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Prince Avalanche


Lance und Alvin diskutieren bei der Arbeit.
© Koolfilm
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Autor und Regisseur David Gordon Green sagt über sich selbst, dass er zwei Seiten hat: »Ich bin noch 11 Jahre alt. Dann und wann tue ich so, als wäre ich 38, aber das geht nicht gut.« Viele von uns haben diese zwei Seiten. Und genau dieser Gedanke half ihm, Prince Avalanche zu schreiben.

Im Jahr 2012 hatte der preisgekrönte Regisseur von Indie-Perlen wie George Washington und All the real Girls und von Studioerfolgen wie Bad Sitter und Ananas Express gerade einen Chrysler-Werbespot mit Clint Eastwood für den Super Bowl abgedreht. »Das waren ungewöhnliche Dreharbeiten – nur 10 Typen in einem Bus, enorm abgespeckt für einen derart großen Werbespot. Danach sagte ich mir: Mensch, ich würde so gerne mal einen Film auf diese Art drehen!«

Am Sonntag des Super Bowls sah sich Green das Spiel in Austin (Texas) mit Freunden von der Musikgruppe Explosions in the Sky an. Deren Drummer erzählte vom Bastrop State Park vor den Toren der Stadt, der vor wenigen Monaten von einem Waldbrand heimgesucht worden war. »Am nächsten Tag war ich da und sah mir den Ort an und wusste sofort: Hier will ich einen Film drehen, genauso abgespeckt wie bei dem Chrysler-Spot, und noch bevor der Frühling kommt!« Fehlte nur noch eine Geschichte...

Alvin und Lance haben das Vergnügen, eine schier endlose Straße durch abgebrannten Wald mit neuen Pfosten und gelben Mittelstreifen zu verzieren. Der grüblerische Alvin schätzt die Natur und schreibt seiner Freundin Madison lange Briefe. Den jungen Lance hat er nur unter seine Fittiche genommen, weil er ihr Bruder ist. Doch der hasst den Job und die einsame Gegend und sehnt das Wochenende herbei, um in der Stadt zu feiern und Mädels aufzureißen. Schon bald nerven und balgen sich die beiden seltsamen Typen...

Ein Freund von Green in New York hatte die Lösung: »Ein Freund von mir hat gerade bei einem isländischen Film über zwei Typen auf der Straße mitgemacht. Such doch nach dem Film und mach ein Remake!« Dieser Film war Either Way (OT: Á annan veg) von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, der gerade in Turin 2011 den Wettbewerb gewonnen hatte. Green erhielt eine DVD von den Filmemachern, sah ihn auf seinem Laptop während eines Flugs an und entschied: »Das ist genau das, was ich im Sinn hatte!«

Noch vor Ankauf der Remake-Rechte dachte er an die beiden Personen, die er am besten kennt: »Mich und mich. Ich machte mir Notizen, diese beiden Figuren sind eigentlich ein Gespräch zwischen zwei Versionen von mir selber. Die Art, wie ich mit mir selber streite oder mir gegenüber als Advokat des Teufels auftrete. Ich schrieb die Figuren aus großer Nähe und eigener Sicht.«

Alvin und Lance könnten kaum verschiedener sein: »Zu Beginn ist ziemlich klar, dass sie keine Gemeinsamkeiten haben«, so der Regisseur. »Da gibt es nur Opposition und Herablassung. Sie mögen nicht die gleiche Musik, sie essen nicht das Gleiche. Sie sind sich über nichts einig. Jeder hat genau die Eigenschaften, die den anderen zum Wahnsinn treiben, vor allem, weil sie die einzigen in der Ödnis sind. Sie schlafen im gleichen Zelt, sie arbeiten zusammen, sie sind die ganze Zeit zusammen – kein Entrinnen.«

Alvin ist Pedant, »ein Saubermann, sogar beim Zelten. Fast schon ein bisschen affektiert.« Und er ist der Boss, der Regeln aufstellt - und sich dann nicht dran hält, wie an die Vereinbarung zur gleichen Nutzung des Radiorekorders. Übrigens: »Alle waren geradezu süchtig nach dem seltsamen Deutschsprachkurs-Tape - einfach zum Anhören. Es war so komisch!«

Lance könnte auf all das gut verzichten. Emile Hirsch: »Er hält Alvin für langweilig und tyrannisch, eine Spaßbremse, die ihm Sachen beibringen will, die er gar nicht lernen will. Aber er nimmt das hin, weil Alvin der Freund seiner Schwester ist. Beide fühlen sich dem anderen gegenüber verpflichtet. Alvin hat wahrscheinlich keine Geschwister – oder sonst etwas. Er investiert alles in die Beziehung mit seiner Freundin«, die zum Scheitern verurteilt ist, so wie sein Charakter beschaffen ist.

»Er hat sich nicht wirklich in diese Frau verliebt«, so Green, »aber er ist überzeugt davon. Er hat sich in das verliebt, was er mit ihr ist, was sie aus ihm macht. Er bastelt sich zurecht, wer er sein und für sie werden möchte. Seine Briefe sind etwas seltsam. Alvin hat etwas Altertümliches an sich, wie aus einer Ära, als man noch Briefe schrieb. Ich glaube, es geht ihm mehr darum, wie er sich als Schriftsteller macht, als um das, was er schreibt.«

Das Problem ist, dass Alvin ständig versucht, sich selbst zu finden. Dafür die Stadt für Monate verlässt um in der Wildnis zu zelten, statt daheim zu sein und eine echte Beziehung zu führen. Paul Rudd: »Er ist einer von den Typen, die immer nach Selbsterkenntnis suchen – und dabei nur weglaufen. Letztlich zwingt er seine Freundin, aufzugeben und sich jemand anderen zu suchen der für sie da ist.«

Lance wäre dagegen immer verfügbar – wenn er nicht während der Woche mit Alvin in der abbrannten Wildnis feststecken würde. »Er ist ein Stadtkind, das mit der Natur nichts anfangen kann. Sein Leben ist den Mädels und dem Feiern gewidmet«, erzählt Hirsch. Lance ist kein besonders komplizierter Charakter. Er liest in seiner Freizeit Comics und verziert den Zeltboden mit gelben Streifen aus der Senftube. »Er ist nicht dumm, nur sehr jung, aber bereits alt genug um zu merken, dass es Zeit wird damit aufzuhören. Er fängt an, sich als „alt und fett“ zu sehen, er ist nicht mehr 19. Da wo er sich in der Stadt aufhält, gilt er bereits als alt – er feiert als Endzwanziger mit Zwanzigjährigen.«

Auf ihrem Trip begegnen Alvin und Lance einem ruppigen alten Trucker, ein kauziger Typ, wie man ihn oft in Greens Filmen findet. »Ich glaube, das Seltsame zieht mich an«, erzählt Grren. »Vermutlich ist jeder in meinen Filmen seltsam. Aber meine Freunde und Verwandten und Kumpels sind das auch, und darum sind sie so interessant. Ich mag Filme, deren Figuren etwas von einem Außenseiter an sich haben, ohne dass daraus eine Freakshow gemacht wird. Es macht einfach Spaß, ihnen zuzusehen.«

Der Trucker wird von Lance LeGault gespielt, der nicht lang nach Abschluss der Dreharbeiten starb. »Er war eine Naturgewalt, mutig und unverblümt«, fügt Green an. LeGault vergnügte die gesamte Mannschaft mit fast wahren Geschichten aus einem Leben voller Hollywoodabenteuer. Sogar mit Elvis Presley hat er mal musiziert. »Er war ein Showman alter Schule. Ein knurriger alter Mistkerl. Er kam mit seiner Frau und einer Sauerstoffflasche und legte diese wunderbare Improvisation mit Emile und Paul hin.« Paul Rudd: »Er war ein echter Cowboy, er hatte was von John Wayne.« Emile Hirsch: »Er verstand sein Handwerk und beherrschte die Technik, und er konnte aus der Figur heraus improvisieren, das war wirklich faszinierend!«

»Alvin hält sich für einen größeren Naturburschen und echten Kerl, als er eigentlich ist«, sagt Green über Alvins einsames Wochenende im Wald. Seine gekünstelte Männlichkeit entgeht dem hartgesottenen Trucker natürlich nicht. Als Alvin eine Zigarre von ihm schnorrt, sagt er: „Du solltest das nicht rauchen – du siehst dabei aus wie ein Idiot!“ David Gordon Green kam das bekannt vor: »Das hat mal Sam Shepard zu mir gesagt, als er mir eine Zigarette gab. Er sagte: „Du siehst dumm aus.“«

In einer ganz besonderen Szene trifft Alvin auf eine ältere Frau, die die Trümmer ihres Hauses durchkämmt. »Einer unserer Produzenten fand diese wunderbare Lady, Joyce Payne. Er machte ein Video davon, wie sie ihn durch ihr zerstörtes Haus führt, das mir sehr gefiel«, berichtet Green. »Da habe ich dann eine ähnliche Szene geschrieben, in der sie Alvin durch ihr Haus führt, und fragte sie, ob sie das trotz Kamera und Mikro für uns machen könnte. Und sie war unglaublich natürlich!«

Für Paul Rudd war es ein unvergessliches Erlebnis: »David drehte das fast dokumentarisch im Stil. Sie war einfach da und ging durchs Haus, und wir unterhielten uns ein bisschen darüber, wonach sie suchte. Da war diese Traurigkeit in ihr: „Ich hatte alle diese Dinge, diese Dokumente meines Lebens. Und nun ist das alles fort, ich habe keinen Beweis dafür, dass es existierte.“ Sie fühlte sich, als wäre sie auch verschwunden. Sie war wund und traurig und schön, eine wunderbare Lady.«

Green setzt Ms. Payne in zwei weiteren Szenen ein, zusammen mit Lance LeGaults Trucker. Es scheint, als würde sie ihn begleiten, wie Lance und Alvin sagen, nur dass LeGault keine Ahnung hat, von welcher alten Frau sie sprechen.

»Das habe ich zum Teil aus dem isländischen Film übernommen«, sagt Green. »Es handelt sich um eine sehr verbreitete Geistergeschichte von einer nicht realen Frau, die die Straße entlanggeht. Als wir auf Joyce stießen, haben wir ihr einfach diese Rolle gegeben, es passte.« Ist sie also ein Geist? »Das ist der Witz am Film. Vielleicht gibt es eine Welt mit Geistern, vielleicht ist es nur Wahn. Der Eindruck ist so ätherisch, ich glaube, ich weiß es selber nicht genau!«

Und das kommt bei dem Film auch so rüber. Man weiß nicht genau: Sind die beiden Figuren echt oder nur Einbildung? Green überlässt dem Zuschauer die Interpretation, ob sie die Waldgeister einer vergangenen Zeit sind oder echte Menschen am Rande der Existenz. Auch das Spiel der beiden Hauptfiguren wirkt recht authentisch. Paul Rudd und Emile Hirsch spielen ihre schrulligen Rollen bis ins Detail und machen den Film zu einem sehenswerten Kammerspiel, auch wenn die Kammer ein abgebrannter Wald ist.

Letztlich vermittelt das Filmen im Bastrop State Park, wo sich die Natur langsam aber sicher erholt, genau die Botschaft, die Green auch beabsichtigt hatte, sagt Paul Rudd abschließend: »Die Natur schafft es irgendwie immer wieder, sich zu regenerieren. Ein paar Monate bevor wir dort waren, sah es noch viel öder aus. Da war nichts gewachsen. Als wir dann mit dem Dreh begannen, fingen einige grüne Stellen zu blühen an.«

Emile Hirsch stimmt dem zu: »Dieser Prozess hat etwas an sich. Trotzdem alles, was die beiden vorher in ihrem Leben hatten, irgendwie niedergebrannt ist, gibt es Neuanfänge.« Beide lernen voneinander und kulminieren am Ende in einem Gesangsduett trunkener Männer im Wald, die die sprichwörtliche Sau rauslassen und sich auf ihren neuen Lebensweg machen... ■ mz

2. November 2013
OT: Prince Avalanche
Drama/Komödie
USA 2013
94 min
FSK 6


mit

Paul Rudd (Alvin) Norman Matt
Emile Hirsch (Lance) Ozan Ünal
Lance LeGault (Truckfahrer)
Joyce Payne (Pilotin)
Gina Grande (Madison)
Lynn Shelton (Madisons Stimme)
u.a.

drehbuch
Hafsteinn Gunnar Sigurðsson (Originalgeschichte)
David Gordon Green (Adaption)

musik
Explosions in the Sky
David Wingo

kamera
Tim Orr

regie
David Gordon Green

produktion
Muskat Filmed Properties
Rough House Pictures
Dogfish Pictures
Dreambridge Films
Lankn Partners
The Bear Media
To get to the other Side Productions

verleih
Koolfilm

Kinostart: 26. September 2013