Mittwoch, 13. Dezember 2017

Systemfehler - Wenn Inge tanzt


Joscha, Max, Fabio und Lukas sind „Systemfehler“
© Tom Trambow/splendid
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Die Songtexte zum Film

Wenn man den Filmtitel liest, fragt man sich erst einmal automatisch: Was ist DAS denn? Systemfehler ist eine aufstrebende Teenie-Punk-Rockband, die mit „Wenn Inge tanzt“ einen Hit gelandet haben. Dass Hauptfigur und Bandleader Max dadurch seine Nachbarin und Mitschülerin Inge vor der ganzen Schule bloßgestellt hat, scheint ihn wenig zu jucken.

Für Max und seine Mitschüler Fabio, Joscha und Lukas hat sich gerade dieser Song in der Schule und der regionalen Musikszene zum echten Hit entwickelt: Die gemeinsame Band steht endlich kurz vor dem Durchbruch. Doch ausgerechnet vor dem wichtigen Gig, der ihnen einen Plattenvertrag einbringen könnte, verletzt sich Gitarrist Joscha und fällt aus.

Max‘ cooler Onkel, der frühere Schlagerstar Herb König, macht einen Vorschlag: Zufällig ist Inge eine hervorragende Gitarristin und die Einzige, die kurzfristig einspringen könnte. Doch als Max sie um Hilfe bittet, stellt sie eine nicht verhandelbare Bedingung: Falls sie mit der Band auftritt, wird der Song „Wenn Inge tanzt“ aus dem Programm gestrichen. Sind die Jungs, und vor allem Max, bereit, den Preis für den Erfolg zu zahlen? Max muss sich entscheiden: Inge oder die Musik. Woran hängt sein Herz?

»Ich habe bereits fünf Jahre lang in den USA amerikanische Filme Filme produziert«, sagt Produzent Andreas Klein über die Entstehung. »Jetzt ging es mir darum, für Splendid erstmals einen rein deutschen Film zu machen. Mich reizte daran, ein Thema zu behandeln, das spezifisch von der Welt der Jugendlichen, ihren Schulproblemen, ihrer spezifischen Sprache und Kleidung erzählt.«

Produzentenkollege Sandro Lorino war zunächst nicht so sehr an dem Drehbuch interessiert, bis ihn seine Skript-Lektorin darauf hinwies: »Daraufhin las ich das Buch endlich selbst und war natürlich schwer beeindruckt von dem Erstlingswerk des Autors Thomas Winkler. Mich erinnerte sein feiner Humor stellenweise sogar an Loriot. Als Lehrer hat er ein hervorragendes Ohr für die Generation der 18-, 19-Jährigen, die er in den Mittelpunkt stellt.

Entscheidend für die funktionierende Story ist, dass er eben genau weiß, was diese Kids bewegt und wie sie reden. Thomas‘ Lieblingsfilm ist Der Volltreffer, mit dem John Cusack zum Jungstar aufstieg. Der Film war eine für die damalige Zeit eher verhaltene Teeniekomödie. Seitdem träumte Winkler davon, einen Film in diesem Genre zu schreiben, wobei er auf seine Erfahrungen als Lehrer zurückgreift. Und der Punkrock entspricht seinem persönlichen Geschmack.«

»Mir fiel beim Lesen des Drehbuchs sofort auf, wie gelungen die Komödienelemente mit der Emotionalität der Figuren verbunden werden. Dies, kombiniert mit der Musik, hat mich besonders gereizt«, sagt Regisseur Wolfgang Groos, der mit Die Vampirschwestern und Vorstadtkrokodile 3 zwei aktuelle Kinoerfolge feiern konnte. »Jedenfalls bietet uns das Skript einen authentischen Insiderblick auf die Schule und die Sprache der Kids. Wir haben dann Thomas Winklers Grundstruktur der Geschichte mit zwei weiteren Autoren ein Jahr lang weiterentwickelt.

Zudem haben die Schauspieler selbst viel zu den Dialogen beigetragen, denn sie sind ja in etwa so alt wie unsere Filmhelden. Daneben bin auch ich selbst ganz bewusst mal nachmittags Straßenbahn gefahren, um einfach zuzuhören, wie die Kids sich unterhalten. Aus der Summe dieses Inputs ergibt sich mein Gefühl, dass ich mit der Darstellung meiner Filmhelden richtig liege.«

Markus Schlichtherle und Christoph Koterzina, die zusammen das Produzentenduo Nice bilden, schrieben alle drei Songs der Band, die fast 1:1 übernommen wurden. »Allerdings habe ich den Text dann mit unseren Darstellern Tim Oliver Schultz und Paula Kalenberg noch überarbeitet und etwas schärfer formuliert, um damit der Storyvorgabe gerecht zu werden: Aus dramaturgischen Gründen muss die Sprache möglichst krass und beleidigend sein«, ergänzt der Wolfgang Groos. Die übrige Filmmusik verantwortet Helmut Zerlett, der auch den von Peter Kraus gesungenen Titel „Rosen aus Hawaii“ komponiert hat.

Um die vier Darsteller zu einer glaubwürdigen Band zusammenzuschweißen, waren intensive Vorbereitungen nötig. Regisseur Groos berichtet: »„Authentisch“ ist ja ein Begriff, der oft überstrapaziert wird. Aber in diesem Fall habe ich den begabten Schauspielern einiges abverlangt, damit sie als Musiker überzeugen.

Wir haben schon lange vor dem Dreh mit Proben angefangen und tatsächlich im Film nichts gedoubelt: Die Darsteller waren mittlerweile in der Lage, die Songs live zu spielen, und sie werden zum Filmstart und danach auch live als Band Systemfehler auftreten. Deshalb konnte ich in jeder Phase der Aufnahmen nach Belieben auf die Hände der Schauspieler herunterschwenken, weil sie alle Gitarrengriffe perfekt beherrschen. Dasselbe gilt für Tino Mewes am Keyboard und Thando Walbaum am Schlagzeug.«

Über seine persönliche Vorbereitung sagt Bandleader Tim Oliver Schultz: »Ich habe zwar nicht viel mit Max gemein, verfügte auch über keine musikalische Vorbildung, aber ich wollte diese tolle Rolle unbedingt spielen. Doch erst als ich sie dann ergattert hatte, eröffnete Wolfgang Groos mir, was das im Endeffekt bedeutet: Ich sollte als Max selbst singen, musste die Bassgitarre tatsächlich spielen, körperliches Fitnesstraining machen, rauchen und nach dem Film auch noch mit der Band Livekonzerte geben!

Ich traute mir das angesichts der knappen Zeit gar nicht zu, aber mein Music Coach Robert Matt hat mich schließlich davon überzeugt, dass ich das schaffe. Und bei der ersten Probe mit Constantin, Tino und Thando habe ich dann selbst gemerkt: Das funktioniert!« Augenzwinkernd fügt er hinzu: »Ingwer-, Salbei- und Honigtee sollen gut für die Stimme sein... inzwischen trinke ich 20-30 Becher täglich!«

Inge-Darstellerin Paula Kalenberg sagt rückblickend: »Die Vorbereitung bestand zu 99,9 Prozent aus Musik. Ich habe zuvor nicht einmal Blockflöte oder Triangel gespielt! Erstmals in meinem Leben nahm ich ein Instrument in die Hand, und ich muss gestehen: Ich habe es mir leichter vorgestellt – nach dem Motto: „Ach, Gitarre spielen sie in der Fußgängerzone doch alle! Das bekomme ich hin!“

Dem war nicht so! Also: täglich viele Stunden Gitarre üben, bis die Fingerspitzen eine Hornhaut entwickelt hatten. Ich dachte immer, dass das bei Dreharbeiten mehr oder weniger gut gefaket wird. Doch dann merkte ich, dass das Faken trotzdem das richtige Spielen voraussetzt! Wir spielen im Grunde alles selbst.«

Während die anderen Bandmitglieder, die im Gegensatz zu den Hauptdarstellern bereits musikalische Erfahrungen gesammelt hatten, hauptsächlich mit Musik und Quatsch beschäftigt waren, lag es an Tim Oliver und Paula, die richtige Chemie für eine Liebesgeschichte herzustellen.

»Paula und Tim haben bereits beim Casting eine Szene zusammengespielt, und wir fanden es sehr überzeugend, wie sie sich fetzten«, berichtet Produzent Lorino. »Gleichzeitig spürte man, dass der arrogante Max, wie Tim ihn spielt, die etwas reflektiertere Inge durchaus positiv beeindrucken kann, weil er genau wie sie eine überzeugende Persönlichkeit darstellt, auch wenn er sie anfangs hinter dem Machogehabe verbirgt. Für uns war der Fall klar: Die Chemie stimmt!«

Dazu sagt Tim Oliver Schultz: »Mir fehlt Max‘ souveränes Selbstbewusstsein. Gefunden habe ich es durch seine Auftritte als Rockmusiker: Auf der Bühne zu stehen und zu spielen hat mir geholfen, irgendwann selbst zu glauben, dass ich ein toller Typ sein kann, auf den die Mädchen stehen.«

Neben Tim behauptet sich Paula Kalenberg souverän als Außenseiterin in der Band. Über ihre Rolle als Inge sagt sie: »Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen mir und Inge: Ich war Schülersprecherin, ich war in der Antifa-Gruppe, ich habe mir abfällige Bemerkungen vom Typen in der letzten Reihe anhören müssen. Und eine „Öko-Flunze“ bin ich sowieso!« Dazu Groos: »Paula besticht dadurch, dass sie äußerst intensiv in der Figur arbeitet: In dem Moment, wo die Klappe geschlagen wird, IST sie Inge! Das gelingt ihr ganz fantastisch. Sie überzeugt in jeder einzelnen Szene.«

Ein echtes Highlight im Film ist der Auftritt von Peter Kraus als Max' väterlicher Freund und Onkel Herb, der Max auch als Branchenprofi berät, denn Herb hat einst als Schlagerstar Karriere gemacht. Wolfgang Groos: »Offenbar macht es ihm Spaß, als Herb die Musikszene leicht zynisch zu kommentieren, wodurch er unserer Geschichte eine augenzwinkernde Autorität verleiht. Im Gegensatz zu Peter Kraus, der musikalisch viel experimentiert, hat sich Herb mit seiner Karriere als Schlagersänger arrangiert und ist damit ganz zufrieden, weil ihm das ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Doch Peter Kraus selbst hat eines Tages gesagt: Ich mache nur noch die Musik, die mir Spaß macht.«

Produzent Sandro Lorino ergänzt: »Und er überraschte uns mit seiner erstaunlichen Fitness: Wie er im Bestattungsinstitut in die Särge und wieder herauskletterte (und das auch noch 25 Mal wiederholte!), hat uns verblüfft. Und er hat sich auch seinen jugendlichen Geist bewahrt, das heißt, er ist nach wie vor an neuen Strömungen in der Musik und der heutigen Art des Filmemachens interessiert. Er hat sich zuvorkommend aufs Team eingestellt, Autogramme gegeben und hat auf den Produktionspartys für uns gesungen.«

»Herb ist jederzeit darauf eingestellt, von dieser Welt abzutreten«, sagt Wolfgang Groos, »und entwickelt aus dieser Haltung lustige Macken, die auf erfrischende und authentische Art mit dem Sterben umgehen. Wie Herb im Bestattungsinstitut die Bequemlichkeit der Särge ausprobiert, zeigt einerseits seine Abgeklärtheit, andererseits aber auch eine immer noch energische Lebenslust.

In diesem Alter werden alle Menschen mit der Endlichkeit konfrontiert, und wenn Peter auch eindeutig eine Filmrolle spielt, findet er Herbs Strategie wahrscheinlich ganz sympathisch. Deshalb fand er diese Bissigkeit sicher ganz unkompliziert. Übrigens: Der Dialogsatz, dass „die Akustik in dem Sarg scheiße ist“, stammt von Peter selbst!«

Über die Filmstory sagt Tim Oliver Schultz: »Im Prinzip ähnelt unsere Geschichte den Filmen, die Peter Kraus schon vor 50 Jahren gedreht hat. Damals gab es allerdings keine Nacktszenen, keine Flüche oder Drogen. Aber wir sehen solche Filme weiterhin gern, sie sind zeitlos, brauchen nur einen frischen, modernen Schliff, den Zeitgeist: Sex, Drugs und Punk-Rock!«

Paula Kalenberg ergänzt: »Die Musik hat so gar nichts von Highschool-Musicals, die ist echt drauf und hat richtig coole Texte – ziemlich geil! Da ist nichts glatt und soft, sondern eher schrullig, was mir gut gefällt. Die Jungs singen und spielen selbst und können daher auch live auftreten – also Milli-Vanilli-mäßig ist da kein Reinfall zu befürchten! Und ich bin ein Fan erster Stunde!«

Da gibt es kaum noch etwas hinzuzufügen. Abgesehen von den ersten Szenen, in denen Tim Oliver Schultz derartig schnell und undeutlich spricht, dass man ihn kaum versteht, besticht der Film nicht nur durch die einschlägige Musik und die Leistung der singenden und klingenden Schauspieler, sondern auch durch die zeitlose Liebesgeschichte zweier gegensätzlicher Figuren, die sich während des Films näher kommen. Das ist nach langer Zeit mal wieder ordentliches deutsches Kino, das sich sehen lassen kann! ■ mz

10. Juli 2013
OT: Systemfehler - Wenn Inge tanzt
Komödie/Musik
D 2013
103 min
FSK 6


mit

Tim Oliver Schultz (Max)
Paula Kalenberg (Inge)
Peter Kraus (Onkel Herb König)
Constantin von Jascheroff (Joscha)
Tino Mewes (Fabio)
Thando Walbaum (Lukas)
Jürgen Tarrach (Hausmeister Lohmeier)
Dagmar von Kurmin (Hildegard Tietz)
Matthias Koeberlin (Dan Biermann)
Anna Keul (Mala)
Béatrice Jean-Philippe (Frau Stranger)
u.a.

drehbuch
Thomas Winkler
Rainer Ewerrien
David Ungureit

musik
Helmut Zerlett

kamera
Armin Golisano

regie
Wolfgang Groos

produktion
Splendid Produktion

verleih
splendid/Fox

Kinostart: 11. Juli 2013