Samstag, 16. Dezember 2017

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The Wolf of Wall Street


Jordan Belfort hat ein Ziel vor Augen.
© MMXIII TWOWS, LLC/Mary Cybulski
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Filmemacher Martin Scorsese ist der große Chronist des amerikanischen Gangstertums. Er hat das Leben auf der Rückseite des amerikanischen Traums in allen seinen historischen und sozialen Facetten geschildert. Mit The Wolf of Wall Street hat er nun ein neues, zeitgenössisches Kapitel in dieser Chronik aufgeschlagen: die aberwitzige, grimmig komische und dramatische Geschichte der menschlichen Raubtiere im wild gewordenen Finanzkapitalismus der 80er Jahre. Daraus wurde eine aufregende Reise in eine vergiftete Welt – vergiftet durch Gier, Adrenalin, Sex, Drogen und die wahnwitzige Bewegung von leichtem Geld.

Basierend auf Jordan Belforts wahren Geschichte „Der Wolf der Wall Street“ (2008) beschreibt der Film dessen wundersamen Aufstieg und den durch die Maßlosigkeit seiner Gier nach Macht, Reichtum und Vergnügen ausgelösten Fall. Der New Yorker Börsenmakler rafft zusammen mit einer Gruppe von Komplizen in kurzer Zeit ein gewaltiges Vermögen zusammen, indem er gutgläubige Kunden mit leeren Versprechungen zu Investitionen verleitet und sie um Millionen betrügt.

Der Film beginnt mit der raschen Verwandlung Belforts von einem jungen aufrechten Newcomer an der Wall Street in den betrügerischen Verkäufer von Illusionspapieren, Aktien, deren Wert zuerst künstlich nach oben getrieben und dann ins Bodenlose fallen gelassen wird. Belfort verdient sich mit diesen Betrugspapieren in kurzer Zeit ein absurdes Vermögen und pumpt sein Geld direkt wieder zurück in den Kreislauf des schnellen Geldes: Er gibt es mit vollen Händen aus für Luxus-Prostituierte, teure Sportwagen, „Quaaludes“ (genauer gesagt: die Designerdroge Methaqualon), Kokain und für ein anspruchsvolles Ex-Supermodel als Ehefrau. So maßlos Belfort in seiner Bereicherung ist, so maßlos ist er auch in seinem Leben der exzessiven Verschwendung.

Doch als Belforts Firma, Stratton Oakmont, mit all ihren „Gratifikationen“ und dem hedonistischen Lebensstil der Mitarbeiter, in den Himmel zu wachsen scheint, beginnen die Beamten des FBI und des SEC (United States Securities and Exchange Commission, die als Börsenaufsichtsbehörde für die Kontrolle des Wertpapierhandels in den Vereinigten Staaten zuständig ist), dieses „Königreich des Exzesses“ zu untersuchen, um es am Ende zu zerschlagen.

»Die Geschichte von Jordan Belfort«, so Leonardo DiCaprio, Hauptdarsteller und einer der Produzenten, »erinnerte mich an eine moderne Variante von Caligula.« Für DiCaprio, der jahrelang für dieses Projekt gekämpft hat, scheint die Parallele zwischen Belfort und dem römischen Kaiser, der als der verkommenste, psychotischste und zügelloseste der antiken Imperatoren gilt, nur allzu naheliegend: Das dekadente Rom der Spätantike mit seiner grenzenlosen Lust an Gewalt und verbotenen Vergnügungen und der exzessive Spätkapitalismus der lebensgierigen Männer aus Queens, die die Wall Street als ihr eigenes Imperium ansahen.

Dieser moderne Caligula wurde von der Welt der New Yorker Börsenhaie und Finanz-Outlaws aufgesogen und blind für die Folgen seines Handelns. »In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren war Wall Street so unkontrolliert und anarchisch wie eine neue Form des Wilden Westen«, bemerkt DiCaprio. »Und Jordan Belfort war einer dieser Gesetzlosen, die davon profitierten, wie sich immer mehr Hintertüren im Finanzsystem öffneten, immer mehr glänzende Gelegenheiten, mehr oder weniger legal die Mitmenschen übers Ohr zu hauen. Für mich spiegelt sich in der Figur des Jordan Belfort der ganze Geist dieser Epoche, in der unsere Finanzsysteme komplett aus dem Ruder liefen.«

Doch was DiCaprio darüber hinaus an diesem Charakter faszinierte, war seine radikale Offenheit. Er verschwieg nichts und lebte alles öffentlich aus: Die wilden und vulgären Orgien, das ekstatische Gefühl des eigenen Erfolgs, das Geld, das so schnell und leicht floss, dass man sich damit die Lagerstätten für den Sex auspolstern und es buchstäblich ins Wasser werfen konnte, wenn einem danach war. Immer schneller wurde das Außergewöhnliche zum Normalen und man brauchte mehr und mehr, mehr Profit und größere Exzesse.

»Was mich an Belfort so faszinierte, war die uneingeschränkte Offenherzigkeit, mit der er über seine immer verrückteren Unternehmungen sprach. Er nahm kein Blatt vor den Mund, er versuchte nicht, sich irgendwie zu rechtfertigen. Er versuchte seine Gier nach Reichtum und seine Maßlosigkeit im Verprassen nicht zu beschönigen. Ich hatte das Gefühl, genau diese Offenheit ergibt die Grundlage für eine faszinierende Charakterstudie. Und die Tatsache, dass er schließlich doch für seine Sünden zahlen musste, gibt dem Film seine dramatische Dimension.«

Bevor Belfort wegen Geldwäsche und Aktienbetrug angeklagt wurde, führte er sein verschwenderisches Leben auf eine barocke, orgiastische Weise, wie man es sich kaum vorstellen kann. Er war mit dem eigenen Hubschrauber unterwegs, mit einem seiner sechs Luxusautos oder mit seiner 50-Meter-Yacht, die vorher Coco Chanel gehört hatte. Mal eben auf Firmenkosten 700 000 Dollar für Hotelrechnungen und Prostituierte auszugeben gehörte ebenso dazu, wie eine tägliche Dosis von 20 Quaaludes, gemischt mit Kokain und Morphium.

Dann verlor Belfort alles. Er hatte im Gefängnis eine Menge Zeit zum Nachdenken und legte seine Geständnisse in einem Buch nieder, in dem er Schritt für Schritt erläutert, wie er aus einem Garagenunternehmen für Kleinaktien (die „Penny-Stocks“, mit denen auch weniger Bemittelte zum Einstieg ins Geschäft mit hoch riskanten Papieren verleitet werden) das größte jener „Pump & Dump“-Unternehmen emacht hat, in denen dauerquasselnde Börsenmakler die Aktien mit allen erdenklichen Tricks in vollkommen überhöhte Bewertungen hinauftreiben, um sie dann blitzschnell abzustoßen und ihre Kunden zu betrügen.

Jordan Belfort beschreibt auch, wie sein Leben durch die schiere Maßlosigkeit in den Abgrund führte. Belforts Buch zeichnet sich durch die typische New Yorker Mischung aus drastischer Respektlosigkeit und Sensibilität im Detail aus. Kritiker lobten den kraftvollen Erzählrhythmus und nicht zuletzt Belforts Sinn für das Komische. Vielen erschien das Buch „The Wolf of Wall Street“ als treffendste Beschreibung des modernen Geldwahns, der Amerika im Würgegriff hat.

Drehbuchautor Terence Winter musste zugeben: »Als ich den fertigen Film zum ersten Mal sah, ist mir die Spucke weg geblieben. Ich meine, das war ja alles genau das, was ich geschrieben hatte, aber ich konnte doch den Grad an Wahnsinn, Intensität und bösem Witz kaum fassen, den da all diese herrlichen Schauspieler, und Leo ganz besonders, auf die Leinwand brachten. Marty hat anscheinend eine ganz besondere Gabe, die Seiten eines Drehbuchs in ein Meisterwerk des visuellen Erzählens zu verwandeln. Er hat einen wahren Tsunami von Gier und Wahnsinn auf der Leinwand entfacht.«

Martin Scorseses Film strotzt nicht nur von der erbarmungslosen Darstellung der exzessiven Geldscheffelei, er schafft es auch, das Ganze für den Laien erklärbar zu machen, was gewiss an der Adaption von Terence Winter liegt, und daraus eine Satire, ja fast schon eine Groteske zu machen, die den Zuschauer auf einen ganz besonderen Trip mitnimmt. Leonardo DiCaprio spielt den Jordan Belfort, wie eigentlich alle seine Rollen, grandios und erzählt nebenbei auch noch die Geschichte aus dem Off, manchmal sogar direkt in die Kamera.

Jordan Belfort ist der Prototyp dieser Zyklen von Gier, Wahn und Katastrophe. Zugleich aber entspricht er diesem typischen Scorsese-Charakter, den der Filmemacher in seinen Arbeiten immer wieder untersucht hat – Männer, die von Ehrgeiz und Ambition getrieben werden, die nach ihren eigenen Maßstäben leben und Erfolg damit haben, sich dabei aber zunehmend in moralischen und emotionalen Fallstricken verfangen und sich nicht mehr daraus befreien können.

Doch auch wenn Scorsese die Charaktere der Figuren bekannt vorkamen, so war es doch eine neue Erfahrung für ihn, eine Komödie zu drehen. Sicher, es wird viel erzählt in dem Film. Es stecken schließlich auch jede Menge Erlebnisse darin. Es gibt, ganz klar, den kriminellen Teil, auf den immer wieder zwischendurch hingewiesen wird, wenn Kyle Chandlers FBI-Agent Dunham auftaucht. Dann gibt es den dramatischen Teil, wenn Belfort aufsteigt und durch seine Sex-&-Drugs-Orgien, und besonders durch seine Beziehung zu der aufreizend hübschen Naomi (Neuentdeckung Margot Robbie kennt man vielleicht aus der kurzlebigen Serie Pan Am.) seine bisherige (nicht weniger hübsche) Frau Teresa vergrault.

Und dann gibt es das Neuland, das Scorsese betritt: Komödie. Neben coolen Sprüchen gibt es schließlich auch noch wahnwitzige Szenen, zumeist im Drogenrausch, die das Tempo des Films drosseln, weil diese Szenen eine bestimmte Geschwindigkeit besitzen müssen, um auch zünden zu können. So wirkt zum Beispiel die Szene, in der Belfort von einer Überdosis alter Drogen halb gelähmt aus dem Haus kraucht, in seinen Ferrari steigt, und zu seinem Kumpel in den Countryclub fährt und sich wundert, dass er trotzdem heil dort angekommen ist. Solche Szenen scheinen aus einem anderen Biotop zu kommen, passen nicht unbedingt zum Film, lockern jedoch die angespannte Stimmung auf. Das erinnert ein wenig an Slapstick á la Blake Edwards. Vielleicht konnte ja Regisseur/Schauspieler Rob Reiner, der hier Belfort Senior spielt, seinen Kollegen Scorsese etwas in Sachen Komödie beraten...

Unterstützt wurde DiCaprio dabei von dem Schauspieler, für den Komödie kein Fremdwort ist - Jonah Hill. Gleich in seiner ersten Szene schafft er es, nur mit seinem Aussehen zu amüsieren. Mit diesem superweißen Riesengebiss, der Hornbrille und dem passenden, über die Schultern gehangenen Pulli weiß der Zuschauer sofort: Aha, Komödie! Nach seiner letztjährigen Oscar®-Nominierung für Die Kunst zu gewinnen - Moneyball nahm Jonah Hill die Herausforderung dieser Rolle gerne an, bei der er seinem Gespür für unterschwellige Komik freien Lauf lassen konnte.

Leonardo DiCaprio selbst war bei der Golden-Globe®-Verleihung erstaunt, einmal einen Preis für eine Komödie entgegenzunehmen. Vielleicht kann er das ja bei der kommenden Oscar®-Verleihung wiederholen. Immerhin ist der Film 5x nominiert - Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Martin Scorsese, Terence Winter für die beste Adaption, sowie als bester Film.

Der Film, der übrigens ohne eigens komponierte Musik auskommt, hat auf jeden Fall gute Chancen, dort abzusahnen. Auch für Margot Robbie funkeln die Sterne, denn sie wird nun von allen Filmemachern umgarnt und ist derzeit im Gespräch, die Rolle der Jane in David Yates' Neuadaption von Edgar Rice Burroughs' Tarzan zu spielen. Die Titelrolle soll übrigens Alexander Skarsgård übernehmen. Außerdem soll sie Amanda Seyfried in dem Psychothriller Z for Zachariah (mit Chris Pine und Chiwetel Ejiofor) ersetzen.

The Wolf of Wall Street ist mit seinen 3 Stunden Länge nicht unbedingt das gewohnte Komödienformat und löst Judd Apatows 153 Minuten lange Dramödie Wie das Leben so spielt (mit Adam Sandler, Leslie Mann, Eric Bana) als längste Komödie ab. Man braucht dafür, inklusive Werbung und Trailer, genügend Sitzfleisch, wird dafür jedoch mit einem ordentlichen Film belohnt, der dazu auch noch auf Tatsachen beruht! Jordan Belfort höchst persönlich, der während der Produktion Rede und Antwort stand, hat am Ende übrigens selbst einen kleinen Auftritt, wo er sozusagen sich selbst anmoderiert. ■ mz

19. Januar 2014
OT: The Wolf of Wall Street
Drama/Komödie/Krimi/Biografie
USA 2013
179 min


mit

Leonardo DiCaprio (Jordan Belfort) Gerrit Schmidt-Foß
Jonah Hill (Donnie Azoff) Tobias Müller
Margot Robbie (Naomi Lapaglia) Anne Helm
Matthew McConaughey (Mark Hanna) Benjamin Völz
Kyle Chandler (Agent Patrick Denham) Thomas Nero Wolff
Rob Reiner (Max Belfort) Roland Hemmo
Jon Bernthal (Brad) Martin Kautz
Katarina Cas (Chantalle) Katharina Spiering
P.J. Byrne (Nicky Koskoff/„Wischmopp“) Tobias Nath
Kenneth Choi (Chester Ming) Tobias Lelle
Brian Sacca (Robbie Feinberg/„Dummkopf“) Peter Lontzek
Henry Zebrowski (Alden Kupferberg/„Seeotter“) Jesco Wirthgen
Ethan Suplee (Toby Welch) Oliver Stritzel
Jon Favreau (Manny Riskin) Detlef Bierstedt
Jean Dujardin (Jean Jacques Saurel) Patrice Luc Doumeyrou
Joanna Lumley (Tante Emma) Kerstin Sanders-Dornseif
Cristin Milioti (Teresa Petrillo) Marie Bierstedt
Shea Whigham (Captain Ted Beecham) Wolfgang Wagner
Jake Hoffman (Steve Madden) Asad Schwarz
Aya Cash (Janet) Anja Stadlober
J.C. MacKenzie (Lucas Solomon) Rainer Doering
Stephanie Kurtzuba (Kimmie Belzer) Maud Ackermann
Jordan Belfort (Auckland Straight Line Präsentator) Nicolas Böll
Spike Jonze (Dwayne) Rainer Fritzsche

drehbuch
Terence Winter
nach dem Buch von Jordan Belfort

kamera
Rodrigo Prieto

regie
Martin Scorsese

produktion
Red Granite Pictures
Sikelia Productions
Appian Way
EMJAG Productions
TWOWS

verleih
Universal

Kinostart: 16. Januar 2014