Freitag, 15. Dezember 2017

The Call - Leg nicht auf!


Partner wider Willen - Special Agent Sarah Ashburn und Detective Shannon Mullins
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Es kommt recht selten vor, dass ein Thriller so nah an der Realität erzählt wird und gleichzeitig dermaßen an den Nerven kitzelt. Regisseur Brad Anderson (Transsiberian, Der Maschinist) lässt Oscar®-Preisträgerin Halle Berry in einem atemlosen Kampf gegen die Zeit sich ihren größten Ängsten stellen.

Jordan Turner arbeitet als Operator bei der Polizeinotrufnummer 911 von Los Angeles. Sie scherzt mit den Kollegen, flirtet mit Officer Paul Phillips, und wickelt routiniert und hochkonzentriert die eintreffenden Notrufe ab. Eines Tages führt ein fataler Fehler von Jordan dazu, dass ein Mädchen während seines Notrufs von einem Einbrecher getötet wird. Sechs Monate nach dem Vorfall versucht Jordan noch immer, diese grausame Erfahrung zu verarbeiten, als sie erneut vor eine ähnliche Situation gestellt wird.

Die junge Casey ruft aus dem Kofferraum eines Autos an, nachdem sie von einem Unbekannten entführt wurde. Zahlreiche Versuche Jordans, dem Teenager am Telefon zu helfen, schlagen fehl. Als ihre Kollegen auch noch die Spur des Fluchtfahrzeugs verlieren, muss Jordan handeln. Denn mit jeder Sekunde, die verstreicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, Casey lebend retten zu können. Jordan beschließt, ihren Platz am Telefon zu verlassen und auf eigene Faust zu ermitteln. Sie ahnt nicht, in welche Gefahr sie sich damit begibt...

Drehbuchautor Richard d’Ovidio wurde durch seine Frau Nicole zu dem Skript inspiriert, nachdem diese im Radio ein Feature über 911-Notrufzentralen gehört hatte. D’Ovidio recherchierte in einem Call Center in Downtown Los Angeles, saß dort mit den Telefonisten zusammen, beobachtete sie bei der Arbeit und hörte den Gesprächen zu.

»Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, wurde mir ganz flau, aber sie blieben völlig ruhig und gefasst«, sagt er. »Ich hatte keine Ahnung, was als nächstes kommen würde, sie reagierten wie Profis. Sie halten wirklich die Stadt zusammen, ohne sie läuft nichts, weil sie Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte lenken.«

Aus den zahlreichen wahren Geschichten entwickelte d’Ovidio eine Story, die um eine Angst kreist, unter der der Drehbuchautor tatsächlich leidet: Klaustrophobie. »Mir schwebte ein kompakter Thriller vor, und für mich ist nichts spannender, als jemanden in einen Kofferraum zu sperren, und von da an die Schrauben immer weiter anzuziehen.«

Dass dieses Szenario nur allzu wahr war, fand er erst heraus, nachdem er das Drehbuch geschrieben hatte. Er erläutert: »Wir besuchten eine Notrufzentrale und dort erzählte man uns die Geschichte von einem jungen Mädchen, das in dem Kofferraum einer Limousine gefangen war, während sie versuchten, sie im gesamten Stadtgebiet zu lokalisieren.«

Zusätzlich zu ihren üblichen Vorbereitungen, mit denen sie sich an eine Rolle annähert, hielt Halle Berry es für zwingend notwendig, sich mit echten 911-Telefonisten zu unterhalten: »Ich habe mich immer schon gefragt, was das für Menschen sind, wie sie aussehen.

Das ist auch einer der Gründe, die unseren Film so interessant machen, weil sich diese Fragen wohl jeder schon mal gestellt hat: Wer sind diese Leute? Wie werden sie ausgebildet? Wie schaffen sie es, unter diesem unglaublichen Druck die Ruhe zu bewahren? Ich finde es klasse, ihnen mit diesem Film ein Gesicht zu geben.«

Vollkommen erpicht auf ihre Rolle war auch Abigail Breslin. Die einstige „Little Miss Sunshine“ ist inzwischen zum Teenager herangewachsen. Dass sie ordentlich einheizen kann, hat sie bereits 2009 in Zombieland gezeigt. Jetzt darf sie mal einen hysterischen Teenager spielen. Breslin musste nicht nur viel schreien und aufgeregt Dialoge allein in ein Telefon sprechen, sie musste das alles auch noch in einem Kofferraum meistern. Dazu Breslin:

»Das ist schon ziemlich beängstigend. Seltsamerweise habe ich nicht erwartet, dass es darin so dunkel sein würde. So dunkel, dass sich nicht einmal die Augen daran anpassen. Aber keine Angst, man ist mit mir sehr liebevoll umgegangen. Eigentlich liege ich in zwei verschiedenen Kofferräumen, einmal in einem Camry und in einem Lincoln. Im Kofferraum des Lincoln war es definitiv einfacher: er ist größer und komfortabler, aber«, fügt sie lachend an, »der Camry hat Becherhalter im Kofferraum!«

Produzent Jeff Graup: »Die Entführung findet in Echtzeit statt, deshalb musste es so realistisch wie möglich sein, damit das Publikum bei der Stange bleibt. Das Publikum soll fühlen, was Casey fühlt, nämlich verzweifelte Todesahnung, deshalb musste die Sequenz absolut nervenaufreibend sein. Brad ist der richtige Mann, um so eine Atmosphäre zu erzeugen. Die Zuschauer sollen sich genauso unwohl dabei fühlen wie wir, als wir das Drehbuch gelesen haben.«

Um diese Stimmung zu erreichen, wurden Kofferraumsets mit beweglichen Teilen designt, damit die Kamera immer dort platziert werden konnte, wo sie sein sollte. Mittels einer ganz speziellen Kameralinse wurde der klaustrophobische Effekt zusätzlich verstärkt. Um den Realismus auf die Spitze zu treiben, ließ Anderson mit Handkameras drehen:

»Ich wollte keine fest platzierten Kamerapositionen, sondern verließ mich auf ein energetisches Wechselspiel zwischen Action und Kameras, um eine gewisse Spontaneität zu wahren. Am einfachsten lässt sich der Look des Films wohl mit Dokumentarstil beschreiben. Außerdem haben wir alles in einer ganz bestimmten Belichtungszeit gedreht, die dieses kinetische Gefühl noch verstärkt. Schließlich sind achtzig Prozent der Story (von Caseys Entführung bis zum Ende) eine einzige Abfolge gnadenlos spannender Momente, die sich in einen totalen Irrsinn hochschrauben. Das soll auch visuell entsprechend rüberkommen.«

Und genau dieser totale Irrsinn schmälert ein wenig das Charakterbild der Hauptfiguren als auch die Plausibilität des Finales. Sicher musste da in Sachen Spannung zum Schluss noch eins draufgesetzt werden, aber wie wir wissen, geht das oft in die erzählerische Hose, wenn zu Gunsten des Drehbuchs Logik- und Denkfehler auftauchen.

Aber bis dahin ist der Film ein echtes Muss für Fans des Nervenkitzels, auch wenn es zumeist Frau Breslin ist, die an selbigen zehrt. Immerhin wirkt die Darstellung des Callcenters und dem ganzen Drumherum sehr echt und nachvollziehbar. Wenn Jordan erzählt, dass die Regeln an Freitagnacht nicht zutreffen, weil dann in der Stadt die Hölle losbricht, weiß man sofort, wovon sie spricht - vorausgesetzt man war schon mal freitagnachts unterwegs. Für alle Anderen sei dies eine ausgesprochene Warnung!

In Sachen Echtzeit und Suspense erinnert der Film ein wenig an die Dramaturgie der Serie 24, die bekanntlich im nächsten Jahr auf die Bildschirme zurückkehrt, auch wenn Halle Berry als Jordan keine ganz so knuffig gestresste Miene zeigt wie Mary Lynn Rajskub als Chloe. (Der Gedankenkreis schließt sich, denn Mary Lynn Rajskub spielte damals auch in Little Miss Sunshine mit!) Das Ganze wird auch noch von einem elektronisch geschlagenen Score von John Debney untermahlt, der die Spannung akustisch unterstreicht. Wer sich also mal wieder oral maniküren will, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen! ■ mz

10. Juli 2013
OT: The Call
Thriller
USA 2013
95 min
FSK 16


mit

Halle Berry (Jordan Turner) Melanie Pukaß
Abigail Breslin (Casey Welson)
Morris Chestnut (Officer Paul Phillips)
Michael Eklund (Michael Foster)
Michael Imperioli (Alan Denado)
Justina Machado (Rachel)
José Zúñiga (Marco)
Roma Maffia (Maddy)
David Otunga (Officer Jake Devans)
Evie Louise Thompson (Leah Templeton)
Denise Dowse (Flora)
Ella Rae Peck (Autumn)
Jenna Lamia (Brooke)
Ross Gallo (Josh)
u.a.

drehbuch
Richard d'Ovidio
Nicole d'Ovidio
Jon Bokenkamp

musik
John Debney

kamera
Tom Yatsko

regie
Brad Anderson

produktion
Troika Pictures
WWE Studios
Emergency Films
Apotheosis Media Group
Amasia Entertainment

verleih
Universum

Kinostart: 11. Juli 2013