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Inherent Vice
Natürliche Mängel
Unerwartet taucht die Ex von Schnüffler Doc Sportello auf und faselt was von einer irren Story: Sie hat sich in einen milliardenschweren Immobilienmakler verliebt, und daraufhin will nun dessen Ehefrau mit ihrem Freund den Milliardär kidnappen und in die Klapsmühle stecken. Na, sie kann ja viel erzählen. Ende der psychedelischen 60er-Jahre herrscht Paranoia: Doc weiß natürlich, dass „Liebe“ derzeit total angesagt ist – genauso wie die Modewörter „Trip“ und „groovy“. Aber ernst nehmen sollte man diesen überstrapazierten Begriff nicht – zumal die Liebe unweigerlich Probleme mit sich bringt. Mit dabei sind Surfer, Abzocker, Kiffer und Rocker, ein mordlustiger Kredithai, Detectives vom LAPD, ein verdeckt ermittelnder Saxofonspieler und eine geheimnisvolle Organisation namens „Goldener Fangzahn“, die vielleicht auch nur ein paar Zahnärzten zur Steuerhinterziehung dient...
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Sex, Drogen und Rock'n'Roll. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs und der Verwirrung - am Ende einer schließenden Klammer. Thomas Pynchon, Autor des Romans, der hier verfilmt wurde, bezeichnete die 60er Jahre als „eine kleine Umklammerung des Lichts“ - ein Licht, das den Film, wie auch dessen Hauptfigur Doc Sportello, bezaubert.

Es war die Zeit, in der Kennedy erschossen wurde, Nixon an die Macht kam, in der der Traum vom „Zurück zur Natur“-Kalifornien von Häuslebauern vernichtet wurde und die friedliebende, selbst züchtende Drogenszene von expandierenden Drogenkartellen unterwandert wurde. Irrenhäuser wurden zu „Erholungscentern“ umfunktioniert, politischer Aktivismus wurde von Nixons verdecktem Spionagenetzwerk entwurzelt, selbst im Fernsehen dominierten Polizeiserien statt Komödien. Friede, Freude und Eierkuchen wurden von Gier, Überwachung und Dunkeltuten verdrängt.

Pynchon schreibt in seinem Roman von Doc, wie er die Zeichen dieser Veränderung überall erkennt, wo er auch in Los Angeles hin geht. Seine Paranoia mag durch seinen Marihuana-Genuss verstärkt sein, doch er entdeckt auch immer wieder Anzeichen dieser Veränderungen. Inmitten all der Witze und sexuellen Leichtheit von „Inherent Vice“ stellt auch Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson in seiner Adaption die Frage, wie diese Urkräfte, so spürbar, wie sie zu Beginn der 70er Jahre waren, zu den alltäglichen Wegweisern unserer eigenen Zeit geworden sind.

Thomas Pynchons Werke verzichteten auf Überblick. Sie waren geschichtlich und wissenschaftlich, doch trotzdem traumartig und gespickt mit verdeckten Bedeutungen. Kriminalautor Ian Rankin bezeichnete einst prägnant Pynchon als Lieferanten von Literatur »als erweiterten Code oder Gralsuche. Darüber hinaus war er wie eine Droge: Hat man erst einmal die Bedeutung einer Ebene ausgeklügelt, will man ganz schnell zur nächsten übergehen.«

Vermutlich waren es auch diese Gesichtspunkte, die es bislang verhindert haben, seine Werke auf der Leinwand zu sehen. „Inherent Vice“ ist Pynchons erstes Werk, an das sich ein Regisseur gewagt hat - ein Regisseur, dem die 70er Jahre nicht fremd sind - Paul Thomas Anderson, der nun zwischen der Nachkriegszeit in The Master und dem Ende der 70er Jahre in Boogie Nights eine weitere Ära porträtiert.

Und was wären die 70er ohne Koteletten? Allein für diese kultige Gesichtsbehaarung müsste Hauptdarsteller Joaquin Phoenix ausgezeichnet werden! Nachdem Anderson Phoenix in The Master auf einen Selbstfindungstrip geschickt hatte, lässt er ihn nun als Privatdetektiv kiffend durch die Stadt der Engel wuseln. Sein Büro ist sein Heim, seine Auftraggeberin die Ex-Freundin, mit der er gerade Sex hatte.

Den ganzen Film über ist Doc auf der Suche, die von seinem Erzfeind „Bigfoot“ Bjornsen gestört wird, einem Polizeidetektiv, den eine Antipathie mit Doc verbindet, gespielt von Josh Brolin. »Bigfoot ist ein Arschloch, aber Josh fand einen Weg, ihn lustig und ein wenig traurig zu gestalten«, sagt Anderson. »Da gibt es eine nette Zeile im Roman, in der Bigfoot als „von Melancholie besessen“ bezeichnet. Er ist aber auch ein Arsch.«

Der Film besteht, wie die Beziehung zwischen Doc und Bigfoot, aus einer regelrechten Hassliebe. Man verfolgt die Handlung (oder versucht es zumindest), kommt aber nicht umhin, diese Ära in sich aufzusaugen. So lenkt Eines vom Anderen ab, dass man am Ende irgendwie nur die Hälfte mitbekommt, vermutlich um uns in Docs mentalen Zustand zu versetzen. Dabei spielt die Optik eine große Rolle, breit im blassen 70er-Look ins Licht gesetzt, ebenso wie der Soundtrack, der hauptsächlich unbekanntere Titel der Epoche aufspielt.

Inherent Vice ist recht lang und größtenteils ruhig. Es ist ein Film, der von der Handlung ebenso in Schlag genommen wird, wie von den skurrilen Figuren. In den Nebenrollen brillieren u.a. Jena Malone, Benicio del Toro, Reese Witherspoon, Owen Wilson und ein lange nicht gesehener Martin Short, der in seiner Extravaganz ein wenig an seinen Franck Eggelhoffer aus den Vater der Braut-Filmen erinnert. Vermutlich muss man den Film zweimal sehen, um ihn und die Handlungsebenen näher zu verstehen. Nackte Hippies und zugedröhnte Gags, abgefahrene Figuren und eine komplexe Handlung - all das zeigt der „innere Verderb“, den Paul Thomas Anderson uns da auftischt. ■ mz

Krimi/Drama/Komödie
USA 2014
149 min


mit
Joaquin Phoenix (Larry „Doc“ Sportello) Tobias Kluckert
Josh Brolin (Lt. Det. Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen) Oliver Stritzel
Katherine Waterston (Shasta Fay Hepworth)
Benicio del Toro (Sauncho Smilax) Torsten Michaelis
Owen Wilson (Coy Harlingen) Philipp Moog
Eric Roberts (Michael Z. Wolfmann)
Jeannie Berlin (Tante Reet) Isabella Grothe
Joanna Newsom (Sortilège) Kaya Marie Möller
Maya Rudolph (Sloane Wolfmann)
Jena Malone (Hope Harlingen) Janin Stenzel
Michael Kenneth Williams (Tariq Khalil)
Reese Witherspoon (Deputy D.A. Penny Kimball) Manja Doering
Martin Short (Dr. Rudy Blatnoyd, D.D.S.) Michael Pan
Jefferson Mays (Dr. Threeplay) Axel Malzacher
u.a.

drehbuch
Paul Thomas Anderson

musik
Jonny Greenwood

kamera
Robert Elswit

regie
Paul Thomas Anderson

produktion
Ghoulardi Film Company
IAC Films
Warner Brothers

verleih
Warner Brothers