Samstag, 16. Dezember 2017

The Company you keep - Die Akte Grant


Jim Grant auf der Flucht
© Concorde
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Die Weather Underground Organisation

Mit seinem neuesten Politthriller The Company you keep (mit dem deutschen Untertitel Die Akte Grant) zeigt uns Robert Redford, dass er es noch drauf hat. Der mittlerweile 76-Jährige sitzt nicht nur auf dem Regiestuhl, sondern spielt auch gleichzeitig die Hauptrolle, in der er joggt und rennt! Doch das Alter macht sich bemerkbar, denn die Puste ist es auch schließlich, die ihm im Film am Ende scheitern lässt.

An seine Seite, bzw. vor der Kamera, versammelte er dem Filmtitel würdig noch einmal eine Riege von Altstars wie Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte, Sam Elliott und Richard Jenkins, als auch aufkeimende Jungakteure wie Anna Kendrick, Brit Marling oder Shia LaBeouf, der hier im Prinzip die Aufdeckerrolle spielt wie Redford damals in Die drei Tage des Condor.

Jim Grant ist ein auf Bürgerrecht spezialisierter Anwalt, der seine junge Tochter Isabel in einem ruhigen Vorort von Albany allein großzieht. Seine friedliche Welt wird auf den Kopf gestellt, als der forsche, ehrgeizige Jungreporter Ben Shepard herausfindet, dass Grant sich hinter einer falschen Identität versteckt, in den 1970er Jahren als radikaler Aktivist gegen den Vietnamkrieg kämpfte und wegen seiner Beteiligung an einem Gewaltverbrechen gesucht wird.

Nachdem er mehr als 30 Jahre in den Untergrund abgetaucht war und ein ganz normales Leben geführt hatte, muss Grant nun erneut fliehen. Verfolgt vom FBI und einem leitenden Ermittler, der zur nationalen Treibjagd auf den Anwalt geblasen hat, schlägt sich Grant quer durch Amerika, um die einzige Person zu finden, die die ganze Wahrheit kennt.

Ben Shepard ist sich der Bedeutung seiner Enthüllungen, die überall im Land für Schlagzeilen sorgen, sehr wohl bewusst. Für ihn als Journalist ist diese Story eine Gelegenheit, die sich nur einmal im Leben bieten wird. Shepard ist besessen davon, sich als Journalist einen großen Namen zu machen. Und nichts wird ihn davon abhalten können, aus dieser Geschichte richtig Kapital zu schlagen. So vergräbt er sich tief in Grants Vergangenheit und verfolgt ihn unerbittlich – trotz Warnungen seines Chefredakteurs und ungeachtet der Drohungen des FBI.

Jim Grant kontaktiert frühere Mitglieder des Weather Underground, seiner damals militant gegen den Vietnamkrieg kämpfenden Aktivistengruppe, und reißt bei manchen alte Wunden auf. Dagegen entdeckt Shepard etwas an Grant, das einfach keinen Sinn zu machen scheint. Während das FBI immer näher kommt, enthüllt der Journalist die schockierenden Geheimnisse, die Grant 30 Jahre gewahrt und für sich behalten hat. Schließlich stehen sich Grant und Shepard in der Wildnis von Michigan direkt gegenüber. Jetzt müssen die beiden Männer mit sich ins Reine kommen, sich klar werden, wer sie wirklich sind...

»Für mich war das einfach eine gute Geschichte. Sie erlaubt uns, einen intimeren Blick auf ein Ereignis zu werfen, das zur Geschichte Amerikas gehört«, erläutert Redford. »Dieser Film ermöglicht es uns nicht nur, diese Ereignisse in der Rückschau zu betrachten, sondern wirklich zu ihrem menschlichen Kern vorzudringen. Hier sehen wir, welches Leben diese Menschen 30 Jahre später führen, wie sie im Untergrund und mit einer falschen Identität leben.«

Der Film handelt von einer linksextremen, militanten Untergrundorganisation, ein halbwegs US-amerikanisches Äquivalent zur radikalen RAF, die damals Deutschland terrorisierte. Aber für den Regisseur war nicht der historische Hintergrund ausschlaggebend, sondern viel mehr die persönlichen Schicksale der Aktivisten.

»Etwas an dieser Geschichte erinnerte mich an „Les Misérables“ und die Hauptfigur Jean Valjean, der für den Diebstahl von einem Laib Brot 19 Jahre hinter Gittern verbrachte«, analysiert Redford. »Er floh aus dem Gefängnis, nahm eine neue Identität an, bekam eine Tochter, führte ein gutes Leben, und trotzdem ließ ihn der Schmerz der Vergangenheit nie los. Wie werden diese Menschen also mit so etwas fertig? Verändern sie sich oder auch nicht? Für mich lieferten die Antworten auf diese Fragen die interessante Geschichte, die erzählt werden musste. Es ging weniger um die Anti-Kriegsbewegung selbst, denn sie ist Teil der amerikanischen Geschichte.«

Der Fokus lag eher darauf, wie Grant sich den Geistern seiner Vergangenheit stellt, wie sich seine Beziehung zu allen Mitstreitern, die immer noch im Untergrund leben, verändert. Grant hofft, sich selbst entlasten zu können und endlich vom Mordverdacht befreit zu werden, der ihn Jahrzehnte zuvor zwang, als Student mit Verbindungen zum radikalen Rand der Anti-Kriegsbewegung zu fliehen.

»Bei diesem Film geht es um eine Gruppe von Menschen, die im Untergrund lebten«, fährt Redford fort. »Sie standen sich sehr nah, waren einander durch die Lebensweisen der damaligen Zeit und das, was alle damals bewegte, verbunden. Jetzt sind sie älter geworden, haben andere Wege eingeschlagen. Einige von ihnen nehmen es sich übel, dass sie das getan haben. Andere zeigen Reue.

Einige von ihnen haben damals fest an ihre Sache geglaubt, aber auch das Gefühl, den Rest ihres Lebens dafür bezahlen zu müssen. Andere wiederum hielten es damals schon für eine gerechte Sache und glauben, dass diese auch heute noch Gültigkeit besitzt. Es gibt also viele unterschiedliche Gefühle und Beziehungen. Mich faszinierte, wie sie sich gegenseitig beeinflussten.«

Redford plante die Entwicklung des Drehbuchs wie auch die Produktion bis ins letzte Detail. Trotzdem überließ er beträchtliche Teile der Geschichte der Interpretation der Schauspieler. Tatsächlich ermunterte er sie, etwas zur Story beizutragen, schließlich ist er selbst Schauspieler. »Zu Beginn war das Drehbuch nicht mehr als ein dramaturgisches Fundament, das wir dann bei den Proben ausbauten«, erinnert sich Shia LaBeouf an die Zusammenarbeit des Regisseurs mit seinen Darstellern.

»Ich glaube, es hatte nicht mehr als 80 Seiten, als ich es erstmals las, und dann begann er, Leben in das Skript hineinzupumpen. Er machte es möglich, dass wir 20 Seiten frei entwickeln konnten. Er fühlte sich immer noch sicher und wohl genug, grünes Licht dafür zu geben. Und er hatte das Selbstvertrauen und das Vertrauen in sein Team, dass man auch vorankommen würde.«

Als Beispiel führt LaBeouf eine Szene an, in der er als Journalist in einem Diner in Ann Arbor auf Brendan Gleesons pensionierten Polizeichef zugeht, um Informationen aus ihm herauszubekommen: »Ursprünglich gab es diese Szene im Drehbuch gar nicht. Dann wird jemand vom Kaliber wie Brendan Gleeson besetzt, und dann legt man einfach los... Redford lässt Freiräume zu, aber solche Szenen sind dennoch strukturiert. Sie sind nicht nur improvisiert. Was und warum etwas erklärt werden muss, das gibt die Struktur vor.

Er hat alles total unter Kontrolle, doch er lässt seinen Film sich so frei entwickeln, als gäbe es weder Kontrolle noch irgendwelche Grenzen. Dadurch können sich authentische Momente entfalten, und trotzdem bleibt die Struktur gewahrt. Was er macht, ist wirklich verblüffend! Und es scheint ihm so leicht zu fallen. Das ist das Schöne an ihm.«

Für Redford waren weder Effektspezialisten noch Digitalanimatoren für das Feuerwerk in diesem Film verantwortlich, sondern die explosiven Interaktionen zwischen den Figuren und ihren Darstellern - ein Konzept, das in eine andere Ära des Filmemachens zurückführt, wie er offen zugibt: »Heute sind die neuen Technologien die zentralen Motoren vieler Filme«, erläutert Redford.

»Es gibt viele verblüffende Stunts, die es oft unmöglich machen, zu unterscheiden, was virtuell oder real ist. Manches davon kann unglaublich unterhaltsam sein. Bei einigen der großen Blockbuster-Filme ist diese Technologie Motor der ganzen Geschichte, gibt es vielleicht sogar kaum noch eine Geschichte, dafür aber viel Action und jede Menge Entertainment. So etwas gab es in den 1970er Jahren einfach nicht. Damals hatte das Geschichtenerzählen im Film noch eine viel größere Bedeutung, und das gefällt mir natürlich. Ich denke, ich bevorzuge immer noch ein Kino, das sich vor allem für den Menschen interessiert.«

Zum Schluss resümiert Robert Redford über seine eigenen Belange im Leben: »Als Kind liebte ich Frankenstein, Filme mit den Drei Stooges und Musicals. Und daran hat sich nichts geändert. Als Künstler aber widmet man sich Dingen, die einem wirklich wichtig sind. Und für mich sind das eben Geschichten über das Leben in Amerika. Es ist ein großartiges Land, aber wir müssen auch einen Blick auf die Grauzonen unseres Landes werfen. Und genau das interessiert mich. Schließlich habe ich alles miterlebt.«

The Company you keep - Die Akte Grant ist, wie schon gesagt wurde, Kino der alten Schule. Und auch wenn der Film nur mäßig spannend ist, was eher am Drehbuch liegt als an Mangel von Effekten, so ist er allein schon deshalb sehenswert, die Schauspieler der „alten Garde“ zusammen auf der Leinwand zu sehen. Immerhin haben Robert Redford und Julie Christie bislang noch nie zusammengearbeitet, trotzdem ihre Karriere fast gleichzeitig verlief. Ein weiterer Pluspunkt ist, das Shia LaBeouf weniger nervt als sonst. Die erfahrene Schauspielerriege muss wohl auf ihn abgefärbt haben.

Und dann ist da noch die Frage nach der deutschen Synchronstimme Robert Redfords. Nachdem Rolf Schult in diesem Jahr von uns gegangen ist, der Redford über Jahre hinweg seine markante Stimme verliehen hat, musste eine neue Stimme her. In Redfords letztem Film, Von Löwen und Lämmern, war bereits Kaspar Eichel zu hören. Offensichtlich wollte man sich jetzt mehr an Redfords Originalstimme ausrichten als an Eichels Ähnlichkeit mit Schults Stimme. So ist in diesem Film Jürgen Heinrich zu hören, bekannt als Kommissar Wolff aus Wolffs Revier. Heinrich kann aber auch auf eine Synchronsprecherkarriere zurückweisen. Unter anderem sprach er Don Stroud in der Serie Mike Hammer und Fred Dryer in Hunter, und er ist die Synchronstimme von Tchéky Karyo und William Hurt. The Company you keep, finde ich. ■ mz

27. Juli 2013
OT: The Company you keep
Thriller
USA 2012
125 min
FSK 6


mit

Robert Redford (Jim Grant/Nick Sloan) Jürgen Heinrich
Shia LaBeouf (Ben Shepard) David Turba
Julie Christie (Mimi Lurie)
Susan Sarandon (Sharon Solarz) Kerstin Sanders-Dornseif
Nick Nolte (Donal Fitzgerald) Tommi Piper
Chris Cooper (Daniel Sloan) Jan Spitzer
Terrence Howard (FBI Agent Cornelius) Oliver Mink
Stanley Tucci (Ray Fuller) Lutz Mackensy
Richard Jenkins (Jed Lewis)
Anna Kendrick (Diana) Anne Helm
Brendan Gleeson (Henry Osborne) Roland Hemmo
Brit Marling (Rebecca Osborne) Berenice Weichert
Sam Elliott (Mac McLeod) Reiner Schöne
Stephen Root (Billy Cusimano) Jörg Döring
Jacqueline Evancho (Isabel Grant)
Matthew Kimbrough (Barnes) Detlef Bierstedt
Lochlyn Munro (FBI Agent Munro) Dennis Schmidt-Foß
u.a.

drehbuch
Lem Dobbs
basierend auf dem Roman von Neil Gordon

musik
Cliff Martinez

kamera
Adriano Goldman

regie
Robert Redford

produktion
Voltage Pictures
Wildwood Enterprises
Brightlight Pictures
Kingsgate Films
Outpost Studios
TCYK North Productions

verleih
Concorde

Kinostart: 25. Juli 2013