Mittwoch, 13. Dezember 2017

Only God forgives


Julian im Bann der Rache
© Tiberius Film
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Regisseur Nicolas Winding Refn feierte mit seinem neuesten Werk ein Wiedersehen im diesjährigen Wettbewerb um die „Goldene Palme“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Bereits 2011 wurde er für seinen Film Drive mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

In der zweiten Zusammenarbeit des Regisseurs mit Ryan Gosling führt uns Refn nach Bangkok, wo die ungleichen Brüder Julian und Billy im Rotlichtviertel inmitten von Luxus, Sex, Sünde und Verbrechen leben. Dreh- und Angelpunkt für ihre illegalen Geschäfte ist ihr Kickbox-Club. Der unbarmherzige Kopf des Familienkartells ist jedoch ihre unnahbare, schöne und erbarmungslose Mutter Crystal.

Als Billy eine Prostituierte auf brutale Weise ermordet, setzt die Polizei den pensionierten Lieutenant Chang auf ihn an. Der selbsternannte Racheengel sorgt auf seine ganz eigene Art für Gerechtigkeit, woraufhin Billy seine Tat mit dem Leben bezahlt. Die trauernde Crystal sinnt auf Rache und schickt Julian auf eine blutige Jagd nach Vergeltung durch Bangkoks Unterwelt.

»Irgendwie ist Only God forgives wie eine Zusammenfassung aller Filme, die ich bisher gemacht habe«, erklärt der Regisseur. »Ich glaube, dass ich mit Hochgeschwindigkeit auf eine kreative Kollision zusteuere, um alles um mich herum zu verändern. Ich habe immer gesagt, dass ich Filme über Frauen machen werde, aber am Ende waren es dann doch nur Filme über brutale Männer. Und jetzt, da alles zusammenprallt, könnte es damit enden, dass bei mir alles auf den Kopf gestellt wird. Diese Kollision ist so aufregend, weil alles so ungewiss ist. Der zweite Feind der Kreativität ist nach dem guten Geschmack die Vorsicht.«

In Sachen Kreativität kreuzt Refn bei diesem Film den Stil David Lynchs. Es gibt zahlreiche übersinnliche Szenarien, wenn Julian durch leere Korridore wuselt und teilweise mit der Umgebung verschmilzt. Der Film ist sehr wortkarg und durch die langen Kameraeinstellungen manchmal auch ein wenig unfreiwillig komisch. Er schreit förmlich nach einer Parodie!

Es ist ein sehr langsamer und ruhiger Film, auch wenn er recht brutal daherkommt. Allerdings halten sich die brutalen Tatvorgänge in Grenzen, weshalb die FSK den Film ab 16 Jahren freigegeben hat. Bis jedoch Kristin Scott Thomas im Film auftaucht und mit ihrem losen Mundwerk Tempo hineinbringt, gibt es Ryan Gosling in rot, blau, in rot und blau, im Dunkeln, und immer wieder mit stilistisch symmetrischen Hintergründen.

»Ursprünglich sollte die Rolle des Julian von einem anderen Schauspieler übernommen werden, aber der ist dann kurz vor Drehbeginn ausgefallen«, gesteht Nicolas Winding Refn. »Inzwischen denke ich, dass es ein Wink des Schicksals war, weil sich dadurch die Möglichkeit ergab, dass Ryan und ich unsere Zusammenarbeit fortsetzen konnten. Seltsamerweise hatte ich das Drehbuch zu Only God forgives schon vor dem Dreh von Drive geschrieben. Die Figur des Julian war schon von Anfang an als ein sehr stiller Charakter gedacht. Als Ryan nach der Fertigstellung von Drive anfing, mit mir am Drehbuch zu arbeiten, tauchte diese Sprache des Schweigens wie selbstverständlich auf.

Das war deshalb so hilfreich, da es bei Julian vor allem um seinen inneren Kampf geht, den die Kamera einfangen und wiedergeben muss. Julians Reise findet im Inneren statt. Aus heutiger Sicht kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand anderes als Ryan diesen Charakter hätte spielen können. Dass Kristin Scott Thomas die Rolle der Crystal spielen würde, stand schon sehr früh fest. Ich erinnere mich, dass sie mich bei unserem ersten Treffen fragte, warum ich ausgerechnet sie für diese Rolle wollte und meine spontane Antwort war: „Weil meine Mutter dich richtig gut findet.“ Ich hatte sie über die Jahre schon in verschiedenen Filmen gesehen und war immer wieder von ihrer brillanten Schauspielleistung überzeugt. Außerdem hat sie diesen Hauch von „klassischem Hollywood“.«

Zwischenzeitlich gibt es im Film immer wieder einmal eine musikalische Karaoke-Gesangseinlage - entweder von Racheengel Chang oder von dem surrealen Escort-Girl Mai - was auch wieder an Lynch erinnert. Auch die Filmmusik ist sehr seicht und bedrohlich langgezogen, dass der Film sehr gut zu einem lauen Sommerabend passt.

»Als es um die Besetzung der thailändischen Darsteller ging, war es schwieriger«, ergänzt der Regisseur. »Aufgrund der relativ großen Film-Community in Thailand habe ich immer gedacht, dass es dort zahlreiche Theaterschulen und Schauspieltraditionen gibt, aber ich irrte mich. Zwei Schauspieler zu finden, die Chang und Mai spielen und auch noch Englisch sprechen können, war wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es wurde einfacher, als ich die englischsprachigen Dialoge von Chang entfernte.

Ich traf Vithaya Pansringarm eineinhalb Jahre vor Drehbeginn und ich wusste sofort, dass er der Richtige für die Rolle des Chang ist. Ich kann nicht genau sagen warum, denn sein Vorsprechen war nicht herausragend. Aber da war etwas an ihm, das ihn ausmachte. Obwohl er diese Freundlichkeit und Ruhe ausstrahlt, vermittelte er ein Gefühl von Unberechenbarkeit, und diese Mischung hat mich sofort gereizt.«

Einigen wird Vithaya Pansringarm (Spitzname „Pu“) ein wenig bekannt vorkommen. Er spielte u.a. Colonel Komsan in Largo Winch II – Die Burma Verschwörung und den Minister in Hangover 2. Er ist Kampfsportler und trägt den schwarzen Gürtel (5. Dan) im Kendo, dem japanisches Fechten. Das passte natürlich zu seiner Rolle in diesem Film. Als Schwert schwingender Racheengel auf seinem unbarmherzigen Gerechtigkeitsfeldzug zeigt er jedenfalls keine Unzulänglichkeiten. Die Sache mit seinem Namen ist jedoch eine Geschichte für sich...

»Anfangs gab es Szenen, in denen Changs Name fällt, entweder sein sterblicher (Chang) oder sein unsterblicher Name (Racheengel)«, erzählt Refn. »Aber jedes Mal, wenn er beim Namen genannt wurde, verlor er meiner Meinung nach etwas von seiner Mystik. Deshalb entschloss ich mich dazu, alle Verweise auf seinen sowohl sterblichen als auch unsterblichen Namen zu entfernen.«

Es ist ein sehr spiritueller Film. Man kann auch sagen: Es ist ein transzendentaler Thriller. Wer hier einen Actionreißer wie Drive erwartet, wird jedoch enttäuscht! »Die ursprüngliche Idee war es, einen Film über einen Mann zu machen, der Gott herausfordern will«, sagt Refn. »Um diese Idee auszubauen, ergänzte ich eine Figur als Gegenspieler, die glaubt, Gott zu sein (Chang), während der Protagonist (Julian) ein Krimineller ist, der etwas sucht, an das er glauben kann. Natürlich ist die Suche nach Glauben etwas Existentielles, denn der Glaube basiert auf dem Wunsch nach einer höheren Antwort, zu der wir die Frage (meist) nicht kennen.« Zu diesem Film gibt es jede Menge Fragen. Die Antworten darauf bekommt man eventuell, wenn man sich den Film ansieht... ■ mz

22. Juli 2013
OT: Only God forgives
Thriller
USA/F/DK 2013
89 min
FSK 16


mit

Ryan Gosling (Julian) Tommy Morgenstern
Vithaya Pansringarm (Chang) Hans-Jürgen Dittberner
Kristin Scott Thomas (Crystal) Traudel Haas
Yayaying Rhatha Phongam (Mai) Julia Meynen
Tom Burke (Billy) Detlef Gieß
Sahajak Boonthanakit (Colonel Kim) Sven Gerhardt
Charlie Ruedpokanon (Daeng) Yoshij Grimm
Gordon Brown (Gordon) Thomas Hailer
u.a.

drehbuch
Nicolas Winding Refn

musik
Cliff Martinez

kamera
Larry Smith

regie
Nicolas Winding Refn

produktion
A Grand Elephant
Bold Films
Film i Väst
Gaumont
Wild Bunch

verleih
Tiberius Film

Kinostart: 18. Juli 2013