Samstag, 16. Dezember 2017

Snitch - Ein riskanter Deal


Bauunternehmerssohn Jason Collins nimmt ein brisantes Paket an.
© Tobis/Summit Entertainment, LLC
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Auf den ersten Blick enthält Snitch alle Bestandteile eines fulminanten Actionkrachers: mit Dwayne Johnson einen Topstar des Genres, ein fesselndes Skript von Justin Haythe und Regisseur Ric Roman Waugh und Stunts vom Feinsten. Zugleich aber behandelt der Film auch ein brisantes, wenig bekanntes Thema, das als „Nebenprodukt“ des Kampfes gegen die Drogen in den USA eine zunehmend wichtigere Rolle spielt.

Im Zentrum der Story steht John Matthews, Inhaber eines Bauunternehmens, dessen 18-jähriger Sohn Jason sich von einem Kumpel breitschlagen lässt, ein Drogenpaket anzunehmen. Als Jason damit geschnappt wird, belastet ihn der Kumpel schwer, um seine eigene Haut zu retten. In den USA stehen auf bloßen Drogenbesitz Freiheitsstrafen zwischen zehn und 30 Jahren. Seine Strafe wiederum könnte Jason dadurch reduzieren, dass er der Justiz einen anderen Kriminellen ausliefert. Da er aber gar keine anderen Drogendealer kennt, sitzt Jason in der Falle.

Die Story greift zwei umstrittene Aspekte des amerikanischen Strafrechts auf. Erstens: Seit der „War on Drugs“ Mitte der 80er Jahre verschärft wurde, gelten die sogenannten „Mandatory Drug Sentencing Laws“ – empfindliche Mindeststrafen, die ausschließlich von der Menge der sichergestellten Drogen abhängen. Zehn Gramm LSD dabei? Das macht dann zehn Jahre Knast!

Zweitens: Wer die Behörden bei der Ergreifung anderer Delinquenten maßgeblich unterstützt, bekommt im Gegenzug große Teile seiner Strafe erlassen. Kurz: Wer verpfeift, wird verschont. Gebracht aber hat das „snitching“ wenig: Die Gefängnisse quellen in den USA genauso über wie die Konten der Drogenmafia. Genaue Zahlen und Statistiken zu diesem Thema finden Sie ►hier.

In Snitch wird der Held gezwungenermaßen zum Spitzel. Er macht mit der eisigen Staatsanwältin Joanne Keeghan einen Deal, nimmt quasi die Schuld seines Sohns auf sich. So wird ein ganz normaler Familienmensch zum Undercoverermittler. Und das Interessante daran ist, dass dieser Jedermann von einem der größten Actionhelden des aktuellen Kinos gespielt wird: Dwayne Johnson, der hier seine Muskelpakete zwar nicht verbergen muss, sich aber auch auf mittelbar überzeugende Weise leise und verletzlich gibt.

Übermenschliche Kräfte stehen ihm im Kampf gegen die kleinen und größeren Vertreter des Drogenbusiness nicht zur Verfügung, es ist der blanke Wille, der ihn antreibt, die Liebe eines Vaters, der über einen schier aussichtslosen Kampf zum entfremdeten Sohn zurückfindet. Das ist wahrscheinlich auch der Knackpunkt an dem Film. Man nimmt es dem Muskelpaket einfach nicht ab, sich verprügeln zu lassen. In dieser Hinsicht ist Johnson womöglich die große Fehlbesetzung des Films.

Es wird von „Action mit Tiefgang“ geschrieben. Doch diese Action hält sich in Grenzen. Die Figuren und deren Hintergründe sind durchaus fein ausgefeilt und bis auf die Hauptrolle passend besetzt. Während Jon Bernthal an seine bisherigen Rollen anknüpft (Eastwick, The walking Dead), bringt Barry Pepper als taffer und besorgter Drogenfahnder ungewohnte Frische in den Film.

Laut Jonathan King (Produktionschef bei Participant Media) denken viele Polizeibeamte sehr kritisch über das aktuelle Strafrecht. »Sie leiden darunter, dass sie fast nichts mehr selbst verantworten dürfen, weil die Gesetze so unflexibel sind. Die Entscheidungen treffen die Politiker und ihre Wähler. Die Abgeordneten beschließen hohe Mindeststrafen, denken dabei aber nur an ihre Wiederwahl, anstatt sich ernsthaft mit dem Problem auseinanderzusetzen.«

Participant Media ist bekannt für Projekte, die kommerziellen Appeal mit anspruchsvollen Themen verbinden. Dazu zählen der preisgekrönte Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit, das Drama The Help sowie der Pandemiethriller Contagion von Steven Soderbergh.

»Snitch passt wunderbar zu unserer Firmenphilosophie. Der Film erzählt davon, wie verschwenderisch, korrupt und unsinnig der Kampf gegen die Drogen geworden ist«, konstatiert King. »Jeder weiß, dass Drogen und die Gewalt, die sie mit sich bringen, in den USA ein großes Problem darstellen. Aber so, wie Justiz und Polizei dagegen vorgehen, werden Milliarden vergeudet und unzählige Menschen sinnlos inhaftiert. Dazu kommt, dass bei der Vollstreckung der Gesetze oft politische und rassistische Motive eine Rolle spielen.«

Snitch ist ein solider Krimi mit Actionelementen, der durch seinen Realitätsbezug besticht. Im Ganzen betrachtet hat der Film jedoch kaum mehr Appeal als ein ebensolch kontroverser TV-Film. Insofern muss man diesen Film nicht unbedingt im Kino sehen - und schon gar nicht, wenn man Dwayne-Johnson-Fan ist. Peinlich genug, dass auf dem Plakat mit „der bester 'The Rock' Film des Jahres“ beworben wird. Immerhin spielt Johnson seit geraumer Zeit ohne seinen Wrestling-Namenszusatz, und ihn jetzt hier als Memme zu sehen, macht nicht nur endgültig sein Wrestlingimage kaputt, sondern auch diesen Film. ■ mz

5. Juni 2013
OT: Snitch
Krimi/Drama
USA 2013
112 min
FSK 12


mit

Dwayne Johnson (John Matthews) Leon Boden
Barry Pepper (Agent Cooper) Roman Kretschmer
Jon Bernthal (Daniel James) Martin Kautz
Susan Sarandon (Joanne Keeghan) Kerstin Sanders-Dornseif
Michael K. Williams (Malik) Daniel Fehlow
Rafi Gavron (Jason Collins) Julius Jellinek
Melina Kanakaredes (Sylvie Collins) Silke Matthias
Nadine Velazquez (Analisa) Maria Koschny
Benjamin Bratt (Juan Carlos „El Topo“ Pintera) Marcus Off
Lela Loren (Vanessa) Kaya Moeller
JD Pardo (Benicio) Michael Deffert
David Harbour (Jay Price) Peter Flechtner
Harold Perrineau (Jeffery Steele) Matthias Klages
u.a.

drehbuch
Justin Haythe
Ric Roman Waugh

musik
Antonio Pinto

kamera
Dana Gonzales

regie
Ric Roman Waugh

produktion
Summit Entertainment
Exclusive Media Group
Participant Media
Imagenation Abu Dhabi FZ
Front Street Productions
Spitfire Pictures

verleih
Tobis

Kinostart: 6. Juni 2013