Kinder in den USA bald mit der Schule fertig sind. Die BigHugFX ist zur Zeit gut ausgelastet, witzigerweise kaum durch deutsche Produktionen, sondern durch mehrere Jobs fr Hollywood. Das ist fr uns natrlich ein Ritterschlag.

Nach welchen Kriterien haben Sie Mara und der Feuerbringer besetzt. Oder anders gefragt: Wie besetzt man Gtter?

Beim Halbgott Loki wusste ich von vornherein, dass nur Christoph Maria Herbst die Rolle spielen kann. Ich hatte ihn schon beim Schreiben des ersten Buches vor Augen und im Ohr. Er kann blitzschnell umschalten zwischen Ernsthaftigkeit und treffender Pointe. Christoph wre auch im echten Leben ein toller Loki, obwohl ich nicht wei, ob er sich ber dieses Kompliment freut. Bei der Gttin Sigyn fiel mir frh Eva Habermann ein, die ich seit unser beider Anfnge im Kinderfernsehen kenne. Sie ist der nordische Typ und strahlt sofort etwas Majesttisches aus, wenn man sie im Kostm sieht.

Jan Josef Liefers war meine erste Wahl fr Professor Weissinger. Er bringt genau die Ruhe und den Humor mit, die es fr die Rolle braucht. Auch seine Stimme klingt so, wie ich sie mir beim Schreiben vorgestellt habe. Das Schnste ist, dass alle, die ich besetzen wollte, zwei Tage nach Erhalt des Drehbuchs sagten: Ich mach's! Wann drehen wir?

Fr Hauptdarstellerin Lilian Prent ist es der erste Kinofilm. Wie hat sie sich geschlagen?

Groartig. Vor allem hat sie sich problemlos auf die verschiedenen Spielweisen der Kollegen eingestellt. Christoph Maria Herbst gehrt zu jenen Schauspielern, die ihre Texte wortwrtlich wiedergeben, wie sie im Drehbuch stehen. Das war angesichts von Lokis historisierenden und sorgfltig gedrechselten Satzschpfungen auch gar nicht anders mglich. Bei Jan Josef Liefers ist dagegen jeder Take anders. Er spielt die Rolle so, wie er sie gerade sprt, und whlt dafr die passenden Worte. Es war beeindruckend, zu sehen, wie Lilian sich auf beide Anstze einstellen konnte und beiden Schauspielern genau das zurckgegeben hat, was sie fr ihre Rollen brauchten.

Hat Mara und der Feuerbringer eine Botschaft?

Eine direkte Botschaft vielleicht nicht, aber ich wrde mich freuen, wenn der Film dabei hilft, dass Zuschauer aller Altersgruppen ihr Interesse an der nordisch-germanischen Mythologie entdecken. Und zwar weitab vom ganzen Nazi-Mist, der flschlicherweise an ihr haftet, seit die Nationalsozialisten die Germanen zu Propagandazwecken missbraucht haben. Vielleicht kann der Film, genau wie die Romantrilogie, dabei helfen, den Ruf wieder reinzuwaschen.

Das wrde mich sehr freuen und Professor Simek vermutlich auch. Dass der Film kein reines Visual-Effects-Gewitter ist, war mir von Anfang an wichtig, und auch, dass Mara als Mobbing-Opfer letztlich Frieden schliet mit ihrer Nemesis Larissa. Auerdem vereint der Film ja die Fantasyfans und die historisch exakten Reenactors, die Mittelalterfans und die Live-Action-Rollenspieler. Gerade diese Leute liegen mir sehr am Herzen. Ich wre glcklich, wenn sie spren, dass dieser Film sie alle ernst nimmt. ■ mz | Quelle: Arsenal

Komdie/Fantasy/Abenteuer/Kinderfilm
D 2015
94 min


mit
Lilian Prent (Mara Lorbeer)
Jan Josef Liefers (Professor Weissinger)
Esther Schweins (Christa Lorbeer)
Christoph Maria Herbst (Loki)
Eva Habermann (Sigyn)
Alex Simon (Siegfried)
Carin C. Tietze (Frau Gassner)
Joseph Hannesschlger (Herr Kornbichl)
Moritz Fischer (Thor)
Billy Boyd (Schottischer Tourist)
Heino Ferch (Dr. Thurisaz)
u.a.

drehbuch
Tommy Krappweis nach seinem Roman
Sebastian B. Voss

musik
Andreas Lenz von Ungern-Sternberg
Dominik Schuster

kamera
Stephan Schuh

regie
Tommy Krappweis

verleih
Constantin