Samstag, 16. Dezember 2017

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Lucy


Lucy sucht ein Signal.
© Universal Pictures

Das menschliche Gehirn und seine Fähigkeiten haben seit jeher die renommiertesten Wissenschaftler nicht nur fasziniert, sondern auch auf die Probe gestellt. Zwar gilt es mittlerweile als gesichert, dass wir alle die Möglichkeiten unseres Verstandes nicht voll ausschöpfen. Doch die Meinungen darüber, wie viel Prozent wir tatsächlich nutzen, gehen auseinander – und verändern sich auch immer wieder.

Diesen spannenden Gedanken nahm Regisseur und Drehbuchautor Luc Besson als Ausgangspunkt für die Geschichte seines neuen Films. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn wir tatsächlich unsere mentalen Fähigkeiten voll nutzen könnten. Wie würde das unser Verständnis des Lebens verändern oder unsere Rolle darin, fragte er sich: „Würden wir mehr Kontrolle über uns selbst und andere haben?“

Ähnlich wie Bradley Cooper in Limitless bekommt Lucy hier ihre Fähigkeiten durch eine Droge verabreicht. Während jedoch Limitless eher als Thriller bezeichnet wird, haut Luc Besson bei Lucy noch ordentlich Action drauf. Im Gegensatz zu Coopers Filmheld hat Scarlett Johanssons Lucy keine Zeit, sich an ihren neuen Zustand irgendwie zu gewöhnen. Ihr Motto hier heißt: Überleben und so sinnvoll wie möglich ihre letzten 24 Stunden nutzen...

Lucy wird von ihrem Freund zu einer Übergabe eines Koffers an den lokalen Drogenboss von Taipeh gedrängt. Doch die Übergabe im Hotel funktioniert alles andere als reibungslos: Ihr Freund wird vor ihren Augen vor dem Hotel erschossen und sie von einem halben Dutzend schwer bewaffneter, bulliger Handlanger zu deren Boss nach oben eskortiert.

Bis zum sogenannten Flashpoint, von dem an es für Lucy kein Zurück mehr gibt, entschied sich Besson für schnelle Schnitte zwischen der Handlung und den Erläuterungen des Wissenschaftlers Norman über die Nutzung des menschlichen Gehirns und was man erwarten könne, wenn sich die prozentuale Nutzung dessen erhöhen würde, ergo was den Zuschauer in den kommenden 80 Minuten erwarten würde.

Parallel dazu schnitt er auch noch Observierungen aus dem Tierreich, wenn z.B. eine Gazelle von Löwen belauert wird und schließlich über sie herfallen, so wie Lucy von Mr. Jangs Männern ergriffen wird. Das ist aus erster Sicht ein wenig ungewöhnlich, weil man solche treffenden Vergleiche normalerweise höchstens unterbewusst wahrnimmt. Für den Zuschauer wirkt das zunächst ein wenig befremdlich, vor allem, weil die Schnitte so unvermittelt daherkommen, aber auch belustigend. Allerdings verschwinden diese optischen Analogien, sobald Lucys Schicksal besiegelt ist, dass man sich fragt, ob das überhaupt nötig gewesen wäre.

Drogenboss Jang, der das blutige Ruder fest in der Hand hat, entscheidet sich schließlich, nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten durch die Sprachbarriere zwischen ihm und Lucy, das etwas einfältige Fräulein als unfreiwilligen Drogenkurier einzusetzen - die Droge: synthetisch hergestelltes CPH4, das normalerweise von Frauen in der sechsten Schwangerschaftswoche in winzigen Mengen erzeugt wird, um den Fötus bei der komplexen Zellbildung von Knochen zu unterstützen. Jangs Chemikern ist es jedoch gelungen, diese Droge künstlich herzustellen, um durch das Einnehmen geringer Mengen die Nutzkapazität des menschlichen Gehirns zu erhöhen, natürlich mit Abhängigkeitsfaktor, denn wer will schon auf die erhöhte Nutzung seiner Hirnaktivitäten wieder verzichten? (siehe Limitless)

Natürlich kommt Eines zum Anderen und die in ihren Unterleib operierte Tüte platzt, wodurch Lucy einer hoch potenzierten Menge der Droge ausgesetzt wird und fortan bis zum Filmende bis zu einer unglaublichen 100%igen Nutzung ihres Gehirns gelangt - immer wieder durch Hineinschneiden der aktuellen Prozentzahl ins Bild kommentiert. Was folgt ist unglaubliche und rasante Action, wie man sie von einem Besson-Film erwarten kann, gepaart mit intelligenten, kompromisslosen, aber auch zum Teil völlig fantastischen Handlungseinwürfen.

Luc Besson fand zwar auf Anhieb, dass das Konzept der erweiterten Hirnkapazitäten erstklassiges Material für einen Actionthriller sei. Doch es ging ihm auch darum, dass die Geschichte von Lucy zumindest teilweise auf wissenschaftlichen Tatsachen basiert: »Nachdem ich mich mit einigen Wissenschaftlern getroffen hatte, war ich erstaunt, was sie mir alles erzählten - über Krebs, über Zellen und etwa die Tatsache, dass wir aus Milliarden von Zellen bestehen, die untereinander kommunizieren. Anscheinend sendet jede Zelle ungefähr 1000 Signale pro Sekunde. Das Internet ist nichts dagegen! Angesichts solcher Informationen brauchte ich ein paar Jahre, um die richtige Balance zwischen Realität und Fiktion zu finden.«

Zu den Wissenschaftlern, die Besson während seiner Arbeit am Konzept des Films kontaktierte, gehörte auch der weltweit angesehene Neurologe Yves Agid, der zu den Gründern des Gehirn- und Wirbelsäulen-Instituts (ICM) am Krankenhaus Pitié-Salpêtrière in Paris gehört, unter dessen Gründungsmitgliedern auch der Regisseur selbst ist. An sein Gespräch mit Besson über die Kombination von Fakt und Fiktion erinnert sich Agid noch gut: »Als Luc mir das Drehbuch zeigte, fand ich es wirklich außergewöhnlich. Allerdings musste ich hier und da seine Kreativität mit einigen Fakten in die Schranken weisen. Letztlich war das allerdings ein Kinderspiel, denn er begreift solche Dinge unglaublich schnell.«

Während der Neurologe Besson dabei half, auf dem schmalen Grat zwischen theoretischer Realität und Phantasie zu balancieren, merkte er bald, dass die Kreativität eines Filmemachers den Fähigkeiten, die man als Wissenschaftler braucht, gar nicht so unähnlich ist. »Mir gefällt an diesem Film ausgesprochen gut, wie viele reale Erkenntnisse und Wahrheiten darin stecken«, berichtet Agid.

»So geht es in Lucy zum Beispiel um die Anzahl der Zellen in unseren Gehirnen oder um die Zahl der Signale, die eine Zelle pro Sekunde sendet. In dem er sich solche Zahlen zunutze macht, verleiht Luc dem gesamten Film eine faszinierende Dynamik. Natürlich nimmt sich die Geschichte immer mehr Freiheiten heraus, je weiter sich Lucy in ihrem Verlauf entwickelt. Aber damit habe ich kein Problem. Wenn man den Film sieht, glaubt man ihm. Er packt einen gerade deswegen, weil er eben, bis zu einem gewissen Grad, in der Realität verankert ist.«

Mit starken, einzigartigen Frauenfiguren wie den Titelfiguren in Nikita, Angel-A, Adèle und das Geheimnis des Pharaos, Mathilda in Léon – Der Profi, Leeloo in Das 5. Element oder Cataleya in Colombiana hat Besson in der Vergangenheit einige der spannendsten Actionheldinnen der modernen Kinogeschichte geschaffen. Mit Scarlett Johansson als Lucy führt er nicht nur seine Linie fort, sondern lässt seine Protagonistin am Ende auch noch mit ihrer Namensvetterin aus der Steinzeit im DaVinci-Stil kommunizieren (berührende Zeigefinger).

»Lucy ist ein ganz normales Mädchen, das mit ihren Freunden Spaß in Asien hat und jede Menge Partys feiert«, beschreibt Produzentin Virginie Besson-Silla die Filmheldin. »Sie lernt das Leben in all seinen Facetten kennen. Allerdings auf die harte Tour – und letztlich in wesentlich mehr Facetten, als sie sich das vorgestellt hatte.«

»Der Film stellt einige sehr komplexe existenzialistische Fragen«, meint Scarlett Johansson. »Es ist verdammt schwer, ihn sich losgelöst von Lucs Vision vorzustellen. Alles, was ich bezüglich des Looks des Films nach dem Lesen der Beschreibungen im Drehbuch im Kopf hatte, verblasst im Vergleich zu dem, was Luc tatsächlich aus dem Projekt gemacht hat.«

Allen an der Produktion Beteiligten war klar, dass Lucy eine ausgesprochen anspruchsvolle Rolle war. Mit einer klaren Vorstellung von seiner Protagonistin im Kopf konnte Luc Besson eine Methode entwickeln, die es seiner Hauptdarstellerin leicht machte, in die Figur zu finden: »Wir entwarfen eine Art Schaubild, das Scarlett sich an die Wand hing. Das half ihr dabei zu verstehen, was ich von ihr erwartete, je nachdem ob sie Lucy nun gerade mit 25, 50 oder 70% ihrer mentalen Fähigkeiten spielen musste.

In 10%-Schritten ließ sich an dieser Grafik ablesen, welche Fähigkeiten und welches Wissen Lucy jeweils erreicht hatte. Das war ein ziemlich praktisches Hilfsmittel, denn jeden Morgen konnte Scarlett einen Blick darauf werfen und wusste, welche Frau sie spielen musste. Die Lucy am Beginn des Films und die am Ende haben ja nur sehr wenig gemein. Überhaupt war Scarlett am Set immer ganz außergewöhnlich. Worum auch immer man sie bittet, sie ist zu allem bereit. Es gibt nichts, was sie nicht wenigstens versucht.«

Für die Schauspielerin selbst war es die größte Herausforderung, trotz der gravierenden psychologischen und körperlichen Veränderungen Lucy als jemanden darzustellen, zu dem das Publikum sofort einen Bezug hat. »Wenn die Droge ihre Wirkung entfaltet, verliert Lucy nach und nach ihre Fähigkeit zu Mitgefühl oder Schmerzempfinden«, erklärt Johansson. »Obwohl sie tief in die Erinnerungen ihres Gegenübers eindringen und ihn letztlich kontrollieren kann, hat sie selbst gar keine Meinung. Sie verliert alle ihre vorgefassten Meinungen und Urteile über die andere Person. Daher war es wichtig, zu verhindern, dass meine Performance flach und monoton wird. Ich musste sicherstellen, dass man auch unter diesen Umständen ihre Menschlichkeit noch erkennt.«

So lässt es sich auch vielleicht erklären, warum Lucy zu Beginn ihrer Heimzahlung Jang am Leben lässt - ein Umstand, der ihr später zum Verhängnis wird und den Zuschauer zunächst kopfschüttelnd zurücklässt und vermuten lässt, dass ohne diesen künftigen Konflikt der Film samt seiner Action nicht funktioniert hätte. Als sie später mit mehr Prozenten im Gehirn immer emotionsloser wird, tötet sie schon mal einen Patienten während einer OP, nachdem sie auf den Röntgenbildern dessen erkannte, dass dieser eh nicht überleben würde, nur um die Ärzte zu drängen, ihre restlichen Drogen herauszuoperieren.

Mit ihrer fortschreitenden Intelligenz und Nutzung ihrer körperlich-geistigen Fähigkeiten kommt sie allerdings auch in ein emotionales Dilemma. Ihre letzten menschlichen Züge nutzt sie, um mit ihrem vergangenen Leben abzuschließen: Sie nimmt telefonisch Abschied von ihrer Mutter, nachdem sie sich an Dinge erinnert, an die sich der Durchsnittsmensch normalerweise nicht erinnert, wie z.B. den Geschmack der Muttermilch. Auch ihre Mitbewohnerin verabschiedet sie mit einer Umarmung, bei der sie feststellt, dass diese bald sterben würde - also schnell mal chinesisch gelernt und ihr ein Rezept in die Hand gedrückt.

Als ihre Fähigkeiten sich immer weiter entwickeln und sie zu verstehen versucht, was mit ihr passiert, wendet sich Lucy an Professor Samuel Norman, einen Experten für das menschliche Gehirn. Schließlich gelingt es ihr plötzlich nicht nur, innerhalb einer Stunde Chinesisch zu lernen, sondern auch Raum und Zeit zu kontrollieren.

Weil Morgan Freeman ein ziemlicher Wissenschaftsnarr ist (Through the Wormhole) und sich besonders für die Fähigkeiten des Verstandes interessiert, war er für die Rolle die perfekte Wahl. »Morgan Freeman ist der ultimative Professor, aus zweierlei Gründen«, findet Besson. »Zum Einen ist er fasziniert von der Theorie, die wir im Film entwickeln. Und er ist mit ihr sehr vertraut, was ich gar nicht wusste, bevor ich ihn wegen der Rolle traf. Es hat unglaublichen Spaß gemacht, mit ihm darüber zu sprechen. Und zweitens ist er einfach ein derart guter Schauspieler, dass man ihm alles glaubt was er sagt.«

Auch Besson-Silla war begeistert als Freeman mit an Bord kam: »Morgan ist einer der wenigen Menschen, die sogar Gott spielen können. Als Stimme der Weisheit und Vernunft war er für unseren Film deswegen die perfekte Wahl.« Kaum weniger erfreut zeigt sich Freeman selbst, der keinen Hehl daraus macht, dass er auf seine Figur große Stücke hält: »Professor Norman schreibt und forscht seit Jahren zum Gehirn. Er gibt Vorlesungen auf der ganzen Welt und ist seit einigen Jahren an der Sorbonne in Paris. Weil er auf seinem Gebiet eine Koryphäe ist, sucht Lucy ihn auf, um herauszufinden, was mit ihrem Gehirn passiert.«

Als Lucys körperliche wie mentale Fähigkeiten sich plötzlich steigern, wird sie für die Verbrecher, denen sie diese Entwicklung überhaupt zu verdanken hat, zur kostbaren Beute. Nicht zuletzt für den örtlichen Gangsterboss Mr. Jang, den der südkoreanische Schauspieler Min-sik Choi verkörpert. »Mr. Jang ist der beste Bösewicht in einem meiner Filme seit Gary Oldmans Rolle in Léon – Der Profi«, findet der Regisseur und Drehbuchautor. »So wie Lucy die ultimative Intelligenz verkörpert, steht Mr. Jang für das ultimative Böse.«

Obwohl der südkoreanische Schauspieler, der vor allem für seine Rolle in dem gefeierten Film Oldboy bekannt ist, weder Englisch noch Französisch sprach, war Besson davon überzeugt, dass er die Idealbesetzung war. »Es war lustig, denn unser Kommunikationssystem war unsere Körpersprache«, lacht der Regisseur. »Ich spielte ihm die Szene vor und er zeigte mir dann, was er daraus machen würde. Anfangs kommunizierten wir wirklich fast wie Affen miteinander.« Dennoch kann Besson gar nicht genug von seinem Darsteller schwärmen: »Choi fasziniert mich. Er ist einer der großartigsten Schauspieler, die ich je getroffen habe – und einfach ein liebenswerter, reizender Kerl.«

Min-sik Choi war zunächst erstaunt, als er hörte, dass Besson sich mit ihm treffen wollte. Doch natürlich war dies ein Angebot, dass er einfach nicht ablehnen konnte. »Als junger Schauspieler habe ich Lucs Filme gesehen«, erinnert sich der Koreaner. »Sie waren für mich immer eine große Inspiration. Dass ich nach all den Jahren als Schauspieler endlich diesen großen Regisseur treffen konnte, hat mich sehr gefreut. Und letztlich war es vor allem meine Neugier, die mich zusagen ließ. Ich wollte wissen, wie er am Set arbeitet, wie er und seine Leute so ticken und wie die Locations so sind.«

Obwohl sie im Film von Mr. Jang und seinen Männern gefoltert wird, schwärmt Scarlett Johansson in höchsten Tönen von ihrem Leinwandpartner: »Es war einfach wundervoll mit Choi zu arbeiten. Wir sprachen zwar nicht die gleiche Sprache, aber wir konnten auch ohne Worte gut miteinander kommunizieren. Selbst in den sehr brutalen und gewalttätigen Szenen war seine Präsenz so enigmatisch, dass wir uns auf fast spirituelle Weise miteinander verständigten. Er hat sich immer wahnsinnig gefreut am Set zu sein und war unglaublich liebevoll und warm. Außerdem habe ich ihm wahnsinnig gerne zugesehen, weil er enorm ausdrucksstark ist. Man könnte Mr. Jang problemlos als lediglich böse sehen, aber Choi füllt diese Figur wirklich aus und macht aus ihr eine dreidimensionale Person.«

Auf der Flucht vor den Gangstern kontaktiert Lucy Pierre del Rio, einen französischen Polizisten, dem sie auf die Spur von Schmugglern verhilft, die durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen kommen wollen. Del Rio, gespielt vom ägyptischen Schauspieler Amr Waked, ist zunächst irritiert, als die junge Frau ihn anruft und gibt nicht viel auf ihre Geschichte.

»Er denkt, dass es sich um einen Scherzanruf handelt«, sagt Waked, den das internationale Publikum unter anderem aus Stephen Gaghans Syriana kennt. »Doch irgendwann schließt er sich ihr an und findet heraus, dass sie besondere Fähigkeiten hat, ohne dass er wüsste woher. Er staunt einfach nur darüber, was sie alles kann und kommt ihr nach und nach näher.«

Für Besson steht del Rio für die Naivität, denn für jemanden wie ihm, der ein vollkommen normales Leben führt, erscheint Lucy wie eine Außerirdische. »Er ist wie Voltaires Candide«, meint Besson. »Er begreift, dass Lucys Kräfte so groß sind, dass er ohnehin nichts ausrichten kann. Somit ist del Rio letztlich der Stellvertreter des Publikums, denn im Grunde ist er wie du und ich.«

Produzentin Besson-Silla sieht den Polizisten auch als einen Gegenentwurf zu Mr. Jang: »Für Lucy ist del Rio eine Erinnerung an ihre Menschlichkeit, denn er steht für Güte und Freundlichkeit. Er ist derjenige, der bis zum Schluss nicht von ihrer Seite weicht und sie (zumindest auf seine Weise) beschützt. Sie hat durch die Droge all ihre Emotionen verloren, doch wenn sie mit del Rio zusammen ist, scheint ein Restfunke davon doch übrig zu sein.«

Als Luc Besson vor 10 Jahren eine erste Version des Drehbuchs zu Lucy schrieb, nahm er sich vor, die Handlung in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh anzusiedeln. Anlässlich der Promotion-Tour zu Das 5. Element war er 1994 zum ersten Mal in der Stadt gewesen und hatte sich in die Menschen dort und die Atmosphäre der Stadt verliebt. Als es schließlich darum ging, geeignete Drehorte für diesen Actionthriller zu finden, zogen er und sein Team aus finanziellen und logistischen Gründen zunächst einige andere asiatische Städte in Erwägung, doch Besson berichtet: »Lustigerweise haben wir am Ende nicht nur doch in Taipeh gedreht, sondern sogar in exakt dem gleichen Hotel gewohnt, wo ich schon vor 20 Jahren abgestiegen waren. Ich fand einfach nichts Besseres als genau das, was ich all die Jahre im Kopf gehabt hatte.«

Der Regisseur genoss die Drehbedingungen in Taiwan und empfiehlt allen seinen Kollegen, es ihm nachzutun. »Die Menschen in Taipeh sind die freundlichsten, die ich je getroffen habe«, schwärmt Besson. »Die offiziellen Stellen sind absolut vertrauenswürdig und den Filmcrews gegenüber wirklich hilfsbereit. Im Umkreis von 100 Meilen finden sich von Hochhausschluchten über Strände und Wälder bis hin zu Bergen die unterschiedlichen Locations. Und obendrein sind die Dumplings dort die besten auf der ganzen Welt!«

Auch für Scarlett Johansson war Lucy das erste Mal, dass sie in Taipeh drehte. »Ich habe es genossen, die Stadt zu erkunden«, erinnert sie sich. »Man fühlte sich dort so willkommen. Und die Tatsache, dass wir alle so müde, vom Jetlag geplagt und an einem uns fremden Ort waren, passte gut zur Orientierungslosigkeit meiner Figur, in der sie sich befindet, bevor die Droge ihre Wirkung entfaltet.«

Nachdem Lucy aus Taiwan geflohen ist, landet sie in Paris, wo einige der nervenaufreibendsten Actionszenen des Films gedreht wurden. Zu den wichtigsten Locations in der französischen Hauptstadt gehören die berühmte Rue de Rivoli gleich neben dem Louvre und dem Jardin des Tuileries, die weltbekannte Sorbonne-Universität, das Militärkrankenhaus Val-de-Grâce, wo hochrangige französische Funktionäre behandelt werden, sowie ein belebter Markt.

Für den Dreh der aufwändigsten Verfolgungsjagd des Films entschied man sich, wie Besson-Silla berichtet, für den Hochsommer, weil dann zur Ferienzeit etwas weniger Menschen in Paris sind als sonst. »Luc hatte die vollkommen verrückte Idee, dass Lucy mit ihrem Auto entgegen des Verkehrs auf der Rue de Rivoli fährt«, sagt die Produzentin. »Das ist eine unglaublich viel befahrene, vierspurige Einbahnstraße zwischen dem Louvre und dem Place de la Concorde. Dort also brettert sie nun mit Hochgeschwindigkeit lang, am helllichten Tag. Es ist wirklich ziemlich bemerkenswert.«

Auch Min-sik Choi genoss es, in Paris zu drehen: »Das Essen in Paris ist so gut, dass es verdammt schwer war, der wunderbaren französischen Küche zu widerstehen. Und ich habe natürlich trotzdem ein paar Kilo zugenommen!« Neben den Außenaufnahmen in Paris wurden einige Szenen des Films auch in einer Halle der neuen Cité du Cinéma gedreht, Bessons großer Produktionsanlage außerhalb der Stadt. Fast sämtliche Innenaufnahmen wie etwa eine Hotel-Suite und Teile der Sorbonne-Universität entstanden dort im Studio.

Dem Regisseur ist nicht zuletzt die Sorbonne-Kulisse in Erinnerung geblieben: »Das ist eine der ältesten Universitäten der Welt – und wir haben ihre Mauern mit über 2.000 Patronen pulverisiert. Am ersten Tag sah unser Set noch ganz sauber aus. Aber von Tag zu Tag zerfetzten wir es mit unseren Schüssen immer weiter. Am Ende konnte man kam kaum noch etwas sehen vor lauter Staub in der Luft. Wie es zu Beginn aussah und man am Schluss die Sorbonne nicht einmal mehr erkennen konnte, werde ich so schnell nicht vergessen.

Das Lustige ist eigentlich, dass sich an der Sorbonne ja alles ums Lernen und Wissen dreht, aber ich selbst schon ganz früh die Schule abgebrochen habe um Filme zu machen. Und nun drehe ich einen Film über Wissen und Intelligenz und zerstöre ausgerechnet das Gebäude, das genau das verkörpert.«

Zwar umfasste noch keine Besson-Produktion so viele Spezialeffekte und Computertricks wie Lucy, doch der Regisseur legt Wert auf die Feststellung, dass er seit Das 5. Element vor 17 Jahren Erfahrungen mit solchen Elementen hat. »Es ist nicht so, dass ich diesbezüglich ein Neuling war, der überfordert gewesen wäre, weil da plötzlich lauter Green Screens waren«, betont er. Angesichts der über 1.000 Spezialeffekte in Lucy aber entschied er sich, die Experten von George LucasIndustrial Light & Magic (ILM) zu Hilfe zu holen.

»ILM ist das Mekka der Spezialeffekte. Mr. Lucas ist der Meister! Deswegen wandten wir uns an seine Leute, sie lasen das Drehbuch und waren interessiert«, schwärmt Besson. »Filmemacher verlangen ja oft, dass die Dinge genauso so gemacht werden, wie sie es sagen und nicht anders. Meine Ansage dagegen war immer: Hier ist meine Idee, aber wenn ihr eine besser habt, ändere ich gerne meine Meinung. So wurde aus dem Verfahren eine echte Zusammenarbeit und es ging wirklich um Teamwork.«

Darüber hinaus schuf Bessons Standard-Komponist Eric Serra für den Film einen hypnotisierenden, pulsierenden Score, während der weltweit gefeierte Musiker und Produzent Damon Albarn (bekannt unter anderem durch seine Bands Blur und Gorillaz) für Lucy einen brandneuen Song namens „Sister Rust“ schrieb. Die wunderbare, melodiöse Ballade ist am Schluss des Films zu hören.

Mehr als einem Jahrzehnt nachdem er die erste Drehbuchversion von Lucy schrieb, ist Luc Besson nun soweit, dass die Welt sein lange gehegtes Projekt zu Gesicht bekommt. Er fasst zusammen: »Ich wünsche mir, dass die Leute aus dem Film kommen und so überwältigt sind, dass sie unbedingt mehr über das Gehirn und die menschliche Intelligenz erfahren wollen – und dann tatsächlich im Internet weiterrecherchieren.«

Gut, selbst weiterrecherchiert habe ich jetzt nicht, aber man kann davon ausgehen, dass es diese Theorie zwar gibt, die Umsetzung für diese Geschichte jedoch ab der Hälfte etwa in fantastische Spinnerei ausartet, die mit Versatzstücken aus Matrix, Star Trek oder 2001 - Odyssee im Weltraum arbeitet, um das in IMAX® gedrehte Spektakel so verständlich und unterhaltsam wie möglich zu vermitteln. Und ganz nebenbei kann man Lucy als Action-Variante von Her betrachten, worin Scarlett Johansson als PC-Betriebssystem eine ähnliche Entwicklung „durchlebt“. Lucy ist Hirnmasse anregende Action-Unterhaltung, oft brutal, manchmal augenzwinkernd anspruchslos, aber dennoch ein Adrenalin förderndes Erlebnis, das mit 90 Minuten erfrischend kurz daherkommt. ■ mz

11. August 2014
OT: Lucy
SciFi/Action
F 2014
90 min


mit

Scarlett Johansson (Lucy) Luise Helm
Morgan Freeman (Professor Samuel Norman) Klaus Sonnenschein
Amr Waked (Pierre del Rio) Patrice Luc Doumeyrou
Min-sik Choi (Mr. Jang)
Julian Rhind-Tutt (Brite)
Pilou Asbæk (Richard)
Analeigh Tipton (Caroline)
u.a.

drehbuch
Luc Besson

musik
Eric Serra

kamera
Thierry Arbogast

regie
Luc Besson

produktion
EuropaCorp
Canal+
Ciné+
TF1 Films Production

verleih
Universal

Kinostart: 14. August 2014