Samstag, 16. Dezember 2017

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Mädelsabend


Meghan auf ihrer Odyssee durch die Stadt
© Universum Film

Manchmal ist es schon verwunderlich, mit welcher Inbrunst Verleiher ihre Filmtitel so weit eindeutschen, dass der deutsche Titel so gut wie gar nichts mehr mit dem Film an sich zu tun hat. In diesem Fall ist das so, denn der „Mädelsabend“ bezieht sich allein auf ein paar Szenen, und der Untertitel „nüchtern zu schüchtern“ ist einfach nur unter aller Sau, um das mal genauso salopp zu beschreiben, wie es der Verleih mit dem Filmtitel gemacht hat.

Im Original heißt der Film Walk of Shame, was eine Situation beschreibt, in der eine Person aus beschämenden Gründen an fremden Leuten oder Blicken allein vorbeigehen muss, bevor sie an einen Ort der Ruhe gelangt. Und genau darum geht es auch in dem Film von Komödienspezialist Steven Brill, der Filme wie Little Nicky, Mr. Deeds, Trouble ohne Paddel oder Drillbit Taylor - Ein Mann für alle Unfälle inszeniert hat und für die Mighty Ducks-Filme verantwortlich zeichnet.

Eigentlich läuft alles rund bei Meghan Miles. Sie hat es aus der texanischen Provinz nach Los Angeles geschafft, ist verlobt und in ihrem Job als Nachrichtensprecherin bei einem lokalen Fernsehsender so erfolgreich, dass die deutlich größere und seriösere Konkurrenz zum Vorstellungsgespräch gebeten hat. Und dort läuft es so gut, dass der nächste Karrieresprung in greifbare Nähe rückt.

Als ihre Freundinnen Rose und Denise abends vor der Tür stehen, um sie zum Feiern abzuholen, ist Meghan jedenfalls am Boden zerstört. Ihr Verlobter hat die Koffer samt Hund (und die meisten Möbel) gepackt und sie sitzen lassen. Und zu allem Überfluss kommt dann auch noch Chef und Produzent Dan mit schlechten Nachrichten: Den begehrten Job hat die Konkurrentin bekommen.

Eigentlich will Meghan nur in Jogginghose auf ihrem Sofa sitzen bleiben und sich ihrem Selbstmitleid hingeben. Doch Rose und Denise lassen nicht locker und bestehen auf ihren Mädelsabend, schon allein um ihre Freundin auf andere Gedanken zu bringen. Und weil Meghans Garderobe eher konservativ ausgestattet ist, muss Denise ihr knallgelbes Kleid opfern, damit Meghan an diesem Abend auch trotz Frustgesicht begehrenswert wirkt.

Der Tausch mit Meghans Klamotten funktioniert, und ehe sie sich umsieht, funkt es auch schon zwischen ihr und dem gut aussehenden Barkeeper. Erst werden ordentlich Shots gekippt und wenige Minuten später findet sie sich versehentlich am Hinterausgang wieder, ohne wieder hinein zu kommen - ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihr noch bevorsteht.

Barkeeper Gordon hilft ihr schließlich aus der Bedrouille, denn sie befindet sich auf der Feuerleiter im 1. Stock und ist mit ihren High Heels festgehakt - im angetrunkenen Zustand kein leichtes Unterfangen. Weil sie zu viel getrunken hat, um noch am Steuer zu sitzen, bietet Gordon an, Meghan nach Hause zu fahren. Aber weil zwischen den beiden auf Anhieb die Chemie stimmt, landen sie schließlich doch bei ihm, wo nicht nur weiter getrunken und Pizza bestellt wird, sondern auch bald die Hüllen fallen.

Als Meghan am nächsten Morgen aufwacht, ist es draußen noch dunkel und die Erinnerung an den letzten Abend bestenfalls verschwommen. Ohne Gordon zu wecken, sucht sie ihre Habseligkeiten zusammen, doch weder ihre Handtasche noch ihr Handy kann sie in der Dunkelheit entdecken. Auch ein Anruf von Gordons Festnetz auf dem eigenen Mobiltelefon hilft nicht weiter, bringt aber bei einer Mailbox-Abfrage immerhin gute Nachrichten: Die Verantwortlichen des großen Senders haben es sich noch einmal überlegt und möchten abends bei Meghans Moderation der Lokalnachrichten dabei sein, um sie ein letztes Mal auf den Prüfstand zu nehmen.

Also Autoschlüssel geschnappt und los! Kaum unten auf der Straße angekommen, setzt allerdings prompt die Ernüchterung ein: Von ihrem Auto, in dem sie ihre Handtasche mit allem Geld und Handy vermutet, sieht sie bloß noch die Rücklichter – auf der Ladefläche eines Abschleppfahrzeugs. Und weil an den Klingelschildern von Gordons Haus nirgends Namen stehen, kann Megan noch nicht einmal ihre neue Bekanntschaft wecken und um Hilfe bitten. So bleibt ihr also nichts anderes übrig, als von Downtown Los Angeles zu Fuß aufzubrechen, nicht ahnend, welche Odyssee der Peinlichkeiten vor ihr liegt...

Auf ihrem abenteuerlichen Weg durch die Stadt begegnet Meghan einem migrierten Taxifahrer (Ken Davitian seit Borat erst so richtig bekannt geworden), dem sie die Zeche prellt, Prostituierte, die Meghan für Konkurrenz halten, Polizisten, die sie für eine Prostituierte halten, Gangster, die eigentlich ganz nett sind, einen Drogenhändler, dem sie Drogen von der Konkurrenz andrehen will, einen frechen Jungen, dem sie das Fahrrad klaut, orthodoxe Juden ohne Kontakt zu Frauen, eine resolute Busfahrerin und mehr.

Elizabeth Banks hat hier die vermutlich größte Rolle ihrer Laufbahn, ist in fast jeder Szene präsent - mehr Hauptrolle geht nicht. Die Schauspielerin hat schon immer Spaß an Slapstick und körperlichen Rollen wie dieser: »Ich war früher schon der Puck im „Mittsommernachtstraum“. Und ich bin eine ziemlich athletische Person, die Laufen, Springen, Stunts und alles Vergleichbare liebt. Ich suche immer nach Möglichkeiten, diese Seite mehr auszuleben, deswegen war Walk of Shame perfekt für mich. Endlich kann ich mal zeigen, dass mein großes Vorbild die wunderbare Komikerin Lucille Ball ist und in mir mehr von Mr. Bean steckt, als die Meisten wohl vermuten würden.«

Es ist jetzt zwar nicht so, dass man von Anfang bis Ende schenkelklopfend ablacht, dafür sind die Gags meist zu harmlos. Dennoch reicht es, ihr bei dieser Tour de Force, die man an ihrem letztlich ramponierten Kleid auch ansieht, gespannt zuzusehen und sich dabei zu amüsieren. Banks trägt den Film souverän und weiß, ihre Pointen auszuspielen - im Gegensatz zu manchen Fußballspielern dieser Tage.

»Es ist die klassische Geschichte einer Selbstfindung im Angesicht größter Schwierigkeiten«, sagt sie weiter. »Es geht darum, dass man immer wieder Menschen begegnet, an die man gewisse Erwartungen hat, nur um dann doch vollkommen überrascht zu werden. Auf Meghans Weg sind die Menschen, vor denen sie die größte Angst hat, jene, die ihr letztlich am meisten helfen.«

Steven Brill schafft es, sich mit dieser rasanten Komödie in die Liste der abenteuerlichen Nächte einzuschreiben. Die letzten Beiträge dieser Liste waren da eher jüngeren Protagonisten zugeordnet, so zuletzt bei 21 and over und Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht. Ansonsten fallen da erstmal nur Filme aus den 80ern und 90ern ein - Die Nacht der Abenteuer, Midnight Run oder die düstere Variante Judgement Night.

Und in genau diesem klassischen Stil zeichnet Brill Meghans Odyssee durch Los Angeles. Man hätte den Film auch „Meghan rennt“ nennen können, denn Walk of Shame »ist der erste Film, an dem ich gearbeitet habe, der geographisch strukturiert ist«, sagt Produktionsdesigner Perry Blake. »Das fand ich von Anfang an ziemlich cool. Denn die Tatsache, dass unsere Protagonistin in einem ganz spezifischen Stadtteil von Los Angeles aufbricht und von dort dann andere, ebenso spezifische Gegenden durchquert, macht den Film wirklich einzigartig.«

Blake war begeistert, endlich einmal die Möglichkeit zu haben, einen Film über Los Angeles auch genau dort zu drehen: »Meistens muss ich dafür sorgen, dass Los Angeles als irgendeine andere Stadt durchgeht. Oder ich habe die Aufgabe, eine andere Stadt wie L.A. aussehen zu lassen. Dass bei uns Los Angeles wirklich Los Angeles war, war einfach klasse. Ich komme von hier, liebe die Stadt und habe mich sehr gefreut, mal nichts verändern zu müssen. Es war wirklich interessant, all die Strukturen, die Kulturen und die ganz spezielle multi-ethnische Mischung tatsächlich zum Einsatz kommen zu lassen. Dem Publikum zu zeigen, wie Los Angeles wirklich ist, war toll. Und wir haben versucht, allen Gegenden der Stadt, die in Steves Drehbuch vorkommen, gerecht zu werden.«

Die Handlung des Films erstreckt sich über eine ganze Reihe verschiedener Stadtteile und Gegenden wie Koreatown, MacArthur Park, East L.A., die Sixth Street Bridge, Hollywood und andere. Aus Design-Perspektive bot sich den Filmemachern so die Möglichkeit, eine Bandbreite unterschiedlichster Kulturen und Gemeinden zu zeigen.

»Schon die Planung des Films machte Spaß«, erinnert sich Blake. »Ich hatte eine Karte der Stadt in meinem Büro aufgehängt und steckte mit Nadeln den Weg unserer Protagonistin ab. So konnte ich genau sehen, wo ich nach geeigneten Locations suchen musste. Von Downtown begleiten wir Meghan nach MacArthur Park, was nach der urbanen Beton-Atmosphäre zu Beginn eine Art Verschnaufpause ist, mit viel Grün und Wasser. Anschließend kommt sie nach Koreatown und Hollywood. Eine solche geografische Struktur für die Geschichte zu haben, war ausgesprochen cool und hat mir richtig gut gefallen.«

Einer der größten Gegensätze im Verlauf des Films durch die unterschiedlichen Gegenden von Los Angeles ist in der Tat der zwischen dem monochromatischen Stadtzentrum und dem größtenteils hispanischen MacArthur Park, wo deutlich mehr Farbe das Stadtbild dominiert. Blake erinnert sich noch gut, wie an einem Drehtag dort ein Passant mit einer Matratze auf den Schultern am Filmteam vorbeilief:

»Er spazierte da scheinbar grundlos mit seiner Matratze lang und wir fanden diesen Anblick großartig. Also organisierten wir einen Statisten, der nun im Film das gleiche macht. Solche authentischen Momente aus dem echten Leben wollten wir unbedingt in den Film integrieren.«

Auf Meghans Tagesreise zu ihrem Fernsehstudio in Hollywood kommt sie gezwungenermaßen auch mit einigen Gegenden der Stadt in Berührung, über die sie zuvor nur berichtet hatte. Erst durch ihre Erfahrungen in einem koreanischen Massagesalon oder einem Crack House in East L.A. gewinnt sie also die nötige Praxiserfahrung!

»Steven Brill ist ein unglaublich talentierter Filmemacher und ich bin sehr glücklich, dass er sich von all den Kalifornien-Klischees ferngehalten hat«, sagt Produzent Tom Rosenberg abschließend über seinen Regisseur. »Statt den Strand, Beverly Hills und den Sunset Boulevard zu zeigen, so wie es sonst fast alle Los-Angeles-Filme machen, sehen wir hier das viel realistischeres Bild einer Stadt, in der echte Menschen wohnen. Hoffentlich erkennt das auch das Publikum – und hält Los Angeles trotzdem und gerade deswegen für einen ganz besonderen, coolen Ort.«

Auch wenn neben Banks wortwörtlich die anderen Figuren verblassen (wird wohl auch am knallgelben Kleid liegen), so sind es doch ihre Freundinnen und ihr neu gewonnener Freund Gordon, die Meghan schließlich helfen, ihr Ziel auch zu erreichen. Eine große Hilfe ist dabei auch Verkehrsreporter Chopper-Steve, gespielt von Komiker Kevin Nealon, der hier nach seinem Südafrika-Flirt in Urlaubsreif erneut zu sehen ist.

Walk of Shame ist also nicht nur ein Mädelsabend, der sich auf Erbrochenes oder andere Gags unter der Gürtellinie stilisiert. Es ist eine sympathische Roadmovie-Komödie mit einer ebensolchen Hauptdarstellerin - nicht mehr, aber auch nicht weniger - unterhaltsam und schön anzusehen, besonders, da die Chemie auch stimmt. ■ mz

26. Juni 2014
OT: Walk of Shame
Komödie
USA 2014
95 min


mit

Elizabeth Banks (Meghan Miles) Bianca Krahl
James Marsden (Gordon)
Gillian Jacobs (Rose) Nicole Hannak
Sarah Wright Olsen (Denise)
Ethan Suplee (Officer Dave)
Bill Burr (Officer Walter)
Ken Davitian (Taxifahrer)
Lawrence Gilliard jr. (Scrilla)
Alphonso McAuley (Pookie)
Da'Vone McDonald (Hulk)
Jacob Timothy Manown (Kind mit Fahrrad) Nicolas Rathod
Willie Garson (Dan Karlin)
Kevin Nealon (Chopper Steve)
P.J. Byrne (Moshe)
u.a.

drehbuch
Steven Brill

musik
John Debney

kamera
Jonathan Brown

regie
Steven Brill

produktion
Sidney Kimmel Entertainment
FilmDistrict
Lakeshore Entertainment

verleih
Universum Film

Kinostart: 26. Juni 2014