Montag, 11. Dezember 2017

Interview mit Wentworth Miller


Wentworth Miller 2008 in Peking
Just Jared

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Wentworth Earl Miller III war vier Jahre lang ein Frauenschwarm in der TV-Serie Prison Break. Nach seinem geglückten finalen Ausbruch wurde es still um den in Brooklyn aufgewachsenen Engländer. Neben diversen Gastauftritten in TV-Serien spielte er 2010 in dem Zombie-Sequel Resident Evil: Afterlife.

Miller begann seine Karriere 1995 in Los Angeles, nachdem er die Princeton Universität mit einem Diplom in Englischer Literatur abschloss. Zunächst arbeitete er in der Entwicklungsabteilung einer kleinen Produktionsfirma, die sich auf TV-Filme spezialisierte. Doch seine schauspielerischen Ambitionen sollten schon bald zur Geltung kommen.

Nach ersten Gastrollen in Buffy - Die Vampirjägerin, Popular und Emergency Room - Die Notaufnahme, sowie in der Hallmark-Miniserie Dinotopia bekam er seine erste Filmrolle als junger Anthony Hopkins in Der menschliche Makel und kurze Zeit später als Dr. Adam Lockwood in Underworld.

Nach weiteren Gastrollen in Die himmlische Joan und Ghost Whisperer - Stimmen aus dem Jenseits gelang sein Durchbruch in der berühmten Gefängnisausbruchsserie. Nebenbei arbeitete er an seinem ersten Drehbuch zu Stoker, der jetzt in die Kinos kommt. Bald ist er wieder in einem Thriller zu sehen: The Loft, worin er neben Karl Urban, James Marsden, Rhona Mitra, Isabel Lucas und Rachael Taylor agiert, startet Ende Oktober in den USA.

Da er aber nach den Lobreden auf sein Drehbuch auf den Geschmack gekommen ist, macht Miller auch mit dem Schreiben weiter. Vor kurzem unterzeichnete er bei Relativity Media einen Vertrag zur Adaption von Richard Parkers letztem Thriller „Scare me“, der im April erschien.

Wir haben nach Prison Break eine Weile nichts von Ihnen gehört. Man liest etwas von „ehemaligem Schauspieler“. Ist das wahr? Haben Sie mit dem Schauspielern aufgehört, um Drehbuchautor zu werden? Oder würden Sie gern weiterhin beides machen?

Es gab da eine Durststrecke, nach Prison Break, als ich begann, meinen Weg als Autor zu finden, als ich dachte, ich wär definitiv fertig mit Schauspielern. Aber es ist immernoch in meinem System. Irgendwo. Es gibt Vieles an der Schauspielerei, und damit meine ich nicht das Darstellen, sondern den Prozess, einen Film oder eine Serie zu produzieren und zu bewerben, was sich nicht mit mir in Einklang bringen lässt. Das versteht sich von selbst, aber Schreiben ist ein einsames, kontaktarmes Geschäft - für mich zumindest. Und ich habe meine Grenzen, was das betrifft, wie jeder Andere auch.

Sie gingen nach Princeton, wo Sie Englische Literatur studierten. Haben Sie sich schon immer zuerst als Autor betrachtet?

Genaugenommen lernte ich in Princeton, mich nicht als Autor zu betrachten. In meinem Erstsemester meldete ich mich beim Programm für kreatives Schreiben an und wurde glatt abgespritzt. (So haben wir es genannt, wenn man abgelehnt wurde - abgespritzt.) Und das aus gutem Grund. Ich weiß nicht mehr, was genau ich einreichte, aber ich bin mir sicher, es war nicht sehr gut. Jedenfalls betrachtete ich mich bis in meine 30er als „kein Texter“. In der Tat versuchte ich, ein paar Autoren anzustellen, um für mich „Stoker“ zu schreiben, denn es selbst zu tun, schien mir irgendwie nicht im Bereich des Möglichen. Das ging etwa vier Jahre so weiter. Dann, eines Abends, als mein Videorekorder aufgab, dachte ich mir: ,Warum setze ich mich nicht hin und schreibe eine Szene? Weiß ja keiner.' Vier oder fünf Wochen später hatte ich das Ganze fertig.

Sie haben den ersten Entwurf von „Stoker“ unter dem Pseudonym „Ted Foulke“ eingereicht. Wie sind Sie auf den Namen gekommen, und warum benutzten Sie nicht Ihren eigenen Namen?

„Foulke“ ist der Name eines Studentenwohnheims in Princeton, und ein Freund von mir hatte einen besonders bösartigen Hund namens „Ted“. Das schien zu passen. Ich entschied mich für das Pseudonym, weil ich darum besorgt war, wenn die Leute meinen Namen auf dem Deckblatt lesen, dass sie voreilige Schlüsse ziehen würden, bevor sie mein Drehbuch angerissen haben. Ich wollte auch nicht, dass Schauspieler, die für die Rolle des Onkel Charlie passen würden (wie Matthew Goode, den ich mir übrigens wirklich beim Schreiben für die Rolle vorgestellt hatte)... Ich wollte nicht, dass diese Leute es lesen, meinen Namen sehen und denken: ,Oh, er muss sich die Rolle für sich selbst geschrieben haben, durfte den Part jedoch nicht spielen.' (weil ich nur ein TV-Star bin oder Ähnliches) Ich wollte, dass sich die Schauspieler selbst als Onkel Charlie vorstellen können, ohne besondere Festlegungen.

Woher zogen Sie Ihre Inspiration der Geschichte? Dachten Sie von Anfang an an einen Gruselfilm oder entwickelte es sich in Ihrem Kopf aus einem anderen Genre?

„Stoker“ begann als Mischung aus Hitchcocks Im Schatten des Zweifels und The Stepfather (mit Terry O'Quinn) als auch aus Bruchstücken der Vampirmythologie. Ich finde, eine der interessantesten, sympathischsten Interpretationen der Dracula-Figur ist, dass er eigentlich nur eine weitere einsame Seele ist, die sich durch die Jahre schleppt, auf der Suche nach jemandem, der ihn liebt, wie er ist - mit den Fangzähnen und allem. Ich denke das macht das Kernstück der Onkel-Nichte-Dynamik in „Stoker“ aus.

Und warum der Film an der Oberfläche „düster“ wirkt... Mein Originaldrehbuch war nicht so grausam wie Saw oder Texas Chainsaw Massacre. Man geht ja nicht in solche Filme, um sich in die Charaktere einzubringen. Man will sehen, wie heiße Bräute auf neue und kreative Art und Weise abgeschlachtet werden. Meine Hoffnung bei „Stoker“ war es, dass sich die Zuschauer in die Charaktere einfühlen. Dann, wenn entsetzliche Dinge geschähen, würde es anders resonieren. Inniger.

Wie verläuft Ihr Schreibprozess?

Ich wähle mir einen Soundtrack aus oder stelle ihn zusammen und höre nur ihn, bis das Drehbuch beendet ist. Das hilft mir, in den passenden Groove zu kommen, und in ihm zu bleiben. Der Soundtrack zu „Stoker“ war „The Hours“ von Philip Glass. Ich muss ihn etwa 300 Mal gespielt haben.

Schreiben Sie in Spurts?

Ja, manchmal bis zu zehn Stunden am Stück. Dann schreibe ich wieder tagelang nichts. Hängt von meiner Stimmung ab. (Und meinem Abgabetermin.)

Haben Sie einen bestimmten Ort, wo Sie schreiben?

Meinen Schreibtisch. Oder ich sitze auf einem Stuhl an der kleinen Insel in meiner Küche. Ich habe niemals versucht, in einem Café zu schreiben. Ich weiß einfach instinktiv, dass das nichts für mich ist. Jemand, der rechts neben mir sitzt und mit offenem Mund kaut, jemand, der links von mir Pornos auf seinem Laptop ansieht...zu viele Ablenkungen. Außerdem mag ich es, die Szenen durchzuspielen, wenn ich sie schreibe, was die anderen Gäste womöglich missverstehen könnten.

Haben Sie Filme, die Sie sich immer aufs Neue ansehen, um deren Struktur zu studieren?

Nein, aber wenn ich so zurückblicke, habe ich eine Menge aus den vier Staffeln von Prison Break gelernt. Es war eine schonungslos handlungstreibende Serie, und die Autoren waren sehr gut darin, Verbindungen herzustellen und lose Enden zu verknüpfen. Ich glaube, ich habe während dieser Zeit eine Menge über Storyaufbau absorbiert, auch wenn unbewusst.

Revidieren Sie eine Menge?

Ich revidiere wie besessen. Es ist mir wichtig, eine saubere Seite zu haben. Ich bin kein Grammatikgott (beim besten Willen nicht), aber ich versuche, die Übersicht zu behalten. Wenn ich einen Text lese, dessen Rechtschreibfehler mich anstarren, dann zieht mich das gleich völlig aus der Geschichte. Es mag zynisch klingen, aber ich nehme niemals an, dass ich dann die volle Aufmerksamkeit der Leser habe, oder dass sie sich freiwillig durch das kompakte, unleserliche Material kämpfen. Also versuche ich, meine Schrift so benutzerfreundlich wie möglich zu gestalten.

Haben Sie Bücher über das Drehbuchschreiben gelesen?

Ich habe noch nie ein solches Buch gelesen, noch habe ich an einem Drehbuchschreibkurs teilgenommen. Ich bin grundsätzlich nicht gegen eine solche Idee, doch ich mag, was ich hier von Natur aus am Laufen habe, und möchte das bewahren. Die eine Frage, die ich mir selbst stelle, wenn ich einen Text zum 60. Mal lese, ist: „Werde ich immernoch unterhalten?“ Ist die Antwort „Ja“, nehme ich an, andere Leute werden das auch.

Der Film wurde geschrieben, bevor es eine nationale Debatte über Waffengewalt gab. In Anbetracht der jüngsten Amokläufe in Schulen, stößt es sehr auf, dass unsere Filmheldin eine Schülerin ist, die von Waffen besessen ist. Wenn man Leute in Hollywood über Gewalt in Filmen fragt, kommt meist die Antwort, dass Filme von der Realität abweichen. Wie sind Ihre Gedanken darüber?

Was ich dazu sagen kann, ist, dass ich nach dem Verkauf des Drehbuchs an Fox Searchlight keinerlei Einflüsse auf die filmische Umsetzung hatte. Das Drehbuch wurde mehrere Male von unterschiedlichen Autoren revidiert. Folglich ist das Endprodukt beides - von mir und doch nicht von mir. So ist es nunmal im Filmgeschäft. Es ist gemeinschaftlich. In meinem Entwurf war Mia Wasikowskas Figur nicht von Waffen besessen. Ihr Vater versuchte, sie von Gewalt, gewalttätigen Beschäftigungen und allem anderen abzuschirmen, was eventuell das auslösen konnte, was unter der Oberfläche lag.

Stimmt es, dass Sie bereits ein Prequel zu „Stoker“ geschrieben haben? Wird es produziert? Wird Matthew Goode wieder mitspielen? Schreiben Sie noch an anderen Projekten/Filmen?

Ja, das Prequel heißt „Onkel Charlie“. Ich schrieb es während der Verkaufsverhandlungen von „Stoker“. Als das Studio „Stoker“ kaufte, kaufte es auch die kreativen Rechte an dessen Figuren, daher liegt es an ihnen, das Prequel zu drehen, sollten sie sich dazu entschließen. Werden sie? Keine Ahnung. Aber meine Hoffnung liegt natürlich darin, dass die Schauspieler ihre Rollen wieder aufnehmen. Ich glaube, andererseits würde ich die Zuschauer dagegen aufwiegeln. Ich habe seitdem zwei weitere Drehbücher geschrieben, habe mein erstes ausländisches Remake ausgeführt als auch meine erste Romanadaption. Ich bin besonders stolz auf die letzten beiden, denn sie waren meine ersten Auftragsarbeiten.

Sie sind eine sehr private Person, was sicher nicht einfach ist, wenn man rund um die Uhr unter der Beobachtung der Presse steht. Ist das etwas, womit Sie sich während Prison Break herumschlagen mussten? Ist das einer der Gründe, warum Sie sich eine Auszeit von der Schauspielerei genommen haben, um Ihrer Privatsphäre wiederzubekommen?

Nein, ich nahm eine Auszeit, weil ich ausgebrannt war. Und ich fand, ich brauchte einen Moment - ein paar Momente - zum Atmen, und mein sprichwörtliches Haus in Ordnung zu bringen. Und ich nahm mir Zeit, mich neu zu ordnen, neue Prioritäten zu setzen, ein wenig erwachsen zu werden. All das war am besten im Privaten zu machen, fernab von Kameras.

Ich habe heute eine andere, flexiblere Auffassung von Privatsphäre als damals, als ich als Schauspieler in Fahrt kam. Was auch nützlich ist, denn es fühlt sich so an, als wenn Ruhm und Berühmtheit nicht mehr die Stränge wie früher besitzen. Die Serie ist jetzt schon seit Jahren vorbei, doch dank Netflix und hulu entdecken Tag für Tag immer mehr Leute Prison Break. Irgendwelche Leute kommen auf mich zu und erwähnen einen Moment aus Episode 12 der 2. Staffel, die sie gestern abend gesehen haben, und ich hätte keinen blassen Schimmer, wovon sie reden, weil wir das vor sieben Jahren gedreht hatten.

Aber das Beste sind immer wieder total fremde Leute, die mich auf der Straße in die Enge treiben und mich über meine Karriereaussichten in die Mangel nehmen. „Woran arbeiten Sie gerade? Haben Sie einen Film in Aussicht?“ Ich dann: „Nein, eigentlich schreibe ich gerade.“ Dann sehe ich das Funkeln in deren Augen aufleuchten und gleichzeitig wieder erlöschen. Sie sagen dann: „Hä?“ Und ich dann: „Jap, Schreiben.“ Dann sehen sie mich an, als hätte ich ein Verbrechen gestanden und wissen dann nicht, was sie sagen sollen, und gehen weiter.

Googlen Sie sich jemals?

Für eine lange Zeit schon nicht mehr. Es gibt nichts, was das Internet weiß, was ich nicht schon selbst über mich weiß. Der Rest ist Unsinn und Leute, die die Zeit totschlagen. (Nicht, dass ich etwas gegen Unsinn hätte oder Zeit totschlagen. Hab ich nicht. Ich habe ein gesundes Interesse an beidem.) Quelle: The Daily Beast/Ramin Setoodeh ■ mz

5. Mai 2013
OT: Stoker
Drama/Thriller
USA 2013
99 min
FSK 16


mit

Mia Wasikowska (India Stoker) Janin Stenzel
Nicole Kidman (Evelyn „Evie“ Stoker) Petra Barthel
Matthew Goode (Charles Stoker) Norman Matt
Alden Ehrenreich (Whip Taylor) Jacob Weigert
Peg Allen (Haushälterin #1) Denise Gorzelanny
Lauren E. Roman (Haushälterin #2) Eva Thärichen
Lucas Till (Pitts)
Jacki Weaver (Gwendolyn Stoker)
Dermot Mulroney (Richard Stoker)
Judith Godrèche (Doctor Jacquin)
Ralph Brown (Sheriff)
u.a.

drehbuch
Wentworth Miller
Erin Cressida Wilson

musik
Clint Mansell

kamera
Chung-Hoon Chung

regie
Chan-Wook Park

produktion
Fox Searchlight Pictures
Indian Paintbrush
Scott Free Productions

verleih
20th Century Fox

Kinostart: 9. Mai 2013