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Gone Girl - Das perfekte Opfer


Nick Dunne bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe.
© 20th Century Fox

»Es ist heutzutage schwierig, ein authentisches Individuum zu sein
und nicht einfach nur ein Mensch, der sich seine Persönlichkeit aus einer schier endlosen Auswahl von Charaktermerkmalen zusammengesucht hat.
Und wenn wir alle nur spielen, dann kann es so etwas wie einen richtigen Seelenverwandten erst gar nicht geben.«

Gillian Flynn, „Gone Girl“

Bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 entpuppte sich Gillian Flynns „Gone Girl“ als echtes Ereignis. Nicht nur liebten die Leser den überaus spannenden Roman, der zum Bestseller des Sommers avancierte, auch die Kritik war von ihm begeistert - klar, dass daraus dringend ein Film gemacht werden musste.

Das Paar, das im Zentrum der Geschichte steht (der ehemalige New Yorker Autor Nick Dunne und seine einst so „coole” Frau Amy, die zwischenzeitlich auf dem Höhepunkt der Rezesssion versuchen, im mittleren Westen über die Runden zu kommen), scheint eine perfekte Ehe zu führen. Dann aber, am fünften Hochzeitstag, verschwindet Amy – und der schöne Schein zeigt Risse.

Nick gilt schnell als Hauptverdächtiger, was auch daher rührt, dass er sich höchst verdächtig benimmt. Über Nacht beherrscht Amy die Schlagzeilen. Die Suche nach ihr (tot oder lebend) wird zur öffentlichen Angelegenheit - genauso wie ihre Ehe, nach deren Einzelheiten die Öffentlichkeit giert.

Und so wie Nick und Amy einst als personifiziertes Traumpaar galten, steht nun Amys Verschwinden sinnbildlich für die typische amerikanische Familientragödie. Die Suche nach ihr entwickelt sich zum Gang durch ein Spiegelkabinett. Gut oder böse? Täter oder Opfer? Lügen und Geheimnisse überall.

Immer neue, schockierende und überraschende (Un-)Wahrheiten kommen zu Tage. Der Fall erweist sich als immer komplizierter und komplexer. Und so schälen sich schließlich Schlüsselfragen heraus: Wer ist Nick? Wer ist Amy? Wie sind wir in unseren Ehen, wo stehen wir in der Gesellschaft? Was ist wahr, was unwahr, was Bild, was Abbild...?

»Es fühlte sich so an, als hätte David interpretiert, was Gillian geschrieben hatte und als hätte diese dann das Gesehene wieder in Worte gefasst«, sagt Ben Affleck. »Während ihrer Zusammenarbeit wurde der Stoff immer noch geistreicher, noch bösartiger. Zusätzliche Elemente flossen mit ein, kleine, gut beobachtete scheinbare Nebensächlichkeiten. Dieser Stoff passt genau zu Davids bisherigen Arbeiten und besitzt eine ganz spezielle Kombination aus Witz und Esprit.«

David Fincher ist ja für Filmliebhaber der Inbegriff des düsteren Krimis. Mit Gone Girl inszenierte er zwar erneut einen solchen, doch mit dem bösen Humor, den das Buch offenbarte - sozusagen seine Version des „Rosen-Kriegs“, den einst Michael Douglas und Kathleen Turner bis zum bitteren Ende durchfochten haben.

Obwohl Gillian Flynn ihren Stoff natürlich bestens kannte, stand sie bei der Umsetzung zum Drehbuch vor einer schweren Aufgabe. »Der Roman ist relativ kompliziert und besitzt einen verschachtelten Plot. Er lässt sich nicht einfach auseinander dividieren, weil alle Teile miteinander verzahnt sind. Meine größte Herausforderung bestand darin, den Plot beizubehalten, ihn aber für den Film so umzuschreiben, dass er das nötige Tempo und die richtige Spannung besaß«, erläutert sie.

»Ich wollte zudem sicherstellen, dass im Film auch noch alle Nuancen des Buches vorhanden sind. Das Verhältnis zwischen dem Paar musste stimmen, der dunkle Humor da sein und zudem all diese schrägen Momente. Diese vermeintlichen Kleinigkeiten machen die Story nämlich eigentlich aus.«

»Die Leute lachen im Kino, wenn sie etwas sehen, was wahr ist«, erläutert der Regisseur. »So gehen sie im Dunkel des Kinosaals aus sich heraus. Wenn man dann noch die richtigen Schauspieler findet, die das Drama zu tragen vermögen und sie ermutigt, herauszufinden, was ihre Figur menschlich macht, dann hat man es geschafft, dem Film Leben einzuhauchen.«

Mehr möchte Fincher über den Plot seines Films eigentlich nicht verraten. »Ich glaube, dass man sich im Kino dann am besten unterhält, wenn man ohne Vorwissen einen Film besucht«, sagt er. »Die Leute lieben es, sich Filme anzuschauen, bei denen sie nicht wissen, was als nächstes passiert. Sie gehen ins Kino, um sich überraschen zu lassen.«

Diese Empfehlung kann ich eigentlich nur jedem Filmliebhaber geben - einfach keine Trailer ansehen, die sowieso oft entweder den ganzen Film aufzeigen oder ein völlig anderes Licht auf ihn werfen. Wenn man sich Gone Girl ohne Vorbehalte und detaillierte Vorinformationen ansieht, ist es fast, als würde man ein Buch lesen und währenddessen schmunzeln, fiebern, ekeln usw. - dem entsprechend lang ist der Film dann auch. Bei all den Feinheiten und Wendungen braucht er aber auch diese Länge. ■ mz

18. Oktober 2014
OT: Gone Girl
Drama/Thriller
USA/GB 2014
150 min


mit

Ben Affleck (Nick Dunne) Peter Flechtner
Rosamund Pike (Amy Dunne) Ranja Bonalana
Neil Patrick Harris (Desi Collings) Philipp Moog
Kim Dickens (Det. Rhonda Boney) Elisabeth Günther
Patrick Fugit (Officer Jim Gilpin) Tim Knauer
Tyler Perry (Tanner Bolt) Leon Boden
Carrie Coon (Margo Dunne) Katrin Zimmermann
David Clennon (Rand Elliot) Rüdiger Joswig
Lisa Banes (Marybeth Elliot) Karin Buchholz
Missi Pyle (Ellen Abbott) Ghadah Al-Akel
Emily Ratajkowski (Andie Hardy) Sarah Alles
Casey Wilson (Noelle Hawthorne)
Lola Kirke (Greta) Kristina Tietz
Boyd Holbrook (Jeff) Matthias Weidenhöfer
Sela Ward (Sharon Schieber) Traudel Haas
Scoot McNairy (Tommy O'Hara) Robert Glatzeder
u.a.

drehbuch
Gillian Flynn nach ihrem Roman

musik
Trent Reznor
Atticus Ross

kamera
Jeff Cronenweth

regie
David Fincher

produktion
Artemple - Hollywood
New Regency Pictures
Pacific Standard
Regency Enterprises

verleih
20th Century Fox

Kinostart: 2. Oktober 2014